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Ingeborg Bachmanns Liebeslyrik am Beispiel von "Erklär mir, Liebe" – eine Interpretation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 9 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

1. Einleitung

In einem 1971 geführten Interview erklärte Ingeborg Bachmann worin der Grund für sie besteht, sich in lyrischer Form mit dem Begriff Liebe auseinanderzusetzen. Darin heißt es: „Für mich stellt sich nicht die Frage nach der Rolle der Frau, sondern nach dem Phänomen der Liebe – wie geliebt wird. (…) Liebe ist ein Kunstwerk.“[1] Auch wenn die von ihr verfassten Liebesgedichte im Hinblick auf ihr Gesamtwerk nur einen geringen Anteil besitzen, so zählen sie doch „zu den schönsten Beispielen ihrer Lyrik.“[2]

Ziel der vorliegenden Arbeit ist der Versuch eines der Gedichte in welchem Ingeborg Bachmann Natur- und Liebeslyrik verbindet, zu untersuchen und zu interpretieren. Dies geschieht am Beispiel des am 19. Juli 1956 erstmals in der Zeitschrift Die Zeit und später im Gedichtband Anrufung des Großen Bären veröffentlichten Gedichts Erklär mir, Liebe . Dabei soll vor allem die Haltung des dargestellten lyrischen Ichs in Bezug auf dessen Einstellung zur Liebe aufgegriffen und näher beleuchtet werden, sowie die Verwendung natürlicher Symbolik diesbezüglich hinterfragt werden.

2. Ingeborg Bachmanns Erklär mir, Liebe

Neben Gedichten wie Anrufung des Großen Bären, Landnahme oder Mein Vogel gehört Erklär mir, Liebe zu den weit weniger interpretierten Gedichte Ingeborg Bachmanns, was wohl hauptsächlich damit zu begründen ist, dass das Thema des Gedichts: „das schmerzliche Bewusstsein des intellektuellen Menschen, dass sich seine (...) Lebenshaltung aufgrund der gestörten zwischenmenschlichen Vermittlungsfähigkeit mit der ersehnten individuellen Verwirklichung in einer spontanen, gefühlsbestimmten Findung des Du nicht übereinbringen lässt“[3], sich bereits bei der ersten Lektüre des Gedichts offen darzulegen scheint.

Erklär mir, Liebe ist ungefähr in der Mitte des zweiten Teils des 1956 erschienenen dreiteiligen Gedichtbandes Ingeborg Bachmanns Anrufung des Großen Bären aufgeführt. Entstanden ist es etwa um 1954, wobei eine exakte Datierung nicht möglich ist, da sich in ihrem literarischen Nachlass keinerlei Notizen über den Prozess des Verfassens finden lassen.

2. 1. Erklär mir, Liebe – eine Analyse

Das Gedicht besteht aus insgesamt sieben Strophen, deren Länge zum Schluss des Gedichts abnehmen. Nachdem der Gedichtband bis dahin von regelmäßigen Strophenschemata dominiert wird, bildet Erklär mir, Liebe den Beginn einer neuen Form des Arrangements der Strophen. Im Gegensatz zu Gedichten wie Die blaue Stunde mit drei zwölfzeiligen Strophen im Paarreim oder Nebelland mit fünf siebenzeiligen Strophen im Kreuzreim bildet Erklär mir, Liebe einen regelrechten Bruch in Umfang und Anordnung der einzelnen Strophen, da hier keinerlei Regelmäßigkeit erkennen lässt.

Durch das zusätzliche Einfügen der Verse 10, 24 und 29 außerhalb der Strophen wird das Gedicht zusätzlich in vier Sinneinheiten unterteilt.[4]

Dem Jambischen Metrum folgend, wirken einzig die Worte „grüßt“ und „lüftet“ in Vers 1 dem Versmaß entgegengesetzt, „was die Hochstimmung (…) zum Ausdruck bringt“[5] in welcher der Angesprochene sich befindet. Des weiteren verzichtet das Gedicht auf jegliche Form des Reims am Ende der Verszeile.

2.2. Erklär mir, Liebe – eine Interpretation

Den Inhalt der ersten Strophe bildet die Beschreibung einer liebenden Figur. Deren dargestelltes Handeln weist zunächst typische Merkmale des Verhaltens eines intellektuellen Menschen auf. So unter anderem das für die Entstehungszeit des Gedichts übliche Ritual des Grüßens durch das Lüften des Hutes oder der Erwerb mehrerer Sprachen. Der Vers „dein unbedeckter Kopf hat's Wolken angetan“ weist in diesem Zusammenhang auf eine mitunter sogar philosophische Geistestätigkeit hin, welche über die irdischen Grenzen versucht hinauszublicken und eben schließlich einer Redewendung entsprechend „mit dem Kopf in den Wolken“ hängt.

Durch die Anrede mit dem Personalpronomen „Du“ wird deutlich, dass eben dieser Intellektuelle aus der Sicht einer anderen Person gesehen wird. Die Anapher „dein“ der ersten vier Verse verdeutlicht, dass der emotionale Zustand der beschriebenen Person mit dem des lyrischen Ichs nicht übereinstimmt. Stattdessen erfährt der Liebende, bedingt durch das ihm gegebene Gefühl, eine Veränderung, gar einen Neubeginn: „dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein“. So gesteht das lyrische Ich dem Liebenden, bedingt durch dessen emotionale Hochstimmung, die Möglichkeit der geistigen Weiterentwicklung zu.

Die Kommunikation zwischen dem lyrischen Ich und dem angesprochenen gegenüber bleibt einseitig, denn das „Herz hat anderswo zu tun“. Zwischen beiden besteht ohne Zweifel eine Unstimmigkeit hinsichtlich der inneren Befindlichkeit, was das lyrischen Ich deutlich zu kritisieren weiß: „Von Flocken blind erhebst du dein Gesicht“. Damit schließt es sich selbst in mehrfacher Hinsicht vom Gefühl der Liebe aus.

Weiterhin verwendet Ingeborg Bachmann in der ersten Strophe verschiedene Bilder der Natur, hauptsächlich der Botanik, um dem Gefühl der Liebe metaphorisch gerecht zu werden. Das „Zittergras“ symbolisiert hier die mit dem Gefühl der Liebe einhergehende Unruhe aber auch die Bereitschaft sich dieser hinzugeben und damit jeglichen durch sie entstehenden Gefahren zu trotzen. Vers 6: „Sternblumen bläst der Sommer an und aus“ veranschaulicht die Vergänglichkeit des Lebens. So besitzt auch die Liebe im übertragenen Sinne nur kurze Zeit – den „Sommer“ eines Lebens – um sich zu entfalten, doch auch dieses Bewusstsein vermag es nicht dem Liebenden etwas anzuhaben.

Vers 8 formuliert schließlich sämtliche Extremzustände, welche der liebende Mensch erfahren kann: „du lachst und weinst und gehst an dir zugrund“. Es zeigt sich hier die Kraft der Liebe, welche es vermag dem Menschen alles abzuringen, an ihr zu wachsen, so wie in Vers 4 beschrieben, sich an ihr zu erfreuen, jedoch auch ihn selbst zu zerstören. Im Bewusstsein der Liebe ist es schließlich der Liebende selbst, der bedingt durch seine Emotion, dazu im Stande ist sich selbst, wenn auch nicht zwangsläufig im physischen Sinne, zu liquidieren.

Die Strophe endet schließlich mit der rhetorischen Fragestellung „was soll dir noch geschehen?“. Dies verdeutlicht zum einen, dass im Falle der erwiderten und schließlich glücklichen Liebe der Mensch um ihrer Willen nahezu jede Last ertragen kann, andererseits ist es ihm unmöglich dem inneren Unglück, welches das Gefühl in ihm auszulösen vermag, auszuweichen, sodass er sich diesem schließlich ergeben muss.

[...]


[1] Weigel, Siegried: Ingeborg Bachmann. Wien 1999. S. 150.

[2] Weigel, Siegried: Ingeborg Bachmann. Wien 1999. S. 150.

[3] Pichl, Robert: Ingeborg Bachmanns Erklär mir, Liebe. In: Kucher, Primus – Heinz; Reitani, Luigi (Hrsg.): „In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort...“ Interpretationen zur Lyrik Ingeborg Bachmanns. S. 194.

[4] Strophe 1, Strophe 2 und 3, Strophe 4 sowie Strophe 5 und 6. Vgl. dazu: Hoffmann, Dieter: Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik. Tübingen und Basel 1998. S. 208.

[5] Hoffmann, Dieter: Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik. Tübingen und Basel 1998. S. 208.

Details

Seiten
9
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640689033
ISBN (Buch)
9783640689354
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155413
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
2,3
Schlagworte
Ingeborg Bachmanns Liebeslyrik Beispiel Erklär Liebe Interpretation

Autor

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Titel: Ingeborg Bachmanns Liebeslyrik am Beispiel von "Erklär mir, Liebe" – eine Interpretation