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John Rawls - Die Herleitung seiner Gerechtigkeitsgrundsätze

Seminararbeit 2009 18 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALT

Vorwort

Einleitung

1. John Rawls und sein Werk
1.1 John Rawls' Leben
1.2 Bedeutung des Werkes „Eine Theorie der Gerechtigkeit"
1.3 Philosophische Einordnung der Theorie

2. Die Herleitung der Gerechtigkeitsgrundsätze
2.1 Der Urzustand
2.2 Der Schleier des Nichtwissens
2.3 Weitere Grundannahmen
2.4 Die Grundgüter

3. Die Gerechtigkeitsgrundsätze
3.1 Die Liste der Grundsätze
3.2 Das erste Gerechtigkeitsprinzip
3.3 Das zweite Gerechtigkeitsprinzip
3.4 Zusammenhang der beiden Grundsätze

Zusammenfassung und Resümee

Literaturverzeichnis

Vorwort

Gerechtigkeit ist ein wesentliches Element der Demokratie. Wie man Gerechtigkeit aber definieren soll, so dass es sich nicht um eine Scheingerechtigkeit handelt, stellt eine große Herausforderung dar und ist mit einigen Schwierigkeiten verknüpft.

In der vorliegenden Arbeit sollen RAWLS' Grundsätze eruiert werden, die eine gerechte Verteilung der Güter in einer Gesellschaft, regeln.

Nachdem ich sein Leben und die Bedeutung seines Werkes kurz vorstellen werde, möchte ich die rawlsschen Grundsätze herleiten. Denn ihre Herleitung ist gleichzeitig die Begründung, warum diese Prinzipien die bestmögliche Gerechtigkeit schaffen. Der Prozess der Etablierung dieser beginnt im Urzustand und dem ihm innewohnenden Schleier des Nichtwissens. Die daraus hervorgehenden Gerechtigkeitsgrundsätze werde ich anschließend erläutern und von einander abgrenzen.

Die Hausarbeit soll einen Überblick über RAWLS Idee schaffen, wichtige Aspekte klären und anregen sich weiter und tiefer mit der Thematik zu beschäftigen. In Anbetracht der Kürze der Arbeit können sich meine Ausführungen nur auf die wichtigsten Punkte RAWLS' Theorie beschränken und erheben in keinem Fall den Anspruch die gesamten Facetten der Gerechtigkeitsgrundsätze widerzugeben.

Einleitung

Wir leben in einer Gesellschaft bestehend aus verschiedenen Individuen mit unterschiedlichen Voraussetzungen, unterschiedlichen Vorstellungen, unterschiedlichen Werten. Unser Zusammenleben ist gekennzeichnet von gemeinsamen und gegensätzlichen Interessen. Jeder Einzelne strebt nach anderen Gütern. Die Unklarheit darüber, wer welches Recht auf durch Zusammenarbeit erzeugte Güter hat, führt zu Konflikten. Sie ergeben sich daraus, „dass es dem Menschen nicht gleichgültig ist, wie die [...] Güter verteilt werden, denn jeder möchte lieber mehr als weniger haben."[1] Um zu vermeiden, dass dieser Zustand in der Bekämpfung aller gegen aller endet und um Klarheit zu schaffen „sind Grundsätze nötig, um zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Regelungen der Güterverteilung zu entscheiden und eine Einigung darüber zu erzielen."[2] Nach diesen Grundsätzen sollen die Institutionen der Grundstruktur - jene, die die Lebenschancen nachhaltig beeinflussen, wie Verfassung, Wirtschaft etc. - „die richtige Verteilung der Früchte und Lasten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit"[3], also der Rechte und Pflichten, bestimmen. Sie legen fest, was gerecht ist.

Der hohe Stellenwert der Gerechtigkeit in unserer Gesellschaftsordnung wird deutlich, wenn wir diese mit einem totalitären System vergleichen, das zwar stabil und effizient sein mag, jedoch ethisch wertlos ist und realpolitisch labil.[4] Für RAWLS ist die Gerechtigkeit nicht nur eine wichtige Tugend, sondern die „erste Tugend sozialer Institutionen."[5] Schließlich beeinflusst sie mit der Festlegung der Rechte und Pflichten unsere „Lebenschancen, was [wir] [...] werden können und wie gut es [uns] [...] gehen wird."[6] Mit der Wahrheit ist sie die Haupttugend des menschlichen Handelns und duldet keine Kompromisse. Sie ist es, aus der die Unverletzlichkeit des Menschen entspringt und „auch im Namen der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann."[7]

Wie können wir aber Gerechtigkeit schaffen, besonders, wenn jeder eine andere Vorstellung davon hat, was gerecht ist?

1. John Rawls und sein Werk

1.1 John Rawls' Leben

John RAWLS muss den einflussreichsten Vertretern der liberalen politischen Philosophie zugeordnet werden. Die Harvard University bezeichnet ihren Emeritus im Nachruf als den "most important political philosopher of the 20th century".[8]

RAWLS wurde 1921 in Baltimore (Maryland, USA) in ein politisch aktives Elternhaus geboren. Während sein Vater als möglicher Kandidat für den Senat der Vereinigten Staaten galt, kämpfte seine Mutter für die Gleichberechtigung der Frau. In Princeton nahm er ein Philosophiestudium auf, das er 1950 mit der Promotion abschloss. Später lehrte er als Professor an der Cornell Universität in Ithaca (New York, USA) und am MIT in Cambridge (Massachusetts, USA) bis er 1961 an die Harvard University in Cambridge wechselte, an der er zuerst als Philosophieprofessor arbeitete. Als Nachfolger des Nobelpreisträgers Kenneth Arrow hatte er dort ab 1979 die Position eines Harvard University Professors inne. Im Alter von 81 Jahren verstarb RAWLS 2002 infolge mehrerer Schlaganfälle.[9]

1.2 Bedeutung des Werkes „Eine Theorie der Gerechtigkeit"

RAWLS' 1971 erschienenes Hauptwerk „Eine Theorie der Gerechtigkeit" ist die bedeutendste politische Theorie der Gegenwart. Sie leitete eine neue Ära des Gerechtigkeitsdiskurses ein[10] und entfachte wie kaum ein anderes Werk aus der politischen Philosophie intensive interdisziplinäre Diskussionen und übt bis heute großen Einfluss auf diese aus. Viele christliche Sozialethiker nehmen seine Theorie als Basis ihrer Argumentation, wie auch die Kirche selbst, die in offiziellen Stellungnahmen einen Bezug zu RAWLS Gerechtigkeitsvorstellung herstellt.[11] Man kann also von einem bahnbrechenden Werk der Philosophie sprechen.

1.3 Philosophische Einordnung der Theorie

RAWLS' „Theorie der Gerechtigkeit" gründet auf einer Zweiteilung der Moralphilosophie: zum einen auf der Ethik, die sich den Handlungen der Personen und Gruppen zuwendet, zum anderen auf der Gerechtigkeitslehre (Moral), die die sozialen Institutionen beurteilt. Letztere steht für ihn in seinem Werk im Vordergrund, obwohl er sich während seiner Studienzeit hauptsächlich mit der Ethik beschäftigte.[12]

Im anglo-amerikanischen Raum war die Philosophie zu dieser Zeit vom Utilitarismus geprägt,[13] dessen Grundidee es ist, nach dem größten Glück für die größte Anzahl von Menschen zu streben. Der Nutzen ist Grundlage und Zweck des Handelns und Maßstab der Sittlichkeit.[14] Ob eine Handlung moralisch richtig ist, ergibt sich deshalb aus deren Folgen und nicht aus der Handlung selbst.

RAWLS versuchte dem Utilitarismus zunächst viel Posititves abzugewinnen und mit dessen Hilfe soziale Fragen der Philosophie zu beantworten. Doch schließlich kommt er zu der Einsicht, dass die Ethik der Moderne zunehmend unfähig ist, komplexe Probleme zu lösen. Armut und Arbeitslosigkeit liegen eher in strukturellen bzw. institutionellen Missständen begründet, also in Gebieten der Gerechtigkeitslehre, als im ethischen Bereich. Da unsere Welt von einem Institutionengeflecht durchdrungen ist, kann man sich nicht mehr nur auf einzelne Institutionen wie auf die Agentur für Arbeit, die Familie oder Recht fokussieren, sondern muss das Institutionensystem, RAWLS nennt es die Grundordnung einer Gesellschaft, als Ganzes analysieren.[15]

Sein Gegenmodell, die „Theorie der Gerechtigkeit", soll „eine systematische Analyse der Gerechtigkeit [...] liefern, die [...] der vorherrschenden utilitaristischen Tradition überlegen ist"[16] und versuchen durch Einbezug von spieltheoretischen, wirtschaftswissenschaftlichen und psychologischen Erkenntnissen[17] „die herkömmliche Theorie des Gesellschaftsvertrags von Locke, Rousseau und Kant zu verallgemeinern und auf eine höhere Abstraktionsstufe zu heben."[18] Mit seiner Lehre belebt RAWLS den politischen Liberalismus auf der Grundlage der Idee des Sozialkontrakts wieder - seine Theorie ist also eine Vertragstheorie-, der bis ins späte 19. Jahrhundert vorherrschte: Die Mitglieder einer Gesellschaft formulieren unter Berücksichtigung der ursprünglichen Freiheit und Gleichberechtigung eines jeden Individuums eine Verfassung, die das Zusammenleben regelt.[19] Wobei der zentrale Aspekt der Vertragstheorie nicht der Vertrag selbst ist, sondern vielmehr der Prozess seiner Hervorbringung aus einem hypothetischen Ur-/ oder Naturzustand, eine fiktive Entscheidungssituation ohne historischen Zeitpunkt, um die Entstehung und Legitimation eines Staates, einer Gesellschaftsform oder einer Moralvorstellung zu erklären.[20]

2. Die Herleitung der Gerechtigkeitsgrundsätze

2.1 Der Urzustand

Auch RAWLS konzipiert einen solchen Urzustand. Um die Gerechtigkeitsgrundsätze herleiten und begründen zu können, müssen wir diesen und seine Komponenten zuerst betrachten.

Der Urzustand der Theorie der Gerechtigkeit unterscheidet sich von den Naturzuständen anderer Theorien, obwohl der Autor selbst meint, dass „die ursprüngliche Situation der Gleichheit [also der Urzustand, Anm. T.H.] dieselbe Rolle wie der Naturzustand in der herkömmlichen Theorie des Gesellschaftsvertrags"[21] spielt.

[...]


[1] Rawls, John, 1975: Eine Theorie der Gerechtigkeit (übersetzt von Vetter, Hermann). Frankfurt am Main, S.20

[2] Vgl. Ebenda, S.20

[3] Vgl. Ebenda, S.20

[4] Vgl. Wallner, Jürgen, 2001: Freiheit und Gerechtigkeit: Entwurf eines eschatologischen Liberalismus. Hamburg, S.70

[5] Rawls, John, 1975: Eine Theorie der Gerechtigkeit (übersetzt von Vetter, Hermann). Frankfurt am Main, S.20

[6] Vgl. Ebenda, S. 23

[7] Vgl. Ebenda, S. 19

[8] Vgl. Gewertz, Ken, 2002: John Rawls, influential political philosopher, dead at 81: Author of "A Theory of Justice" was James Bryant Conant University Professor Emeritus, in http://www.news.harvard.edu/gazette/2002/11.21/99-rawls.html, eingesehen am 01.05.2009

[9] Vgl. Hinsch, Wilfried, 2002: Realistische Utopie des Liberalismus. Zum Tod des Philosophen John Rawls, in http://www.nzz.ch/2002/11/26/fe/newzzD8ZT4QD5-12.html, eingesehen am 01.05.2009

[10] Vgl. Rieger, Günther, o.J.: John Rawls, A Theory of Justice, Cambridge 1971, in http://www.springerlink.com/content/l2h5657271563411/fulltext.pdf?page=1, eingesehen am 04.06.2009

[11] Vgl. o.V., o.J., o.T., in http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/80/48/dokument.html?titel=RAWLS%2C+John+Borden+(Bordley)&i d=57208408&top=Lexikon&suchbegriff=phelps++michael&quellen=&qcrubrik=sportfreizeit, eingesehen am 09.06.2009

[12] Vgl. Wallner, Jürgen, 2001: Freiheit und Gerechtigkeit: Entwurf eines eschatologischen Liberalismus. Hamburg, S.67

[13] Vgl. Ebenda, S.67

[14] Vgl. o.V., o.J., o.T., in http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=54448204&suchbegriff=Utilitarismus&top=Lexikon, eingesehen am 09.06.2009

[15] Vgl. Wallner, Jürgen, 2001: Freiheit und Gerechtigkeit: Entwurf eines eschatologischen Liberalismus. Hamburg, S.67f

[16] Rawls, John, 1975: Eine Theorie der Gerechtigkeit (übersetzt von Vetter, Hermann). Frankfurt am Main, S.12

[17] Vgl. Rieger, Günther, o.J.: John Rawls, A Theory of Justice, Cambridge 1971, in http://www.springerlink.com/content/l2h5657271563411/fulltext.pdf?page=1, eingesehen am 04.06.2009

[18] Rawls, John, 1975: Eine Theorie der Gerechtigkeit (übersetzt von Vetter, Hermann). Frankfurt am Main, S.12

[19] Vgl. Otto, Jan und Pfaff Eva-Maria, 2007: John Rawls- Verteilungsgerechtigkeit- eine Theorie der Gerechtigkeit. München, S.2

[20] Vgl. Boucher, David und Kelly, Paul, 1994: The Social Contract from Hobbes to Rawls, London, S.1ff

[21] Rawls, John, 1975: Eine Theorie der Gerechtigkeit (übersetzt von Vetter, Hermann). Frankfurt am Main, S.28

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640685165
ISBN (Buch)
9783640685608
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155098
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl Institut
Note
2,0
Schlagworte
John Rawls Herleitung Gerechtigkeitsgrundsätze

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