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Sind die Jugendlichen heute politikverdrossener als früher?

Hausarbeit 2009 22 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Politikverdrossenheit – Ein Definitionsproblem
1.1 Übersicht über die vorliegende Arbeit
1.2 Literaturbericht
1.3 Die formativen Jahre

2 Politikverdrossenheit „Früher“
2.1 Das politische Interesse der Jugendlichen Mitte der 50er Jahre (1955/1956)
2.2 Die politischen Zukunftsperspektiven der Jugendlichen Mitte der 80er Jahre
2.3 Der Beginn der 1990er Jahre – ein kurzer Abriss

3 Politikverdrossenheit „Heute“
3.1 Jugend
3.2 Jugend

4 Die wesentlichen Unterschiede zwischen Früher und Heute – Eine Gegenüberstellung

5 Fazit unter zu Hilfenahme einer eigenen Darstellung: Interesse und Desinteresse der Jugendlichen an Politik im Laufe der Jahre

6 Bibliographie

1 Politikverdrossenheit – Ein Definitionsproblem

1992 wurde „Politikverdrossenheit“ von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gewählt.[1] Nicht nur in Deutschland, sondern in allen westlichen Demokratien sei davon die Rede, so Maier.[2] Er bezeichnet Politikverdrossenheit als ein „Phänomen [...], das durch die Struktur moderner Demokratien hervorgerufen wird“[3] und somit auch „in der Lage [ist, d. V.], die Legitimität – und damit auch die Stabilität – von Demokratien zu gefährden.“[4]

Laut Maier sei dieses „Phänomen“, von dem Gabriel auch behauptet, es sei ein kollektives,[5] an folgenden Punkten zu erkennen:[6]

- Veränderung der Wahlbeteiligung
- Wahlverluste der Altparteien (somit Entstehung kleinerer Parteien)
- Nicht-Erfüllung der moralischen Anforderungen der politischen Akteure
- Veränderung der sozialen Basis der Wählerschaft

Politikverdrossenheit ist jedoch „kein statisches Phänomen, sondern unterliegt einem bislang ungeklärten Ausmaß an struktureller, zeitlicher und geographischer Variabilität.“[7]

Zwischen 1992 und 94 schenkte man der Politikverdrossenheit große Aufmerksamkeit.[8] Es ist aber immer noch unklar, womit sie gemessen werden kann.[9] Thierse bezeichnete zwar Politikverdrossenheit vor gut 15 Jahren als „medialen Mülleimer [...], in den alles hineingepackt wird, was auch nur entfernt an Kritik, Unzufriedenheit, Ängste, Unbehagen oder auch an anti-politische Vorurteile erinnert.“[10], dennoch existieren keine exakten Definitionen. – Die Schwierigkeit einer Definitionsfindung lässt sich schon allein an der Komplexität der Begriffe „Politik“ und „Verdrossenheit“ erkennen.

Sehr oft bezieht sich der Begriff auf Parteien,[11] Politiker, den Staat oder die Demokratie an sich.[12] Er gilt also als „Oberbegriff für Verdrossenheit mit einer Reihe spezifischer politischer Objekte.“[13] Auch Küchler benennt den politischen Verdruss als „konkret“ lokalisierbare Unzufriedenheit mit der „Art und Weise wie Politik gemacht wird.“[14]

Schedler hingegen unterscheidet zwei Dimensionen: Er ist der Meinung, dass „Politikverdrossenheit zum einen als Zustand, d. h. statisches Moment aufgefaßt werden kann, zum anderen aber durchaus auch als dynamischer Prozeß begriffen werden muß.“[15]

Insgesamt zeigt sich also, daß Politikverdrossenheit

1) ein Oberbegriff ist, unter dem spezifische Verdrossenheitsformen des Politikbereichs subsumiert werden können,
2) einerseits eine kritische, andererseits eine distanzierte individuelle Einstellung gegenüber dem jeweiligen Referenzobjekt umfaßt, die jedoch eher einen diffusen als einen spezifischen Charakter aufweist und
3) sowohl statische als auch dynamische Elemente beinhaltet.[16]

1.1 Übersicht über die vorliegende Arbeit

Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, ob die Jugendlichen früher weniger politikver- drossen waren als heute. Was ist nun zuerst einmal unter Politikverdrossenheit zu verstehen? Diese Frage wird unter 1 Politikverdrossenheit – Ein Definitionsproblem geklärt. „Früher“ bezieht sich auf einen relativ großen Zeitraum, genauer gesagt auf die 50er Jahre im Vergleich zu den 80er Jahren und das Jahrzehnt ab 1990. Mit „Heute“ hingegen dürfen die Jahre ab 2000 verstanden werden. Es geht um eine Gegenüberstellung der jeweiligen Einstellungen der Jugendlichen zur Politik. Innerhalb welchen Alters junge Menschen als Jugendliche gelten wird unter dem Gliederungspunkt 1.3 Die formativen Jahre genauer erläutert. Nachdem nun „Früher“ (2 Politikverdrossenheit „Früher“) und „Heute“ (3 Politikverdrossenheit „Heute“) dargestellt und verglichen (4 Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Früher“ und“Heute“) wurden, folgt unter 5 ein Fazit und die Beantwortung der Themenfrage:

Sind die Jugendlichen heute politikverdrossener als früher?

Zur Übersicht wurde dazu eine eigene Darstellung des Interesses bzw. Desinteresses der Jugendlichen an Politik im Laufe der Jahre angefertigt. Diese Daten und Werte gelten für die ganze Arbeit. Auf die teilweise vorhandenen Unterschiede der Einstellungen ost- und westdeutscher Jugendlichen soll hier aber nicht näher eingegangen werden, da das zu weit führen würde. Wenn verschiedene Zahlen zu Ost und West genannt werden, dann nur in Ermangelung anderer Daten. Zu „den Jugendlichen“ zählen ab der Wiedervereinigung 1989/90 (hier insbesondere ab der Shell-Studie `92) die Jugendlichen der gesamten Bundesrepublik Deutschland.

1.2 Literaturbericht

Um sich zunächst einmal einen allgemeinen Überblick über das Phänomen „Politikverdrosssenheit“ zu schaffen, eignet sich sehr gut das von Jürgen Maier verfasste Buch „Politikverdrossenheit in der Bundesrepublik Deutschland“. Hier wird Grundlegendes zum Begriff der Politikverdrossenheit ebenso erläutert, wie die Dimensionen derselben oder gar ihre Konsequenzen, außerdem beinhaltet das Werk Aussagen anderer Wissenschaftler zum Thema. Ergänzen lassen sich diese Erkenntnisse durch Iris Huths „Politische Verdrossenheit“, die die Strukturen derselben noch näher beleuchtet. Um Ingleharts Theorie des Wertewandels und damit einhergehend die „formativen Jahre“ näher zu beleuchten, kann man die Diplomarbeit von Steffen Philipp Schmidt zu Hilfe nehmen, aber auch Christian Duncker gibt in seinen „Dimensionen des Wertewandels in Deutschland“ eine gute Übersicht.

Um nun dem eigentlichen Thema, also der Frage nach der Politikverdrossenheit der Jugendlichen, nachzugehen, zieht man am Besten die verschiedenen „Shell-Studien“ zu Rate. Diese liegen teils in Buchform vor (v. a. die älteren Studien), neuere Informationen jedoch sind über die offizielle Internetseite der Shell (http://www.shell.de/) zugänglich. Zu beachten ist, dass die älteren Shell-Studien oft nicht als solche direkt gekennzeichnet und sofort erkennbar sind, d. h. unter Shell-Studie 1955 z. B. wird man wenig finden. Hilfreicher ist es, einfach unter „Jugend 1955“ zu recherchieren. Auch politische Zeitschriften wie „Aus Politik und Zeitgeschichte“ bieten viele Artikel über das Thema; häufig wird hier jedoch zwischen den Jugendlichen im Westen und Osten (auch nach dem Mauerfall) unterschieden – dieser Aspekt wurde aber, wie schon erwähnt, in der vorliegenden Arbeit komplett ausgeklammert.

1.3 Die formativen Jahre

Die Jahre, in denen ein Prozess des Wandels von Statten geht – ungefähr im Alter zwischen acht und 22 - sind die sogenannten formativen (= gestaltend, die Gestaltung betreffend[17] ) Jahre, da nach Ronald Inglehart die jungen Menschen in dieser Zeit besonders formbar (siehe Pubertät) sind. Die Wertvorstellungen eines Menschen spiegeln oft die Bedingungen wider, die er während seiner formativen Jahre erlebt hat.

Im Folgenden ist immer von „den Jugendlichen“ die Rede. Es handelt sich um das Alter zwischen 14 und 19 (Jugendliche im eigentlichen Sinn) und zwischen 20 und 29 (junge Erwachsene).

2 Politikverdrossenheit „Früher“

2.1 Das politische Interesse der Jugendlichen Mitte der 50er Jahre

1955 bekunden 57 von 100 Jugendlichen ihr Desinteresse an der Politik, nur zwei Fünftel hingegen geben an, politisch interessiert zu sein.[20] Insgesamt sind in beiden Jahren gut 50% der männlichen Jugendlichen (57%), aber nur ein Viertel der weiblichen Jugendlichen am politischen Geschehen interessiert.[21] Hier stellt sich die Frage, warum das so ist. 1955 gaben die Mädchen noch an, dass die Politik die Sache der Männer sei und den Charakter verderbe.[22] Sie sind „noch stärker bereit, Vorschriften kritiklos zu befolgen“ als die Jungen.[23] Je älter und gebildeter (höherer Schulabschluss, Beamter oder Behördenangestellter als Beruf des Vaters) die Jugendlichen sind, desto mehr setzten sie sich mit Politik an sich auseinander[24] und waren dem Staat gegenüber positiv eingestellt.[25] 1956 interessierten sich 54% der Berufstätigen mit gehobener Schulbildung, 50% der Schüler und Studenten und 34% der Berufstätigen mit Volksschulbildung für Politik.[26]

Die Feststellung der zweiten Jugenduntersuchung vom Jahre 1954 [vgl. EMNID-Institut für Meinungsforschung, 1955, d. V.], daß ein großer Teil der Jugend an der Politik kein Interesse nimmt, wird hier bestätigt. Es läßt sich sogar eine leichte Zunahme der Desinteressierten erkennen.[27] [...] Während es im Jahre 1954 57 Prozent waren, die angaben, daß sie sich nicht für Politik interessierten, sind die Jugendlichen mit dieser Einstellung im Jahre 1955 auf 62 Prozent angewachsen.[28]

Arbeiterkinder und Kinder von Selbstständigen waren 1955 der Politik gegenüber skeptisch und abneigend eingestellt, Landwirtskinder hingegen führten einfach mangelndes Interesse an.[29] 1956 wird dieser Grund noch einmal wesentlich häufiger genannt (48% der politisch desinteressierten Jugendlichen).[30] Ebenso ist die Landjugend wesentlich weniger politikinteressiert als die Stadtjugend,[31] was sich auch daran zeigt, dass die Jugend in größeren Wohnorten kritischer mit dem aktuellen Tagesgeschehen und somit der Politik umgeht.[32] Sie war dem Staat gegenüber eher negativ eingestellt.[33] Bemerkenswert an diesen Erhebungen ist, dass „auch die für den heutigen Staat [also 1955, d. V.] positiv eingestellten Jugendlichen n u r zur Hälfte politisch interessiert sind.“[34]

[...]


[1] Vgl. Huth 2004: 9

[2] Vgl. Maier 2000: 13

[3] Ebd.

[4] Ebd.: 14

[5] Vgl. Gabriel 1994, in: Hepp/Schiele/Uffelmann, o. J.: 105

[6] Vgl. Maier 2000: 14f.

[7] Ebd.: 18

[8] Vgl. ebd.: 15

[9] Vgl. ebd.: 16

[10] Thierse 1993: 19, in: in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 31, 1993: 19-25

[11] Vgl. Maier 2000: 19

[12] Vgl. Huth 2004: 9

[13] Maier 2000: 20

[14] Küchler 1982, in: Raschke, o. J.: 65

[15] Schedler 1993, in: Politische Vierteljahresschrift, B 34, 1993: 416

[16] Maier 2000:22

[17] http://www.dudensuche.de/suche/trefferliste.php?suchbegriff[AND]=formative&suche=homepage&treffer_

pro_seite=10&modus=title&level=125&x=0&y=0 (Stand: 22.04.2009)

[18] Vgl. EMNID-Institut für Meinungsforschung 1955

[19] Vgl. ebd.: 79 und Fröhner 1956: 114

[20] Vgl. EMNID-Institut für Meinungsforschung 1955: 79

[21] Vgl. Fröhner 1956: 114

[22] Vgl. EMNID-Institut für Meinungsforschung 1955: 81

[23] Ebd.: 82

[24] Vgl. ebd.: 79

[25] Vgl. ebd.: 87

[26] Vgl. Fröhner 1956: 113

[27] Ebd.: 113

[28] Ebd.: 114

[29] Vgl. EMNID-Institut für Meinungsforschung 1955: 81

[30] Vgl. Fröhner 1956: 114, 116

[31] Vgl. EMNID-Institut für Meinungsforschung 1955: 79

[32] Vgl. ebd.: 82

[33] Vgl. EMNID-Institut für Meinungsforschung 1955: 86

[34] Ebd.: 80

(1955[18] /1956[19] )

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640666539
ISBN (Buch)
9783640666393
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154206
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Politikverdrossenheit Jugendliche Politik

Autor

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Titel: Sind die Jugendlichen heute politikverdrossener als früher?