Lade Inhalt...

Armutsstreit bei den Franziskanern

Seminararbeit 2006 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Vorbemerkungen zum Thema „Armutsstreit bei den Franziskanern“
1.2 Franz von Assisi und dessen Armutsprinzip

2. Hauptteil
2.1 Zum christlichen Hintergrund der Armut
2.2 Über die Problematik der praktischen Umsetzung des Armutsprinzips

3. Schluss
3.1 Die Bedeutung der Armut bei den Franziskanern
3.2 Zusammenfassung und Beurteilung des Armutsideals

4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Forschungsliteratur

5. Anhang
5.1 Graphische Darstellungen

1.) Einleitung

1.1) Vorbemerkungen zum Thema „Armutsstreit bei den Franziskanern“

In Bezug auf das Proseminar „Die Bettelorden“ habe ich mich bei meiner Hausarbeit für das Thema „Armutsstreit bei den Franziskanern“ entschieden. Dieses Thema spielt für die Betrachtung der verschiedenen Bettelorden insofern eine wichtige Rolle, als es innerhalb des Bettelordens der Franziskaner nach dem Tod des Ordensgründers Franz von Assisi zum Streit über die Auslegung des Armutsideals kam, welcher letztendlich zur Spaltung des Ordens führte. Im Rahmen meiner Hausarbeit möchte ich die Frage beantworten, wie der Verlauf des Armutsstreits zu charakterisieren ist. Dabei werde ich sowohl auf die Ursachen des Streits um das Armutsprinzip als auch auf dessen Auswirkungen eingehen. In meine Betrachtungen lasse ich ebenso die Ordensgründung wie auch Statistiken und Aufzeichnungen, welche abschließend im Anhang zu finden sind, zur praktischen Umsetzung des Armutsideals einfließen.

Die Auffassung, man könne nur in freiwilliger Armut ein wirklich glücklich und gotterfülltes Leben führen, erscheint mir im Vorhinein doch recht schwierig nachvollziehbar. Denn ich kann mir nur schwer vorstellen, dass der alleinige Glaube an Gott und die Hoffnung auf seine Unterstützung reichen, um sich für ein Leben in Armut zu entscheiden, wenn man doch immer von den Almosen anderer Menschen abhängig ist. Meine erste Assoziation zu diesem Thema befasst sich eher mit der Angst vor der ungewissen Zukunft und dem ständigen Gefühl der Abhängigkeit. Mit Hilfe meiner Literaturrecherche werde ich auch die Einstellung der Menschen, die sich aus tiefem Glauben heraus für die freiwillige Armut entschieden haben, reflektieren, um so einen Einblick zu gewinnen, inwiefern die Religiosität bei einigen strengen Gläubigen über der Zukunftsangst stand und bei anderen wiederum zur teilweisen Abkehr des Armutsideals führte.

Weitere Aspekte, die man untersuchen könnte, aber hier unbeachtet gelassen werden, wären beispielsweise der Armutsstreit auf politischer Ebene zwischen Papst Johannes XXII. und Kaiser Ludwig von Bayern oder das schwere Leben der Menschen in unfreiwilliger Armut.

Um die Thematik der freiwilligen Armut und des Armutsstreits nachvollziehen zu können, sind neben genauen Einzelheiten über die Inhalte verschiedener Bullen biographische Aspekte Franz von Assisis und Grundlagenwissen zur Geschichte der katholischen Kirche notwendig. Nähere Informationen zum Leben von Franz von Assisi erhält man sowohl in Joseph Bernharts Werk „Franz von Assisi. Der Verkünder der religiösen Armut“ als auch in der Dissertation „Die Armut des heiligen Franz von Assisi im Lichte der Wertethik“ von Marianne Geulen. Hintergründe und Grundlagenwissen zum christlichen Armutsideal werden hingegen in Karl Bosls Aufsatz „Armut Christi. Ideal der Mönche und Ketzer, Ideologie der aufsteigenden Gesellschaftsschichten vom 11. bis zum 13. Jahrhundert“ und in „Die christliche freiwillige Armut vom Ursprung der Kirche bis zum 12. Jahrhundert“ von Michael von Dmitrewski gegeben. Ein generelles Überblickswissen zum Leben Franziskus von Assisis, dessen Bekehrung und Wirken sowie von der Entwicklung des Franziskanerordens bis hin zu Inhalten einzelner päpstlicher Bullen gibt Gudrun Gleba in ihrem Werk „Klöster und Orden im Mittelalter“. Weiteres Grundlagenwissen erhält man bei Helmut Feld, welcher eine Monographie namens „Franziskus von Assisi und seine Bewegung“ verfasste. Für die Untersuchung der praktischen Umsetzung des Armutsideals ist Bernhard Neidigers Werk „Mendikanten zwischen Ordensideal und städtischer Realität. Untersuchungen zum wirtschaftlichen Verhalten der Bettelorden in Basel“ jedoch unerlässlich. Verschiedene Ausführungen und Thesen von Thomas von Aquin über das Armutsprinzip bei den Franziskanern findet man hingegen bei Ulrich Horst und dessen Monographie „Evangelische Armut und Kirche. Thomas von Aquin und die Armutskontroversen des 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts“.

1.2) Franz von Assisi und dessen Armutsprinzip

Um die späteren Armutskontroversen verstehen zu können, ist es notwendig erst einmal kurz auf die Grundlagen zu sprechen zu kommen. Deshalb geht es im Folgenden um das Leben von Franz von Assisi, dessen Bekehrung zur Armut und seine Tätigkeiten als Gründer des Franziskanerordens.

Franz von Assisi wurde circa 1181 als Giovanni Bernardone in Assisi geboren. Er entstammt einer wohlhabenden Familie, denn sein Vater war ein einflussreicher Tuchmacher. Somit konnte Franz von Assisi schon beizeiten eine gute Schulbildung und alle Vorzüge einer vermögenden Familie genießen. Doch nachdem Franz von Assisi nach kriegerischen Auseinandersetzungen um 1202/03 in Perugia für circa ein Jahr in Gefangenschaft kam und dort erfuhr, was Entbehrung, Not, Hunger und Verlassenheit bedeuten, änderte er sein Leben von Grund auf.

Obwohl verschiedene Quellen belegen, dass Franz von Assisi nicht zuerst bekehrt wurde und sich dann um die Armen gekümmert hat, gibt es immer noch derartige Auffassungen. Die Bekehrung soll demnach 1205 stattgefunden haben, wobei Franz von Assisi glaubte, Christus persönlich spreche zu ihm. Denn während Franz von Assisi vor dem Kreuz in San Damiano kniete und betete, hörte er seine Stimme sagen: „Franz, siehst du nicht, wie mein Haus zerfällt? Geh hin und richte es auf!“.[1] Darauf antwortete dieser, dass er diese Aufgabe gerne übernehmen wolle. So erbettelte Franz von Assisi Geld für die Kirche und verkaufte die teuren Stoffe seines Vaters ohne dessen Wissen. Daraufhin kam es zu einem Streit zwischen Vater und Sohn, der vor dem Richterstuhl ausgetragen wurde, wo Franz seinem Vater sowohl das Geld als auch die Gewänder mit folgenden Worten zurückgab:

„Ihr alle, höret mich wohl. Bis heute habe ich den Petrus Bernardone meinen Vater genannt. Jetzt aber will ich dem Herrn dienen. Ich gebe jenem Manne nicht nur das Geld zurück, um das er sich beunruhigt hat, auch alle Kleider, die ich von ihm habe. Von nun an will ich nicht mehr sagen Vater Petrus Bernardone, nur Vater unser, der du bist im Himmel.“[2]

Mit diesen Worten sprach er sich öffentlich von allen Rechtsansprüchen gegenüber seinen Eltern frei. So verzichtete er auf seinen Unterhalt und sein Erbe, um sich stattdessen für Aussätzige, Arme und verfallende Kirchen einzusetzen. Doch hier kann keineswegs von einer Bekehrung gesprochen werden, denn wie bereits erwähnt, stimmen die Quellen mehrheitlich darin überein, dass sich Franz von Assisi schon vor diesem Ereignis um die Fürsorge der Armen gekümmert habe. So tafelte er zu Hause, wenn sein Vater abwesend war, Essen auf und lud Arme ein oder tauschte seine kostbare Kleidung gegen die der Bettler ein. Vom Eindruck geprägt, er sei lange genug Wohltäter gewesen, der jedoch immer nur über den Armen und Aussätzigen stand, entschloss er sich einer von ihnen sein zu wollen. Darum ging er nach Rom und tauschte für einen Tag seine Kleidung mit einem Bettler, um an dessen Stelle auf der Straße zu betteln.[3] Dieses Erlebnis beeindruckte ihn nachhaltig und stärkte seinen Glauben an Gott um ein Weiteres. Doch auch wenn das Erlebnis besonders prägend war, so kam der letzte Anstoß sich dem Leben ohne Besitz allein auf den Glauben an Gott verlassend vollends hinzugeben, erst nach der Begebenheit vor dem Kreuz in San Damiano.

Franz von Assisi strebte daraufhin die Nachfolge Christi an, indem er komplett auf Besitz verzichtete und nur mit einfachster Kleidung, ohne feste Behausung und keinerlei Vorsorge lebte. Dadurch war er jeden Tag aufs Neue auf die Barmherzigkeit der Gläubigen angewiesen, die ihm durch ihre freundlichen Gaben zu leben ermöglichten.[4] Anfangs reagierten die Menschen in seinem Umfeld mit Spott und Hohn, denn sie konnten seine Hinwendung zur freiwilligen Armut keineswegs nachvollziehen, schließlich hätte er dank seinem wohlhabenden Vater einer der mächtigsten Männer Assisis werden können.[5]

Die Antwort auf die Frage, warum Franz von Assisi diese wohlwollende Zukunft für ein Leben in Armut aufgegeben haben könnte, scheint in Marianne Geulens Dissertation gegeben worden zu sein, denn da heißt es: „Sobald […] der Mensch klar erkennt, dass Gott ihn zu einer bestimmten Aufgabe, sie heiße, wie sie wolle, berufen hat, wird das, was an sich nur ein Rat ist, für ihn zur unentrinnbaren Pflicht.“[6]

Trotz des Spottes einiger Einwohner von Assisi schlossen sich auf den Wanderpredigten immer mehr Menschen Franz von Assisi an. Mit den gleichen Idealen und nach außen hin durch eine braune Kutte aus Sacktuch und einen gewöhnlichen Strick als Gürtel gekennzeichnet, wanderten sie barfuss von Ort zu Ort.[7] Anfangs handelte es sich demnach nur um eine kleine, lose Gemeinschaft, doch nach und nach gesinnten sich immer mehr gläubige Männer und Frauen hinzu, sodass sich Franz von Assisi mit ein paar Brüdern zu Papst Innozenz III. nach Rom begab, um die Bestätigung für seine Lebensweise zu erbitten.[8] Im Jahre 1210 kam es dann zur mündlichen Bestätigung durch den Papst. In der Franziskanerregel Assisis heißt es, dass jeder Bruder ohne jeglichen privaten oder allgemeinen Besitz das vita apostolica, also das Leben in der Nachfolge Christi, antreten sollte. Stattdessen „[sollen] die Brüder, die eine Arbeit gelernt haben, arbeiten und das Handwerk ausüben, auf das sie sich verstehen.“[9] Sinn dieser Arbeit sollte nach den Idealen Franz von Assisis jedoch nicht der Profit, sondern einzig und allein der Lebensunterhalt sein. Reiche der durch Arbeit erhaltene Unterhalt jedoch nicht zum Überleben, so „sollen sie auf Almosen ausgehen wie die andern Armen.“[10]

Obwohl Papst Innozenz III. diese Festlegungen als zu streng einstufte, willigte er letztendlich ein. Franz von Assisi betonte jedoch immer wieder, dass es ihm darauf ankomme, dass die Brüder die Gesetze Gottes im Herzen tragen. Die Erfüllung der uneingeschränkten Armut sei zwar die heilige, aber nicht die absolute Pflicht.[11] So wolle er selbst sich strikt an die strengen Regeln halten, doch wenn dies nicht alle so rigoros umsetzen, so akzeptiere er dies.

Die Regula non bullata, welche als Basisdokument der franziskanischen Bewegung angesehen wird, wurde schließlich am 29. November 1223 durch Papst Honorius III. als so genannte Regula bullata schriftlich bestätigt und war nun auch rechtlich verbindlich.[12]

2.) Hauptteil

2.1) Zum christlichen Hintergrund der Armut

Franziskus von Assisi schrieb an die Ordensgründerin der Klarissen Klara von Assisi kurz bevor er starb folgende Zeilen: „Ich, geringer Bruder Franziskus, bin gewillt, das Leben und die Armut unseres Herrn Jesus Christus und seiner heiligen Mutter zu befolgen und darin zu verharren bis ans Ende.“[13] Diese Zeilen unterstreichen, wie wichtig ihm die Befolgung des Armutsideals war. Doch was steckt aus religiöser Sicht dahinter? Wie sehen die christlichen Hintergründe des Armutsprinzips aus? Dies gilt es in diesem Abschnitt zu klären. Denn das Ziel ist es, die Gründe kennen zu lernen, die einen Menschen zur Entscheidung für das Leben in freiwilliger Armut bewegen.

[...]


[1] Bernhart, Joseph: Franz von Assisi. Der Verkünder der religiösen Armut, Lübeck 1993, S. 18.

[2] Ebd., S.20.

[3] Vgl. ebd., S. 16.

[4] Vgl. Gleba, Gudrun: Klöster und Orden im Mittelalter, Darmstadt 2006, S. 104f.

[5] Vgl. Wohl, Louis de: Der fröhliche Bettler. Roman um Franz von Assisi, Leipzig 1977, S. 138.

[6] Geulen, Marianne: Die Armut des heiligen Franz von Assisi im Lichte der Wertethik, Bonn 1948, S. 44.

[7] Vgl. Gleba, Gudrun: Klöster und Orden im Mittelalter, Darmstadt 2006, S. 105ff.

[8] Aufgrund der schwierigen Quellenlage gibt es in der Literatur allerdings keine einhelligen Meinungen, ob es sich um elf oder zwölf Mitbrüder gehandelt habe und ob sie 1209 oder 1210 zum Papst gezogen sind.

[9] Wohl, Louis de: Der fröhliche Bettler. Roman um Franz von Assisi, Leipzig 1977, S. 427.

[10] Bernhart, Joseph: Franz von Assisi. Der Verkünder der religiösen Armut, Lübeck 1993, S. 29.

[11] Vgl. Geulen, Marianne: Die Armut des heiligen Franz von Assisi im Lichte der Wertethik, Bonn 1948, S. 39.

[12] Feld, Helmut: Franziskus von Assisi und seine Bewegung, Darmstadt 1994, S. 11ff.

[13] Wohl, Louis de: Der fröhliche Bettler. Roman um Franz von Assisi, Leipzig 1977, S. 427.

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640654840
ISBN (Buch)
9783640654727
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153354
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Schlagworte
Franziskaner Armutsideal Bettelorden Mittelalter Franz von Assisi

Teilen

Zurück

Titel: Armutsstreit bei den Franziskanern