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Die zentralen Theorien des Zweitspracherwerbs

Die Erwerbsprämissen und daraus resultierenden Konsequenzen für die Schulbildung

Hausarbeit 2010 19 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Spracherwerb
2.1 Erstspracherwerb
2.2 Zweitspracherwerb
2.2.1 Ungesteuerter Zweitspracherwerb
2.2.2 Gesteuerter Zweitspracherwerb
2.3 Unterschiede Erst- und Zweitspracherwerb

3 Die Theorien des Zweitspracherwerbs
3.1 Kontrastivhypothese
3.2 Identitätshypothese
3.3 Interlanguage-Hypothese
3.4 Die „Monitor-Theorie“ nach Krashen
3.5 Pidginisierungshypothese
3.6 Interdependenz- und Schwellenniveauhypothese

4 Konsequenzen für türkische und russische Lerner
4.1 Das Türkische
4.2 Das Russische
4.3 Schlussfolgerungen

5 Konsequenzen für den Unterricht

6 Literaturverzeichnis
6.1 Monografien
6.2 Herausgeberschriften
6.3 Zeitschriftenartikel

1 Einleitung

Die menschliche Sprache ist das größte Kulturgut der humanen Gesellschaft und der essentielle Unterschied, der uns von anderen Lebewesen abgrenzt. Sprache ist die höchst entwickelte Form der Kommunikation und in ihr sind die kollektiven Erfahrungen einer Gesellschaft gespeichert. Umso bedeutender erscheint die Frage, wie sich Sprachkompetenz aufbaut und entwickelt. Unter welchen Rahmenbedingungen wird der bestmögliche Spracherwerb gewährleistet? Welche Methoden und Bedingungen fördern den Spracherwerb? Welche Faktoren beeinflussen den Zweitspracherwerb?

Um diese Fragen beantworten zu können, muss man zuerst einige Definitionen und terminologische Abgrenzungen vornehmen. Aufgrund dessen werde ich im ersten Teil zunächst erläutern, was allgemein unter den Begriffen Erst- und Zweitspracherwerb verstanden wird. Daran anschließend werde ich insbesondere den Zweitspracherwerb expliziter erläutern und die Unterschiede zum Erstspracherwerb herausstellen. Darauf aufbauend werde ich die zentralen Theorien des Zweitspracherwerbs darstellen. Bevor ich hieraus abschließende Konsequenzen für die Schulbildung ziehe, werde ich im Vorfeld eine kurze Charakteristika der beiden Sprachen Türkisch und Russisch vornehmen, da diese vor dem Hintergrund des besuchten Seminars und der Vielzahl in Deutschland lebenden Migranten mit einer der jeweiligen Erstsprache von außerordentlichem Interesse sind.

2 Spracherwerb

2.1 Erstspracherwerb

Der Begriff Erstspracherwerb bezeichnet im Kern den Vorgang, in dem Säuglinge unbewusst die Sprache lernen, die in ihrem Umfeld primär gesprochen wird. Dieser Vorgang findet bis zur mittleren Kindheit in intensivierter Form statt, verzögert sich ab diesen Punkt und dauert in der Regel bis zur Pubertät an. Die erste intensive Phase des Spracherwerbs wird auch sensible Phase genannt und als äußerst prägend für den Erwerb angesehen, da Kinder in dieser Zeit eine gesteigerte Sensibilität für das Erlernen von Sprachen aufweisen. Explizite Altersgrenzen gibt es für diese Phase nicht, gleichwohl zeigen Kinder, die nach dieser Phase mit Sprache in Berührung kommen, eine gesunkene Sensibilität für den Spracherwerb auf[1].

Abzugrenzen ist dieser Spracherwerb von anderen Formen, wie z.B. dem Sprachunterricht. Die erste Phase des Erstspracherwerbs ist ein natürlicher ungesteuerter Prozess, da er „[...] nicht durch Sprachunterricht gelenkt[...]“[2] wird. Additiv entwickelt das Kind seine kognitiven und sozialen Fähigkeiten. Die soziale Kompetenz umfasst das Erlernen der moralischen und kulturellen Maxime der jeweiligen Gesellschaft, um aktiv am sozialen Leben teilhaben und mit anderen Menschen interagieren zu können. Aufgrund dessen korreliert die Ausbildung der sozialen Kompetenz immens mit dem Erstspracherwerb[3]. Die kognitiven Fähigkeiten beinhaltet die Kenntnis über elementare Sprachstrukturen, wie die Deixis oder das Zeitkonzept.

2.2 Zweitspracherwerb

Der Zweitspracherwerb bezeichnet das Erlernen einer weiteren Sprache, nachdem der Erstspracherwerb abgeschlossen ist. Sofern das Erlernen simultan zum Erstspracherwerb stattfindet, wird von einem bilingualen Erstspracherwerb gesprochen. Klein (1992) verwendet diesen Begriff, wenn das Kind bis zum dritten Lebensjahr mit dem Erlernen einer zweiten Sprache beginnt[4]. Dieser sekundäre Erwerbsprozess ist insbesondere für Kinder/Jugendliche im Alter von drei bis fünfzehn Jahren mit weitaus weniger Mühen und Anstrengungen verbunden. Erwachsene, die im Nachhinein eine weitere Sprache erlernen wollen, müssen hierfür „[...] andere, kognitiv aufwändigere und weniger zuverlässige Lernwege einschlagen [...]“[5]. Ein häufig verwendetes Synonym für den Zweitspracherwerb ist der Begriff des Fremdsprachenerwerbs. Diese Gleichsetzung ist jedoch keineswegs angebracht, was im Folgenden kurz erläutert werden soll.

2.2.1 Ungesteuerter Zweitspracherwerb

Der ungesteuerte Zweitspracherwerb bezeichnet das Erlernen einer Sprache ohne Eingriffe von externen Lehrpersonen. Demnach wird der Erwerb durch die alltägliche Kommunikation in sozialen Interaktionen gewährleistet. Zu Beginn stehen dem Akteur in der Regel lediglich nonverbale Mittel zur Verfügung, um mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten. Diesen Sprachbestand muss er zum einen nutzen, um andere zu verstehen und um selbst zu verstehen, was andere ihm mitteilen möchten (Kommunikationsaufgabe). Zum anderen muss er sich an seine soziale Umwelt anpassen, indem er die jeweilige Sprache umfassender erlernt und somit sein sprachliches Repertoire erweitert (Lernaufgabe). Der Unterschied zwischen diesen beiden Aufgaben besteht darin, dass die Lernaufgabe einen dynamischen Charakter hat, der die Erwerbsprozesse forciert. Dem gegenüber hat die Kommunikationsaufgabe lediglich einen manifestierenden Status, die bereits Erlerntes festigt, jedoch nicht am Neuerwerb beteiligt ist.

Des Weiteren achtet der Akteur beim ungesteuerten Zweitspracherwerb weniger auf die grammatikalische oder phonetische Korrektheit seiner Äußerungen. Sein primäres Ziel ist es, seine Wünsche und Interessen verständlich zu machen.

2.2.2 Gesteuerter Zweitspracherwerb

Im Gegensatz zum ungesteuerten Zweitspracherwerb wird das Erlernen bei dieser Form durch Erklärungen zur Aussprache, Semantik und Grammatik angeleitet. Darüber hinaus findet der Erwerb nicht primär in natürlichen Kommunikationssituationen statt, sondern innerhalb eines bestimmten Personenkreises unter fachlichen Führung. Zur Simulation der natürlichen Kommunikationssituationen können Rollenspiele initiiert werden. Gleichwohl sind diese fernab der Realität und die Intention ist nicht das Sprechen aus Bedürfnisgründen heraus, sondern vielmehr der „Zwang“ sprechen zu müssen. Daraus folgt, dass der gesteuerte Zweitspracherwerb mit dem Fremdsprachenerwerb gleich zu setzen ist. Umgekehrt gilt, dass der ungesteuerte Zweitspracherwerb den „eigentlichen“ reinen Zweitspracherwerb meint. Angesichts der Relevanz kann davon ausgegangen werden, dass die Zweitsprache einen weitaus höheren Stellenwert für den Akteur hat, da er sie zur alltäglichen Kommunikation benötigt. Eine Fremdsprache ist hingegen „nur“ im Unterricht oder Sprachunterricht von Bedeutung. Darüber hinaus handelt der Akteur beim Zweitspracherwerb weitaus öfter aus intrinsichen Beweggründen[8], da er die Sprache zum einen beherrschen muss, um sich in der Gesellschaft zu Recht finden zu können und zum anderen, da er sich in der Regel für das jeweilige Land und seine Kultur als Lebensstandort freiwillig entschieden hat. Der Fremdsprachenerwerb findet dagegen häufig in Bildungsinstitutionen statt und ist eine „von oben“ diktierte Notwenigkeit in der schulischen Ausbildung. Der Akteur hat auf die Wahl der jeweiligen Sprache nur einen begrenzten Einfluss (Auswahlmöglichkeiten), was häufiger zur Ablehnung oder Verweigerung des Spracherwerbs führt. Sofern der Akteur jedoch aufgrund äußerer Einflüsse (z.B. eine drohende schlechte Note, Repressalien der Eltern) gezwungen ist, sich mit der Sprache und dem Erwerb auseinander zu setzen, spricht man von extrinsischer Motivation.

2.3 Unterschiede Erst- und Zweitspracherwerb

Bevor ich die zentralen Unterschiede herausstelle, lässt sich beim Vergleich der beiden Erwerbsprozesse eine gewisse Ähnlichkeit erkennen, die ich kurz beschreiben möchte. Beim Zweitspracherwerb muss sich der Akteur die Sprache ohne Vorkenntnisse und ohne externe Hilfen selbst erschließen. Dieser Umstand ist vergleichbar mit der Situation des Säuglings/Kindes, der sein Repertoire ebenfalls nach und nach erweitern muss. Nichts desto trotz gestaltet sich der Zweitspracherwerb nach differenten Prämissen, die im Folgenden dargestellt werden[9].Wie bereits einleitend erwähnt, beeinflusst der Erstspracherwerb die Ausbildung sozialer und kognitiver Fähigkeiten. Bezüglich der sozialen Faktoren offenbart sich beim Zweitspracherwerb eine gewisse Problematik, da der Akteur bereits seine soziale Identität ausgebildet hat und diese nicht aufgeben möchte bzw. nicht in vollem Umfang. Daraus können entscheidende Barrieren beim Zweitspracherwerb resultieren. Anders gestaltet sich dies bei den bereits erlernten kognitiven Fähigkeiten. Der Akteur verfügt bereits über Sprechmuster, die ihm den Zweitspracherwerb erleichtern können. Hierfür muss er die bekannten Muster derart verändern, dass sie für die neue Sprache gültig werden. Zur Bewältigung können sie dabei auf bekannte Strategien und Methoden zurückgreifen, was den Erwerb immens erleichtert[10].

[...]


[1] vgl. Szagun, Gisela: Das Wunder des Spracherwerbs. So lernt ihr Kind sprechen. Weinheim: Beltz 2007. S. 118 ff.

[2] Kniffka, Gabriele, Gesa Siebert-Ott: Deutsch als Zweitsprache. Lehren und Lernen. Paderborn: Schöningh 2007. S. 29

[3] vgl. Klein, Wolfgang: Zweitspracherwerb. Eine Einführung. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Hain 1992. S. 16

[4] vgl. ebenda. S. 27.

[5] Huneke, Hans-Werner, Wolfgang Steinig: Deutsch als Fremdsprache. Eine Einführung. Berlin: Schmidt 2005 S. 11.

[6] vgl. Klein, Wolfgang: Zweitspracherwerb. Eine Einführung. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Hain 1992. S. 28 ff.[6]

[7] vgl. Klein, Wolfgang: Zweitspracherwerb. Eine Einführung. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Hain 1992. S. 31 ff.[7]

[8] unter der intrinsichen Motivation versteht man die Motivation aus innerem Antrieb (Neugier, Interesse).

[9] vgl. Dimensionen der Erziehung und Bildung. Hrsg. von Adrian Schmidtke. Göttingen: Universitätsverlag Göttingen 2005. S.164 f.

[10] vgl. ebenda.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640671700
ISBN (Buch)
9783640672035
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154226
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Theorien Zweitspracherwerbs Erwerbsprämissen Konsequenzen Schulbildung

Autor

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Titel: Die zentralen Theorien des Zweitspracherwerbs