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Von der Rückkehr des Erzählens - Der historische Roman bei Daniel Kehlmann (am Beispiel von: "Die Vermessung der Welt") und die Postmoderne

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 31 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der postmoderne Geschichtsroman - Einführung

3 Ironie und Spiel – Jene sehr ernsten Scherze

4 Metafiktionalität

5 Intertextualität

6 Die Sonderstellung des magischen Realismus

7 Die Vermessung der Welt als zentrales Thema des Romans

8 Schlussteil

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Romane [seien] große Träume, in denen alles möglich ist“[1], so äußert sich Daniel Kehlmann in seinen Göttinger Poetikvorlesungen Diese sehr ernsten Scherze über das Schreiben. Es gehe ihm „immer um das Spiel mit Wirklichkeit, das Brechen von Wirklichkeit.“[2] Und gerade dieser Autor hat 2005 einen historischen Roman vorgelegt, jene leicht angestaubte Gattung, die sich einst der möglichst getreuen Wiedergabe dessen, wie es gewesen ist, verschrieb, und damit einen Bestsellererfolg erzielt. Der historische Roman bei Kehlmann ist keineswegs angestaubt, leicht lesbar kommt er in ironischer Manier daher.

Die Vermessung der Welt gilt allgemein als realistischer Roman[3] und das, obwohl der Roman voller Bezüge zum lateinamerikanischen magischen Realismus ist: „Man hat ja ein paarmal gesagt, da[ss] es in der 'Vermessung der Welt' zu wenig Metaphysik gebe. Ich fürchte eher, es gibt zuviel davon.“[4] Zugleich behandelt Kehlmann einen historischen Stoff. Es stellt sich die Frage, ob Die Vermessung der Welt überhaupt ein historischer Roman ist, oder nicht eher, wie Kehlmann ihn selbst verstanden wissen will, ein „Gegenwartsroman, der in der Vergangenheit spielt“[5]. Die vorliegende Arbeit versucht dem Spezifischen des historischen Schreibens bei Kehlmann auf die Spur zu kommen und untersucht in diesem Zusammenhang sowohl die Sonderrolle des magischen Realismus als auch die Frage nach der Postmodernität des Romans. Hierbei wird von einigen allgemeineren Thesen zum historischen Roman über eine Detaillektüre der Vermessung der Welt ein großer Bogen gespannt, der letztlich zu einer verdichteten Betrachtung des Historischen bei Kehlmann und seiner Besonderheit führen soll.

Ausgangspunkt der Untersuchung sind Florian Grimms Definitionen zum postmodernen Geschichtsroman und Kehlmanns ästhetische Theorie. Im Fortlauf werden die vorangestellten Thesen mit dem Primärtext Die Vermessung der Welt abgeglichen und der Text unter zu Hilfenahme der Postmoderne-Kriterien Grimms bzw. Ihab Hassans genauer analysiert. Die Untersuchung führt schließlich zu einer Bewertung des Historischen und des Besonderen des Romans.

2 Der postmoderne Geschichtsroman - Einführung

Das Problem der adäquaten und authentischen Darstellung „wie es eigentlich gewesen“[6] ist, ist so alt wie die Geschichtsschreibung selbst. Der Wahrheitsanspruch wird an fiktionale Literatur zwar genauso gestellt, kann von ihr aber niemals erfüllt werden. Das Leitkriterium dieser Literatur ist viel eher die Plausibilität[7] des Erzählten: Die erzählte Welt muss in sich stimmen, ist aber keiner äußeren Welt Rechenschaft schuldig. Innerhalb der fiktionalen Literatur nimmt der historische Roman eine Sonderstellung ein, da er Realität in Fiktion verwandelt,[8] wobei immer gilt: „Der historische Roman ist erstens Roman und zweitens keine Historie.“[9] Dieser Umstand ergibt sich aus dem Medium selbst und aus der Technik des (fiktionalen) Schreibens. Durch das Schreiben werden historische Figuren zu literarischen, historisch überlieferte Ereignisse in fiktive Handlungen und vergangene Kultur und Lebensgewohnheiten zur Kulisse einer erzählten Welt umgewandelt.[10] Eine wahre Darstellung der Geschichte kann es in der Literatur nicht geben, allerdings arbeitet bzw. spielt der historische Roman mit seiner (Un-)Möglichkeit der Realitätsdarstellung.[11] Innerhalb dieser Fiktionalisierung der Geschichte gibt es drei Entwicklungsstufen: der traditionelle, ‚realistische‘, der fortschrittliche, anspruchsvolle und der postmoderne historische Roman.[12] Der klassische historische Roman erzeugt die Illusion der Geschichtswahrheit, wohingegen der moderne Geschichtsroman mit dieser Illusion bricht und sie zugleich exponiert. Der postmoderne Geschichtsroman schließlich setzt ein entsprechend vorgebildetes Publikum voraus und muss seine Illusionen nicht mehr offen erklären. In der Postmoderne wird das Wissen um die Fiktionalität jedes literarischen Erzeugnisses implizit angenommen. Dem postmodernen Geschichtsroman eröffnen sich dadurch viele Möglichkeiten: Er kann selbst eine neue Illusion erzeugen, die Kluft zwischen Illusion und Fiktion weiter thematisieren oder sich neuen Themen zuwenden. Für den Schriftsteller ergibt sich zudem eine größere Freiheit des Erzählens.[13]

Die Geschichte dient dem postmodernen historischen Roman vor allem als Inspirationsquelle für neue Erzählungen und wird damit zum „Mittel zum Zweck des Erzählens“[14]. Innerhalb des historischen Rahmens können verschiedenste literarische Verfahren integriert werden. Unter dem Mantel des historischen Schreibens öffnet sich ein neuer Raum für Schreibexperimente, aber genauso für eine Rückkehr zu klassischen Erzählverfahren: „Die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erleichtert so die formale Anknüpfung an die Vergangenheit.“[15] Der historische Stoff wird sozusagen zur Legitimation der Verwendung alter Verfahrensweisen und ermöglicht dadurch das Erschaffen von Neuem. Mittels der Aktualisierung des Genres des Historischen Romans kommt es also zu einer (Wieder-)Aufwertung des Erzählens. Oder anders gesagt: Der postmoderne Diskurs ist nicht an sein Ende gelangt, sondern wird in der Narration fortgeführt. Das Wissen über das Ende des Erzählens wird in eine neue Erzählung verpackt: So ist „der eigentliche Zweck des postmodernen Geschichtsromans letztlich die Kunst des Erzählens fortzuführen.“[16]

„Erzählen, das bedeutet einen Bogen spannen, wo zunächst keiner ist [...]“[17]. Dieser Bogen, der äußere erzählerische Rahmen, sei notwendig um vom Chaos in der Welt überhaupt schreiben zu können.[18] In einer fragmentierten Welt erlangt hier das Erzählen eine neue identitäts- und sinnstiftende Funktion. Die Vermessung der Welt ist zwar ein Roman über die Unmöglichkeit einer vollständigen wissenschaftlichen Erfassung der Welt, zugleich aber auch über die Möglichkeiten des menschlichen Wissensdurstes und sein unermüdliches Bestreben Geschichten, seien sie nun historisch, wissenschaftlich oder literarisch, aus dem Chaos zu generieren: „Ein berühmter Reisender werde nur, wer gute Geschichten hinterlasse.“[19] Weder Erleben noch Historie reichen aus, um Bedeutung zu erschaffen. Dazu braucht es das Erzählen.

Die Vermessung der Welt nimmt innerhalb des Genres eine Sonderstellung ein und lässt sich nicht ohne genauere Untersuchung einordnen. Der Autor selbst verwahrt sich gegen die Kategorisierung historischer Roman und spricht stattdessen vom „Gegenwartsroman, der in der Vergangenheit spielt“[20]. Seines Bruches mit dem Genre ist er sich aber durchaus bewusst: „Es ist ein gebrochener Realismus der Gattung. Das Buch gibt sich als ernsthafter Geschichtsroman und ist das Gegenteil davon.“[21] Die Kriterien des historischen Romans sind formal erfüllt, tatsächlich ist Die Vermessung der Welt aber auf zwei Ebenen lesbar: Als unterhaltsame Doppelbiographie und als anspruchsvolles, möglicherweise postmodernes Werk über die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart, die Unmöglichkeit einer Vermessung der Welt und die Notwendigkeit des Erzählens. Das historische Schreiben wird besonders durch zwei Strategien ergänzt und reflektiert: Ironie und den lateinamerikanischen magischen Realismus.

3 Ironie und Spiel – Jene sehr ernsten Scherze

„Freiheit und Zufall seien eine Frage der mittleren Entfernung, eine Sache des Abstands. Ob er verstehe?“[22]

Ironie ist das zentrale Stilmittel in Die Vermessung der Welt und vermutlich einer der Gründe für den Erfolg des Romans. Vordergründig ergibt sich dadurch ein leichtfüßiger Roman über zwei kauzige Wissenschaftler – den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher und Entdecker Alexander von Humboldt – die verschiedener nicht sein könnten. Neben dem Unterhaltungsaspekt erfüllt die Ironie allerdings auch eine ernstere Komponente: „[Das Lachen] legt [...] die selbstreflexiven und kritischen Momente offen, die das enorme Deutungspotential des Textes erst begründen und die in ihm ausgestellten poetologischen Reflexionen sichtbar werden lassen.“[23] Die Ironie dient hierbei sowohl dem Bruch mit der Wirklichkeit bzw. bestimmten Anschauungsformen von ihr als auch dem Genre des historischen Romans: „[...] in meinen Romanen ging es mir immer um das Spiel mit Wirklichkeit, das Brechen von Wirklichkeit.“[24] Auf der Stilebene lässt sich dieser Bruch als pseudo-historiographischer Ton[25] beschreiben, auf der Inhaltsebene handelt es sich um ein Spiel mit den Fakten.

Die Mittel des pseudo-historiographischen Stils sind in erster Linie der inflationäre Gebrauch der indirekten Rede[26] und das Erzeugen von Ironie mittels Kontrasten. Die indirekte Rede erzeugt nach Honold eine „doppelte Fremdheit“[27]: Die Fremdheit des Stoffes resultiert erstens aus ihrer Geschichtlichkeit, zweitens aus ihrer Literarizität, da die Vergangenheit sowohl historisch als auch literarisch vermittelt wird. Die geschichtliche Distanz verdoppelt sich in dieser gebrochenen Darstellung und verweist auf das Wirklichkeitsproblem jeder Geschichtlichkeit:

„Streng genommen ist jedoch nur die Gegenwart wirklich, nicht aber die Fiktion oder die Vergangenheit, denn die Fiktion ist nur in der Vorstellungskraft vorhanden und die Vergangenheit ist das, was zwar existiert hat, aber nicht mehr existiert.“[28]

Im Bereich der Ironie arbeitet Kehlmann mittels Kontrasten und erzeugt dabei eine Art Erwartungsenttäuschung[29]: „So hatten sie ihn noch nie erlebt. Er müsse, sagten sie zueinander, arg erschüttert sein. Und wirklich: Er war noch nie so glücklich gewesen.“[30] Die Ironie hat hier die Funktion tradierte Vorstellungen zu hinterfragen und feste Weltkonzepte zu öffnen. Der Tod eines Menschen ist nicht immer ein Unglück oder Grund für Traurigkeit, sondern kann auch Freiheit bedeuten und neue Möglichkeiten eröffnen. Ein weiteres Beispiel ist der Aufstieg Humboldts und Bonplands zu den Kordilleren. In diesem Fall bezieht sich die Ironie nicht allein auf bestimmte Werte, sondern fügt sich in einen größeren Diskurs ein: „Normalerweise werde man da von Trägern geschleppt, aber Baron Humboldt habe es verweigert. Der Menschenwürde wegen. Die Träger seien so beleidigt gewesen, fast hätten sie sie verprügelt.“[31] Humboldt scheitert mit seinem Anspruch, Ausbeutung und Rassismus zu verhindern, an Strukturen, die erst durch diese Probleme erzeugt wurden. Die eigenen (aufklärerischen) Vorstellungen dessen, was gut oder richtig ist in dieser Welt, werden von der Welt selbst überholt. Geschichte ist auch durch Wissen nicht umkehrbar. Die Folgen des Kolonialismus müssen integriert werden, um in der Gegenwart Veränderung erreichen zu können. Folglich kommt es zu einer Art Gleichberechtigung verschiedener Welt- und Wertkonzepte, die erst innerhalb des modernen Romans als „Medium der Ironie“ dargestellt werden kann:

[...]


[1] Daniel Kehlmann: Diese sehr ernsten Scherze. Poetikvorlesungen, Göttingen 2007 (Göttinger Sudelblätter, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold), S. 14.

[2] Kehlmann, Ernste Scherze, S. 16.

[3] Vgl. ebd., S. 34.

[4] Ebd., S. 34.

[5] Sebastian Kleinschmidt: Gespräch mit Daniel Kehlmann, in: Sinn und Form 58 (6) (2006), S. 786 – 799, hier: S. 792.

[6] Leopold von Ranke, zitiert nach Hugo Aust: Der historische Roman, Stuttgart; Weimar 1994 (Sammlung Metzler 278), S. 17.

[7] Vgl. hierzu Kehlmann über Authenzität, in: Daniel Kehlmann: Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher, Hamburg 2005, S. 13 und Ansgar Nünning: Historiographie und Literatur, in: Ders. (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe, Stuttgart; Weimar 1998, S. 213 -214: Diese Auffassung von Literatur reicht bis in die Antike zurück. Die grundlegende Abgrenzung zwischen Literatur und Geschichte findet sich bei Aristoteles.

[8] Florian Grimm: Reise in die Vergangenheit - Reise in die Fantasie? Tendenzen des postmodernen Geschichtsromans, Frankfurt a. M. 2008, S. 202.

[9] Alfred Döblin, zitiert nach ebd., S. 201.

[10] Ebd., S. 202.

[11] Grimm, Reise, S. 208.

[12] Ebd., S. 206.

[13] Vgl. ebd., S. 205, 206 und 210.

[14] Ebd., S. 202.

[15] Ebd., S. 210.

[16] Grimm, Reise, S. 205.

[17] Kehlmann, Montúfar, S. 14.

[18] Ebd., S. 14 – 15.

[19] Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt, Hamburg 2005, S. 239.

[20] Kleinschmidt, Gespräch, S. 792.

[21] Kehlmann, Ernste Scherze, S. 22.

[22] Kehlmann, Vermessung der Welt, S. 13.

[23] Stephanie Catani: Formen und Funktionen des Witzes, der Satire und der Ironie in „Die Vermessung der Welt“, in: Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“. Materialien, Dokumente, Interpretationen, hrsg. von Gunther Nickel, Hamburg 2008, S. 198 – 212, hier: S. 199.

[24] Kehlmann, Ernste Scherze, S. 16.

[25] Vgl. Kleinschmidt, Gespräch, S. 796.

[26] Vgl. Alexander Honold: Ankunft in der Weltliteratur. Abenteuerliche Geschichtsreisen mit Ilija Trojanow und Daniel Kehlmann, in: Neue Rundschau 1 (2007), S. 82 – 104, hier: S. 99.

[27] Ebd., S. 99.

[28] Grimm, Reise, S. 201.

[29] S.a. Catani, Formen und Funktionen, S. 199.

[30] Kehlmann, Vermessung der Welt, S. 36.

[31] Ebd., S. 165.

Details

Seiten
31
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640674916
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154543
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Rückkehr Erzählens Roman Daniel Kehlmann Postmoderne

Autor

Zurück

Titel: Von der Rückkehr des Erzählens - Der historische Roman bei Daniel Kehlmann (am Beispiel von: "Die Vermessung der Welt") und die Postmoderne