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Säkularisierung oder Individualisierung

Analysen, Thesen und Konsequenzen der religionssoziologischen Konzepte von Karl Gabriel und Detlef Pollack

Hausarbeit 2009 20 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

0 Einführung

1 Gesellschaftliche und religiöse Entwicklungen
1.1 Gesellschaft in der Moderne
1.1.1 Religion in der Moderne
1.1.2 Beispiel: „Moderner“ Katholizismus
1.2 Gesellschaft in der Post-Moderne
1.2.1 Die Auflösung der traditionellen Industriegesellschaft
1.2.2 Das Abschmelzen der Milieus
1.2.3 Arbeit, Familie und Beruf
1.2.4 Pluralisierung
1.2.5 Individualisierung

2 Religion in der Post-Moderne - Karl Gabriel
2.1 Pluralisierung von Religion
2.2 Individualisierung von Religion
Exkurs: De-Institutionalisierung
2.3 Die Konsequenz: Reflexive Moderne

3 Säkularisierung - Detlef Pollack
3.1 Kirche im 20. Jahrhundert
3.2 Die Kirche nach dem 2. Weltkrieg
3.3 Die Kirche nach der Wiedervereinigung
3.4 Religion in der Post-Moderne
3.5 Pollacks Plädoyer für die Säkularisierungsthese

4 Ausblick

Literaturverzeichnis

0 Einführung

Im 20. und 21. Jahrhundert ist die Begegnung mit Religion, besonders in Europa, durch einen hohen Grad an Wandlung gekennzeichnet. Besuchten 1952 noch 51 Prozent der römisch-katholischen Bevölkerung regelmäßig den Gottesdienst, schrumpft dieser Wert bis 1982 auf 32 Prozent zusammen. Bei den Protestanten gar von 13 auf 6 Prozent.[1] Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die zwar nach eigenen Angaben einen ethischen, aber keinen dezidiert christlichen Lebenswandel führen.[2] Hinzu kommt eine neue Offenheit für andere Deute- und Sinnsysteme, neue religiöse Bewegungen und Synkretismen. Alternativ dazu wird der Kirchenaustritt seit den Fünfzigern und Sechzigern immer mehr genutzt und gelebt. Doch wie genau ist diese Entwicklung zu erklären? Was sind ihre Hintergründe und Ursachen und vor allem ihre Folgen?

Karl Gabriel beantwortet diese Fragen mit der These, Religion verändere, analog zur Veränderung der Gesellschaft insgesamt, ihre Form, ihr Erscheinungsbild, bleibe jedoch quantitativ erhalten. Sie sei eine Grundkonstante menschlicher Existenz.

Detlef Pollack hält dem entgegen, dass Religion sich wohl mit einer veränderten Gesellschaft konfrontiert sehe, mit dieser Veränderung aber inkompatibel sei und deswegen letztendlich verschwinden werde.

In der folgenden Arbeit stelle ich beide Thesen gegenüber. Dabei beginne ich mit einer Beschreibung der veränderten Gesellschaftssituation seit der Frühphase der Industrialisierung, wie sie Gabriel und Pollack gleichermaßen vorlegen. Danach gehe ich zunächst auf die These der Pluralisierung der Religion von Karl Gabriel ein um dieser dann die These der Säkularisierung der Religion von Detlef Pollack entgegenzustellen. Am Ende folgt ein Vergleich der Schlussfolgerungen der beiden Wissenschaftler.

1 Gesellschaftliche und religiöse Entwicklungen

Karl Gabriel hat eine gesellschaftliche Entwicklungsthese für die Zeit vor 1945 dargelegt, welche Pollack auch für sich als Grundlage nimmt.

1.1 Gesellschaft in der Moderne

Für die moderne Gesellschaft des späten 18. und 19. Jahrhunderts konstatiert Gabriel einen Wechsel der sozialen Strukturen, welche ihren Ursprung in christlich-mittelalterlicher Tradition haben.[3] Denn bereits dort zeichnete sich eine Trennung von Kirche und Staat durch die doppelte Regentschaft von Papst und Kaiser ab.[4]

Gabriel kennt vier Merkmale, die für ihn die moderne Gesellschaft kennzeichnen:

1) Aus einem Fürstenstaat wird ein bürgerlicher Rechtstaat, der durch die Sozialbewegungen des 19. Jahrhunderts allmählich zum heutigen demokratischen Sozialstaat wird.[5]
2) Zentrales Charakteristikum der modernen Gesellschaft ist der Marktmechanismus. Dieser greift auf alle Bereiche des Lebens über (z.B. Arbeitsmarkt, Warenmarkt, kultureller Markt) und macht alles und jeden zu einem tauschfähigen Wirtschaftssubjekt. Kulturelle Formen der Sozialintegration nehmen gegenüber materiellen Formen ab.[6]
3) Im Zuge der modernen Veränderungen löst sich die Kleinfamilie aus dem herrschaftlich strukturierten Familienverband heraus. Die romantische Liebe wird zum vorrangingen Ehemotiv und Kern des familiären Zusammenlebens wird ein emotionales Mutter-Kind­Verhältnis, dass die vormals existierende Eltern-Kind-Distanz ersetzt. Hier entstehen ebenfalls, so Gabriel, neue Einteilungen der Geschlechterrollen. Haus und Kindererziehung werden zur Domäne der Frau während Arbeit, Beruf und Wirtschaft die Sphäre des Mannes wird.[7]
4) Die Sozialgestalt des Christentums verändert sich. Verschiedenste Milieus der Gesellschaft werden vom Christentum entbunden, während gleichzeitig die christlich-religiöse Sphäre eng an die Kirche und das Lehramt gebunden wird.[8]

1.1.1 Religion in der Moderne

Mit dem letzten Punkt wird deutlich, wie sich die christliche Religion im modernen Zeitalter entwickelt: Mit der Entstehung der Klassengesellschaft formieren sich „[...] sozial-moralische Milieus, die Substitute für die zusammenbrechenden ständischen Lebensformen boten.“[9]

1.1.2 Beispiel: „Moderner“ Katholizismus

Als Beispiel nennt Gabriel hier das katholische Milieu, welches folgende drei Merkmale besitzt:

1) Eine eigene Weltanschauung, welche kognitive, gefühlte und alltags­moralische Dimensionen besaß und so Bewertungskriterien für das alltägliche Leben bereitstellte.
2) Ein Netz von Institutionen für möglichst viele Bereiche des Lebens. Kontakt zu Sphären außerhalb des Milieus wurde so minimiert.
3) Eine Ritualisierung des Alltags mit Betonung der konfessionsgebundenen Frömmigkeit.[10]

Die Milieubildung kann nach Gabriel als eine Reaktion auf den Industrialisierungs- und Verstädterungsprozess verstanden werden, sowie als ein Versuch, sich vor der staatlichen Macht zu schützen und ein Stück eigene Emanzipation zu schaffen.[11]

1.2 Gesellschaft in der Post-Moderne

Auf die moderne Gesellschaft als Amalgam aus Tradition und Modernität, wie es Gabriel beschreibt, folgt nun die Post-Moderne, welche einen neuerlichen Auflösungs- und Freisetzungsprozess mit sich bringt. Gabriel setzt den Beginn dieser Prozesse für die sechziger Jahre an.[12]

1.2.1 Die Auflösung der traditionellen Industriegesellschaft

Seit den Sechzigern kommt es, so Gabriel, in Deutschland zu einer historisch einmaligen Wachstumsphase, ausgelöst durch eine wohlfahrtsstaatliche Politik und der Tatsache, dass die Industrie den bäuerlich-handwerklichen Sektor assimiliert.[13] Und mit der Auflösung des bäuerlich-handwerklichen Sektors „[...] verschwindet unwiederbringlich der soziale Raum einer traditional geprägten Lebensweise.“[14] Dies mündet im Abschmelzen der vorher entstandenen Milieus.

1.2.2 Das Abschmelzen der Milieus

In den sechziger Jahren erreicht die Arbeiterschaft in Deutschland ein bisher nie erreichtes Lebensniveau. Kollektiv wurden ein größerer Anteil am allgemeinen Reichtum und bessere Arbeitsbedingungen erkämpft, was auch größere Sphären von Nicht-Arbeit mit einschließt. Diese neuen Freiheiten erlauben den Arbeitern einen ungekannten Spielraum, sich selbst zu verwirklichen, also individuelle Lebensgestaltung.[15] Vor allem Bildung drängt zu Selbstfindungsprozessen. Die Solidarität des katholischen Milieus vermag dem nicht standzuhalten. Aber auch die Einbindung in die Massenkultur der Gesellschaft der sechziger Jahre lässt die Grenzen der sozial-moralischen Milieus verschwinden. In der Auflösung der Milieus sieht Gabriel dann auch das Ende der Industriegesellschaft, die im 19. Jahrhundert begann und den Beginn eines neuen Typus von Modernität.[16]

1.2.3 Arbeit, Familie und Beruf

Auch der Bereich der Familie und des Privatlebens wird von diesem Prozess erfasst. Bisher, so Gabriel, sei die Institutionalisierung des Lebenslaufs um die beiden Pole Arbeit und Familie herum erfolgt.[17] Gerade aber die Familie sei von den bereits erwähnten Mustern und Rollenbildern geprägt gewesen, welche sich nun in den Sechzigern immer mehr aufzulösen beginnen. Ehe und Familie verlieren ihre Monopolstellung und machen alternativen Lebensweisen Platz, die nun keine Diskriminierung mehr fürchten müssen. Gabriel spricht hier von einer Pluralisierung des bürgerlich-industriellen Familienmusters.[18] Jeder kann nun selbst wählen, in welchen Verhältnissen sie oder er leben möchte. Aus Normbiographien werden Wahlbiographien: „Elemente der Vorgegebenheit und Schicksalhaftigkeit treten zurück zugunsten von Chancen und Zwängen individueller Entscheidung und Wahl.“[19] Die Post-Moderne ist also von zwei Bewegungen geprägt: Einer Pluralisierung der Gesellschaft und einer Individualisierung der Lebensweise.

1.2.4 Pluralisierung

Der Begriff der Pluralisierung umschreibt die Veränderung der Umwelt des Individuums. War diese bisher in klare Gebiete mit deutlichen Grenzen, eben den Milieus, unterteilt, lösen sich dieses Strukturen der Teilsysteme der Gesellschaft auf und erhöhen somit die Komplexität des Ganzen.[20] Am deutlichsten wird dies in Industrie und Wirtschaft, wo der Markt eine starke Mobilität und Flexibilität zu fordern beginnt. Diese überträgt sich zwangsläufig auch auf andere Gesellschaftsbereiche, wie der Politik und den Naturwissenschaften. Überall brechen die internen Strukturen auf, sodass dem Einzelnen jetzt eine immer größere Vielzahl von Möglichkeiten offen steht, sich selbst und sein Leben zu gestalten.

1.2.5 Individualisierung

Die Individualisierung beschreibt diesen kulturellen Prozess aus der Sicht des einzelnen Individuums. Denn für dieses bedeutet die Individualisierung der Gesellschaft vor allem Freisetzung von Dynamiken. Gabriel unterscheidet zwei Typen von Individualisierungsprozessen:

1) Nachgeholte Freisetzungsprozesse. Teile der Gesellschaft holen nach, was andere bereits vorgelebt haben. So holen die Frauen den Freisetzungsvorsprung der Männer auf. Die ländlichen Gebiete zu den Städten, Arbeiter zum Bildungsbürgertum
2) Radikalisierung von Freisetzungsprozessen. Dies betrifft all jene Sektoren, in denen bereits eine Individualisierung stattgefunden hat. Sie wird dort allerdings jetzt noch radikaler, wie z.B. der Arbeitsmarkt.[21]

2 Religion in der Post-Moderne - Karl Gabriel

Gabriel nimmt nun an, dass die Freisetzungsprozesse der Moderne, da sie zu einem Großteil auch religiöse Sozialbindungen betreffen, ebenso für die Religion gelten. Religiös verankerte Bindungen verlieren ihre Plausibilität, religiöse Deutungsmuster werden hinterfragt oder demontiert. Gabriel spricht hier auch von der „Entzauberung“ von Welt- und Lebensdeutung.[22] Die Paradigmen von Pluralisierung und Individualisierung greifen auch hier.

[...]


[1] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 36

[2] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 42

[3] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 72

[4] Vgl. Gabriel, Karl; Höhn, Hans-Joachim. Religion. 61 - 66

[5] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 72

[6] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 73

[7] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 73 f.

[8] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 74 f.

[9]

Gabriel, Karl. Christentum. 78

[10]

Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 81

[11] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 97

[12] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 121

[13] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 123 Gabriel macht die Auflösung des bäuerlich-handwerklichen Sektors am Verschwinden der Kleinbetriebe und an der Wanderung der Arbeiter in die Industrie fest.

[14] Gabriel, Karl. Christentum. 124

[15] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 125

[16] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 126 f

[17] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 127

[18] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 128

[19] Gabriel, Karl. Christentum. 130

[20] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 131

[21] Vgl. Gabriel, Karl. Christentum. 136

[22]

Vgl. Gabriel, Karl, Christentum. 143

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (Buch)
9783640660179
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153785
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Säkularisierung Re-Religionsisierung Individualisierung Detlef Pollack Kar Gabriel Religionssoziologie Moderne Religion

Autor

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Titel: Säkularisierung oder Individualisierung