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Diskurs und Diskursanalyse

Zwischen Sozialwissenschaften und Linguistik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 16 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Zum Diskursbegriff

III. Diskurs und Sozialwissenschaften
III.1. Diskurs, Wissen und Macht
III.2. Diskurs und soziale Rolle
III.3. Zwei Beispiele

IV. Diskursanalyse und Linguistik

V. Soziologische Diskursanalyse
V.1. Das Makro-Mikro-Makro-Modell der Soziologie
V.2. Diskursive Formationen, Felder, Gemeinschaften
V.3. Diskursive Eliten und Strategien

VI. Linguistik als Werkzeugkasten?

Literatur

I. Einleitung

Dafür, dass die Analyse des Sozialen eine Analyse von Diskursen erfordert, sprechen laut Reiner Keller in seiner Einleitung zum Handbuch Sozialwissen-schaftliche Diskursanalyse folgende Gründe[1]:

Mit dem Eintritt in die postpositivistische Phase hat auch die Sozialwissenschaft die Bedeutung der Zeichen und symbolischen Ordnungen anerkannt, die diese auf die sozialen Welt- und Wissensverhältnisse haben. Zwischen dem sozialen Gebrauch von Sprache bzw. anderen Symbolsystemen und der Erzeugung von Wissensordnungen besteht ein Zusammenhang. Die sprachvermittelte Wahr-nehmung bzw. Konstruktion von Wirklichkeit hat gesellschaftliche Bedeutung. Über symbolische Praktiken und Kommunikation wird soziale Kontrolle und Macht diskursiv vermittelt.

Hat die Sozialwissenschaft die Bedeutung der Linguistik in der Diskursanalyse erkannt, die die Linguistik selbst noch nicht erkannt hat?

Um dieser Frage nachzugehen, werde ich zunächst näher auf den Begriff Diskurs und die drei Hauptwurzeln eingehen, aus denen sich die wissenschaftliche Diskursanalyse speist. Die Interdependenz von Diskurs und Individuum wird dabei erarbeitet, die das sozialwissenschaftliche Interesse an Diskursanalyse nährt. Als Beispiel für eine forschungspraktische Diskursanalyse werden die Bausteine aus Michael Schwab-Trapps soziologisch orientierter Diskursanalyse kritisch nachgezeichnet und auf deren Mängel hinsichtlich der Analyse des Sprachlichen hingewiesen. Dieser Mangel in der Diskursanalyse kann und sollte durch interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Sprach- und Sozialwissenschaften behoben werden, was allerdings noch nicht oder unzureichend geschehen ist.

II. Zum Diskursbegriff

Der Diskursbegriff schillert. Er speist sich aus vielerlei Wurzeln und unterscheidet sich je nach Fachrichtung und Forschungsthema. Die angelsächsische discourse analysis operiert auf der Mikroebene. Mit discourse wird hier das Gespräch (face-to-face) bezeichnet. Manche Wissenschaftler plädieren dafür, die discourse analysis zur besseren Unterscheidung eher mit Gesprächs- oder Konversationsanalyse zu übersetzen[2].

Im Habermasschen Sinne bezeichnet Diskurs ein argumentatives Verfahren, mittels dessen größtmögliche Gerechtigkeit bei der Klärung strittiger Fragen erzielt werden soll. Dieser traditionell philosophische Definitionsentwurf von Diskurs ist herrschaftsfrei und damit ein idealtypisches Modell, das heute bei Mediationsverfahren herangezogen wird.

Für die Sozialwissenschaften hat die französische sozialphilosophische Wurzel die größte Bedeutung gewonnen. Sie wurde stark von den Arbeiten des französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984) geprägt, der mit der Analyse von Diskurspraktiken die Formierung und Regelung gesellschaftlichen Wissens unter dem Einfluss bestimmter Machtkonstellationen untersuchte. Ihn interessierten dabei weniger das interpersonale Gespräch oder einzelne Äußerungen. Sein Fokus lag auf den Formationsregeln, die einen Diskurs konstituieren und damit Äußerungen ermöglichen oder verhindern, beispielsweise durch historisch unterschiedliche Rollenzuweisungen, durch Tabus, exkludierende Rituale o.ä. Er steht damit in der Tradition verschiedener französischer Denker (u.a. Louis Althusser, Jacques Lacan, Jacques Derrida, Roland Barthes), die v.a. in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts trotz theoretischer Unterschiede einen Konsens vertraten: Sie ersetzten die reine Abbildfunktion von Zeichen durch ihren wirklichkeitskonstituierenden Charakter. Damit wird gesellschaftliche Realität nicht als im Diskurs widergespiegelt sondern als von ihm konstruiert gesehen.

Mit der Erkenntnis, dass Diskurs die Wirklichkeit nicht nur abbildet sondern mitgestaltet, gewannen die Regeln der Produktion und der Aufrechterhaltung von Diskursen besondere Bedeutung. Wer den Diskurs kontrolliert, besitzt Macht und damit auch Definitionsmacht. Foucault beabsichtigte mit seiner Diskursanalyse diskursive Praktiken unter Einfluss bestimmter Machtkonstellationen zu analysieren, die die Formierung gesellschaftlichen Wissens regelten. Diskursanalyse war damit ein Instrument zur Analyse gesellschaftlicher Wissenserzeugung und zur Analyse von Macht und sozialer Kontrolle. Mit ihr besaß die Sozialwissenschaft ein Mittel, mit dem sozialer Wandel und soziale Ungleichheit handlungstheoretisch analysiert und interpretiert werden konnten.

III. Diskurs und Sozialwissenschaften

Für die Sozialwissenschaften war Foucaults Ansatz für die Analyse von sozialer Ungleichheit und von sozialem Wandel sehr fruchtbar. Sie nützen die aufklärerische Kraft der Diskursanalyse, die einen Weg bietet, den Zusammenhang zwischen Macht und Sprechen zu untersuchen.

Machtkampf heute ist in Ländern mit demokratischer Grundordnung Kampf um Deutungsmacht. Konflikthaftigkeit und Machtansprüche äußern sich in diskursiven Prozessen und treiben sie voran. Im Diskurs wird der gesellschaftliche Wissensbestand bestätigt, aktualisiert und/oder neu produziert. Indem der Diskurs reglementiert, was wann wo wie und von wem gesagt werden darf, weist er dem sozialen Akteur eine Rolle zu, die dieser im Diskurs und damit im gesellschaftlichen Gefüge einnimmt. Der real stattfindende Diskurs ist daher nie herrschaftsfrei. Jedoch kann das sprechende Subjekt nicht im Foucaultschen Sinn als reiner o utput des Diskurses betrachtet werden.

Dieser fast schon behavioristischen Vorstellung möchte ich ein anderes Modell gegenüber stellen, in welchem Diskurs und Sprecher interdependent sind.

III.1. Diskurs, Wissen und Macht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Der Zusammenhang von Individuum und Diskurs durch die Faktoren „Wissen“ und „Macht“

Nach Siegfried Jäger kann man den Diskurs als „Fluß von Wissen bzw. Wissensvorräten durch die Zeit“ begreifen, der „individuelles und kollektives Handeln und Gestalten bestimmt, wodurch er Macht ausübt.“[3] Mit diesem Satz beschreibt Jäger im Prinzip das von mir entworfene Modell. Als direkter output von Diskurs wurde „Wissen“ angesetzt, bzw. in Jägers Worten ein „Wissenfluß“. Diese Metapher beinhaltet die historisch-politische Abhängigkeit von Wissen, die Veränderlichkeit von gesellschaftlichen Wissensbeständen. Dieser Wissensfluss übt einen direkten Einfluss aus auf die Handlungen des Individuums. Insofern ist Jägers Festellung, dass „[Diskurs] Macht ausübt“[4], korrekt. Er nennt Diskurs daher eine „Materialität sui generis[5]. Allerdings ist das Machtverhältnis zwischen Individuum und Diskurs reziprok.

[...]


[1] vgl. Reiner Keller / Andreas Hirseland / Werner Schneider / Willy Viehöver: Zur Aktualität sozialwissenschaftlicher Diskursanalyse – Eine Einführung. S. 8f. In: Dies. (Hg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band 1: Theorien und Methoden. Wiesbaden 2006. S. 7-26.

[2] S. Keller et al.: S. 11. Bzw. Peter Auer: Diskurs. Michel Foucault. S. 233. In: Ders. (Hg.): Sprachliche Interaktion. Eine Einführung anhand von 22 Klassikern. Tübingen 1999. S. 232-239.

[3] Siegfried Jäger: Diskurs und Wissen. Theoretische und methodische Aspekte einer Kritischen Diskurs- und Dispositivanalyse. S. 84. In: Reiner Keller / Andreas Hirseland / Werner Schneider / Willy Viehöver (Hg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band 1: Theorien und Methoden. Wiesbaden 2006. S. 83-113.

[4] ebd.

[5] ebd.

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640655229
ISBN (Buch)
9783640655304
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153390
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Diskurs Diskursanalyse Thema Diskursanalyse

Autor

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Titel: Diskurs und Diskursanalyse