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Normen, Devianz und Sanktionen in dem Spielfilm „Dem Himmel so fern“

Seminararbeit 2006 44 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Idee und Ziel dieser Arbeit

2. Theorieansätze zu Normen und Devianz
2.1 Howard S. Beckers „Außenseiter“
2.2 Erving Goffman: „Die moralische Karriere des Geisteskranken“
2.3. David L. Rosenhan: „Gesund in kranker Umgebung“

3. „Dem Himmel so fern“ – Über den Film

4. Normen, Devianz und Sanktionen anhand zwei Themen des Films
4.1 Rassismus und Emanzipation der Afroamerikaner
4.2. Männliche Homosexualität und Heteronormativität im KaltenKrieg

5. Scheitern und Neubeginn

6. Bibliographie

“Education is indoctrination if you're white - subjugation if you're black”

James A. Baldwin

“If homosexuality is a disease, let's all call in queer to work:

‘Hello. Can't work today, still queer.’”

Robin Tyler

1. Idee und Ziel dieser Arbeit

Im Seminar „Regeln und Abweichler“ haben wir uns mit „abweichendem Verhalten“ beschäftigt. Wir haben uns gefragt, warum das Verhalten eines Akteurs in einem Kontext in Ordnung, in einem Anderen aber „falsch“ ist. Jeder von uns hat sich schon einmal anders verhalten als erwartet. Menschen sind per se Regelverletzer.

Angefangen vom Abschreiben bei der Klassenarbeit über zivilen Ungehorsam bis hin zu Mobbing, Geisteskrankheit und Delinquenz ist alles möglich. So wie es scheint gibt es spezielle Normen, die menschliches Verhalten regeln. Aber was passiert, wenn wir die Regeln nicht einhalten? Und wer stellt diese Regeln überhaupt auf und für wen gelten sie?

Diese Arbeit beschäftigt sich mit diesen Fragen, oder genauer: Mit Normen, Normverletzungen und deren Folgen für die betroffenen Akteure in dem US-Spielfilm „Dem Himmel so fern“ aus dem Jahre 2002.

Zuerst werden drei Theorien über Devianz vorgestellt. Der Erste ist ein klassisch soziologischer Ansatz, nämlich der von Howard Becker über Normen und Abweichung. Die anderen zwei Ansätze betrachten Regeln und deren Verletzung aus psychiatrischer und psychologischer Sicht. Zum einem wäre da David Goffmans Beschreibung des Weges eines normalen Bürgers hin zum klinischen Patienten zu nennen, mit all seinen fatalen Folgen; zum anderen David Rosenhans berühmtes Experiment mit gesunden Scheinpatienten, bei denen in psychiatrischen Kliniken psychische Auffälligkeiten und Krankheiten diagnostiziert worden waren.

Anhand der Themen Rassismus und Homosexualität im Amerika der 50er Jahre werden die Normverletzungen und die daraus folgenden Sanktionen für die Akteure unter den Gesichtspunkten der oben genannten Theorieansätze untersucht.

Dabei soll die Arbeit nicht nur zeigen, dass sich die Theorien bequem auf den Film und seine Themen übertragen lassen. Es soll auch bewusst gemacht werden welche sozialen Mechanismen der menschlichen Interaktion hinter unser aller Verhalten stecken und inwiefern diese Mechanismen und die Regeln uns und unsere Gesellschaft prägen, ohne dass wir es bemerken. Ein gutes Beispiel hierfür ist unsere nicht hinterfragte Heteronormativität. Vor allem aber ist wichtig zu erkennen, dass Normen nicht in Stein gemeißelt sind. Sie sind keine Dogmen für die Ewigkeit sondern immer einem Wandel unterworfen. Das ist auch gut so, denn dadurch dass sie immer einer aktiven Deliberation durch die Gesellschaft benötigen, stärkt uns dies als soziale Akteure im demokratischen Prozess des Interessenausgleichs.

2. Theorieansätze zu Normen und Devianz

2.1 Howard S. Beckers „Außenseiter“

Der amerikanische Soziologie Howard Becker beschriebt in seinem Buch „Außenseiter wie gesellschaftliche Verhaltensregeln entstehen und wie man durch nichtkonformes Verhalten von denjenigen, die die Regeln befolgen, stigmatisiert d.h. zu einem „Außenseiter“ gemacht wird. In dem folgenden Abschnitt werden die wesentlichen Aspekte dieses Ansatzes dargestellt, da dieser im nächsten Kapitel auf drei Themen des Films, Rassismus und männliche Homosexualität angewandt wird.

Beckers These von Norm und Devianz

Becker geht zunächst von drei Grundannahmen aus. Erstens definieren gesellschaftliche Regeln bzw. Normen „richtige“ und „falsche“ Verhaltensweisen, zweitens stellt jede Gesellschaft Verhaltensregeln auf und versucht diese durchzusetzen, und drittens wird derjenige, der die Norm verletzt von den Anderen als „Außenseiter“ betrachtet (Becker 1981: 1). Voraussetzung ist, dass die Einhalter der Regeln sein Verhalten als deviant erkennen und ihn als „abweichend“ markieren. Der Begriff Außenseiter ist aber ambivalent, denn der als so markierte kann wiederum diese Person, die ihn als Außenseiter sieht, selbst als Außenseiter betrachten, da er seine Verhaltensweise für nicht deviant hält, d.h. als für ihn plausibel, moralisch richtig, ökonomisch notwendig, oder wie auch immer (Becker 1981: 1).

Zudem ist zwischen formellen und informellen Normen zu unterscheiden. Erstere bezeichnen staatliche Gesetze, diese Normen sind schriftlich fixiert und zumindest in einem Rechtsstaat für jeden öffentlich zugänglich und die Rechte einklagbar, also „sichtbar“ und für jede Person innerhalb des Staates gültig (ebenda). Bei Gesetzesübertretungen erfolgen demnach auch formelle Sanktionen, z. B. eine Gefängnisstrafe. Informelle Regeln hingegen sind oft nicht schwarz auf weiß vorhanden, sie sind „unsichtbar“ aber deswegen nicht weniger präsent. Sie sind das Ergebnis eines gesellschaftlichern Konsenses über das was „richtig“ und was „falsch“ ist. Man „sieht“ sie jedoch eher, wenn eine Abweichung von diesen Normen vorliegt, denn dann werden diese Regeln wieder in Erinnerung gerufen. In der Folge hat der Abweichler auch mit informellen Sanktionen zu rechnen, d.h. Bestrafung der unerwünschten Verhaltensweise z. B. durch soziale Isolation.

Abweichendes Verhalten

Doch was ist eigentlich „abweichendes Verhalten“? Allgemein wird damit jegliches Verhalten bezeichnet, das sich „zu weit vom Durchschnitt entfernt“ (Becker 1981: 4). In der Medizin ist Devianz als etwas Pathologisches definiert, etwas das sich vom „gesunden“ Verhalten, d.h. was sich vom Verhalten der normgebenden Mehrheit unterscheidet (ebenda). So wird Homosexualität zur „Krankheit“, da Heterosexualität die Norm ist. Becker definiert Devianz als Ungehorsam gegenüber Gruppenregeln (Becker 1981: 6 f.), denn

„sobald wir die Regeln, die eine Gruppe ihren Mitgliedern auferlegt, beschrieben haben, können wir mit einiger Sicherheit angeben, ob ein Mensch gegen sie verstoßen hat oder nicht und ob er unter diesem Aspekt ein Mensch mit abweichendem Verhalten ist“ (Becker 1981: 7).

Problematisch ist hier die Annahme, Gründe für die das abweichende Verhalten seien einzig im devianten Akteur zu finden. Deviante Akteure gehören keiner homogenen Gruppe an, d.h. außer der Abweichung verbindet sie keine für sie „typischen“ Merkmale, zudem können die Motive für das Verhalten unterschiedlich sein (Becker 1981: 8). Für Becker wird Devianz von der Gesellschaft geschaffen, d.h. diese stellt Regeln auf, deren Verletzung dann Devianz konstituiert und die Akteure als Außenseiter markiert (ebenda). Devianz misst sich daher nicht an der Qualität einer abweichenden Handlung, sondern an den Regeln, bzw. an Sanktionen gegenüber devianten Akteuren (ebenda).

Reaktion auf abweichendes Verhalten

Wie schon oben erwähnt, muss deviantes Verhalten als solches angeprangert werden um sichtbar zu werden, denn Devianz hängt davon ab, wie andere Menschen auf eine Handlung reagieren (Becker 1981:10). Das abweichende Verhalten braucht Öffentlichkeit, d.h. wenn ein Akteur eine deviante Handlung begeht ohne dass ein anderer sie wahrnimmt und als abweichend bezeichnet, dann gilt diese Handlung vielleicht für den Akteur selbst als abweichend, sofern er die Normen internalisiert hat, jedoch bleibt diese Handlung ohne Markierung und Sanktionen von außen. Es bedarf also Akteure, die eine Handlung als deviant erkennen und Devianz öffentlich, d.h. bei anderen Akteuren bekanntmachen und Sanktionen einfordern, die sogenannten „Moralunternehmer“. Außerdem reagieren Menschen auf Abweichung unterschiedlich, abhängig von zeitlicher Situation, vom abweichenden Akteur (War es ein Weißer oder ein Schwarzer, der den Stein geworfen hat?), vom Sanktionierer, sowie von der Art der Abweichung. Denn Devianz wird unterschiedlich bewertet und daher unterschiedlich sanktioniert (Becker 1981: 10 f.). Dies bedeutet es gibt keinen starren Rahmen, keine endgültig definierte Vorgehensweise für informelle Sanktionen. Für formelle Sanktionen gibt es den festen Rahmen der Gesetze, die aber auch geändert werden können. Es gilt also:

„Bis zu welchem Grade eine Handlung als abweichend behandelt wird, hängt auch davon ab, wer sie begeht und wer das Gefühl hat, von ihr geschädigt worden zu sein. Regeln scheinen auf einige Menschen unnachgiebiger angewandt zu werden als auf andere“ (Becker 1981: 11).

Festlegung und Durchsetzung von Regeln durch „Moralunternehmer“

Verhaltensregeln und das Zusammenleben innerhalb einer Gemeinschaft werden von gesellschaftlichen Gruppen festgelegt, es gibt keine allgemeinverbindlichen Regeln für die ganze Gesellschaft, sondern sie sind zu differenzieren nach sozialen Merkmalen wie Klassen- oder Schichtzugehörigkeit und „[…] ethnischen, beruflichen und kulturellen Grundlagen“ (Becker 1981:13). Es haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Regelkataloge für die Gruppen herausgebildet. Regeln, Regelaufsteller und gesellschaftliche Gruppen sind unterschiedlich und können sich widersprechen.

So können formale Regeln wie Gesetze oder Ordnungen den informellen Normen widersprechen, die die jeweilige Gruppe für angemessen hält und welche diese für sich anwendet.

Da also widersprüchliche Normen verschiedener Gruppen existieren, wird es auch immer wieder Auseinandersetzungen über angemessenes Verhalten in einer Situation geben (Becker 1981: 14). Aufgrund der verschiedenen Regelkataloge wird das Verhalten in einer bestimmten Situation unterschiedlich bewertet, es werden folglich auch unterschiedliche Sanktionen gefordert (ebenda). Zudem haben Menschen, die sich nicht an diese Regeln halten einen anderen Blickwinkel als diejenigen, die das Verhalten verurteilen. Der deviante Akteur kann das Gefühl haben, nach Regeln beurteilt zu werde, an deren Aufstellung er nicht beteiligt war und die er nicht akzeptiert, Regeln die ihm von Außenseitern auf aufgezwungen werden (ebenda). Howard Becker unterscheidet hier zwei Arten der Aufstellung und Durchsetzung von Regeln, erstens von Akteuren einer Gruppe für Mitglieder dieser Gruppe, z. B. einer Religionsgemeinschaft, denn nur ihre Gruppenmitglieder haben ein Interesse daran Regeln aufzustellen und durchzusetzen. Im zweiten Fall hingegen werden Normen von Akteuren einer Gruppe für andere Gruppen aufgestellt (Becker 1981: 15).

Doch warum hat eine Gruppe Interesse daran Regeln für eine andere Gruppe aufzustellen, die sie selbst gar nicht anerkennen? Laut Becker halten es Mitglieder einer bestimmten Gruppe es für wichtig „[…] hinsichtlich ihres Wohlergehens, dass Mitglieder bestimmter anderer Gruppen bestimmten Regeln folgen“ (Becker 1981: 15). Es geht also um die Wahrung der Interessen der Normgeber. In diesem Kontext weist er darauf hin, dass die Durchsetzung von Regeln immer auch repressiven Charakter hat: Menschen zwingen anderen Menschen ihre Regeln auf, und wenden sie „[…] mehr oder weniger gegen den Willen und ohne die Zustimmung der anderen […]“ an (ebenda).

Wer kann aber Anderen erfolgreich seine Regeln aufzwingen? Für Becker bedarf es dazu ein großes Potential politischer und ökonomischer Macht der Akteure (ebenda). Einflussmöglichkeiten entstehen erst durch eine hohe Anzahl an Unterstützern. Diese ist notwendig, um sozialen Druck auszuüben, damit diese Norm später zu einem allgemein anerkannten Konsens wird. Für Becker sind Unterschiede in der Fähigkeit Regeln aufzustellen und durchzusetzen demnach Machtunterschiede (Becker 1981: 16). Eine geringe Anzahl von Menschen ohne Lobby wird es also schwer haben ihre Regel durchzusetzen. Abschließend ist zu bemerken, dass Regeln erstens unterschiedlich und keineswegs universell anerkannt, sondern Gegenstand von Konflikten und Auseinandersetzungen im gesellschaftlichen Prozess und daher zweitens veränderbar sind, wie wir im Film auch sehen werden (ebenda).

2.2 Erving Goffman: „Die moralische Karriere des Geisteskranken“

Thema des Aufsatzes des amerikanischen Soziologen Erving Goffman ist Veränderung des Wertesystems und des Selbst von Menschen im Kontext von Interaktion mit Anderen auf mikrosoziologischer Ebene. Goffman untersucht die Klassifikation des Menschen als einen „Geisteskranken“ nach psychiatrischen Kriterien, sowie die weitere Interaktion mit diesem Patienten. Denn nach dessen Einweisung in eine psychiatrische Anstalt verändern sich das „soziale Schicksal“ des Akteurs und der Umgang des Personal und der Außenwelt mit diesem Akteur (Goffman 1973: 128).

Zum Begriff „moralische Karriere des Geisteskranken“

Im Allgemeinen verbinden wir mit dem Begriff „Karriere“ die berufliche Laufbahn, bzw. den beruflichen Aufstieg eines Menschen (Goffman 1973: 127). Im weiteren Sinn ist Karriere aber ein ambivalenter Begriff mit einer bestimmten Doppelseitigkeit. Er beinhaltet mehr als die berufliche, nämlich auch die sozial Dimension des Lebens, den Verlauf des Lebens, mit allen Aufs und Abs (ebenda). Da wären einmal die persönliche Seite für den Akteur zu nennen, die Selbstbild, Identität, Selbstzufriedenheit etc. umfasst und dann die Seite, die in der Öffentlichkeit sichtbar wird, die Stellung und der Beruf. Wobei sich beide Ebenen nicht decken müssen, sondern eine Diskrepanz zwischen den beiden Dimensionen scheint möglich zu sein. Für Goffman liegt in diesem Kontext der Schwerpunkt auf den „moralischen“ Aspekten der Karriere. Damit sind Veränderungen der Persönlichkeit, sowie der persönlichen und beruflichen Beziehungen eines Menschen, der erfolgreich als „geisteskrank“ markiert wurde, gemeint (ebenda). Interessant ist hierbei, dass man oft erst als verrückt gilt, wenn man in so eine Klinik eingeliefert wird (ebenda). Frei nach dem Motto: Die Person befindet sich ja in der psychiatrischen Klinik, also muss sie „geisteskrank“ sein. Dass heißt also, dass Devianz an der Tatsache der erfolgten Einlieferung festgemacht wird und weniger an vorklinischen „devianten“ Handlungen. Goffman teilt nun diesen Prozess der Karriere eines Menschen hin zum stationär aufgenommenen „Geisteskranken“ in drei Phasen ein, der vorklinischen, der klinischen und der nachklinischen Phase (Goffman 1973: 131). Der folgende Abschnitt widmet sich verstärkt diesen Phasen, da ein Thema des Films nämlich „männliche Homosexualität als Krankheit und dessen Heilung“ unter Beachtung der theoretischen Konzepte Goffmans und Rosenhans untersucht wird.

Die Vorklinische Phase: Devianz und die Folgen

Bevor die betroffene Person in die Klinik eingewiesen wird, muss sie ihren Mitmenschen irgendwie als „deviant“ aufgefallen sein. Meistens ist es die menschliche Umgebung (Freunde, Familie etc.), die bestimmte Handlungen des Akteurs als deviant ansehen.

Für Goffman gibt es drei Arten von Einstellungen des Akteurs bezüglich der klinischen Behandlung. Im ersten Fall wird er von Familie überredet, bzw. zu der Behandlung gedrängt, denn das abweichende Verhalten soll ein Ende haben, bzw. Akteur soll von seiner Devianz „geheilt“ werden (Goffman 1973: 132 f.). Im zweiten Fall kommt der Akteur in polizeilichem Geleit, also unter direktem physischem Zwang, was einer Kriminalisierung der Devianz nahekommt oder drittens, der Akteur kommt unter falschen Vorstellungen in so eine Klinik (Goffman 1973: 133).

Ab diesem Zeitpunkt beginnt die schrittweise Entmündigung des Patienten. Mit Anfang des Klinikaufenthaltes werden ihm Rechte und Beziehungen genommen. Ähnlich einem Strafgefangenen wird er vom normalen gesellschaftlichen Leben „draußen“ ausgeschlossen:

„Die moralischen Aspekte dieser Karriere beginnen also typischerweise mit der Erfahrung des Verlassenseins, des Treuebruchs und der Verbitterung (ebenda).“ Goffman verweist hier auf die Zufälligkeit und Willkürlichkeit dieser Karrieren. Es kann Zufall sein, dass ausgerechnet dieser Akteur durch seine Handlungen in eine Klinik eingewiesen wird, während Anderen dies nicht passiert, obwohl sie sich vielleicht auch deviant verhalten haben, bzw. ihre Handlungen blieben in anderen Fällen folgenlos. Was die provokante Frage aufwirft, ob einige Geisteskranke nicht an seelischen Krankheiten, sondern eher an Zufällen leiden (Goffman 1973: 134 f.).

Der Akteur wird „hintergangen“

Der Weg hin zur Hospitalisierung des Akteurs wird begleitet durch eine Kette von Agenten, die den Weg vom Status des Bürgers hin zum Patienten beeinflussen. An erster Stelle steht der nächste Vertraute, meist der nächste Verwandte, der - aus Sicht des devianten Akteurs - wahrscheinlich als letzter die geistige Gesundheit des Akteurs anzweifelt, bzw. in Krisenzeiten eine Vertrauensperson ist, an die man sich wenden kann (Goffman 1973: 135). An zweiter Stelle steht der Beschwerdeführer. Diese Person ist meist der Auslöser der Statusverschiebung hin zum klinischen Patienten, dies kann also ein Polizeibeamter, Psychiater, Geistlicher oder Arzt sein. Meist ist es eine Person, die legal befugt ist eine Einweisung in solch eine Klinik vorzunehmen, bzw. anzuordnen (ebenda). An dritter Stelle steht nun der Klinikleiter. Der Bürger ist zum klinischen Patienten geworden (Goffman 1973: 136).

Der Akteur wiederum kann das Verhalten seiner menschlichen Umgebung als Entfremdungskoalition erfahren, denn die Vertrauensperson kann auch gleichzeitig der Beschwerdeführer sein, d.h. sie kann den Akteur z.B. überreden einen Psychiater aufzusuchen. Weigert er sich, wird er vielleicht mit formellen oder informellen Sanktionen belegt, man droht ihm z.B. sein soziales Netzwerk zu zerstören, bzw. ihn im Stich zu lassen (Goffman 1973: 136 f.). Goffmann behauptet, dass normalerweise der Termin beim Psychiater schon lange im Voraus geplant ist, ohne Wissen und Zustimmung des betroffenen Akteurs. Die Vertrauensperson entwickelt sich zum Vertreter des Akteurs, der für ihn spricht, während der Akteur selbst zum Patienten gemacht wird. Der Akteur wurde hintergangen und fühlt sich auch so, die Vertrauensbasis zwischen ihm und Vertrauensperson ist zerstört (Goffman 1973: 137). Der Psychiater kommuniziert mit dem Akteur in der Rolle des Examinators und Diagnostikers, während er mit der Vertrauensperson alleine in der Rolle des Beraters spricht (ebenda). Der Akteur fühlt sich entfremdet von der Vertrauensperson, diese wiederum scheint mit dem Psychiater eine neue vertraute Konstellation zu bilden, bei der der Akteur ausgeschlossen ist.

Die Vertrauensperson wird dem dann klinischen Patienten versichern nur in seinem eigenen Interesse gehandelt zu haben. Dies impliziert, dass man davon ausgeht, der Patient könne nicht für sich selbst sprechen (Goffman 1973: 137). Dem Gefühl „betrogen worden zu sein“ kommt noch ein Faktor hinzu: Der Psychiater als dritte Person ist Zeuge dieses Betrugs, der Konflikt wird öffentlich sichtbar und scheint ihn daher noch zu verstärken. Goffmann meint, dass somit der Betrug an eine „Demütigungszeremonie“ erinnert, der Akteur wird seiner Würde beraubt (Goffman 1973: 138).

Das „Hintergehen“ des Akteurs durch die Entfremdungskoalition lässt sich an zwei Handlungsarten deutlich machen: Erstens werden dem Patienten bei der Einlieferung falsche Tatsachen vorgegaukelt, ihm werden eine erfolgreiche Behandlung und eine baldige Entlassung versichert, denn in der Regel assoziieren Menschen Kliniken mit freiwilligem Aufenthalt und temporärer ärztlicher Versorgung als mit einem „erzwungenem Exil“. Wenn er dann aber mit einer entgegensetzten Realität in einer Klinik konfrontiert wird, verstärkt sich bei ihm noch das Gefühl des Betrugs (Goffman 1973: 138 f.) Zweitens führt der Klinikaufenthalt zu einer Schrittweise Beraubung der Rechte und Freiheiten des Akteurs. Die Kette der Agenten, die mit dem Akteur in Verbindung treten, von der Vertrauensperson bis hin zur Einweisung in die Klinik, diese Kette von Personen versucht eine Art Täuschung aufrecht zu erhalten. Es wird dem vorklinischen Patienten direkt versichert oder indirekt suggeriert, dass keine Verschlechterung seiner Situation eintreten wird. Dabei geschieht genau das Gegenteil, er wird stillschweigend seiner Freiheiten und Rechte beraubt, denn man legt ihm nahe sich konform zu verhalten und die Anweisungen des Personals zu befolgen (Goffman 1973: 139 f.). Dies geschieht durch folgende „Taktik“: der Aufrechterhaltung einer Konversation mit dem Personal, sowie der Vermeidung von Unruhe. Damit wird dem Akteur suggeriert, er befindet sich in einer sicheren menschlichen Umgebung, die Personen um ihn herum scheinen nur an seinem Wohl interessiert zu sein und nicht daran ihn zu entmündigen und ihn in eine Klinik abzuschieben (Goffman 1973: 140).

[...]

Details

Seiten
44
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640663798
ISBN (Buch)
9783640664122
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154156
Institution / Hochschule
Universität Kassel – FB 05 - Gesellschaftswissenschaften Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
dem himmel so fern devianz norm sanktion abweichler regeln filmanalyse rassismus homosexualität kalter krieg

Autor

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