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Disneys Kolonialismus am Beispiel von Pocahontas

Seminararbeit 2009 23 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Orientalismus
2.1 Die Vorbedingungen: Diskurs und Hegemonie
2.1.1 Diskurs bei Foucault
2.1.2 Antonio Gramscis Hegemoniekonzept
2.2 Edward Saids Orientalismus
2.2.1 Orient und Okzident

3. Disney und das postkoloniale Andere
3.1 Making Meaning: Die Walt Disney Company
3.2 Pocahontas
3.2.1 Das Opfer
3.2.2 Selbstopferung als Rechtfertigungsstrategie?
3.2.3 Der weibliche Körper

4. Fazit

1. Einleitung

Die folgende Arbeit soll sich mit der Analyse von Machtdiskursen am Beispiel des Disney Films Pocahontas beschäftigen. Der Fokus dieser Arbeit liegt dabei auf Hegemonialstellung des Westens[1], die gleichzeitig eine Diskursführerschaft bedeutet, was an einem filmischen Beispiel, welches ein historisches Thema aus der Kolonialzeit aufgreift, erläutert werden soll. Die hier verwendeten Thesen gehen auf Edward Saids postkoloniale Kritik in seinem 1979 erschienenem Buch Orientalism zurück. In einem ersten Schritt werden sowohl die theoretischen Vorbedingungen seiner Arbeit, nämlich Diskurs und Hegemonie, erläutert, welche den Rahmen für sowohl Saids Orientalismuskritik als auch für das nachfolgende Beispiel bilden. Ausgehend von Saids Analyse der Beziehung zwischen Orient und Okzident wird in einem zweiten Schritt Disneys Pocahontas als Beispiel für seine Thesen herangezogen werden. Das besondere an der Disney Version des Pocahontas Mythos ist die erfundene Liebesgeschichte zwischen der Häuptlingstochter und einem der Siedler, worauf im Verlauf der arbeit ein besonderes Augenmerk gelegt wird. Die an dieser Stelle zu beantwortenden Fragen sind: warum ist die Erfindung dieser Liebesbeziehung elementar für den Film? Was erzählt uns diese Beziehung über mögliche Absichten der Produzenten? Und vor allem: was implementiert die Liebesbeziehung bezüglich der Struktur der Verhältnisse zwischen Amerikanischen Ureinwohner und Englischer Kolonisten?

Um die mit dem Film verknüpften Machtstrukturen zu verstehen, wird zunächst die Position der Walt Disney Company im Bereich der Medien und die damit einhergehende Machtposition erläutert. Die Walt Disney Company ist aufgrund ihrer Stellung als Oligopol in der Lage, Bedeutungen zu schaffen bzw. aufrechtzuerhalten. Diese Bedeutungen werden insbesondere dann deutlich, wenn man Disney Filme wie Pocahontas im Hinblick auf hegemoniale Strukturen analysiert. Um dies herauszuarbeiten, wird der Hauptaspekt des Films, nämlich die Beziehung zwischen Pocahontas und John Smith anhand eines szenischen Beispiels erläuternd dargestellt. Anhand der Selbstopferungsszene soll des weiteren verdeutlicht werden, dass die Opfer von Pocahontas auf der einen und von Captain Smith auf der anderen Seite die in den Film eingebetteten Machtstrukturen beschreiben. Durch die erfundene Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptcharakteren ist es möglich, einen eurozentrischen Diskurs aufrechtzuerhalten. Zwar wird Pocahontas zunächst aus einer Subjektposition betrachtet und dargestellt, dennoch wird dies von hegemonialen Mustern überlagert, die ihre positiven Zuschreibungen negieren. Um die Dichotomie zwischen Orient und Okzident weiter hervorzuarbeiten, wird im nächsten Schritt der Fokus auf den weiblichen Körper gelegt, dem in diesem Fall ein besonderer Status in der Ausgestaltung der Beziehung zwischen den aufeinandertreffenden Kulturen zukommt.

2.1. Die Vorbedingungen: Diskurs und Hegemonie

In diesem Teil der Arbeit soll in kurzen Auszügen sowohl Michel Foucaults Diskursbegriff als auch Antonio Gramscis Hegemonie Konzept erläutert werde, welche den theoretischen Rahmen für Saids Orientalismuskritik bilden, die als wissenschaftliche Grundlage der Arbeit herangezogen wird.

2.1.1. Diskurse bei Foucault

[...] without examining Orientalism as a discourse one connot possibly understand the enourmously systematic discipline by which European culture was able to manage-and even produce- The Orient politically, sociologically, militarily, ideologically, scientifically, and imaginatively during the post-Enlightment period. (Said 1979, 3)

Said greift in Orientalism in Anlehnung an Foucault den Begriff des Diskurses[2] auf, um die Rede- oder Denkweise des Westens über den Orient zu charakterisieren. Im weitesten Sinne beschreibt ein Diskurs das, was zu einer bestimmten Zeit in einer Gesellschaft denkbar oder sagbar und somit ´wahr´ ist. Dabei sind Diskurse nicht als statisch anzusehen, sie werden in jeder Gesellschaft kontrolliert, selektiert oder auch wieder verworfen. Dabei folgen sie bestimmten regulierenden Praktiken[3], wobei vor allem der Wille zum Wissen, also zur Wahrheit, hervorgehoben wird.

Nach Foucault beschrieben Diskurse also Systeme, die sowohl Subjekte als auch die Welt in der sie sprechen auf systematische Weise konstruieren. Durch die Einführung des Diskursbegriffs verweist Foucault auch auf diejenigen Mechanismen, welche die gegenwärtige Wahrheiten konstruieren und aufrechterhalten; diese Wahrheiten sind wiederum eng mit Machtverhältnissen verknüpft: Diskurse sind insofern mit Macht verbunden, als dass Diskurse vor allem nach der Regel der Ausschließung agieren und die Diskurse selbst werden von denjenigen kontrolliert, die and der Spitze einer Machthierarchie stehen.

Hervorzuheben ist des Weiteren, dass Diskurse sich durch Sprache, also durch linguistisch vermittelte Symbole, manifestieren und die Sprache legt fest, was über bestimmte Themen (wie etwa den Orient) gesagt werden kann. Dies ist im Folgenden ein wichtiger Ansatzpunkt für diese Arbeit, denn nicht nur Saids Analyse der Literatur des 19. Jahrhunderts sondern auch die Sprache visueller Medien, wie etwa bei Disneys Pocahontas, sind unweigerlich signifikant, denn beide reflektieren und erhalten einen Diskurs aufrecht, indem sie eine konkrete Sichtweise auf den Orient konstruieren, die einen universellen Wahrheitsanspruch inne trägt.

2.1.2. Antonio Gramscis Hegemoniekonzept

Wie auch Foucaults Diskursbegriff spielt Antonia Gramscis Konzept von Hegemonie eine zentrale Rolle in Saids Orientalism. Said geht davon aus, dass Hegemonie in Diskursen repräsentiert wird.

Hegemonie selbst beschreibt die kulturelle Herrschaft einer ´überlegenen´ Gruppe über eine andere, deren Ideen und Ideologien nicht durch repressive Herrschaft, sondern durch die Bildung eines Konsens vermittelt werden. Durch die Schaffung eines Konsens wird die Dominanz einer bestimmten Gruppe als legitim und sogar natürlich angesehen[4]. Bezüglich bestimmter Ideen und Ideologien, welche wiederum Teil eines Diskurses sind, repräsentiert eine Hegemonie also einen einheitlichen Kanon und dadurch, dass ein Diskurs durch Konsens kontrolliert wird, hat eine Hegemonie die Macht darüber zu entscheiden, was als wahr angesehen wird und was nicht.

Bezogen auf eine Orientalismuskritik würde das bedeuten, dass die britischen sowie die französischen Kolonialisten[5] ein überlegenes Bild von Europa gegenüber nicht-europäischen oder ´orientalischen´ Menschen und ihren Kulturen erzeugen, wie es auch Said betont: „there is [...] the hegemony of european ideas about the Orient, themselves reiterating European superiority over Oriental backwardness [...]“ (Said 1979,7).

Anknüpfend an Saids These ist es alleine eine Hegemonie, welche die Macht hat, eine Diskurs zu kontrollieren und damit den Orient als negatives Andere, als unterlegen und rückschrittlich gegenüber dem Westen zu konstruieren.

2.2 Edward Saids Orientalismus

Seit der Veröffentlichung von Orientalism im Jahr 1979 gilt Saids Buch aufgrund seiner Kritik an westlich produzierten Wissen über den Osten als hochgradig einflussreich für die Postcolonial Studies. Obwohl das Buch auch Fokus verschiedener Kontroversen[6] ist und war, wird dem Werk dennoch eine hohe Bedeutung beigemessen. In Orientalism geht Said der Frage nach, wie die Darstellung des Orients durch einen westlichen Diskurs etabliert wurde, indem er vor allem auf den literarischen und politischen Diskurs des 19. Jahrhunderts eingeht welcher in erster Linie aus England und Frankreich stammt und eine Kluft zwischen dem Osten und dem Westen entsehen ließ.

Im Zuge der Definition von Orientalismus stellt Said nicht eine einzige feststehende These auf, sondern gliedert die Definition in verschiedene Bedeutungen, welche der Begriff Orientalismus impliziert.

Die erste Bedeutung von Orientalismus bezieht sich auf einen akademischen Standpunkt. Saids Ansicht nach ist „Anyone who teaches, writes about, or researches the Orient [...] either in its specific or its general aspects […] an orientalist, an what he or she does is Orientalism” (1979, 2)

Neben diesem akademischen Selbstverständnis beschreibt Orientalismus zudem eine bestimmte Denkweise, die sich durch die Trennung von „Orient“ und „Occident“ auszeichnet. Dadurch werden nicht nur binäre Oppsitionen hergestellt sondern gleichzeitig auch ein Bild des „Other“, eines Anderen, welcher in diesem Fall mit dem Orient gleichzusetzen ist. Diese Trennung fungiert für „[...] avery large mass of writers, among whom are poets, novelists, philosophers, political theorists, economists [...]“ (ebd.) als Ausgangspunkt für ihre Arbeiten. Dies hat zur Konsequenz, dass die Darstellung des Orients als das Andere nicht überwunden, sondern aufrechterhalten wird. Dass diese Zuschreibung auch für visuelle Medien geltend gemacht werden kann, wird im nächsten Kapitel am Beispiel von Disneys Pocahontas näher erläutert werden.

Die dritte Bedeutung von Orientalismus schließlich impliziert den westlichen Diskurs über den Orient „[...] as a Western style for dominating, restructuring, and having authority over the Orient.“ (ebd.) An dieser Stelle wird kommt die Verbindung zwischen Diskurs und westlicher Hegeomnie besonders zum Tragen. Der westliche Diskurs äußert sich dabei in verschiedenen Bereichen wie Religion, Literatur, Politik oder kolonialem Wissen und dominiert die Darstellung des Orients. Die Hegemonie der westlichen Gesellschaft resultiert aus einem für sich gerechtfertigtem Wahrheitsanspruch, der im westlichen Diskurs etabliert wurde, und kann aufgrund seiner Dominanz seine Vorstellungen über den Orient behaupten.

Wie oben dargestellt, zeigt die Kontrolle eines Diskurses durch Hegemonie, wie die Konstruktion eines orientalischen Anderen möglich gemacht worden ist. Said hebt insbesondere hervor, dass der Orient immer als Gegenpart zu Europa konstruiert wurde und schon der Begriff eine ethnozentrische Sichtweise in sich trägt. Der folgende Abschnitt wird deshalb auf die Beziehung zwischen Orient und Okzident, zwischen Ost und West erläuternd eingehen.

[...]


[1] Wenn im Folgenden von Westen/Osten oder Orient/Okkzident gesprochen wird, so meint dies nicht eine geographische Abgrenzung, sondern beschreibt ein Diskursphänomen, welches durch die Kolonialgeschichte Europas aufgekommen ist. Der Begriff Orient wird an dieser Stelle als das kulturell Andere (aus eine westlich hegemonialen Perspektive) begriffen.

[2] Welchem vor allem in den Werken Discipline and Punish und in Archaeology of Knowledge ein hoher Stellenwert zukommt.

[3] Etwa das Verbot oder die Ausgrenzung von Wahnsinn sowie eine Ausschließung dessen, was kein Recht zum Sprechen hat.

[4] Diese Auslegung basiert auf Stuart Halls Arbeit zu Gramscis Hegeomniebegriff in Resistance through Rrituals.

[5] Nach dem Zweiten Weltkrieg auch die USA

[6] vgl. Lewis, Reina: Gendering Orientalism. Race, Femininity and Representation. Hier kritisiert Reina Lewis Saids Orientalism aus einer gender sensiblen Perspektive heraus.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640674992
ISBN (Buch)
9783640675180
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154699
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
Disneys Kolonialismus Beispiel Pocahontas

Autor

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Titel: Disneys Kolonialismus am Beispiel von Pocahontas