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Praxisrelevanz von sozialkonstruktionistischer Ethik in der Heilpädagogik

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Heilpädagogik
2.2 Ethik
2.3 Sozialer Konstruktionismus

3. Sozialkonstruktionistische Ethik in der Heilpädagogik
3.1 Heilpädagogische Ethik
3.1.1 Begründung einer Berufsethik
3.1.2 Ableitung eines Berufsethos
3.2 Heilpädagogische Ethik aus sozialkonstruktionistischer Sicht
3.2.1 Chancen
3.2.2 Mögliche Grenzen
3.3 Praxisrelevanz von sozialkonstruktionistischer Ethik
3.3.1 Inklusion
3.3.2 Assistenz

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Heilpädagogik ist weit mehr als nur reine Umsetzung von Fachwissen. Denn Heilpädagogik richtet sich an Subjekte, an Menschen mit spezifischen Lebenserschwernissen. Die heilpädagogische Arbeit vollzieht sich also zwischen den Subjekten Heilpädagoge/ Heilpädagogin und Klient/ Klientin und durch ihre Beziehung zueinander. Die Professionalität ist dadurch mehr herausgefordert, als in anderen Berufen. Sie erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit und Reflexivität von Seiten der Heilpädagogen/ Heilpädagoginnen. Ethik und Moral stellen deswegen eine unbedingte Grundlage für das Berufsfeld dar. Dies soll mit Hinblick auf die Praxisrelevanz einer sozialkonstruktionistischen Sichtweise in dieser Arbeit näher beleuchtet werden, da „durch gesellschaftliche Veränderungen, vor allem durch den Zusammenbruch der übergreifenden, zumeist religiös begründeten Wertesysteme (...) die ethische Frage in einem bisher kaum gekannten Maße für die verschiedenen Lebensbereiche virulent geworden (ist)“ (Speck 2003, S.153). Die Praxisrelevanz von sozialem Konstruktionismus kommt in Frage, weil er als Erkenntnistheorie Aufschluss über die Funktionsweisen von sozialen Systemen und somit auch über die Lebenswelt von Menschen mit spezifischen Lebenserschwernissen, geben kann. Bevor mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden kann, müssen zunächst einige Begriffe definiert werden, damit klar wird, auf welches Grundlagenverständnis diese Arbeit aufbaut. Da innerhalb der Heilpädagogik, der Ethik sowie des sozialen Konstruktionismus’ unterschiedliche Interpretationen nebeneinander existieren, kann durch eine nähere Bestimmung der Begriffe Missverständnissen vorgebeugt werden. Im Hauptteil der Arbeit wird dann die Praxisrelevanz von sozialkonstruktionistischer Ethik untersucht. Zunächst werden dafür die Berufsethik und das Berufsethos der Heilpädagogik begründet. Anschließend werden die Chancen, die sich aus einer sozialkonstruktionistischen Sichtweise für die heilpädagogische Ethik ergeben, dargestellt. Aber auch die Grenzen der sozialkonstruktionistischen Theorie werden aufgezeigt. Dass die Chancen, die sich aus dem sozialen Konstruktionismus ergeben, auch tatsächlich praxisrelevant für die Heilpädagogik sind, wird dann durch die Skizzierung von Inklusion und Assistenz verdeutlicht. Im Fazit wird der Zusammenhang von heilpädagogischer Ethik und sozialem Konstruktionismus sowie dessen Praxisrelevanz abschließend zusammengefasst.

Da in dieser Arbeit, wie später erläutert wird, Behinderung als soziale Konstruktion verstanden wird, möchte ich nicht auf die stigmatisierenden Begriffe ‘Behinderte’ oder ‘Menschen mit Behinderungen’ zurückgreifen. Stattdessen ist, wenn weitere Differenzierungen nicht nötig sind, im institutionellen Sinne von ‘Klienten/ Klientinnen’ bzw. im lebensweltlichen Sinne von ‘Menschen mit spezifischen Lebenserschwernissen’ die Rede. Zitate stellen eine Ausnahme dar.

2. Begriffsklärung

2.1 Heilpädagogik

Heilpädagogik ist sowohl theoretisch-wissenschaftlich als auch praktisch-methodisch ausgerichtet (vgl. Kobi 1982, S.6). Dieser Dualismus wird auch als Verhältnis oder die Entgegensetzung von Praxis und Theorie bzw. Profession und Disziplin bezeichnet. Jedoch hat er sich erst mit der Zeit herausgebildet. Am Anfang der Heilpädagogik stand die Praxis. Aus ihr hat sich erst nach einiger Zeit eine Profession entwickeln können, die wiederum die Herausbildung einer Disziplin bedingte (vgl. Ackermann 2004, S.344f). Anders als die Entstehungsgeschichte vermuten lässt, bezeichnet Heilpädagogik im heutigen Wissenschaftsverständnis den theoretisch-wissenschaftlichen Aspekt. Der praktisch- methodische Aspekt wird dem Begriff der Heilerziehung zugeschrieben (vgl. Kobi 2004, S.135f).

In dieser Arbeit wird im Folgenden nicht weiter zwischen Heilpädagogik und Heilerziehung differenziert, da der Begriff Heilpädagogik im Alltagswissen sowohl die Profession als auch die Disziplin umfasst. Außerdem geht es hier zwar vor allem um die Praxisrelevanz von sozialkonstruktionistischer Ethik, also eher um die Profession der Heilpädagogik, trotzdem soll der Bezug zur Disziplin nicht ausgeblendet werden. Denn die Begründung von Ethik als unbedingte Frage der Heilpädagogik leitet sich z.B. auf disziplinärer Ebene ab.

Neben ‘Heilpädagogik’ haben sich in dem Bereich mittlerweile weitere Begriffe manifestiert. Speck (2003, S.51ff) geht in seinem Diskurs z.B. auf vier weitere Begriffe ein: ‘Sonderpädagogik’, ‘Behindertenpädagogik’, ‘Rehabilitationspädagogik’ und ‘Integrationspädagogik’. In dieser Arbeit können und sollen die Begriffe jedoch nicht weiter kritisch hinterfragt werden. Gerade deswegen muss hier aber inhaltlich bestimmt werden, wie der Begriff der Heilpädagogik in dieser Arbeit verstanden wird: Heilpädagogik ist ein Spezialgebiet der Pädagogik, „auf welchem wir uns mit gestörten, beeinträchtigten oder gefährdeten Erziehungsverhältnissen befassen. Was im Einzelfall als Beeinträchtigung gilt, ist von sozialen und individuellen Normvorstellungen abhängig“ (Kobi 1982, S.6). Diese Definition soll noch ergänzt werden, da Erziehung im engeren Sinn auf Kinder und Jugendliche angewandt wird. Adressaten der Heilpädagogik sind aber auch erwachsene und alte Menschen (vgl. Greving/ Ondracek 2005, S.309f). Statt ‘Erziehung’ sollte also besser ‘Pädagogik’ verwendet werden, denn „es wäre vermessen, diese Menschen erziehen zu wollen, deshalb gilt es vielmehr, sie zu unterstützen und zu begleiten“ (ebd., S.309). Schon die Skizzierung der Professionalisierungsgeschichte macht deutlich, dass heilpädagogisches Handeln Kern der Heilpädagogik ist - sowohl in der Profession als auch in der Disziplin. Heilpädagogisches Handeln ist „darauf ausgerichtet (...), Menschen in einer heilpädagogisch relevanten Lage als vollwertige Mitglieder in das gesellschaftliche Leben einzubeziehen und ihnen zu einer subjektiv möglichen Entfaltung und Selbständigkeit in Alltagsangelegenheiten zu verhelfen“ (ebd., S.237). Für Heilpädagogen/ Heilpädagoginnen heißt das, dass sie ein Mandat auf der Subjektebene der Klienten/ Klientinnen übernehmen (vgl. Ackermann 2004, S.347).

2.2 Ethik

Etymologisch betrachtet, lässt sich der Begriff „Ethik“ von dem griechischen Wort „Ethos“ ableiten. Ethos meint im ursprünglichen Sinne Gewohnheit, Sitte, Brauch. Mittlerweile ist die Bedeutung von Ethik jedoch spezifischer als die des Ethos. Vielmehr ist Ethik seit der Antike eine eigenständige Disziplin der praktischen Philosophie (vgl. Dederich 2007, S.211f). „Zentrale Gegenstände [...] sind das menschliche Handeln und seine Produkte.“ Seit der Lehre Aristoteles’ „steht die Frage nach dem guten Leben im Mittelpunkt“ (ebd. 2007, S.211f). Diese Annahmen der Ethik sind auch heute noch zentral. Mittlerweile gibt es jedoch verschiedene Interpretationen über die Frage was ein ‘gutes Leben’ ist und ferner wie es erreicht werden kann. Auf die verschiedenen Formen der Ethik soll hier nicht näher eingegangen werden, da es in dieser Arbeit um die heutige heilpädagogische Ethik geht. Was aber beinhaltet die Frage nach dem ‘guten Leben’? Bei der Klärung ergeben sich unmittelbar weitere Fragen: „Was ist das höchste Gut? Welches ist das richtige Handeln? Wie ist die Freiheit des Willens möglich?“ (Gröschke 1993, S.80). Diese Fragen bedingen sich dabei gegenseitig. Denn: Steht z.B. die Frage nach dem richtigen Handeln allein, handelt es sich nicht um Ethik, sondern um Moral. Diese beiden Begriffe werden im Alltag oft synonym verwendet, müssen aber im wissenschaftlichen Diskurs unterschieden werden.

„Moral beruht [...] auf Normen und Werten, die in der Regel in Form von Geboten und Verboten auftreten und die durch gemeinsame Anerkennung ihre Verbindlichkeit erlangen“, meint aber auch „die Bestrebung, auf der Grundlage von Überlegung und Einsicht das in einer Situation jeweils erforderliche Gute zu tun“ (Dederich 2007, S.211). Moral ist also die Grundlage für konkretes menschliches Handeln. Ethik steht über der Moral. Sie ist die Theorie oder Begründung von Moral. Entsprechend ist Ethik an die Moral gebunden, Moral jedoch nicht an Ethik (vgl. Gröschke 1993, S.79f). „Ethik setzt eine wie auch immer geartete sittlich-moralische Praxis voraus. Im erkenntnistheoretischen Sinne verläuft ihr Denkweg also induktiv-deduktiv: sie geht aus vom Einzelnen (den konkreten moralischen Lebensformen) hin zum Allgemeinen (den verallgemeinerungsfähigen Maximen und Prinzipien) und wieder absteigend versucht sie deren Geltung und Begründung für die Anwendung auf problematische oder strittige Einzelfälle aufzuklären“ (ebd., S.80).

2.3 Sozialer Konstruktionismus

Sozialer Konstruktionismus ist eine Richtung des Konstruktivismus. Dieser ist eine Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie (vgl. Kirsch 2007, S.366). Es wird also zunächst danach gefragt, wie Erkenntnis und Wissen erworben wird. Ferner geht es um die reflexive Bewertung dessen.

Um den Inhalt der Theorie zu erklären, soll zunächst die Etymologie dienen: Konstruktivismus lässt sich von dem Wortstamm Konstrukt (lat. construere ) ableiten, welches wörtlich übersetzt zusammenbauen bzw. zusammenschichten bedeutet. Der Konstruktivismus geht also davon aus, dass Erkenntnis und Wissen, aber auch das Erleben von Welt und Wirklichkeit konstruiert wird (vgl. Palmowski 2007, S.55). Also „ist das was wir als Erkenntnis oder als objektive Wirklichkeit bezeichnen, aus Sicht des Konstruktivismus keineswegs eine reine Abbildung ontischer, also bewusstseinsunabhängig vorhandener Objekte, sondern [...] eine Konstruktionsleistung, die nicht hintergehbar ist, zugunsten ‘objektiver Erkenntnis’ über die Dinge ‘an sich’“ (Kirsch 2007, S.366).

Neben dem sozialen Konstruktionismus ist der radikale Konstruktivismus einer der Hauptströmungen des Konstruktivismus. Ihm gegenüber stellt „der Soziale Konstruktionismus (...) die soziale Eingebundenheit allen Wissens und aller Erfahrung in den Mittelpunkt“ (Westmeyer 2002, S.5).

Doch wie gelangt man zu der Annahme, dass Wissen bzw. Wirklichkeit eine Konstruktion ist? Ausgangspunkt ist die Geschichte des Verständnisses in welchen Verhältnis Mensch und Welt zueinander stehen. Es haben sich verschiedene Sichtweisen entwickelt: Der Philosophische Idealismus geht davon aus, dass es nur eine Welt des Geistes gibt. Die materielle Welt entsteht demnach erst im Geist selbst.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640688982
ISBN (Buch)
9783640689293
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154793
Institution / Hochschule
Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - Abteilung Münster
Note
1,3
Schlagworte
Praxisrelevanz Ethik Heilpädagogik Sozialkonstruktionismus

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