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Werkstätten für behinderte Menschen - Beschäftigungstherapie oder Eingliederung in das Arbeitsleben?

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von Behinderung

3. Gesetzliche Vorgaben: Das SGB IX

4. Die Werkstatt für behinderte Menschen
4.1 Definition
4.2 Zielgruppe/ Kriterien zur Aufnahme
4.3 Organisation und Arbeitsbereiche
4.4 Entlohnung der Beschäftigten
4.5 Die Produktion

5. Auswirkungen auf die berufliche und soziale Teilhabe

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Kind bekommt man immer gesagt, wer gut leben will, der muss hart dafür arbeiten. Man wird von Beginn an darauf eingestellt einen Beruf zu erlernen und damit Geld zu verdienen. Dies ist eine Norm unserer Gesellschaft und wer diese nicht erfüllen will oder kann, droht leicht abgegrenzt oder mit Vorurteilen belastet zu werden.

Doch was geschieht, wenn man aufgrund von geistigen oder körperlichen Einschränkungen keine guten Chancen hat, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen? Laut dem Statistischen Bundesamt gibt es in Deutschland rund 8,6 Millionen Menschen mit amtlich anerkannter Behinderung, das entspricht ca. 10% der Gesamtbevölkerung[1]. Nun stellt sich die Frage, wie all diese Menschen ihr Leben meistern und welche Chancen sie haben, trotz ihrer Behinderung Geld zu verdienen und ein gutes Leben zu führen. An dieser Stelle soll gesagt sein, dass Geld sicherlich nicht alles im Leben ist, jedoch ist es in unserer Gesellschaft zu einem sozialen Statussymbol geworden. Man muss auch beachten, dass Behinderungen häufig in höheren Altersgruppen auftreten, so sind etwa 71% aller behinderten Menschen 55 Jahre und älter[2]. Viele bekommen also bereits Rente oder Pension.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit einer Alternative für diejenigen, welche noch keine Rente oder Pension bekommen, nämlich mit Werkstätten für behinderte Menschen. Öfters findet man im Briefkasten Post von Mund- oder Fußmalern, die ihre Werke vorstellen und um Spenden für die Werkstatt, in welcher sie ihre Bilder und Kunstwerke herstellen, bitten. Eine Werkstatt für behinderte Menschen stellt man sich anhand solcher Beispiele als eine Einrichtung vor, in der behinderte Menschen beisammen sitzen und basteln, malen, zusammen kochen und ähnliche einfache Dinge gemeinsam erledigen. Doch ist das wirklich die Realität oder sind solche Werkstätten viel mehr als das? Aufgrund dieser Überlegung soll die zentrale Frage dieser Arbeit lauten: „Werkstätten für behinderte Menschen - Beschäftigungstherapie oder Eingliederung in das Arbeitsleben?“

Hierbei soll zunächst geklärt werden, was Werkstätten für Behinderte Menschen sind und welche Ziele sie verfolgen. Anschließend soll auf die Organisation und Entlohnung der Beschäftigten eingegangen werden. Mit Hilfe dieser gewonnenen Erkenntnisse sollen dann Auswirkungen auf die berufliche und soziale Teilhabe herausgearbeitet und abschließend ein Fazit gefunden werden.

2. Definition von Behinderung

Um über Werkstätten für behinderte Menschen reden zu können, muss zunächst auf die Menschen in solchen Einrichtungen eingegangen werden. Deshalb stellt sich die Frage, was eine Behinderung ist und ab wann ein Mensch als behindert gilt.

Die eine „richtige Definition“ in dem Sinne gibt es nicht, da eine Behinderung viele verschiedene Facetten aufweisen kann. Jedoch wurde im neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX) versucht eine gesetzliche Grundlage zu schaffen. So heißt die Definition von Behinderung laut §2 (1) SGB IX:

(1) Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.

Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.[3]

Diese Definition sieht die körperlichen, geistigen oder seelischen Zustände eines Menschen als Entscheidungskriterien bei der Frage, ob ein Mensch als behindert gilt oder nicht. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) legte 1980 eine Klassifikation von Behinderung fest. Hierbei wurde in verschiedene Stufen, nämlich „impairment“ (Beeinträchtigung), „disabilities“ (Störung) und „handicap“ (Behinderung), unterschieden.[4] Ein weiterer Punkt ist das „Anderssein“. In der Gesellschaft gibt es aufgrund von Regeln und Normen ein recht genaues Bild von Normalität. Das heißt, es gibt in unseren Köpfen ein ungeschriebenes Gesetz, welches regelt, wie ein Mensch sein muss und was er tun muss, um „normal“ zu sein. Erst wenn ein Mensch diesem Bild nicht entspricht und auffällt, gilt er als „Anders“. Eine interessante These wäre es, zu behaupten: Wenn alle Menschen behindert wären, gäbe es Behinderung nicht. Diese Überlegung soll verdeutlichen, wie schwer es ist genau zu definieren, was Behinderung ist und woran sie festgemacht wird, da eine Definition immer aus einer bestimmten Gesellschaftsform hervorgeht. Doch zumindest kann man zwischen geistiger, psychischer und körperlicher Behinderung und nach dem Grad der Beeinträchtigung unterscheiden. Der Begriff der geistigen Behinderung bezieht sich auf unterdurchschnittliche Intelligenz. Diese entsteht während der Entwicklungsperiode und beeinträchtigt das adaptive (anpassende) Verhalten.[5] Für eine psychische Behinderung hingegen sind Einschränkungen im sozio-emotionalen und kognitiven Funktionsbereich, wie zum Beispiel Funktionseinbußen in Motivation, Interesse, Selbstvertrauen und Wahrnehmung, kennzeichnend.[6] Die dritte Art ist die körperliche Behinderung. Nach Christoph Leyendecker, Professor für Rehabilitationswissenschaften an der Universität Dortmund wird der Begriff der körperlichen Behinderung folgendermaßen definiert:

„Als körperbehindert wird eine Person bezeichnet, die infolge einer Schädigung des Stütz- und Bewegungsapparates, einer anderen organischen Schädigung oder einer chronischen Krankheit so in ihren Verhaltensmöglichkeiten beeinträchtigt ist, dass die Selbstverwirklichung in sozialer Interaktion erschwert ist.“[7]

Auch wenn es viele Arten von Behinderungen gibt, kann man dennoch zusammenfassend sagen, dass Behinderung aus ungünstigen Umweltfaktoren (einem Schaden) hervorgeht und es dadurch zu einer deutlichen Einschränkung kommt, die soziale Beeinträchtigungen und damit zusammenhängend persönliche, familiäre und gesellschaftliche Konsequenzen mit sich bringt.

3. Gesetzliche Vorgaben: Das SGB XI

Wie nun bereits zu erkennen ist, erschwert eine Behinderung das Leben des Betroffenen enorm. Damit behinderte Menschen durch ihr Anderssein nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, gibt es eine gesetzliche Vorlage, die den Umgang mit Behinderung und die Selbstbestimmung und Integration der betroffenen Menschen regelt. So lautet der Titel des SGB IX (Neuntes Sozialgesetzbuch): Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen.

In diesem Gesetzbuch wird zum Beispiel geregelt, was Behinderung ist, welche sozialen und medizinischen Leistungen behinderten Menschen gebühren und auch welche Förderungen ihnen zur Teilhabe am Arbeitsleben zustehen. Eben diesen letzten Punkt, soll das folgende Kapitel vertiefen. Im SBG IX gibt es ein Kapitel (Kapitel 5), welches heißt: Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben. Hier geht es zunächst darum, durch Leistungen die Erwerbsfähigkeit von behinderten Menschen so gut es geht aufrecht zu erhalten oder gar wieder herzustellen, wobei betont wird, dass Männern und Frauen die selben Leistungen zustehen.[8]

Auch behinderte Menschen sollen also die Chance auf Arbeitsplätze, Ausbildungen und Weiterbildungen haben, wobei sie hier Leistungen in Form von finanziellen Mitteln für beispielsweise Unterbringung, Verpflegung, Arbeitsgeräte oder andere Hilfsmittel beziehen können. Aber nicht nur behinderten Menschen selbst, sondern auch deren potentielle Arbeitgeber haben einen Anspruch auf diese Leistungen. So können Arbeitgeber finanzielle Unterstützungen in Form von Ausbildungszuschüssen, Eingliederungszuschüssen, Zuschüssen für Arbeitshilfen im Betrieb und teilweise oder volle Kostenerstattung für eine befristete Probebeschäftigung beantragen.[9] Die Leistungen sollen solange erbracht werden, bis das Teilhabeziel erreicht ist oder die Eingliederungsaussichten verbessert sind. In der Regel sollte diese Zeit ca. zwei Jahre nicht überschreiten. Einrichtungen in denen behinderte Menschen beruflich rehabilitiert werden, müssen laut §35 gewisse Merkmale aufweisen. Dazu sollen sie:

„1. [...] eine erfolgreiche Ausführung der Leistung erwarten lassen,
2. angemessene Teilnahmebedingungen bieten und behinderungsgerecht sein [.]
3. [.] angemessene Mitwirkungsmöglichkeiten an der Ausführung der Leistungen bieten sowie
4. die Leistung nach den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit, insbesondere zu angemessenen Vergütungssätzen, ausführen.“[10]

Neben Berufsbildungswerken (BBW) und Berufsförderungswerken (BFW) bildet die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) eine Einrichtungsform, welche all diese Kriterien erfüllt.

4. Die Werkstatt für behinderte Menschen

Nachdem nun die groben rechtlichen Voraussetzungen erläutert wurden, soll sich das nächste Kapitel mit der Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigen. Dabei soll an passenden Stellen auf das SGB IX zurückgegriffen werden, da dieses neben den bereits vorgestellten Ordnungen explizit Bereiche der Werkstatt für behinderte Menschen regelt.

4.1 Definition

Nach den Einführungen in die rechtlichen Voraussetzungen wird nun schon deutlich, welche Struktur eine solche fördernde Einrichtung haben sollte. Basierend auf diesem Ansatz soll zunächst eine Definition der Werkstatt für behinderte Menschen gefunden werden, um im Folgenden besser auf Struktur, Organisation und Ziele eingehen zu können.

Der Begriff „Werkstatt für behinderte Menschen“, der oft mit WfbM abgekürzt wird, löste veraltete Begriffe wie Werkstatt für Behinderte (WfB), beschützende Werkstätte oder Behindertenwerkstatt ab und ist seit dem 1. Juli 2001 durch das SGB IX gesetzlich verbindlich. Laut diesem Sozialgesetzbuch ist eine Werkstatt für behinderte Menschen „[...] eine Einrichtung zur Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben [...] und zur Eingliederung in das Arbeitsleben.“[11], da sie alle Kriterien einer Einrichtung zur beruflichen Rehabilitation aufweist, wie bereits im Kapitel zuvor angedeutet wurde. Festhalten muss man hierbei jedoch, dass sich WfbM tatsächlich als Eingliederungseinrichtungen und somit Teil eines umfassenden Systems der beruflichen Rehabilitation in der Bundesrepublik Deutschland verstehen und nicht als Erwerbsbetrieb. Auch sind Werkstätten kein Teil des allgemeinen Arbeitsmarktes und somit sind die Werkstattbeschäftigten auch keine "Arbeitnehmer im Wartestand".[12] Zudem ist es ein Anliegen der Bundesarbeitsgemeinschaft: WfbM (kurz: BAG: WfbM) festzuhalten:

„Werkstätten sind ein Arbeitsleben ganz besonderer Art: Nicht die private Gewinnerwartung, Kapitalverwertung, Warenproduktion oder das wirtschaftliche Ergebnis stehen im Vordergrund, sondern die regionale Versorgung behinderter erwachsener Menschen mit angepassten Beschäftigungsmöglichkeiten, einer beruflichen und persönlichkeitsbildenden Förderung, ergänzt durch arbeitsbegleitende Förder-, Bildungs- und Therapiemaßnahmen durch geeignete Fachdienste.“[13]

Zu den wichtigsten Aufgaben einer WfbM zählen also unter anderem eine angemessene berufliche Bildung und daraus resultierend eine Beschäftigung, die angemessen bezahlt wird. Des Weiteren soll es den Menschen ermöglicht werden ihre Erwerbsfähigkeit wiederzugewinnen, zu erhalten und zu erhöhen. Um diese Ziele erreichen zu können gibt es einige Grundsätze, welche eine WfbM einhalten sollte. Zum einen ist dies das Prinzip der einheitlichen Werkstatt, wonach es innerhalb der Werkstatt nicht zu weiteren Ausgrenzungen oder Selektionen kommen darf. So soll dafür gesorgt werden, dass Jeder gleich behandelt wird und sich nicht zur akzeptiert sondern auch integriert fühlt.

[...]


[1] Vgl. „Lebenslagen von Menschen mit Behinderung“, Erhebung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2005, online verfügbar unter: www.destatis.de.

[2] Ebenda.

[3] Siehe: §2 (1) SGB IX.

[4] Vgl. Kissmann, Nicole (2005): „Konzeptentwicklung eines Jugend- und Kulturzentrums für Jugendliche mit Lernbehinderung“, Norderstedt, Grin Verlag, Seite 22.

[5] Vgl. Steinhausen, Hans-Christoph (2006): „Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Lehrbuch der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie“, München, Elsevier Verlag. Seite 64.

[6] Carl, Martina (2007): „Land- und Gartenbau mit geistig und seelisch Behinderten“, Norderstedt, Grin Verlag, Seite 12.

[7] Lyendecker, Christoph (2005): „Motorische Behinderungen: Grundlagen, Zusammenhänge und

Förderungsmöglichkeiten“, Kohlhammer Verlag, Seite 21.

[8] Vgl. §33 SGB IX.

[9] Vgl. §34 SGB IX.

[10] Siehe §35 SGB IX.

[11] Vgl. § 136 (1) SGB IX.

[12] Vgl. http://www.bagwfbm.de/page/29

[13] Ebenda.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640656714
ISBN (Buch)
9783640656806
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153522
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Werkstätten für behinderte Menschen WfbM Integration Behinderung SGB IX

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