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Geschlecht oder sex vs. gender

Entstehung, Erläuterung und Diskussion der begrifflichen Trennung zwischen biologischem und soziokulturellem Geschlecht

Seminararbeit 2005 5 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Levke Bittlinger

Geschlecht oder sex vs. gender

Entstehung, Erläuterung und Diskussion der begrifflichen Trennung zwischen biologischem und soziokulturellem Geschlecht Seminararbeit zur Lehrveranstaltung „Geschlecht und Kultur“ am „Institut für Philosophie, Ideen- und Kunstgeschichte und klassische Sprachen“ der Universität Oslo, Norwegen

Frühlingsemester 2005

In der englischen Sprache gibt es zwei Ausdrücke für den deutschen Begriff „Geschlecht“ und das norwegische Wort „kjonn“: sex und gender. Dabei kann diese Begriffsdifferenzierung im Englischen durch die Hinzufügung von „biologisches“ und „kulturelles“ oder „soziales“ an das Wort „Geschlecht“ ins Deutsche übertragen werden. Wie die deutsche Übersetzung schon zeigt, definiert sex das rein biologische Geschlecht eines Menschen. Definitionsfaktoren hierbei sind die Geschlechtsorgane, die Geschlechtschromosomen, aber auch Hormone. In der Ideengeschichte sind typische Symbole für die Weiblichkeit Eierstöcke und Vagina, die Symbole für den Mann sind es Penis und Samenzellen. Der Begriff gender steht für das soziale und kulturelle Geschlecht, teilweise auch für die Geschlechtsidentität oder Geschlechterrolle einer Person1, das beinhaltet zum Beispiel geschlechtsspezifische Verhaltensweisen, Erscheinungsformen und sexuelle Präferenzen, eigentlich alles Geschlechtsspezifische, das nicht die Biologie betrifft. Wobei Judith Butler, eine Vertreterin des sex-gender-Prinzips, später eingesteht, dass es problematisch sein kann, „zu bestimmen, wo das Biologische, das Psychische, das Diskursive, das Soziale anfangen und aufhören“2.

Entstanden ist die sex-gender-Dichotomie in der amerikanischen Psychologie und Sexologie (John Money) im Rahmen der Erforschung des Transvestitismus, der Transsexualität und des biologischen Hermaphroditismus.3 Hierbei trat das Problem der vom biologischen Geschlecht abweichenden Geschlechtsidentität zu Tage. Zum Beispiel gibt es Männer, die sich wie eine Frau kleiden und sich weiblich fühlen. Zur Erklärung dieses Phänomens wurden die beiden ursprünglich äquivalenten Begriffe4 sex und gender bedeutungsdifferenziert.

Amerikanische Feministinnen und andere Wissenschaftler der 1960er und 1970er Jahre verwen-deten dann die Begriffe sex und gender, deren Bedeutungsunterschied „et fundamentalt utgangspunkt for svsrt mye feministisk teorie”5 wurde, um ihre Position gegen den biologischen Determinismus zu festigen. Sie wandten sich gegen Geschlechtskonventionen und Machtverhält-nisse, die mit biologischen, „natürlichen“ Faktoren begründet wurden, mit dem Ziel der Emanzi-pation der Frau. Auch gelangte man zu der Erkenntnis, dass die geschlechtliche Identität weniger stark vom biologischen Geschlecht abhängig war, sondern stark durch Normen und Sozialisation geformt wird.6 Damit setzte auch eine Kritik an den gesellschaftlichen Geschlechtsnormen und geschlechtsspezifischen Erziehungsmethoden ein. Der differenzierte Gebrauch der Begriffe sex und gender erleichterte den Diskurs über Geschlechterrollen und Geschlechtsidentitäten.

Später hatten die poststrukturalistischen Feministinnen einen Kritikpunkt an den 60er/70er- Feministinnen: ihre Unterscheidung von sex und gender führte zur Essentialisierung des biolog-ischen Geschlechts.7 Das bedeutete, dass das sex „urorlig, stabilt, koherent, stivnet, prediskursivt, naturlig og ahistorisk“8 wurde und die Kultur von der Natur (Biologie) getrennt wurde. Auch die Interpretation von gender als Psyche und Identität durch die Feministinnen in der 1960er-Jahre-Tradition von Robert Stoller und Gayle Rubin war ein Kritikpunkt. Dieses Gedankenkonstrukt führte nämlich zu dem Problem, dass die Psyche in völliger Unabhängigkeit vom Körper dastand und dieser wiederum der Seele untergeordnet wurde.9 Diese strikte Trennung zwischen Natur und Kultur mag uns heute als absurd erscheinen.

[...]


1 vgl. Moi, Toril: Hva er en kvinne? Kj0nn og kropp ifeministisk teori. Gyldendal: 2. Auflage, Oslo 2005. S. 41, 43.

2 zitiert nach: Hof, Renate: „Kulturwissenschaften und Geschlechterforschung“ In: Nünning, Ansgar und Nünning, Vera (Hg.): Konzepte derKulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen - Ansätze - Perspektiven. J. B. Metzler: Stuttgart, Weimar 2003. S. 338.

3 vgl. Hansen, Jan-Erik Ebbestad und Moller, Kari: Kj0nn og androgynitet. Gyldendal: Oslo 2001. S.8-9 und Moi: S. 41.

4 vgl. Archer, John und Lloyd, Barbara: Sex and Gender. 2. Auflage, Cambridge University Press: Cambridge 2002. S. 17: “older dictionaries show that “gender” was only used as equivalent to “sex””.

5 Moi: S. 21.

6 vgl. Hof: S. 331.

7 vgl. Moi: S. 22.

8 Ebd.: S. 22.

9 vgl. ebd.:S.47.

Details

Seiten
5
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640689019
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155200
Institution / Hochschule
Universitetet i Oslo – Institut für Philosophie, Ideen- und Kunstgeschichte und Klassische Sprachen/Institutt for filosofi, ide- og kunsthistorie og klassiske språk
Note
1
Schlagworte
Geschlecht Entstehung Erläuterung Diskussion Trennung

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