Lade Inhalt...

Leistungsfördernde und leistungshemmende Angst

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 13 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2.1. Das emotionspsychologische Konstrukt Angst in den großen Würfen des 20. Jahrhunderts
2.2. Zur Phänomenologie der Angst

3.1. Der mechanistisch-behavioristische Blick auf Angst und Leistung
3.2. Hulls Probleme und ein Exkurs in die Frage von Erregung und Verhalten
3.3. Der kognitive Blick auf Angst und Leistung

4. Schlussfolgerung
Literatur

1. Einführung

Stellen wir uns vor, wir hätten als Psychologen folgende Rollen bei einem recht delikaten Projekt zu verteilen: Im Tresorraum einer Bank muss eine Person mittels feinster Drehbewegungen und einem guten Gehör für das Klicken der Sicherungsmechanik die Zahlenkombination für den Tresor knacken, dazu muss man sich mehrere Minuten lang konzentrieren und nicht die Geduld verlieren, man darf sich nicht ablenken lassen und so lange an seine Kompetenz beim Tresorknacken glauben, bis man erfolgreich war. Zur Absicherung dieser Person muss aber eine zweite Person im Foyer vor dem Tresorraum stehen und mehrere Flure und Ausgangstüren sowie Alarmlampen und Überwachungsbildschirme im Auge behalten und bei der kleinsten Veränderung all dieser Indikatoren selbst Alarm schlagen und die Flucht einleiten.

Zur Besetzung dieser beiden Rollen stehen uns Ede und Fips zur Verfügung. Ede ist ein erfahrener Einbrecher, besonders ruhig und entspannt und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Fips hat heute seinen ersten Einsatz als Bankräuber und macht sich vor Angst fast in die Hosen, er ist unruhig und seine Nerven liegen blank.

Wen würden wir als Panzerknacker und wen für die Schmiere einsetzen?

Rein intuitiv würde ein Großteil von uns Ede zum besonnenen Codeknacker und Fips zum nervenaufgeriebenen Schmieresteher machen. Der Grund liegt auf der Hand: Fips hat nicht die Ruhe dazu, den Safe zu knacken, er wäre dabei schlechter als Ede. Aber eine zweite Begründung ist genauso richtig: Edes Seelenruhe macht ihn zu einem schlechteren Alarmgeber, er wäre langsamer und weniger sensitiv als Fips.

Warum das Nervenbündel Fips den einen Job besser machen kann als den anderen, damit wollen wir uns in dieser Abhandlung beschäftigen.

2.1. Das emotionspsychologische Konstrukt Angst in den großen Würfen des 20. Jahrhunderts

Für jeden von uns ist Angst so selbstevident wie andere Gefühle, es braucht keine Erklärung, jeder hat experienziellen Zugang dazu. Untersucht man die wissenschaftliche Literatur aber dazu, finden sich sehr viele unterschiedliche Zugänge und theoretische Konzeptionen und damit ein Vielzahl heterogener Konstrukte und Befunde, die nicht eindeutig integrierbar sind.

Wir wollen uns daher einen abrissartigen Überblick über verschiedene Sichtweisen in den letzten 100 Jahren verschaffen.

Anthroposophisch-philosophisch betrachtet ist die Angst der Preis des Menschen für seine überaus große Lernfähigkeit (Grossmann 1974). Angst zeigt sich nämlich bei sehr vielen und oftmals gegensätzlichen Optionen menschlichen Handelns und Erlebens. Es gibt die Angst vor dem Tod, aber auch die Existenzangst vor dem Leben. Die Angst vor dem Alleinsein und die Angst vor Menschen, die Angst, nicht gebraucht zu werden und die Angst, zu scheitern. Angst zeigt sich also in allen Freiheitsgraden des Menschen, Kierkegaard nennt die Angst auch den „Schwindel der Freiheit“.

Die frühesten, aus der klinisch-angewandten Perspektive stammenden Konzeptionen zur Psychologie der Angst stammen natürlich aus der psychoanalytischen Schule. Freuds Theorien haben auch den nachhaltigsten Einfluss auf die psychologische Angstforschung (Fröhlich 1965) in diesem Jahrhundert.

Nach der Konzeption der Instanzen in der Metapsychologie kommt Freud 1926 zu seiner zweiten Angstheorie, in der die Angst als Signalangst gekennzeichnet wird, also die Funktion hat, das Individuum vor einer Gefahr zu warnen. Als bedrohlich empfindet das Ich es stets, wenn es von einem Ansturm von Reizen bedrängt wird, die es nicht beherrschen kann. Die Reize können aus der realen Umwelt kommen (Realangst) oder auch aus dem Innenleben stammen (neurotische Angst), im letzteren Fall entwickelt die Person also Angst vor dem Eindringen vor allem als verachtenswert eingestufter meist triebgearteter Inhalte aus dem unbewussten Es. Die primäre Angst ist bei Freud die Urangst, die bei der Geburt ausgelöst wird.

Das Ich ist also der Ort der Angst. Schützen vor Angst kann sich das Ich nur durch Abwehrmechanismen wie Verdrängung oder Isolation.

Die ontogenetisch erste, primäre Angst wurde von dem späteren Psychoanalytiker René Spitz widerum beschrieben als die Angst des Säuglings, wenn er von der Mutter verlassen wird.

Zur gleichen Zeit wie Freud beschreibt Pawlow (1927) bei seinen Hundeexperimenten einen seltsamen Zustand der experimentellen Neurose, den er für ein Analogon der menschlichen Angst hält. Ist eine Diskriminationsaufgabe derart schwer gehalten, dass die Hunde versagen müssen, reagieren sie mit Beißen, Unruhe und dem Versuch, sich aus der Experimentieranordnung zu befreien.

Unabhängig davon demonstrieren Watson und Raynor (1920) die Entstehung biographischer Angst beim kleinen Albert, der der experimentell evozierte Angst vor einer Ratte bald als konditionierte Angstreeaktion auch auf andere Objekte generalisiert. Jones zeigt 1924, dass sich derart erworbene Ängste auch wieder systematisch verlernen lassen.

Später bemühen sich Mowrer (1939) und auch Dollard & Miller (1950) um eine Integration klinisch-angewandter Begriffe der Psychoanalyse und experimenteller Konzepte des Behaviorismus. Angst kann zunächst klassisch konditioniert werden, indem Angstreaktionen mehrmals in Kombination auch mit neutralen Reizen stattfinden und schließlich das Individuum später operant die Vermeidung dieser Ängste lernt. Ein Konflikt wird hierbei definiert als ein Zusammentreffen einander widersprechender Tendenzen, was zu einer Reaktionsblockierung führt und ebenso Angst erzeugen kann.

In der kognitiven Angsttheorie von Lazarus (1966) spielen bei der Entstehung von Angst vor allem Appraisal-Prozesse eine Rolle, also die kognitive Bedeutung, die das Subjekt einem Reiz zubilligt, und die Coping-Prozesse beim Umgang mit Stress. Das erste Appraisal bezieht sich auf die Einschätzung der Gefährlichkeit des Reizes, ein zweites Appraisal schätzt die Möglichkeiten ein, dieser Bedrohung effizient zu begegnen. Angst entsteht, wenn das Individuum keine Möglichkeit zur Verringerung der Bedrohung sieht.

Faktorenanalytisch begründete Angstkonstrukte stellen Angst sehr nah zum Faktor N, der letztlich die Bereitschaft eines Individuums beschreibt, limbisch auf etwas zu reagieren.

Spielberger, Gorsuch und Lushene (1970) beginnen, Angst zu differenzieren in ein state und ein trait Phänomen. Der A-State ist ein vorübergehender Zustand des Organismus, der in Intensität variieren kann und sich über die Zeit verändert, er ist also der aktuelle Zustand der Angst. Der A-Trait bezieht sich auf zeitlich relativ stabile interindividuelle Unterschiede in der Tendenz, auf als bedrohlich wahrgenommene Situation mit einer Erhöhung des A-States zu reagieren, also die Ängstlichkeit.

Dabei unterscheidet Spielberger (1972a) sehr wohl zwischen „stress“ und „threat“. Der Stress bezieht sich auf die objektiven Situations- oder Stimuluseigenschaften. Der Threat aber ist nur das Appraisal des Subjektes, inwiefern die Situation körperlich oder seelisch bedrohlich ist. Daraus folgt, dass Individuen mit hohem A-Trait bei gleichem Stress höhere A-States produzieren als Individuen mit niedrigerem A-Trait.

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638205764
ISBN (Buch)
9783638746984
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15473
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Lehrstuhl I Psychologie Würzburg
Schlagworte
Leistungsfördernde Angst Oberseminar Verhaltensanalyse

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Leistungsfördernde und leistungshemmende Angst