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Der Zusammenhang zwischen Gottfried Benns "Hier ist kein Trost" und Else Lasker-Schülers "Höre!"

Ende einer Liebesgeschichte oder Auseinandersetzung über Kunstvorstellungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Im Folgenden sollen die Zusammenhänge zwischen Gottfried Benns Gedicht „Hier ist kein Trost“ und Else Lasker-Schülers „Höre!“ in einer vergleichenden Analyse erörtert werden. Auf diesem Wege soll der Frage nachgegangen werden, ob es sich, wie in der Forschung häufig angenommen wird, bei diesen beiden Gedichten um das literarisch manifestierte Ende einer Liebesgeschichte zwischen den beiden Dichtern handelt, oder ob es, wie in der neueren Forschung teilweise vermutet wird, eine Auseinandersetzung zwischen Benn und Lasker-Schüler um ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom Kunstbegriff und dem Künstlerdasein gegeben hat, die sie in diesen beiden Gedichten deutlich erkennbar gegenüberstellten.

Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn hatten sich im Jahre 1912 kennengelernt und von da an eine Zeit lang in einem dialogischen Austausch in Form von Gedichten, die sie einander gegenseitig widmeten, gestanden.[1] Die beiden hier betrachteten Gedichte stellen das Ende dieses Dialogs dar. Lange Zeit wurde in der Forschung angenommen, „Hier ist kein Trost“ sei Benns Antwort auf Lasker-Schülers „Höre!“ gewesen.[2] Hierbei handelt es sich jedoch, wie die neuere Forschung herausarbeitete, um die Konsequenz eines gravierenden Datierungsirrtums: Benns „Hier ist kein Trost“ erschien nämlich bereits im Oktober 1913 in seiner Sammlung „Söhne“, also schon ungefähr ein halbes Jahr vor Lasker-Schülers „Höre!“, das erst im April 1914 in „Die Weissen Blätter“ veröffentlicht wurde.[3]

„HIER IST KEIN TROST

Keiner wird mein Wegrand sein.
Laß deine Blüten nur verblühen.
Mein Weg flutet und geht allein.

Zwei Hände sind eine zu kleine Schale.
5 Ein Herz ist ein zu kleiner Hügel,
um dran zu ruhn.
Du, ich lebe immer am Strand
und unter dem Blütenfall des Meeres,
Ägypten liegt vor meinem Herzen,

10 Asien dämmert auf.

Mein einer Arm liegt immer im Feuer.
Mein Blut ist Asche. Ich schluchze immer
vorbei an Brüsten und Gebeinen
den tyrrhenischen Inseln zu:

15 Dämmert ein Tal mit weißen Pappeln
ein Ilyssos mit Wiesenufern
Eden und Adam und eine Erde
aus Nihilismus und Musik.“
[BHIKT]

„Höre!

Ich raube in den Nächten
Die Rosen deines Mundes,
Daß keine Weibin Trinken findet.

Die dich umarmt,
5 Stiehlt mir von meinen Schauern,
Die ich um deine Glieder malte.

Ich bin dein Wegrand.
Die dich streift,
Stürzt ab.

10 Fühlst du mein Lebtum
Überall
Wie ferner Saum?“
[LSH]

Der Zusammenhang der beiden Gedichte soll nun zunächst unter dem Aspekt der Liebesgeschichte untersucht werden. Grundlegend hierbei ist es, dass davon ausgegangen wird, dass das jeweilige lyrische Ich der beiden Gedichte als Mensch, mit Fokus auf seinen Gefühlen und Emotionen, zu sehen ist.

Schon der Titel des Gedichts, „Hier ist kein Trost“, lässt auf Trauer und Trennungsschmerz schließen und auch Härte klingt in ihm mit. Benn erteilt der Lasker-Schüler mit den Worten „ Keiner wird mein Wegrand sein “ [BHIKT, Z. 1] und „ Mein Weg […] geht allein “ [BHIKT, Z. 3] eine eindeutige Absage bezüglich ihres Wunsches auf ein gemeinsames Leben.[4] Die Zeile „ Zwei Hände sind eine zu kleine Schale “ [BHIKT, Z. 4] kann als Antwort auf Lasker-Schülers an Benn gerichtetes Gedicht „O, deine Hände“[5] und gleichzeitig als Zurückweisung verstanden werden[6]: Er ist ihr nicht gewachsen, sie ist sozusagen zu viel für ihn und er kann sie deshalb nicht halten. Ebenso weist er auch ihr „ Herz “ zurück [BHIKT, Z. 5/6], es genügt ihm nicht. Diese Zurückweisungen sind ein Ausdruck von Distanz. „ Ägypten “ [BHIKT, Z. 9] und „ Asien “ [BHIKT, Z. 10] als klassische Landschaften aus dem Werk der Lasker-Schüler[7] erscheinen in Benns Gedicht nur in der Entfernung, er nimmt sie zwar wahr, aber sie können dennoch nicht in sein Herz vordringen. Das „ Feuer “ [BHIKT, Z. 11], die Tatsache, dass das „ Blut […] Asche “ ist [BHIKT, Z. 12] und dass er „ schluchz[t] “ [BHIKT, Z. 12] klingen nach Sehnsucht, nach Leiden und nach Trauer.[8] Schließlich „ Dämmert ein Tal mit weißen Pappeln “ [BHIKT, Z. 15], er sieht ein „ Eden “ [BHIKT, Z. 17] mit einem „ Adam “ [BHIKT, Z. 17], eine paradiesische Welt also, eine Welt, die ihm ideal erscheint. Aber in dieser Welt scheint für Else Lasker-Schüler kein Platz zu sein, denn die Figur Adam tritt ohne seine sonst meist mit ihm gemeinsam genannte Partnerin Eva auf. Benn will weg von der Lasker-Schüler, will weg von ihrem „ Ägypten “ [BHIKT, Z. 9] und ihrem „ Asien “ [BHIKT, Z. 10] und hin zu seinen „ tyrrhenischen Inseln “ [BHIKT, Z. 14], zu dem „ Tal mit weißen Pappeln “ [BHIKT, Z. 15], zum „ Ilyssos “ [BHIKT, Z. 16], einem Fluss vor Athen, eben egal wohin, er will nur weg von ihr, denn nur auf diesem Wege eröffnet sich ihm die Möglichkeit, zu seinem eigenen „ Eden “ [BHIKT, Z. 17] als seiner Idealwelt, zu gelangen.

Das Ausrufezeichen im Titel des Gedichts „Höre!“ lässt selbigen wie eine Forderung der Lasker-Schüler nach Aufmerksamkeit wirken. Aus dem Gedicht lässt sich eine gewisse Eifersucht herauslesen: „ [K]eine Weibin “ soll „ Trinken finde[n] “ [LSH, Z. 3] bei Benn, sie klagt ihm „ Die dich umarmt, [s]tiehlt mir […] “ [LSH, Z. 4/5]. Dann antwortet sie direkt auf seine Aussage „ Keiner wird mein Wegrand sein “ [BHIKT, Z. 1] mit den Worten „ Ich bin dein Wegrand “ [LSH, Z. 7], was sich als eine Art Angebot eines gemeinsamen Lebens verstehen lässt. Dass sie ihn nur „ streift “ [LSH, Z. 8], verdeutlicht die Unnahbarkeit Benns und die Distanz zwischen den beiden, die sie nicht überwinden kann, denn sie kommt nicht wirklich an ihn ran und vermag ihn nicht wirklich zu berühren, sondern streift ihn lediglich. Schließlich „ [s]türzt “ sie dann „ ab “ [LSH, Z. 9] in ihrer Verzweiflung über die Distanz zwischen sich selbst und dem Geliebten und gibt damit ihr Angebot auf ein gemeinsames Leben auf, weil ihr bewusst wird, dass er es nicht annehmen wird.

[...]


[1] Vgl. Baumer, Franz: Else Lasker-Schüler. Berlin: Edition Colloquium im Wissenschaftsverlag Spiess 1998 (= Köpfe des 20. Jahrhunderts Bd. 135), S. 65f. [ im Folgenden abgekürzt mit Baumer: Lasker-Schüler]

[2] Hermann Korte nahm dies beispielsweise noch 1994 an (vgl. Korte, Hermann: “Mitten in mein Herz“. Else Lasker-Schülers Widmungsgedichte. In: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur (1994), Heft 122, S. 19 [ im Folgenden abgekürzt mit Korte: “Mitten in mein Herz“).

[3] Vgl. Hallensleben, Markus: Else Lasker-Schüler. Avantgardismus und Kunstinszenierung. Tübingen / Basel: Francke 2000, S. 193. [ im Folgenden abgekürzt mit Hallensleben: Lasker-Schüler]

[4] Vgl. Sanders-Brahms, Helma: Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler. Giselheer und Prinz Jussuf. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1998, S. 107. [ im Folgenden abgekürzt mit Sanders-Brahms: Benn und Lasker-Schüler]

[5] Siehe Lasker-Schüler, Else: O, deine Hände. In: Dies.: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe, hg. v. Norbert Oellers, Heinz Rölleke u. Itta Shedletzky. Bd. 1.1: Gedichte, bearb. v. Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarb. v. Norbert Oellers. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag 1996, S. 143: „ O, deine Hände – / Sind meine Kinder. / Alle meine Spielsachen / Liegen in ihren Gruben. // Immer spiel ich Soldaten / Mit deinen Fingern, kleine Reiter, / Bis sie umfallen. // Wie ich sie liebe / Deine Bubenhände, die zwei.

[6] Vgl. Baumer: Lasker-Schüler, S. 67.

[7] Vgl. Sanders-Brahms: Benn und Lasker-Schüler, S. 107.

[8] Vgl. ebd. S. 108.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640666720
ISBN (Buch)
9783640666812
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154111
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
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