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Migration und soziale Integration in Deutschland anhand von Fallbeispielen

von Derya Özdemir (Autor)

Examensarbeit 2010 68 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Teil
2.1 Definition der Begriffe Migration und Integration
2.2 Soziale Integration in der Bundes Republik Deutschland (aktuelle Lage)
2.2.1 Probleme und Schwierigkeiten der sozialen Integration
2.2.2 Lösungsvorschläge für eine soziale Integration
2.3 Die Kollektivisten
2.3.1 Erfolg durch die Unterstützung der Eltern
2.3.2 Erfolg durch die Unterstützung der Geschwister
2.3.3 Erfolg durch die Unterstützung der Freunde
2.3.4 Erfolg durch die Unterstützung der Schule und Lehrer
2.4. Die Individualisten
2.4.1 Erfolg durch die Unterstützung der Eltern
2.4.2 Erfolg durch die Unterstützung der Freunde
2.4.3 Erfolg durch die Unterstützung der Schule und Lehrer
2.5 Vergleich Kollektivisten und Individualisten

3 Praktischer Teil: Fallbeispiele
3.1 Shell-Jugendstudie
3.2 Fallbeispiel 1: Yasemin und Ayse: „Wir vergessen nicht, dass wir Türken sind.“
3.3 Fallbeispiel 2: Reyhan: „Ich würde auch einen Helm tragen, darauf steht: ch bin Moslem.“ deutsch noch türkisch bin.“
3.5 Fallbeispiel 4: Gönül:„Ich bin in diesem westlichen Denken drin.“

4 Fazit

5 Literatur

1 Einleitung

Das Thema Migration und soziale Integration ist ein in der Politik und der Gesellschaft sehr präsentes und immer wieder diskutiertes Thema. Ganz aktuell sind die Aussagen des Ex-Finanzsenators Thilo Sarrazin, der vor allen Dingen die Migrantensituation in Berlin sehr stark kritisiert. Sarrazin sagt: „Große Teile der arabischen und türkischen Bevölkerung sind nicht integrationsfähig oder integrationswillig.“ (Hunfeld 2009, 42) Sarrazin stößt mit seinen Aussagen auf herbe Kritik, findet jedoch auch Zustimmung in der deutschen Bevölkerung. Im Gegenzug dazu geraten vermehrt erfolgreiche Migranten in den Vordergrund der Diskussion, sei es durch Bildungsforscher oder Politiker. Die zentrale These der nun folgenden Examensarbeit wird sich auf die kontrovers diskutierte Frage der sozialen Integration der Migranten beziehen.

Zu Beginn werden die zentralen Begriffe Migration und Integration definiert und näher erläutert, um anschließend die aktuelle Lage der sozialen Integration in der Bundesrepublik Deutschland darzustellen. Hierbei wird der Fokus stark auf die Integration der Migranten in das deutsche Bildungssystem gelegt. Weiter werden die Gründe des Scheiterns für Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem näher beleuchtet und anschließend wichtige Punkte zur erfolgreichen Integration angeführt.

Eine weitere schwere Gewichtung in der Theorie fällt auf die Betrachtung von erfolgreichen Migranten in der Bundesrepublik Deutschland. Unterschieden wird hierbei zwischen zwei Migrationstypen, die verschiedene Einstellungen und Lebensweisen haben. Die Migrationstypen der Kollektivisten und Individualisten werden anschließend nach Raiser (2007) definiert, dargestellt und verglichen.

Die Unterstützungsinstanzen Familie, Freunde, Geschwister und Schule (Lehrer), die den Migranten den erfolgreichen Bildungsweg ermöglichen, werden als nächstes benannt und ihre Funktion wird genau erläutert. Zentral bei der Betrachtung der beiden Migrations-gruppen sind die Unterschiede, die herausgearbeitet und abschließend zusammengefasst besprochen werden.

Im danach folgenden praktischen Teil werden vier Fallbeispiele von erfolgreichen Migranten aus der Shell-Jugendstudie 2000 in einer Kurzbiographie vorgestellt, um sie anschließend auf die Theorie der Kollektivisten und Individualisten nach Raiser (2007) zu beziehen. Ziel ist es, die vier Fallbeispiele einem der beiden Migrationstypen zuzuordnen. Hierzu werden die Interviews der vier Migranten auf die zentralen Anhaltspunkte der Theorie untersucht. Übereinstimmungen und Probleme werden bei der Zuordnung detailliert herausgearbeitet.

2 Theoretischer Teil

2.1 Definition der Begriffe Migration und Integration

Der Begriff der Migration stammt aus dem Lateinischen und ist mit den deutschen Begriffen „wandern“, „wegziehen“ und „Wanderung“ gleichzusetzen. (Vgl. Han 2005, 7.)

In der Soziologie wird der Begriff der Migration nach Han (2005, 1) wie folgt definiert: „Bewegungen von Personen und Personengruppen, die einen dauerhaften Wohnortwechsel bedingen.“ Unterschieden wird hierbei die Binnenmigration von der internationalen Migration.

Die Binnenmigration erfasst die Migration innerhalb der Nation und die internationale Migration die Migration in ein anderes Land. Hierbei wird zusätzlich die Immigration (Einwanderung) von der Emigration (Auswanderung) differenziert betrachtet. (Vgl. Han 2005, 9.)

Wichtig bei der Betrachtung des Begriffs Migration sind die Beweggründe der Menschen, die eine Migration veranlassen. Das können politische, private oder soziale Gründe sein. Die Hoffnung auf eine verbesserte Lebenssituation ist ein ganz entscheidender Faktor.

Die Entwicklung im Aufnahmeland kann ebenfalls in unterschiedliche Richtungen verlaufen. Migranten werden mit möglichen Diskriminierungen, Integrationsversuchen und Rückkehrplänen in ihrem Lebenslauf konfrontiert werden.

Der Begriff der Integration stammt von dem lateinischen Wort integratio ab und bedeutet „die Wiederherstellung eines Ganzen“ (www.duden-suche.de, 09.09.28).

Laut Esser gibt es zwei Arten der Integration:

(1) die Systemintegration und
(2) die Sozialintegration.

Die Systemintegration bezeichnet den Zusammenhang eines sozialen Systems, wo hingegen die Sozialintegration sich auf die Individuen und deren Einbezug in ein bestehendes soziales System bezieht. (Vgl. Esser 2001, 1.)

Bei der Integration von Migranten ist die Sozialintegration von größerer Relevanz. Aus diesem Grund werde ich diese Art von Integration näher erläutern.

Die Sozialintegration wird in vier Dimensionen unterschieden:

(1) die Kulturation,
(2) die Platzierung,
(3) die Interaktion und
(4) die Identifikation.

Die Kulturation bezeichnet den Erwerb von Wissen und Fertigkeiten, einschließlich der Sprache. Die Platzierung bedeutet die Übernahme von Positionen und die Verleihung von Rechten. Die Interaktion umfasst die sozialen Beziehungen im alltäglichen Bereich, die geknüpft werden. Die Dimension der Identifikation wird erreicht, sobald eine emotionale Zuwendung zu dem betreffenden sozialen System vorhanden ist. (Vgl. Esser 2001, 1.)

Weiterhin unterscheidet Esser (2001, 2) vier Fälle, die bei dem Versuch einer Sozialintegration zutreffen können:

(1) die Mehrfachintegration,
(2) die Marginalität,
(2) die Assimilation und
(4) die Segmentation.

Die Mehrfachintegration bedeutet die gleichzeitige Integration in das Aufnahmeland und in die Herkunftsgesellschaft. Sie ist allerdings nur unter sehr speziellen Verhältnissen zu erwarten und kommt eher selten vor. Voraussetzungen wären eine hohe Bildung der Eltern, gleichzeitiger Kontakt mit beiden Kulturen und die Freisetzung von materiellen Sorgen. Die Marginalität bedeutet das Scheitern jeglicher Sozialintegration. Die Assimilation bezeichnet die ausschließliche Integration in dem jeweiligen Aufnahmeland, wo hingegen die Segmentation die Sozialintegration in die Herkunftsgesellschaft oder die ethnische Gemeinde im Aufnahmeland darstellt. (Vgl. Esser 2001, 2.)

„Der Schlüssel zur Sozialintegration in das Aufnahmeland ist die Sprache und die daran anschließende strukturelle Assimilation in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt.“ (Esser 2001, 3)

Behindert wird die soziale Integration nach Esser (2001, 3) durch ethnische Gemeinden im Aufnahmeland und durch andauernden Kontakt zum Herkunftsland.

Für Migranten ist der Prozess der Sozialintegration ein Prozess über mehrere Generationen. Der frühzeitige Kontakt mit der Aufnahmegesellschaft und die Eingliederung in vorschulische Einrichtungen sind hierbei für die Folgegenerationen von ganz zentraler Bedeutung. Lange Trennungszeiten der Eltern, spätes Einreisealter der Kinder und zu später Kontakt mit Bildungseinrichtungen wirken sich sehr negativ auf den Prozess der sozialen Integration aus. (Vgl. Esser 2001, 3.)

2.2 Soziale Integration in der Bundesrepublik Deutschland

(aktuelle Lage)

„In den vergangenen Jahren haben sich das durchschnittliche Niveau der Schulabschlüsse wie auch der Anteil der Studierenden an Hochschulen von Kindern aus Einwandererfamilien in Deutschland erhöht.“ (King/Koller 2006, 15)

„Im Vergleich zu den Deutschen ohne Migrationshintergrund weisen die Migranten ein niedrigeres Bildungsniveau auf, sowohl bei den allgemeinen Schul- als auch bei den beruflichen Bildungsabschlüssen. Migranten aus den ehemaligen Anwerbestaaten, insbesondere aus der Türkei, verfügen über das niedrigste Qualifikationsniveau.“ (Konsortium Bildungsbericht-erstattung 2006,146-147)

Wie man anhand der beiden angeführten Zitate erkennen kann, ist ein aktuelles Problem der Bundesrepublik Deutschland die Integration der Migranten in das Bildungssystem und darauf folgend auch für das Erwerbssystem. Entscheidend für die soziale Integration der Migranten in Deutschland ist die Bildung, weil ohne eine berufliche Integration eine gesellschaftliche Integration der Zuwanderungspopulation dauerhaft schwer vorstellbar ist.

(Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, 158.) Die zahlreichen Studien (u. a. PISA, TIMSS, PIRLS/IGLU und Bildungsbericht 2006) haben die Defizite zum Vorschein gebracht. Im Gegenzug hierzu treten jedoch vermehrt auch erfolgreiche und hoch begabte Migranten in den Vordergrund der Alltags-diskussion. Ein Erklärungsansatz des Bildungsberichts von 2006 ist hierzu, dass es dem deutschen Bildungssystem mittlerweile gelingt, die qualifizierten Migranten zu fördern, jedoch nicht die Bildungshemmnisse bei den Problemgruppen auszugleichen.

2.2.1 Probleme und Schwierigkeiten der sozialen Integration

Um diese These näher zu beleuchten, werde ich anschließend einige Gründe des Scheiterns für Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem aufzeigen und im nächsten Abschnitt weiterhin wichtige Punkte zur erfolgreichen Integration anführen.

Raiser (2007) unterscheidet zwischen drei ganz entscheidenden Erklärungsansätzen für Bildungsunterschiede in Deutschland.

Die humankapitaltheoretische Erklärung nimmt eine ganz zentrale Rolle hierbei ein, weil sie „derzeit die einflussreichste und empirisch am besten belegte Position ist.“ (Raiser 2007, 18)

Die Erklärung stützt sich auf die Aussage, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund aufgrund ihrer mangelnden Ausstattung mit Humankapital im Bildungssystem schlechter abschneiden. (Vgl. Raiser 2007, 18.) Als erstes und wichtigstes Humankapital wird die Sprache genannt, die für eine soziale Integration und eine Bildungskarriere unabdingbar ist. (Vgl. Raiser 2007, 18.) Ein großes Problem der Bundesrepublik Deutschland ist jedoch, dass fast jede/r vierte Schüler/in mit Migrationshintergrund eine Schule besucht, in der Migranten auch die Mehrheit stellen. Jugendliche, die zuhause schon kaum Deutsch sprechen, vermeiden dies nun auch, so gut es geht, in der Schule, weil sie mit anderen Migranten in ihrer Muttersprache kommunizieren. „Jeder sechste verwendet auch unter Freunden eher seine Herkunftssprache.“ (Konsortium Bildungsbericht-erstattung 2006, 162) Es entsteht ein Teufelskreis in Schulen mit sehr hohem Migrantenanteil, weil die Schüler/innen somit in ihren sozialen und ethnischen Gruppen abgeschottet leben, sowohl privat als auch in der Bildungsanstalt. (Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, 163.)

Weiterhin ist die Bildungsausstattung der Eltern, nach dem Bildungsbericht 2006, maßgeblich für den Bildungserfolg der Kinder und somit der nächsten Generation. Bei Eltern mit Hauptschulabschluss ist der Kindergartenbesuch der Nachkommen um 5 % niedriger als bei Eltern mit höherem Abschluss. (Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, 150.) Die Migrantenkinder sind in dem Bereich Schule meist aufgrund der Bildungsferne ihrer Eltern, beengender Wohnverhältnisse, größerer Geschwisteranzahl, mangelnder Kontrolle und großem Ausmaß an elterlicher Berufstätigkeit auf sich allein gestellt.

(Vgl. Bender/Hesse 1987, 37.) Die Fakten belegen ebenfalls, dass ein ganz zentrales Problem für die Migrationspolitik in Deutschland das besonders niedrige soziale und kulturelle Kapital ist, das Jugendlichen aus Familien von Zugewanderten mit auf den Weg gegeben wird. (Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, 172.) Das Elternhaus ist eine ganz entscheidende Instanz in Bezug auf die Integration und die Bildungschancen der Nachkommen. (Vgl. Zölch/King 2009, 69.)

Die kulturell-defizitäre Ursache ist weiter eine maßgebliche Erklärung für Bildungshindernisse von Migranten. Gemeint ist hierbei die Übertragung von Werten und Normen der ersten auf die zweite Generation, die mit den Ansichten der Mehrheits-gesellschaft kaum zu vereinbaren sind. Die Erziehungsprinzipien der Eltern und ihre Auffassung von Lernen und Leistung sind oft eine andere als die des deutschen Bildungssystems. (Vgl. Raiser 2007, 16.) Dieser Erklärungsansatz beschränkt sich auf eine typische Vorstellung einer muslimischen Familie, in der das Hauptziel der Eltern ist, dass die Söhne möglichst schnell Geld verdienen und die Töchter wenig Bildung genießen, sodass sie die häuslichen Aufgaben übernehmen. Im Hintergrunddieser Ansicht steht keine soziale Integration, sondern die Rückkehr in das Heimatland, sobald man sich materiell abgesichert hat. Die dadurch entstehenden Bildungsdefizite und die kulturelle Segregation der zweiten Generetion behindern die Integration und den Bildungserfolg ungemein. (Vgl. Raiser 2007, 15.) Zudem ist es für die Migranten schwierig, die Erfahrungen mit der Herkunfts-gesellschaft und der Familie mit den Eindrücken der moderni-sierten Ankunftsgesellschaft zu kombinieren. Durch diese verschiedenartigen Erfahrungen entstehen bei den Jugendlichen regelmäßig psychische oder soziale Schwierigkeiten, die auch die Bildungskarrieren erschweren können. (Vgl. King/Koller 2006, 19.)

Der letzte Erklärungsansatz bezieht sich auf die Mechanismen institutioneller Diskriminierung. „Migrationsjugendliche sind die am meisten benachteiligte Gruppe des Bildungssystems.“ (Hummerich 2006, 86) Auch die PISA-Studie 2001 erbringt den Beweis, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem direkt und indirekt aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt werden. Zu den weiteren erschreckenden und unverständlichen Ergebnisse zählt, dass fast der Großteil der Jugendlichen mit starken Bildungsdefiziten durchgehend die deutsche Schule besucht hat. Laut der OECD (2006) ist Deutschland das einzige Land von 17 Vergleichsstaaten, in dem Migrantenkinder, die ihr gesamtes Leben und ihre gesamte Schullaufbahn in Deutschland verbracht haben, sogar schlechter abschneiden als Kinder, die selbst eingewandert sind. Der Bildungsbericht von 2006 hat zudem die Diskriminierung von Migrantenkindern bei der Benotung in der Schule aufgegriffen und bestätigt: „Schüler mit Migrationshintergrund erhalten in der Grundschule bei derselben Leistung etwas schlechtere Noten als ihre Mitschüler; unterschiedliche Chancen für eine Gymnasial-empfehlung sind die Folge.“ (Konsortium Bildungsbericht-erstattung 2006, 165). Mangelnde Deutschkenntnisse sind oft der Vorwand von Lehrern/innen, um die Schüler/innen mit Migrations-hintergrund in die Sonderschule zu überweisen. Der zum Großteil unbegründete Besuch der Sonderschule hat schwer wiegende Folgen für Migrantenkinder. Ihre schulischen Möglichkeiten werden eingeschränkt und sie erleben eine erhebliche Stigmatisierung. (Vgl. Raiser 2007, 17.)

Im Erwerbsleben setzt sich die Diskriminierung fort, selbst bei gleichem Bildungsniveau haben sie geringere Erwerbschancen: „Bei allen vier Bildungsniveaus – ohne Abschluss, mit Hauptschul/ Mittlerem Abschluss oder Hochschulreife – ist die Erwerbs-tätigkeitsquote der Jugendlichen mit Migrationshintergrund niedriger als ohne Migrationshintergrund.“ (Konsortium Bildungs-berichterstattung 2006, 159) Des Weiteren führen persönliche Diskriminierung durch deutsche Mitschüler/innen und die fehler-haften Einschätzungen der Lehrer zu einer Ablehnung der Institution Schule. Erfolg können sie nur durch überdurch-schnittliche Leistung erbringen und sind dadurch auch ständig gezwungen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu kämpfen. (Vgl. Bender/Hesse 1987, 37.) Anzumerken ist zudem, dass die Erfahrung von unterschiedlicher Form institutioneller Diskriminierung kaum einem Migranten entgeht. Auch erfolgreiche Migranten sind im Alltag solchen Schwierigkeiten ausgesetzt. (Vgl. Raiser 2007, 18.)

Um abschließend zu diesem Themenblock die enorme Wichtigkeit der Schule und Herkunftsfamilie hervorzuheben, werde ich nun folgendes Zitat von Vera King anführen: „Schule und Herkunftsfamilie sind Schlüsselvariablen für die Art der Bildungs-beteiligung und des Bildungserfolgs der nachfolgenden Generationen und sie wirken als soziale Filter, die zu Ausschluss und Abdrängung von Kindern aus bildungsferneren Familien führen.“ (King 2006, 33)

2.2.2 Lösungsvorschläge für eine soziale Integration

Nachdem die wichtigsten und im Moment aktuellsten Erklärungen zum Scheitern der Migranten im deutschen Bildungssystem aufgeführt wurden, werde ich mich anschließend mit Lösungsvorschlägen für eine erfolgreiche Integration in das Bildungssystem befassen.

Ein zentrales Kriterium für gelungene Integration ist: „Dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund ähnliche Kompetenzen erwerben können wie die übrige gleichaltrige Bevölkerung.“ (Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, 171) Gewährleistet werden kann dies nur durch die Unterstützung der Familie und des Bildungs- bzw. Erziehungssytems der Bundesrepublik Deutschland. (Vgl. Pott 2006, 49.)

Die Bildungssysteme in Deutschland haben zwei ganz entschei-dende Aufgaben für die soziale Integration. Zum einen sollen sie zur sozialen Gerechtigkeit beitragen, indem sie allen Kindern, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und ihren kognitiven Voraussetzungen, prinzipiell gleiche Bildungschancen eröffnen, und zum anderen sollen sie dafür sorgen, dass die Migranten ihr Humankapital optimal nutzen können. (Vgl. Neumann 2006, 250.) Die Voraussetzung einer gezielten Förderung der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist die Analyse ihrer spezifischen Stärken und Schwächen. (Vgl. Konsortium Bildungs-berichterstattung 2006, 166.) Zu ihren Stärken gehört ganz klar ihre Zweisprachigkeit, die über einen langen Zeitraum kontinuier-lich und explizit im Bildungsprozess gefördert werden muss. (Vgl. Konsortium Bildungsbericht-erstattung 2006, 169.) Sprachwissen-schaftlich ist nämlich weltweit erwiesen, dass solche Modelle sprachlicher Bildung am erfolgreichsten sind, die über einen ausreichend langen Zeitraum bei zweisprachig aufwachsenden Kindern beide Sprachen koordiniert unterrichten. (Vgl. Neumann 2006, 252.)

In Ländern wie in Schweden werden solche Förderungsmodelle bereits durchgeführt, indem es unter anderem bilinguale Grundschulen gibt. (Vgl. Neumann 2006, 255.) Eindeutige Ergebnisse und Effekte zu bilingualer Förderung gibt es nicht, jedoch lassen sich auch keine negativen Auswirkungen nachweisen. (Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, 168.) Schweden hat im Gegenzug zu Deutschland von vornherein die Einbürgerung der Arbeitsmigranten und Flüchtlinge gefördert und somit Perspektiven eröffnet und nicht Abwehr signalisiert dadurch, dass sie die Rückkehrillusion angestrebt haben. (Vgl. Neumann 2006, 244.)

Eine weitere Stärke von Kindern und Jugendlichen mit Migrations-hintergrund ist ihre im Durchschnitt hohe Lernmotivation im Vergleich zu ihren Mitschülern. Wenn man die Migranten fördern und fordern will, kann man hieran sehr gut anknüpfen.

(Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, 177.)

Kritisiert wird von Neumann (2006), dass die bildungspolitischen Maßnahmen, die der Integration dienen sollten, von der Vorstellung geprägt sind, dass die Kinder an das bestehende Bildungssystem angepasst werden müssen, das Bildungssystem selbst aber unverändert bleibt. (Vgl. Neumann 2006, 251.)

Jedoch kann man hier auch entgegnen, dass bereits viele Schulen mit hohem Migrationsanteil Förderunterricht für Deutsch als Fremdsprache und auch muttersprachlichen Unterricht anbieten. Zusätzlich haben solche Schulen zumeist auch außerunterricht-liche Programme für soziale und sprachliche Integration entwickelt, kooperieren mit Kulturzentren und Vereinen, bieten Elternabende und Beratungsgespräche speziell für zugewanderte Familien an. (Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, 164.)

Die Bildungssysteme der Bundesrepublik Deutschland werden oft kritisiert, wenn es um das Thema Migration geht. Berücksichtigt werden müssen jedoch auch die Faktoren zur erfolgreichen Migration. Das Bildungssystem kann nicht die alleinige Instanz für soziale Integration darstellen. Die Funktion der Familie darf nicht unbetrachtet bleiben.

Die Familie kann hilfreich sein, wenn sie den Bildungsaufstieg als Familienprojekt betrachtet und sich deshalb intensiv für ihn einsetzt. (Vgl. Zölch/King 2009, 72.) Die Familie strebt sozusagen mit der Migration eine Statusverbesserung an, die durch den Bildungsaufstieg der zweiten Generation erreicht werden soll. Entweder üben die Eltern auf ihre Kinder einen enormen Druck aus, oder diese werden durch die Schicksale der Eltern motiviert sozial aufzusteigen. (Vgl. King 2006, 32.) Dabei erwies sich, dass es Jugendlichen ausländischer Herkunft im Schnitt häufiger gelingt, einen sozialen Aufstieg zu vollziehen als einheimischen Gleichaltrigen. (Vgl. Juhasz/Mey 2006, 67.)

Zu einer erfolgreichen sozialen Integration ist noch abschließend zu sagen, dass es umso besser ist, wenn die Integration bereits bei den Kindern unter zehn Jahren gelingt, weil sich dann größere Chancen für die gleichberechtigte Bildungsbeteiligung und die Gesellschaft bieten. (Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, 149.)

2.3 Die Kollektivisten

Betrachtet man sich die Entwicklung von erfolgreichen Migranten im deutschen Bildungssystem, fallen einem stark zwei Positionen auf, die zu einem sozialen Aufstieg führen. Eine Gruppe davon sind die Kollektivisten. Charakteristisch ist ihre kulturelle Orientierung an ihrem Herkunftsland. Ihr Migrationsziel ist in erster Linie die Sicherung des erfolgreichen Abschlusses des familiären Migrationsprojektes durch den sozialen Aufstieg der Kinder. Die kulturelle Adaption steht bei diesem Typ von Migranten komplett im Hintergrund. Sie wollen lediglich ihre Kinder im Bildungssystem der aufnehmenden Gesellschaft platzieren, sodass diese die Vorteile nutzen können. (Vgl. Raiser 2007, 9.)

Das Migrationsziel der Eltern war zu Beginn der Migration darauf gerichtet, zügig Geld zu verdienen, um so bald wie möglich in das Heimatland zurückkehren zu können. Je mehr die Eltern jedoch signalisiert haben, dass sich die Rückkehr hinauszögert und ihre Hoffnungen der Migration enttäuscht werden, projizieren sie ihre Ziele auf das Leben ihrer Kinder. Sie haben realisiert, dass ihr eigener sozialer Aufstieg nicht gelungen ist, deshalb stehen nun die Bildungskarrieren ihrer Kinder im Fokus. (Vgl. Raiser 2007, 93.) Ihnen wird bewusst, dass ihr Migrationsprojekt nur noch an Bedeutung gewinnen kann, wenn die Lebensbedingungen der Kinder einmal deutlich besser werden. Somit ist ihr Hauptziel, dass die nächste Generation durch eine erfolgreiche Karriere der ganzen Familie zum sozialen Aufstieg verhilft. Bestärkt wird ihr Ziel durch den Glauben an die Chancengleichheit des Bildungs-systems in der Bundesrepublik Deutschland. „Wer viel arbeitet, wer fleißig ist und diszipliniert, der wird, so der feste Glaube der Eltern, in der bundesrepublikanischen Gesellschaft auch den verdienten Erfolg haben.“ (Raiser 2007, 95)

Von Integration ist jedoch keineswegs die Rede. Die Migrantenkinder müssen nach den kulturellen Vorgaben des ethnischen Herkunftskollektivs leben und sollen sich nicht an die Lebensgewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft anpassen.

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Details

Seiten
68
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640669943
ISBN (Buch)
9783640669684
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154239
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Schlagworte
Erfolgreiche Migraten Migration Integration Fallbeispiele Migranten

Autor

  • Derya Özdemir (Autor)

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Titel: Migration und soziale Integration in Deutschland anhand von Fallbeispielen