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Soziale Deutungsmuster der ostdeutschen Jugendlichen

Hausarbeit 2003 20 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Deutungsmusteransatz“
2.1. Die Bedeutung des Deutungsmusterkonzeptes für die Handlungs- und Kulturanalyse
2.2. Soziale Deutungsmustern und individuelle Derivationen
2.3. Die Übersicht

3. Annahmen zur Analyse der Deutungsmuster der ostdeutschen Jugendlichen

4. Die Lebenswelt der ostdeutschen Jugendlichen

5. Ausmaß des Umbruchs

6. Identitätsbildung in der Krisenzeit

7. Der Wandel und die Jugend

8. “Unbedingt ein Stück Freiheit“

9. Resümee

10. Literaturverzeichnis

1.Einleitung: Der Anschluss von Wissenssoziologie.

Die Wissenssoziologie wird heute als eine eher philosophische Teildisziplin gesehen, die zwar Freiraum für vielfältige Unternehmen aufweist, die aber gleichzeitig die Bodenschwere kontinuierlicher empirischer Arbeiten an einem Gegenstand vermissen lässt. Bei einer vergleichenden Betrachtung der Wissenssoziologie mit Industrie- oder Agrarsoziologie wirkt die Wissenssoziologie ziemlich unentschlossen. Dieses äußert sich daran, dass sie unentschlossen bleibt, ob sie den Anschluss an den jeweils neusten Diskurs suchen oder lieber ihren Blick gesellschaftlichen Alltagsproblemen zuwenden sollte.

Der Begriff der Wissenssoziologie wurde in den 20er Jahren unseres Jahrhunderts von Max Scheller und Karl Mannheim geprägt. Die damaligen Zeitumstände erlaubten nur eine konzeptuelle Durchführung der Arbeiten, zusätzlich kommt noch der Nationalsozialismus, der zum Dorn im Auge der Wissenssoziologie wurde. Viele Soziologen (Mannheim, Schütz) mussten emigrieren und der bis dahin entstandene Denkzusammenhang wurde unterbrochen. Den konzeptuellen Rahmen legten Mitte der 60er Jahre Berger und Luckmann in ihrem Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ vor. Der von Oevermann 1973 vorgelegte Versuch einer Theorie und Empire der sozialen Deutungsmuster[1] kann im Kontext einer Welle vielfältiger Entwürfe wissenssoziologischer Art gesehen werden, die allesamt in den 60er und 70er Jahren vorgestellt worden sind. In den letzten Jahren hat man oft den Versuch unternommen, damals aufgestellte Theorien in empirische Forschungsarbeiten zu transponieren und zu fragen, wie die theoretischen Konzepte revidiert werden könnten, um praktikabler zu sein. Ein anderer Gegenstand war, welche Fragestellungen in damaligen Theorieentwürfen vernachlässig worden sind. Die heutigen Zeitumstände bilden keine Barriere mehr bei der Beantwortung der Fragen der Wissenssoziologie, was diese Teildisziplin beflügelt. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der Geschichte der Wissenssoziologie haben M. Krüger[2] und H. J. Lieber[3] sich vorgenommen und die Ergebnisse hielten sie in ihren Schriften fest.

2. „Deutungsmusteransatz“.

Den Terminus „Deutungsmuster“ hat Urlich Oevermann mit seinem Manuskript „Zur Analyse der Strukturen von sozialen Deutungsmustern“[4] 1973 in die deutsche Soziologie eingeführt. Als Folge dieser Arbeit entstand eine Vielzahl empirischer Analysen, die sich anhand verschiedener Aspekte mit Deutungsmustern auseinander setzten. Wenn man hier den roten Faden weiter verfolgt, kann man auf Arbeiten über Deutungsmuster der soldatischen Tugend[5], der Arbeitslosigkeit[6] und sogar den Vampirismus[7] stoßen. Ich will jedoch mit meiner Arbeit die sozialen Deutungsmuster der ostdeutschen Jugendlichen näher erläutern.

Der Gebrauch des Begriffs „Deutungsmuster“ ist nicht eindeutig. Man kann unterschiedliche empirische Auslegungsformen vorfinden. Manche Autoren vermieden ihn gänzlich und ziehen statt dessen, je nach ihrem Forschungsinteresse, die Bezeichnungen „Orientierungsmuster“, „Semantik“ oder „Lebensstil“ als Grundbegriffe vor. In empirischen Arbeiten werden Begriffe in Auseinandersetzung mit der Realität, mit den Erfahrungsprozessen und während der Entfaltung modifiziert, mit Inhalt gefüllt und variiert. Die Theorie die man zu vertreten versucht, entwickelt sich in der Praxis weniger linear-logisch als material-sprunghaft.

In der soziologischen „Familie“ ist Oevermanns Arbeit, die als Skizze zu einer Untersuchung über das „für die sozialwissenschaftliche Analyse theoretisch-allgemeine Probleme der Struktur von Deutungsmustern“[8] bekannt wurde, recht populär und angesehen. Der Fokus dieser Skizze war auf eine theoretisch fundierte Methode zur Dokumentenanalyse gerichtet, bei der eine Untersuchung von Lehrmaterialien und Lernzielkatalogen im Sozialkundenunterricht die Basis bilden sollte. Jedoch wurde diese empirische Untersuchung nicht in der geplanten Form durchgeführt und die „prophezeite“ Theorie nicht formuliert, so dass man nun vom Deutungsmusterkonzept oder Deutungsmusteransatz spricht. In dem Oevermannschen Manuskript ging es in erster Linie nicht um soziologische Theorie, sondern um eine Methode zur Analyse von Textdaten mit dem Status eines heuristischen Konzeptes. Die Projektskizze enthält eine Fülle von Anschlussmöglichkeiten empirischer, theoretischer und methodologischer Art, die mehr angedeutet als formuliert sind. Sie versucht eine Reihe von Strukturmerkmalen der Deutungsmuster zu formulieren. Die sozialen Deutungsmuster können als „sozial erworbenes Alltagswissen“[9] bestimmt werden. Diese können sowohl durch persönliche Erfahrungen, als auch die der anderen Individuen aus bestimmten sozialen Gruppen, wie auch gesellschaftliche Sozialisationsinstanzen beeinflusst werden. Die Struktur der Deutungsmuster wird durch Konsistenzregeln bestimmt. Sie orientieren sich an eigener Logik und die Regeln, die das Handeln steuern, sind intersubjektiv gültig.[10] Deutungsmuster besitzen einen latenten Charakter, der sich darin äußert, dass sie keine feste Einstellungen der Individuen sind. Viel mehr liegen sie diesen zugrunde.[11] So aufgebaute und verstandene Deutungsmuster determinieren die empirischen Analysen und ihre Vorgehensweisen. Man kann sie nicht ohne weiteren, abfragen und bisher angewande Verfahren zu Hilfe holen. Die Deutungsmusteranalyse erfordert nämlich ein interpretatives Vorgehen und damit verbundene Untersuchung von Einzelfällen.

2.1. Die Bedeutung des Deutungsmusterkonzepts für die wissenssoziologische Handlungs- und Kulturanalyse.

Als soziale Deutungsmuster können ganz allgemein „die mehr oder weniger zeitstabilen und in gewisser Weise Stereotypen, Sichtweisen und Interpretationen von Mitgliedern einer sozialen Gruppe bezeichnet [werden], die diese zu ihren alltäglichen Handlungs- und Interaktionsbereichen lebensgeschichtlich entwickelt haben. Im einzelnen bilden diese Deutungsmuster ein Orientierungs- und Rechtfertigungspotential von Alltagswissensbeständen in der Form grundlegender, eher latenter Situations-, Beziehungs- und Selbstdefinitionen, in denen das Individuum seine Identität präsentiert und seine Handlungsfähigkeit aufrechterhält[12]. Das Interesse an der Analyse sozialer Deutungsmuster ergibt sich direkt aus der fundamentalen wissenssoziologischen Prämisse der Wissensgebundenheit des Seins oder konkreter: aus der Einsicht, dass individuelle Einstellungen und Handlungsorientierungen von kollektiven Interpretations- und Legitimationsangeboten abhängig sind. Das primäre Erkenntnisinteresse gilt also weder den individuellen Einstellungen und Handlungsorientierungen noch deren Zurückführung auf sozialstrukturelle Merkmale, sondern den jeweils spezifischen Konstitutionsbedingungen von Handlungsorientierungen. Der sich in Deutungsmustern dokumentierende soziale Sinn ist der zentrale Forschungsgegenstand. Im wissenssoziologischen Verständnis ist die Bildung individueller Handlungsorientierungen also von sozial verfügbaren Deutungsangeboten abhängig und ohne die Interessen und Werte als Orientierungsmaßstäbe individuellen Handelns können sie nicht generiert werden, geschweige denn zum Ausdruck gebracht und kommuniziert werden. Deutungsmuster müssen dabei zumindest insoweit sozial kommunizierbar sein, dass sie erfolgreich zur Begründung von Handlungen oder Situationsdefinitionen herangezogen werden können. Dies ist nur dann zu erwarten, wenn sie weitgehend (aber niemals vollständig) geteilt werden. Dies bedeutet nichts anderes, als dass soziale Deutungsmuster ein kollektives und emergentes Phänomen sind. Sie manifestieren sich im Individualbewusstsein stets nur partiell. Wichtig ist nun, dass soziale Deutungsmuster zugleich kognitive und normative Komponenten umfassen. Sie bieten dem Akteur nicht nur Interpretationen, sondern auch situationsadäquate Evaluationen und Legitimationen. Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Vermitteltheit haben sie daher auch normative Geltungskraft.[13] Deutungsmuster sagen dem Akteur nicht nur, was der Fall ist (Situationsdefinition), sondern auch was richtig und wünschenswert ist (Handlungsorientierungen). Aufgrund dieser fundamentalen Orientierungsleistung müssen Deutungsmuster als konstitutive Bedingung der Handlungsfähigkeit von Individuen angesehen werden. Sie stellen einen zentralen Teil der Opportunitätsstruktur sozialen Handelns dar.[14] Handlungsrelevanz erlangen Deutungsmuster vor allem durch die ihnen wesentliche Komplexitätsreduktion. Sie vereinfachen komplexe Zusammenhänge und kompatibilisieren konfligierende Werte. "Die Aufgabe von Deutungsmustern (...) ist es, gesellschaftliche und individuelle Widersprüche zu verdecken und Meinungen und Handlungen konsistent (in sich logisch) erscheinen zu lassen, die dies gar nicht sind"[15]. Durch diese Verdeckung von Inkonsistenten und Widersprüchen ermöglichen sie jedoch oft erst eine Reaktion auf komplexe Handlungsprobleme. In diesem Sinne betonte bereits, dass "soziale Deutungsmuster nie ein vollständig geschlossenes und in sich widerspruchsfreies System von Interpretationen" und dass "inkonsistente Elemente von Einstellungsmustern und sozialen Deutungsmustern von zentralem Erkenntniswert"[16] sind. Darüber hinaus wird durch die Bezugnahme auf Deutungsmuster auch die Verständigung zwischen Akteuren erleichtert, wenn nicht gar erst ermöglicht. Dies setzt jedoch voraus, dass tatsächliche und beobachtbare Handlungen sowohl vom Handelnden selbst als auch von Beobachtern mit entsprechenden Deutungsmustern in Übereinstimmung gebracht werden können. Individuelle Handlungen und Situationsdefinitionen müssen also mit sozial verfügbaren und geteilten Deutungsmustern zusammenpassend sein, um verstanden werden zu können. Deutungsmuster stehen in einem mehr oder weniger deutlichen funktionalen Bezug zu "objektiven Situationen", wobei von einem engen wechselseitigen Bedingungsverhältnis auszugehen ist. Was von den Handelnden als Situation oder Handlungsproblem wahrgenommen wird, hängt zum einen von den sozial verfügbaren Deutungsmustern ab und andererseits üben die strukturellen Gegebenheiten aber auch objektive und insofern interpretationsunabhängige Zwänge auf die Akteure aus. Erfolgreiche und stabile Deutungsmuster werden daher eine hohe Situationsadäquanz oder aber eine hohe Situationsunabhängigkeit aufweisen. Da andererseits ein optimales Passungsverhältnis von "objektiver Situation" und Deutungsmuster praktisch ausgeschlossen ist, ist von einem permanenten Prozess wechselseitiger Adjustierungen von sozialen Deutungsmustern, Situationsdefinitionen und "objektiver Situation" auszugehen. Deutungsmuster sind also der Gefahr negativer Erfahrungsproben ausgesetzt.

[...]


[1] Urlich, Oevermann 1973.

[2] Krüger, Marlis 1981.

[3] Lieber, Hans-Joachim 1985.

[4] Oeverman, Urlich: 1973.

[5] Collmer, Sabine/ Mayer, Goerg-Maria: 1993.

[6] Pensé, David: 1994.

[7] Hamberger, Klaus: 1992.

[8] Oevermann, Urlich: 1973, S. 3.

[9] Neumann, Enno:1984, S. 26,

[10] Oevermann, Urlich: 1973, S. 5.

[11] Lüders, Christian: 1999, S. 381.

[12] Arnold, Rolf: 1983, S. 894.

[13] Mauser, Michael/Sackmann, Reinhard: 1992, S.19.

[14] Schetsche, Michael: 1992, S. 66ff.

[15] Ebd. S. 67.

[16] Oevermann, Urlich: 1973, S. 24ff.

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638205177
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15398
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Soziologie
Note
2.0
Schlagworte
Soziale Deutungsmuster Jugendlichen Soziologische Theorie

Autor

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Titel: Soziale Deutungsmuster der ostdeutschen Jugendlichen