Lade Inhalt...

Wie erklärt man Fehler?

Seminararbeit 2006 24 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhalt

1 Vorwort

2 Das Korrektur-Dogma

3 Was ist ein Fehler?
3.1 Grammatik-Übersetzungsmethode
3.2 Direkte Methode
3.3 Audio-visuelle und audio-linguale Methode
3.4 Kommunikativer Ansatz

4 Fehlererklärung

5 Praxisbeispiel zur Fehlererklärung
5.1 Lernerbiographie
5.2 Vorgangsweise
5.3 Ergebnisse

6 Methodisch-didaktische Schlussfolgerungen

7 Literaturverzeichnis

1 Vorwort

Der Sekundärliteratur über Korrektur bzw. Fehlererklärung liegen oftmals implizite, nicht näher ausformulierte Annahmen zugrunde, was Korrektur oder Fehlererklärung sei, die Konzepte gehen dabei entweder davon aus, dass Fehlererklärung ein der Korrektur inhärentes Phänomen sei: Wenn korrigiert wird, ist praktisch die Fehlererklärung schon inkludiert bzw. die Fehlererklärung setzt dort erst an, wo die herkömmliche Korrektur mit ihrem Markieren und Ausbessern von Fehlern an ihre Grenzen stößt. In einigen Arbeiten wird der explizite Aspekt der Korrektur gegenüber dem impliziteren der Reparatur herausgehoben. Auch der Terminus Fehlerbehandlung wird öfters verwendet und bezieht sich generell auf den Umgang mit Fehlern, sie bestünde aus „Handlungen, durch die Lehrer Korrekturen initiieren, bestätigen oder vollziehen (Edmondson 1993:59)“ und ziele auf das Einleiten einer Korrektursequenz.

In dieser Arbeit gehe ich von der Definition der Fehlererklärung als Teilaspekt der Korrektur aus, der sich an die Schritte der Identifikation und der Fehlerbeschreibung anschließt und schlußendlich in die Fehlertherapie münden kann, wobei die einzelnen Schritte nicht als genau gegeneinander abgegrenzt erscheinen, sondern teilweise fließend ineinander übergehen.

Aber wie sieht Fehlererklärung eigentlich aus, was für Information muss der Lernende erhalten, um zu erkennen, was er falsch gemacht hat? Ist das nicht genau der wunde Punkt, an dem Fremdsprachenlehrer ansetzen müssten, wollten sie den Schülern Einblick in sprachliche Strukturen der Zielsprache gewähren? Dieser Punkt, der hier ausgeleuchtet werden soll und zu dem diese Arbeit einen (wenn auch geringen) Beitrag leisten will, besteht in der Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie Lerner durch Feedback des Lehrers Informationen über Richtigkeit oder Fehlerhaftigkeit ihrer fremdsprachlichen Äußerungen erhalten können. Hier geht es darum, dem Lerner aufzuzeigen, warum es sich um einen Fehler handelt und Einsicht die sprachlichen Gesetzmäßigkeiten der Zielsprache zu vermitteln.

2 Das Korrektur-Dogma

Korrektur dürfte zu den wesentlichen Stützpfeilern zählen, die dem Lehrer das Gefühl seiner Unentbehrlichkeit und seines Gebrauchtwerdens im Fremdsprachen-Unterricht vermittelt.[1]

Fremdsprachenunterricht und Korrektur sind seit jeher untrennbar miteinander verbunden. Die meisten Lehrer sehen auch heute noch Korrektur als integrativen Bestandteil ihrer sozialen Autorität, in manchen Ländern gilt es teilweise immer noch als prestige-schmälerndes Unterfangen oder gar als Leistungsversagen, Fehler nicht oder nicht sofort korrigieren. Die Vorstellung davon, was Korrektur ist und wie sie zu erfolgen hat, differiert allerdings beträchtlich. Chaudron (1977:30ff.) listet vier unterschiedliche Konzepte fremdsprachlichen Korrigierens auf, wobei im Fall der beiden ersten als wesentliches Kriterium erfolgreichen Korrigierens der Lernerfolg gilt, der „in einer dauerhaften Internalisierung eines sprachlichen Phänomens durch den Lerner“[2] besteht bzw. „in dem erfolgreich durchgeführten Versuch des Lehrers, die Korrektur eines zuvor gemachten Fehlers seitens des Lerners oder aber seiner Mitlerner zu elizitieren.“[3], beides problematische Konzepte, da der Lernerfolg von außen kaum empirisch feststellbar ist. Ein drittes Konzept geht von einer praxis-orientierteren Definition des Korrigierens aus und schließt unter Korrigieren „jede lehrerseitige Reaktion auf eine falsche Lerneräußerung ein, sei es explizit in Form unmittelbarer Kritik oder Fehlermarkierung oder sei es implizit durch Wiederaufnahme der betreffenden Form oder durch stillschweigende Korrektur des falschen Items durch den Lehrer.“[4] Das vierte Konzept schließlich reduziert den Korrekturvorgang in behaviouristischer Tradition auf positive und negative Verstärkung der sprachlichen Äußerung durch den Lehrer.Rehbein grenzt überhaupt Korrektur als „Handlung, in deren Verlauf der Lerner seinen Handlungsfokus aufgrund der Lehrerintervention aufgibt und dadurch in seiner Lerntätigkeit behindert wird“[5], gegenüber dem impliziteren Vorgang der Reparatur ab. Während also Korrektur in die Belange des Lerners eingreife und ihm die sprachlichen Äußerungen vom Lehrer vorgegeben werde und damit wohl nicht mehr unbedingt der ursprünglich intendierten inhaltlichen Aussage entspreche, orientiere sich die Reparatur am sprachlichen Handlungsfokus des Lerners. In dieselbe Kerbe schlagen Henrici/Herlemann (1986:11ff.), wenn sie Korrekturen als „interaktive Verfahren zur Verständnissicherung in der Kommunikation“[6] betrachten.

Eine Korrektur ist dadurch motiviert, daß ein Redebeitrag als falsch oder fehlerhaft, ungenau oder mißverständlich oder im weitesten Sinne als verbesserungswürdig angesehen wird. Das Auftreten der Korrektur ist nicht davon abhängig, ob ein inhaltlicher oder sprachlicher Mangel deutlich erkennbar oder gar objektiv feststellbar ist. Umgekehrt zeigt eine Korrektur an, daß mindestens einer der Gesprächsteilnehmer einen schon geleisteten Redebeitrag für korrekturbedürftig hält.[7]

Ganz richtig stellt Kleppin fest, dass die Erkennung von Fehlern als solche nicht objektiv ist, sondern in der konkreten Unterrichtssituation zwischen den Unterrichtsaktanten ausgehandelt wird: „Ausgangspunkt für Korrekturen [ist] eben nicht der objektiv feststellbare Fehler, sondern das, was die Unterrichtsaktanten als korrekturwürdig ansehen.“[8] Die Entscheidung, ob eine sprachliche Äußerung als korrekt oder inkorrekt anzusehen ist, ob sie ihm situativ angemessen erscheint oder wenn schon nicht als Verstoß gegen die Sprachnorm, so doch als Verstoß gegen kulturelle Normen gewertet wird, muss allerdings letztlich der Lehrer treffen. Es gilt: „Je schülerbezogener der Fremdsprachenunterricht sein will, desto mehr kommt es auf den Lehrer an.“[9] Der Rahmen, innerhalb dessen die Unterrichtsaktanten interagieren, wird vom Lehrer vorgegeben, im frontalen Fremdsprachenunterricht sind die Möglichkeiten der Interaktion vom lockstep-Verfahren begrenzt: Lehrer-Frage I –Schüler-Antwort ® -Lehrer (Feedback bzw. Korrekturhandlung (F=I) –Schüler Antwort ® -Lehrer-Feedback (F)

Iniitieren und Vermittlung von Information erfolgt dabei von der Lehrkraft, die Reaktion vom Schüler. Wenn Schüler jetzt nun selbst eine Frage stellt, und somit das Interaktionssyste, initiiert und Antwort erhält, ist die Interaktionssequenz meistens zu Ende.[10] Der Unterricht ist somit stark lehrer-zentriert, weil die Unterrichtskommunikation kaum vom Schüler bzw. seinen Kollegen, sondern üblicherweise von der Lehrperson initiiert wurde. In dieser stark hierarchisch strukturierten Perspektive wird vom Lerner einzig und allein erwartet, auf die an ihn gerichtete Frage eine korrekte Antwort zu geben. Der Lernfortschritt dh. erfolgreiche Lernen wird dabei einzig und allein daran festgemacht, ob der jeweilige Schüler die an ihn gerichtete Frage korrekt beantworten kann. Interaktionshypothesen gehen allerdings davon aus, dass zweiseitige Interaktion mehr nützt als einseitiger positiver Imput.[11] Dementsprechend sei es besonders lernfördernd, wenn Lehrer und Lerner als gleichberechtigte Partner im Lernprozess interagieren, um dem Lerner die Möglichkeit zu geben, selbst den Lernprozess aktiv mitzugestalten und dadurch, dass sie sich selber einbringen können, und durch Verknüpfung mit ihrem Universalwissen zu einer dauerhafteren Internalisierung des Lernstoffes zu kommen, als dies durch „frontale Berieselung“ möglich ist. Das Problem besteht darin, dass die Wiederholung der korrekten Sequenz vom Lehrer bereits als Internalisierung des Lernstoffes gesehen wird, von einer ausgewogenen Interaktion zwischen Lehrer und Schüler ist dementsprechend im Frontalunterricht keine Rede.

3 Was ist ein Fehler?

Genauso wie sich der Fremdsprachenunterricht seit den Zeiten der Grammatik-Übersetzungsmethode gewandelt hat, hat sich auch die Definition des Fehlers und die Einstellung gegenüber Fehlern im Sprachunterricht drastisch geändert:

3.1. Grammatik-Übersetzungsmethode

In dieser Methode stand geistig formale Schulung mit dem Ziel der allgemeinen Geistesbildung im Mittelpunkt: „Sie [Anm: die Grammatik-Übersetzungsmethode] zielt auf die Vermittlung metasprachlicher Einsichten in die Zielsprache und hofft auf diesem Wege zur Vermittlung von aktiver Sprachkompetenz beizutragen; […]“[12] Wesentlich dabei war das Einsichtnehmen in die Baugesetze der Sprache, der formale Aufbau, der mit Hilfe von Übersetzungsübungen konstrastiv zur Muttersprache betrachtet wurde. Die Grammatikdarstellung erfolgte deduktiv, nach Wortarten gegliedert, nach in der Muttersprache formulierten Regeln sollten Beispielsätze gebildet werden. Eigenständige Sprachproduktion war dabei untergeordnet, jede Abweichung von den intendierten grammatischen Vorgaben kam einem Fehler gleich, Fehlertoleranz de facto nicht vorhanden.

3.2 Direkte Methode

In der 1882 von Wilhelm Vietor in seiner Streitschrift „Der Sprachunterricht muß umkehren“ proklamierten Methode steht naturgemäßes Lernen im Vordergrund, das direkt, dh. ohne Dazwischentreten der Muttersprache, erfolgen sollte. Ausgehend von der Annahme, dass der Fremdspracherwerb und Lernen der Muttersprache im wesentlichen nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten ablaufen, nahm er damit einen Grundgedanken von Chomskys Identitätshypothese vorweg, die ebenfalls davon ausgeht, dass L1- und L2-Erwerb den gleichen Gesetzmäßigkeiten folgen. Eckpfeiler des natürlichen Lernen waren Imitation und Assoziation, die dem Lerner ermöglichen sollten, ein von der Muttersprache losgelöstes Bezugssystem aufzubauen. Demnach sollten Regeln induktiv abgeleitet werden, was ein im Vergleich zur Übersetzungsmethode höheres Potential an Fehlern birgt, da die Regeln vom Schüler selbst erarbeitet werden müssen. Dementsprechend ausgeprägt ist hier der Korrekturzwang: Da falsche Assoziationen zur Verfestigung falscher Hypothesen über die Zielsprache führen könnten, muss sofort korrigiert werden, um Fossilisierung zu vermeiden.

3.3 Audio-visuelle und audio-linguale Methode

Diese im Laufe des 2. Weltkriegs entstandene Methode basiert auf der lerntheorethischen Grundlage des Strukturalismus und Behaviourismus. Ausgehend von der Annahme, dass Lernen aus Einüben durch Wiederholung besteht, sollten die Lerner durch Bestrafung bzw. Belohnung nach dem Reiz-Reaktionsschema konditioniert werden, Fehler bestraft, richtige Antworten jedoch durch Belohnung so lange systematisch verstärkt werden, bis durch Gewohnheitsbildung falsche Äußerungen ganz ausgemerzt würden. („pattern drill“) Die Audio-visuelle und audio-linguale Methode zeichnen sich dementsprechend durch eine äußerst geringe Fehlertoleranz aus, Ziel war fehlerfreie Imitation, der Fehler ein dabei störender Makel, den es so rasch als möglich zu beheben galt:

Fehlerkorrektur bedeutet hier also eine zweifache Festsetzung: zum einen wird die sprachliche Form korrigiert, zum anderen wird die Gültigkeit des lerntheoretischen Modells explizit postuliert, indem dem vorgefertigten Ablauf Stimulus-Response ausdrückliche Gültigkeit eingeräumt wird.[13]

[...]


[1] Henrici und Herlemann (1986:18), zit. nach: Lochtman, S. 15

[2] Karin Kleppin, S. 22

[3] ebd., S. 22

[4] ebd., S. 22

[5] Kleppin, S. 25

[6] zit. nach Kleppin, S. 27

[7] zit. nach: Kleppin, S. 27

[8] Kleppin, S.27

[9] Bleyhl 1984: 180

[10] Siehe dazu auch: Lochtman, S. 17 ff.

[11] Siehe dazu auch: Lochtman, S. 17 ff.

[12] Kleppin: Der Korrektur auf der Spur, S. 37

[13] Kleppin, S. 39

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640683932
ISBN (Buch)
9783640684557
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155344
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
DaF/DaZ Deutschunterricht Fehlererklärung Fehlerkorrektur

Autor

Zurück

Titel: Wie erklärt man Fehler?