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Moral als Antrieb einer Lebenseinstellung?

Oder: Die Humanität der Iphigenie auf Tauris

Seminararbeit 2008 20 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Vorgehensweise

2. Moralischer Mythos der Iphigenie
2.1 Definition und Entstehung des Mythos
2.2 Iphigenie als Mythos?

3 Stetigkeit des Handlungsaufbaus im Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“

4 „Iphigenie ist auch nur ein Mensch “
4.1 Der Begriff der Humanität
4.2 Wahrheit und Menschlichkeit im Schauspiel
4.3 „Iphigenie auf Tauris“ als Vorbild – Abbild – Gegenbild

5 Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Iphigenie auf Tauris (Anselm Feuerbach)

„Allein zu tragen dieses Glück und Elend vermag ich nicht.“[1] In diesem Zitat der Iphigenie zeigt sich bereits ihre missliche Situation, in der sie sich auf Tauris befindet. Weit entfernt von ihrer im Krieg um Troja befindlichen Familie führt die Protagonistin des Schauspiels ein unbefriedigendes Dasein, welches von den Göttern vorbestimmt zu sein scheint. Abbildung 1 stellt das `Heimweh´ der Protagonistin grafisch dar und verdeutlicht so, wie sehr ihre Gedanken in die Heimat schweifen.[2] Daher will sich Iphigenie mit ihrem Leben auf Tauris nicht zufrieden geben. Zu groß erscheint ihr die Verlockung nach dem eigenen Volk und selbstverständlich auch ihrer Familie, deren Überleben ungewiss erscheint, im Gegensatz zu den örtlichen Gegebenheiten auf Tauris. Wie zu berichten sein wird, steht das Schauspiel der Iphigenie auf Tauris für ein moralisches Vorgehen der weiblichen Hauptfigur, welches für Menschlichkeit und Wahrheit plädiert.[3] Explizit der Mut zu unpopulären Entscheidungen der Iphigenie wird innerhalb dieser Ausarbeitung betrachtet werden, hätte sie doch zur Existenzsicherung ihrer eigenen Person durchaus andere persönliche Entscheidungen treffen können.

Das von Johann Wolfgang von Goethe um 1787 geschaffene Schauspiel um Iphigenie gilt bei Literaturwissenschaftlern als Leitbild des Humanitätsgedankens der Klassik, da ihr Handeln in den problematischen Situationen stets als konsequent zu bezeichnen ist und sie durch ihren Mut und den Glauben an eine Zukunft in der Heimat die Menschlichkeit vorzuleben scheint.[4] So wird thematisiert werden, dass sie beispielsweise Hinrichtungen auch nach Weisung des Königs nicht durchführt, welche dazu dienen sollten, der Göttin Diana ein Opfer darzubieten. Ihre moralische Identität verweigert der Iphigenie ein derartiges Vorgehen und hätte zu physischen Konsequenzen führen können, wäre ihr nicht die tiefe Zuneigung des Königs gewiss. Somit soll als das Ziel dieser Ausarbeitung die Darstellung des Humanitätsgedankens innerhalb des Schauspiels im Kontext zu der als durchaus gefährlichen eigenen Lebenssituation der Priesterin auf Tauris aufgezeigt werden. Wodurch wird die Iphigenie angetrieben, den Humanitätsgedanken sukzessive zu verfolgen und dem Druck des Königs zur Ehebindung nicht zu erliegen? Spezifische Merkmale der Humanität sollen betrachtet und anschließend mit dem Schauspiel verglichen werden.

1.2 Vorgehensweise

Soll eine Ausarbeitung über Iphigenie auf Tauris erstellt werden, bedarf es zunächst einer kurzen thematischen Einordnung. Hierzu soll der Mythos im Bezug zu Iphigenie aufgezeigt und generell die Moral als Handlungsmotiv dargestellt werden.[5] So kann die Frage nach dem moralischen Mythos der Iphigenie gestellt und daran anschließend beantwortet werden.[6] Bevor der Humanitätsgedanke im Schauspiel analysiert wird, soll eine Stetigkeit im Bezug zum Handlungsaufbau aufgezeigt werden. Hierdurch werden inhaltliche Entwicklungen des Schauspieles verständlich und ersichtlich. Daran anschließend folgen relevante Begrifflichkeiten zur Humanität, welche zunächst definiert und vertiefend erläutert werden. Warum die Menschlichkeit sowie die Wahrheit als zentrale Bestandteile für ein humanes Handeln stehen, wird innerhalb dieses Abschnittes verdeutlicht.[7]

Im dritten Abschnitt dieser Ausarbeitung rückt die nähere Betrachtung der Handlung der Iphigenie auf Tauris in den Vordergrund. Welche Entscheidungen für ihre eigene Zukunft relevant sind, wird innerhalb dieses Abschnitts erläutert sowie die Konsequenzen aus diesen Entscheidungen betrachtet werden. Ob sich daraus eine Vorbildfunktion der Iphigenie ableitet, wird im Abschnitt 3.3 dargestellt. Zudem werden Schwierigkeiten in der Wertschätzung zu Zeiten der Weimarer Klassik erläutert.[8] Abgeschlossen werden soll diese Ausarbeitung mit einer Zusammenfasssung der relevanten Forschungsergebnisse. Zunächst steht jedoch die Mythologie im Fokus der Ausführungen.

2 Moralischer Mythos der Iphigenie

2.1 Definition und Entstehung des Mythos

Innerhalb des ersten Abschnittes sollen einige definitorische Ansätze zur Thematik aufgegriffen werden, damit im Anschluss mit den Begrifflichkeiten verständlich argumentiert werden kann. Der Begriff Mythos stammt aus dem griechischen Sprachgebrauch und umfasst sagenhafte Geschichten und Erzählungen, die sich vermehrt auf Götter und Helden beziehen.[9] Weiter lassen sich fünf Bereiche innerhalb des Mythos unterscheiden, in denen davon gesprochen werden kann. Demnach befasst sich ein Mythos mit Fragen des Ursprungs der Welt oder dessen Ende, mit der Entstehung der Götter, der Menschen oder aber mit rätselhaften Naturphänomenen. „Der Mythos lässt sich auch als Versuch erklären, Moralisches, Existenzielles oder Mystisches in Symbolen zu gestalten.“[10] Auf diese angeführten Begriffe (Moral, Existenz, Mystik) wird diese Ausarbeitung im weiteren Verlauf explizit eingehen. Doch zunächst soll der Fokus auf die nähere Betrachtung der Entstehung eines Mythos gelegt werden.

„Mythenerzählungen sind oder erscheinen willkürlich, sinnlos, absurd; dennoch tauchen sie überall in der Welt immer wieder auf.“[11] Wie bereits erwähnt wurde, werden innerhalb eines Mythos Götter und Helden verehrt. Dies geschieht zum einen durch Personifikationen. Hierbei werden dem Helden ganz menschliche Eigenschaften zugeschrieben, mit denen auch schwierigste Situationen bewältigt werden können. Die Bedrohung des eigenen sowie der Leben ganzer Völker nehmen thematisch eine zentrale Position in den Mythensagen ein. Zum anderen werden, um die Geschehnisse weitaus dramatischer auf die Rezipienten wirken zu lassen, die Handlungsabfolgen dramatisiert und ausgeschmückt. Nach Levi-Strauss existiert bei einem Mythos ein spezifisches Denkmuster beim Rezipienten, wonach explizit Botschaften über Lebenshaltungen durch den Mythos übermittelt werden. So überdauern die Sagen um diverse Helden, zeitlich gesehen, durch Hyperbeln aber auch durch `versteckte Tipps zum Leben´, mit denen die Fantasien der Rezipienten angeregt und verstärkt werden sollen.[12] Soweit ein kurzer Überblick zur Mythologie. Folgend soll dargestellt werden, wie weit diese Aspekte innerhalb des Schauspiels um Iphigenie auf Tauris beobachtet werden können.

2.2 Iphigenie als Mythos?

Die Frage nach dem Mythos der Iphigenie sollte auf zwei unterschiedliche Aspekte hin untersucht werden. Der eine Aspekt richtet sich auf die Göttin Diana, zu deren Gnaden menschliche Opfer gebracht werden sollen. Der andere Aspekt richtet sich auf die Protagonistin selbst, denn ihr Handeln oder auch Nicht-Handeln als Priesterin bei den Taurern könnte sie in Lebensgefahr bringen.

Im ersten Aufzug und dem dritten Auftritt wird die Sichtweise des Königs Thoas deutlich, welcher die Opferung zweier Gefangener durch Iphigenie verlangt:

Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen

Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft

Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.

Tu du deine Pflicht, ich werde meine tun. (Goethe 2001, V. 528 ff.)

Was innerhalb dieser Verse deutlich wird, ist zum einen die Gottesfürchtigkeit des Königs. Durch die Opferung der Gefangenen erhofft er sich weiterhin Triumphe und Siegeszüge seiner Kämpfer. Zum anderen lässt Thoas ein gewisses Maß an Kurzsichtigkeit erkennen, da er die Opferung als von den Göttern gefordert ansieht und jegliche eigene Interpretationsansätze strikt ablegt. Für den König ist es die Pflicht der Iphigenie, als Priesterin die Göttin Diana zu besänftigen und somit den Mythos zu pflegen. Somit lässt sich bis zu diesem Zeitpunkt sagen, dass die Mythen den Alltag der Gesellschaft prägen und dass diese die sagenhaften Erzählungen nicht weiter hinterfragen, was als ein Zeichen der bequemlichen Lebenseinstellung zu bezeichnen ist.[13]

Welche Pflicht eine Priesterin auf Tauris zu erfüllen hatte, wurde soeben verdeutlicht. Und doch kam es nicht zu diesen geforderten Opfern. Ein Grund dafür ist in dem vierten Auftritt des ersten Aufzugs zu sehen, in dem Iphigenie direkt an die Göttin Diana wendet.

O enthalte vom Blut meine Hände!

Nimmer bringt es Segen und Ruhe;

Und die Gestalt des zufällig Ermordeten

Wird auf des traurig-unwilligen Mörders

Böse Stunden lauern – und schrecken. (Goethe 2001, V. 549 ff.)

[...]


[1] Goethe, Johann W. v.: Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel. Stuttgart: Reclam, 2001.

[2] Anselm Feuerbach (1829 -1880) http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.staatsgalerie.de/media/gemaeldeundskulpturen/19j_feuerbach_l.jpg&imgrefurl=http://

[3] Groschopp, Horst: Humanismus. 1998.

[4] Geisenhanslüke, Achim: „Mit den Menschen ändert die Welt sich.“ Humanität, Mythos und Geschichte in Goethes Iphigenie auf Tauris und Novalis’ Hymnen an die Nacht. In: Goethezeitportal. 2006.

[5] Levi-Strauss, Claude: Mythos und Bedeutung. Frankfurt a. M. 1980

[6] Wember, Valentin: Schönheit und Erkenntnis. Hamburg. 1987.

[7] Dörr, Volker C.: Weimarer Klassik. Paderborn: Fink, 2007.

[8] Sack, Volker: Gegenbilder. Stuttgart: Klett, 1987.

[9] Schweikle, Günther & Irmgard: Metzler Literatur Lexikon. 2. Aufl. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1990. S. 316.

[10] Ebd.

[11] Levi-Strauss, S. 24.

[12] Levi-Strauss, S. 85 ff.

[13] Matuschek, Stefan: Protokoll zur Sitzung am 2. Mai 2008: Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris, 1787. S. 2.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640662210
ISBN (Buch)
9783640662494
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153758
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2,0
Schlagworte
Goethe Iphigenie Tauris Moral

Autor

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