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Wissen ist Macht

Das Bildungssystem als Machthebel

Essay 2010 22 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhalt

1. Ein Wort – zwei Hintergründe: Bacon und Liebknecht

2. Erziehungs- und politische Ziele der sozialistischen Schule und deren strukturelle Umsetzung
2.1. Erziehungs- und Bildungsziele und deren Konsequenzen
2.2. Politische Ziele

3. Konkrete Maßnahmen zur Umsetzung der Ziele
3.1. Verflechtung mit der Gesellschaft
3.2. Einbindung in Massenorganisationen
3.3. Das Anreiz- und Sanktionssystem

4. Bezug zur erlebten Wirklichkeit
4.1. Wie ein DDR-Lehrer das Bildungssystem einschätzt
4.2. Die Sicht des Schülers

5. Abschließende Betrachtung

6. Anhang 1: Interview mit Annelies B

7. Anhang 2: Interview mit Dagmar P

8. Quellenverzeichnis

1. Ein Wort – zwei Hintergründe: Bacon und Liebknecht

Die Redewendung „Wissen ist Macht“ geht ursprünglich auf Francis Bacon zurück[1]. In seinem Hauptwerk „Novum Organum“ präzisiert er: “Wissen und Macht des Menschen fallen zusammen, weil Unkenntnis der Ursache die Wirkung verfehlen lässt“[2]. Hier wird erstmals das empirische Beobachten anstatt der begrifflichen Herleitung (wie z.B. bei Aristoteles) als Grundlage des Verstehens gesehen, welches wiederum bedeutend für eine zielgerichtete Machtausübung ist. Das erstrebenswerte Objekt der Erkenntnis ist nun für jeden Philosophen und Wissenschaftler das Wissen über das Warum, also über die Gründe der bestehenden Verhältnisse und Phänomene, und wird mit naturwissenschaftlichen Methoden, z.B. Experimenten, ermittelt. Ist hier noch das Wissen einer bestimmten Gruppe, nämlich der der Wissenschaft und Intelligenz, vorbehalten, fordert Wilhelm Liebknecht 275 Jahre später den Zugang zu Bildung und Wissen für die Mehrheit, nämlich die Arbeiterklasse, welche die politische Macht erringen soll, mit denselben Worten: „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen“ als Titel eines Referats[3]. Wenngleich auch beide großen Denker den gleichen Kerngedanken hegen, und zwar den des Zusammenhangs zwischen Wissen und Macht, so könnten die Hintergründe unterschiedlicher nicht sein. An einer Umwälzung der gesellschaftlichen Umstände, wie Liebknecht sie forderte, war Bacon gar nicht gelegen. Er reformierte mit seinen neuen theoretischen Ansätzen „lediglich“ die Wissenschaft.

Liebknecht sah das Wissen als stärkstes politisches Instrument, und das Werkzeug zur Wissensvermittlung, die Schule, als „mächtigstes Mittel der Befreiung“, aber auch als „mächtigstes Mittel der Knechtung — je nach der Natur und dem Zweck des Staats. Im freien Staat ein Mittel der Befreiung, ist die Schule im unfreien Staat ein Mittel der Knechtung. Der moderne Klassenstaat bedingt (…) seinem Wesen nach die Unfreiheit.“ Er benötigt „gehorsame Unterthanen und Sklavenseelen.“[4] Intelligente Sklaven seien hierbei lediglich brauchbarer, „so wird die Schule zur Dressuranstalt statt zur Bildungsanstalt. Statt Menschen zu erziehen, erzieht sie Rekruten, die auf´s Kommando in die Kaserne, diese Menschen-Maschinenfabrik, eilen; Steuerzahler, die sich nicht mucksen, (…) Lohnsklaven des Kapitals (…)“[5]. Der Umkehrschluss hieraus wäre, dass dies in einer klassenlosen Gesellschaft nicht der Fall wäre. Ist dem wirklich so? Da eine klassenlose Gesellschaft bisher nicht existierte, empfiehlt es sich, als Beobachtungsobjekt einen Staat zu wählen, der zumindest seiner eigenen Auffassung nach auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft die erste Stufe mit „nicht mehr antagonistischen, sondern nunmehr verbündeten Klassen und Schichten“ erreicht hat und in dem die „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen [für immer] beseitigt ist“[6]: die DDR. Dem Zustand des noch nicht erreichten Finalziels Respekt zollend, ließe sich also folgende Fragestellung formulieren: Ist es der DDR als Gesellschaft mit dem Ziel der Klassenlosigkeit gelungen, die Schule als Mittel der Befreiung zu verwirklichen, oder gab es eher verstärkt Tendenzen zur Dressuranstalt, Rekrutenbildung und Erziehung braver Steuerzahler? Dazu soll im Folgenden zunächst ein objektiver Überblick über das DDR-Schulsystem gegeben werden, um anschließend aus der Sicht von Zeitzeugen zu erfragen, wie das System persönlich erlebt wurde. So soll versucht werden, die sich zwangsläufig aus Ideologie und Realität ergebende Diskrepanz näher zu beleuchten.

2. Erziehungs- und politische Ziele der sozialistischen Schule und deren strukturelle Umsetzung

2.1. Erziehungs- und Bildungsziele und deren Konsequenzen

„Die Aufgabe der Oberschule ist es, eine solide, polytechnisch orientierte, grundlegende Allgemeinbildung zu vermitteln“, sowie „die Jugend zu allseitig entwickelten Persönlichkeiten zu erziehen, die fähig und bereit sind, den Sozialismus aufzubauen und die Errungenschaften der Werktätigen bis zum Äußersten zu verteidigen.“[7] Schon aus der grundlegenden Definition ergibt sich, dass die Schule in der DDR weit mehr Aufgaben hatte als bloße Wissensvermittlung. Zum tiefergreifenden Verständnis sind einige Begriffsklärungen notwendig.

Der Begriff „Allgemeinbildung“ ist „stets im Sinne enzyklopädischer Wissensvermittlung (…) verstanden worden“[8]. Es gab umfangreiche Lehrpläne und Stundentafeln, die den Unterrichtsablauf streng reglementierten und wenig Raum für individuelle Gestaltung ließen. Man sprach von einer „Pädagogik vom Lehrplan aus“[9]. In diesen Lehrplänen gab es auch eine Gruppe sog. polytechnischer Teilfächer, wie z.B. Werk-und Schulgartenunterricht, aber auch „Einführung in die sozialistische Produktion“ sowie UTP (Unterrichtstag in der Produktion). Ziel dieser Fächergruppe war „eine breite technisch-ökonomische Grundlagenbildung bei gleichzeitiger Einbeziehung der Schüler in praktische, produktive Tätigkeit in sozialistischen Betrieben.“[10] Das Schulsystem war also ganz klar auf die Produktion von Proletariernachwuchs ausgerichtet, man schuf sich das, was die Volkswirtschaft am dringendsten brauchte, was ihr erst Leben einhauchte: den Industriearbeiter mit profundem Allgemeinwissen. Der Zugang zu weiterbildenden Einrichtungen (z.B. zur Erlangung der Hochschulreife) war mit starken Auflagen versehen: so spielten nicht nur die schulischen Leistungen des Eleven eine Rolle, sondern vor allem der Klassenstandpunkt und nicht zuletzt die Herkunft (Angehörige der Arbeiterklasse und besonders der LPG wurden bevorzugt).Ein Rechtsanspruch auf Zulassung zur Abiturstufe bestand nicht.[11] Ein Grund für diese gelenkte Exklusivität dürfte die unerwünschte Nebenwirkung der Herausbildung einer neuen Klasse – der Intelligenz – in einer eigentlich klassenlosen Gesellschaft sein.[12] Die Neuzulassung zu Universitäten wurde in den 70ern stark gedrosselt und blieb seitdem konstant niedrig.[13] Man kann also weder von Bildungsfreiheit bzw. Möglichkeit zur freien Wahl der Ausbildung noch von Chancengleichheit sprechen.

2.2. Politische Ziele

Neben den Erziehungszielen (Allgemeinbildung und Vorbereitung auf das Berufsleben in der sozialistischen Gesellschaft) hatte die Schule aber noch weitere wichtige Ziele: die politischen. Hierbei ist die bereits erwähnte Erziehung zur allseits entwickelten sozialistischen Persönlichkeit die wahrscheinlich Wichtigste. Die „Formung (…) des neuen Menschen“ soll die „prinzipielle Fehlbarkeit des Einzelnen“ beseitigen und eine „Fülle an vollkommen ausgeprägten Tugenden“ bilden, so ist der neue Mensch „gesund an Leib, Seele und Geist, voll rückhaltloser Einsatzfreude und Opferbereitschaft für das Kollektiv, dessen Partei und deren Führungsspitze, diszipliniert, aber kritisch gegenüber allen von der Ideologie (…) bzw. von der Parteiführung (…) markierten Personen und Entwicklungen.“[14] Diese Formung wird „ganz ausdrücklich (…) als das zentrale pädagogische Problem angesehen.“[15] Nicht minder wichtig ist jedoch die kollektivistische Erziehung, die die Unterordnung des Individuums in die Gemeinschaft bewirken soll[16] (Marx wertet individuelle Menschenrechte als „egoistisch“ ab[17] ) sowie die Erziehung zur Opferbereitschaft, dem Märtyrertum zugunsten des Kollektivs als auch „dem historischen Fortschritt der Gesamtgesellschaft“[18] (hieraus erklärt sich auch der Personenkult: es sollen positive Vorbilder vermittelt werden, welche zu allen Opfern bereit waren)[19]. Desweiteren soll die Erziehung der Durchsetzung des neuen Moral- und Wertesystems dienen: „Sittlich ist, was der Zerstörung der alten Ausbeutergesellschaft und dem Zusammenschluss aller Werktätigen um das Proletariat dient.“[20] Der Zweck heiligt die Mittel. Ferner spielt die „Jenseitsvertröstung“ eine wichtige Rolle, hier also der Verweis auf die „dermaleinst folgende Idealgesellschaft, den Kommunismus“, in welcher die „optimale Entfaltung des Menschen gewährleistet sein“ wird[21].

Auch zur Verwirklichung dieser Ziele wurden bestimmte Schulfächer genutzt, namentlich Staatsbürgerkunde, Geschichte und Wehrerziehung. Interessant ist hierbei, dass die Militarisierung im Rahmen des Pflichtfaches Wehrerziehung die Militarisierung der Schule im sog. 3. Reich noch übersteigt[22]. Im Geschichtsunterricht wiederum wurden gezielt Vorzugsepochen und geschichtliche Hoch-Zeiten herausgestellt, andere abgewertet, mit dem Ziel, das bestehende System historisch zu legitimieren und zu stabilisieren[23].

3. Konkrete Maßnahmen zur Umsetzung der Ziele

3.1. Verflechtung mit der Gesellschaft

Neben den bereits geschilderten strukturellen Maßnahmen zur Umsetzung der aufgeführten Ziele, zu denen die Schaffung und Ausgestaltung geeigneter Unterrichtsfächer sowie die Steuerung der individuellen Schullaufbahnen[24] gehörten, gab es weitere konkrete Mittel zur Verwirklichung der sich auferlegten guten Vorsätze. So sollten die Schüler nicht nur innerhalb des Unterrichts auf die sozialistische Arbeitergesellschaft vorbereitet werden, was ja im Rahmen der polytechnischen Teilfächer geschah, sondern auch außerhalb der eigentlichen Fächer sollten Grundsteine für fruchtbare Kontakte gelegt werden. Dafür schienen Kontaktformen wie zum Beispiel die sog. „Patenbrigade“ geeignet. In diesem Rahmen besuchten die Schulklassen sozialistische Betriebe, gestalteten Wandzeitungen für diese und organisierten gemeinsame Feierstunden. Im Gegensatz dazu gaben die Betriebe praktische und finanzielle Unterstützung bei der Ausstattung der Schule und wohnten ihrerseits Schülerveranstaltungen wie z.B. den Pioniernachmittagen bei. Neben dem Bezug zum reellen Leben außerhalb der Schule lag der Sinn dieser Kontakte auch im Ansporn zu guter Lernarbeit und Disziplin[25].

3.2. Einbindung in Massenorganisationen

Ein weiteres Mittel, die sozialistische Gesellschaft in der Schule zu verankern, war die Bildung von Jugendorganisationen wie den Pionieren (unterteilt in Junge Pioniere und Thälmannpioniere) oder der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Diese Organisationen sollten „treue Freunde und Helfer der Schule bei der Verwirklichung der (…) gemeinsamen Erziehungsziele“[26] sein. Dabei halfen sie vor allem den Trägern der politischen Macht. FDJ-Mitglieder als auch Pioniere galten als die „fortschrittlichste Jugend“[27], fortschrittlicher als jene Kinder, die keiner Organisation angehörten. Letzteren wurden systematisch Steine in den Weg gelegt. Die Organisationen waren eng mit der Schule verknüpft, so fungierten z.B. Lehrer als Pionierleiter und Schüler als Gruppenratsvorsitzende. Es wurden Pioniernachmittage abgehalten und Fahnenappelle durchgeführt. Die Organisationen hatten ihre eigenen Organe, beispielsweise die „Junge Welt“ oder die „Trommel“. Die Schulbehörden halfen bei der strukturellen Umsetzung dieser Einrichtung und verpflichteten Lehrer, Schulleiter und Schulräte zur Zusammenarbeit mit den neuen Massenorganisationen[28]. Neben der Politisierung der Jugend war deren Hauptaufgabe die „organisierte Erziehung zur Freude und zur Liebe zum Lernen“[29]. Sie hatten den „Pionierauftrag“ zu Schaffung von Arbeitsgemeinschaften wie den „jungen Naturforschern“, um so auch außerschulisch einen Teil der Erziehung zu übernehmen und die Lernmoral zu organisieren[30].

3.3. Das Anreiz- und Sanktionssystem

Zum Gelingen dieses Vorhabens trug ein breitgefächertes Straf- und Belohnungssystem bei, welches allerdings längst nicht nur den Sektor Lernmoral steuerte. So gab es für gute Lernerfolge Medaillen, wie das „Abzeichen für gutes Wissen“ in Bronze, Silber und Gold[31], es gab Wettbewerbe um Pünktlichkeit, Sauberkeit, die Erledigung der Hausaufgaben aber auch innerhalb der Arbeitsgemeinschaften, so wurden z.B. jährlich die besten Arbeiten der jungen Naturforscher ermittelt. Anreize bildeten hier neben den Urkunden die Aufstiegschancen für alle Kinder, wobei auch hier, wie schon erwähnt, Arbeiterkinder bevorzugt wurden. Kinder anderer Herkunft mussten sich hier wie fast überall immer etwas mehr engagieren[32]. Zum Ansporn gab es in der Schule wie in den Betrieben eine Straße der Besten, eine Art Wandzeitung, auf der die Strebsamsten vermerkt waren. Es gab Einträge ins Klassenbuch und ins Hausaufgabenheft, positiver wie negativer Natur. Die sogenannten „Muttihefteinträge“ mussten von den Eltern zur Kenntnis genommen und unterschrieben werden. Schlussendlich wurden mit den „Kopfnoten“ (Zensuren für Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit) die Tugenden und Anstrengungen der jungen Staatsbürger sogar benotet. So sollten die Kinder mit gezielter Sanktionierung von Erfolgen wie auch Fehlleistungen auch ohne permanenten direkten Zwang zu strebsamen sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden[33].

[...]


[1] Röd 1999: 23

[2] im Original: “Scientia et potentia humana in idem coincidunt, quia ignoratio causae destituit effectum.” http://www.thelatinlibrary.com/bacon/bacon.liber1.shtml

[3] Liebknecht 1904: 24 f.

[4] Liebknecht 1904: 24 f.

[5] Liebknecht 1904: 24 f

[6] Fischer 1992: 96

[7] Fischer 1992: 80

[8] Fischer 1992: 81

[9] Fischer 1992: 81, Ursprungsquelle: Drewelow 1990: 197

[10] Fischer 1992: 82, Ursprungsquelle: Klein 1974: 90

[11] Fischer 1992: 64

[12] Fischer 1992: 96

[13] Fischer 1992: 71

[14] Ottensmeier 1992: 35

[15] Ottensmeier 1992: 36

[16] Lange 1954: 221

[17] Ottensmeier 1992: 37, Ursprungsquelle: MEW3: 21 + 534, MEW1: 364-366+378

[18] Ottensmeier 1992: 36-38

[19] Ottensmeier 1992: 195-196

[20] Ottensmeier 1992: 39

[21] Ottensmeier 1992: 40

[22] Ottensmeier 1992: 41

[23] Ottensmeier 1992: 205

[24] Siehe Abschnitt 2.1.

[25] Vgl. Lange 1954: 232

[26] Lange 1954: 237

[27] Lange 1954: 240

[28] vgl. Lange 1954: 237 ff.

[29] Lange 1954: 242

[30] vgl. Lange 1954: 243

[31] vgl. Lange 1954: 243

[32] vgl. Lange 1954: 234 ff.

[33] vgl. Lange 1954: 235

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640655748
ISBN (Buch)
9783640656189
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153379
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Bildungssystem Schule DDR Bacon Wissen Macht Sozialismus

Autor

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