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Kleists 'Achill'

Held oder Hilfskonstruktion?

Seminararbeit 2009 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Hauptteil

I. Der homerische Achill

II. Kleists Achill
1. heroische Zuge
1.1.in der Binnenwahrnehmung
1.2.imHandlungszusammenhang
2. Achill als Hilfskonstruktion
3. Zeitbezug
3.1. Kleists Verhaltnis zur Antike
3.2. Die Venthesilea im Kontext der deutschen Klassik

Fazit

Literaturverzeichnis

Eigenstandigkeitserklarung

Einleitung

Und selbst die klare Einsicht von Unerreichbarkeit eines hohen Vorbildes gewahrt schon einen unaussprechlichen GenuC.

(Goethe an Knebel am 15.5.1798 uber sein Studium der Ilias Homers)[1]

Die griechische Antike und ihre Mythen erfreuen sich in der Rezeption des 18. Jahrhun- derts groCter Beliebtheit. Vor allem die homerischen Epen gelten als vorbildlich und er- strebenswert. Holderlin sieht in Achill den „genialischen, allgewaltigen, melancholisch- zartlichen Gottersohn“[2], Goethe sucht mit seiner Achilleis dem „hohen Vorbild“ nachzuei- fern. Unter diesen zeitgenossischen Voraussetzungen beginnt Kleist 1806 die Arbeit an seiner Venthesilea, mit dem Sujet des trojanischen Krieges und dem „Besten der Achaier“[3] als — ja, als was eigentlich? Als Helden? Als Liebhaber? Als Hilfskonstruktion?

Dieser Frage folgend soll hier zunachst der homerische Achill skizziert werden, um spater den Kleistschen Achill, den homerischen Achill und das Antikebild der deutschen Klassik zueinander in Bezug zu setzen. Vor dieser Folie gehe ich auf den Achill der Venthesilea ein und stelle einerseits heraus, welche Zuge heroisch sind — und zwar sowohl in der Binnen- wahrnehmung als auch daruber hinaus im Handlungszusammenhang. Andererseits erortere ich, inwiefern Achill Hilfskonstruktion fur die Charakterentwicklung Penthesileas ist. In ei- nem nachsten Schritt sollen die Ergebnisse in einen zeitlichen Bezug gesetzt werden, wobei ich vor allem auf Kleists Antikeverhaltnis aus seiner Sicht und in der Wahrnehmung seiner Zeitgenossen eingehe, bevor ich die Venthesilea im Kontext der deutschen Klassik betrachte.

Letztendlich sollen also folgende Fragen geklart werden: Wie ist die Figur Achills konstru- iert? Welche Zuge sind heroisch, welche Hilfskonstruktion? Und weitergehend: Wie verhal- ten sich diese zueinander und zu ihrem Umfeld, und was sagen sie uber die Dichterintenti- on aus?

Hauptteil

I. Der homerische Achill

„Kleos aphthiton“, unverganglicher Ruhm, wird Achill vom Iliasdichter zugesprochen. Auch in der Antikerezeption des 18. Jahrhunderts haben die homerischen Epen einen ho- hen Stellenwert. Uberhaupt wird die griechische Antike zum Vorbild in der klassischen deutschen Antikerezeption. Dagegen gibt es eine Tradition, die Achill nicht als gottlichen Helden verherrlicht, sondern ihn kritisiert, in seiner Brutalitat vereinseitigt; bei Christa Wolf wird aus dem „Besten der Achaier“[4] schlieBlich nur noch „Achill das Vieh“[5].

Der Achill der Ilias ist eine „schimmernde Gestalt“ (94), die gekennzeichnet ist von Ex- tremen, von einer Gegensatzlichkeit, die sich einem eindimensionalen Zugang verweigert. Nach Schmidt wurden diese Spannungspole in der Wirkungsgeschichte verabsolutiert: A- chill als blutrunstiger Schlachter wie der vorbildhafte Gottersohn seien daher keine Vmkeh- rungen der ursprunglichen homerischen Gestalt, sondern vielmehr „Vereinseitigungen“ die- ser Extreme.[6]

Das zentrale Thema der Ilias ist nach Effe „die Darstellung menschlichen Verhaltens, menschlicher GroBe und menschlichen Scheiterns, im Spannungsfeld innermenschlicher Auseinandersetzungen.“[7] Diese Auseinandersetzungen spielen sich im Umfeld des Krieges ab, also im Bereich einer existentiellen Grunderfahrung. Das Publikum der Was bestand aus selbststandigen, mit lokaler Macht ausgestatteten GroBgrundbesitzern, dem griechischen Adel. Gekennzeichnet war diese Adelgesellschaft durch ein Prestigedenken, als dessen ent- scheidendes Regulativ das Streben nach time, nach Ehre, wirkte.

Machtbewahrung und -erweiterung gelang vor allem durch Besitz, was sich in dem Kon- flikt zwischen Achill und Agamemnon spiegelt. AchiU erscheint vor diesem Hintergrund zunachst als bewundernswerter Mann, als der Adlige schlechthin: Die Verletzung seiner ti­me beantwortet AchiU mit absolut normgemaBem Handeln, sodass das Publikum, das nach denselben Wertevorstellungen denkt und handelt, sich mit AchiU identifiziert. Allerdings birgt dieses normgemaBe Handeln schon ein Konfliktpotential: Die Durchsetzung der ei- genen aristokratischen Interessen und die Verantwortlichkeit gegenuber seinem Heer las­sen sich nicht vereinbaren. Schon hier werde, so Effe, ein Reflexionsprozess beim Zuhorer in Gang gesetzt.[8]

Die Wandlung von bewundernder Identifikation zu kritischer Distanziernng beim Zuhorer wird im 9. Gesang eingeleitet: Achill reagiert auf die Bittgesandtschaft, die Agamemnon ihm schickt, unangemessen schroff und ebnet zugleich den Weg fur die folgenden Erei- gnisse bis zum Tod des Patroklos, den er durch seine Verstrickung in seinen Groll mitver- antwortet. Dies stellt zugleich einen Wendepunkt dar: Achill besinnt sich auf sein Schicksal — Ruhm und fruher Tod — und beteiligt sich wieder am Kampf.

Allerdings steht hier wieder nicht der Gemeinnutz, sondern nur seine personliche Rache im Vordergrund. Zudem steigert der Dichter das exzessive Wuten Achills unter den Troern bis zur Verwilderung, die ihren Hohepunkt in der Entmenschung Achills bei der Schan- dung von Hektors Leichnam findet.

Hier problematisiert der Dichter HeldengroBe und kriegerische arete; die Grenze zwischen kriegsverherrlichendem und —kritischem Epos verschwimmt. Zur Wiedereinsetzung des entmenschten Helden bedarf es schlieBlich gottlichen Eingreifens.

Das gesamte Werk hindurch wechseln sich affirmative und kritische Impulse ab. Zum ei­nen dient der groBe Kampfer Achill als Identifikationsfigur und zur Selbstvergewisserung des Adels in einer Umbruchzeit, in der andere gesellschaftliche Schichten — Handler, Schifffahrtsunternehmer — den alten Status des Adels bedrohen[9] ; andererseits finden sich in dem Epos stark irritierende Momente, die, so Effe, in der Lage sind, „eingefleischte Hand- lungsmaximen in Frage zu stellen und neuen WertmaBstaben Raum zu brechen.“[10]

Der homerische Achill ist ein hochkomplexer Charakter, der nicht mit einem Epitheton ornans oder „damnans“[11] erschopfend erfasst werden kann. Er ist eben jene schwer fassba- re, „schimmernde Gestalt“, in deren Komplexitat das ganze AusmaB ihrer Tragik begrun- det liegt. Vor diesem Hintergrund entfalte ich nun eingehend den Kleistschen Achill, um ihn ins Verhaltnis zur Antike einerseits und zur deutschen Klassik andererseits zu setzen.

II. Kleists Achill

1. heroische Zuge

1.1. in derBinnenwahrnehmung

Auf einem Hugel leuchtend steht er da,

In Stahl geschient sein RoC und er, der Saphir,

Der Chrysolith, wirft solche Strahlen nicht!

Die Erde rings, die bunte, bluhende,

In Schwarze der Gewitternacht gehullt;

Nichts als ein dunkler Grund nur, eine Folie,

Die Funkelpracht des Einzigen zu heben! (1037-43; DAS ERSTE MADCHEN)

Sonne, Licht, Feuer — mit diesen zentralen Symbolen wird Achill sowohl von seinen Ge- fahrten als auch seinen Gegnern konsequent assoziiert. In seinem ersten Auftritt wird er von Odysseus als „schimmernde Gestalt“ (94) beschrieben, die Penthesilea mit ihrem An- blick lahmt, und immer wieder kehren die Binnenrezipienten — sowohl Griechen als auch Amazonen — zu einer Sonnen- und Lichtmetaphorik zuruck:

[...] So geht die Sonne prachtvoll

An einem heitern Fruhlingstage auf!(367f.; DERMYRMIDONIER)

— Wo steht die Sonne? (1319, PENTHESILEA)

Ein Tagsstern unter bleichen Nachtgestirnen! (2207; PENTHESILEA)

Diese Attribute sind charakteristisch fur den groCen IKrieger Achill, den wir aus der Ilias kennen. Dazu gehort auch der gottliche Status, der Achill durch seine Beinamen verliehen wird: Er ist der „Gottersohn“ (370, GRIECHEN; 2223, PROTHOE), der „Gottliche“ (394, GRIE­CHEN), der „junge IKiegsgott“ (1807, PENTHESILEA). Seine gottliche Verwandtschaft und die Hilfe, die sie ihm immer wieder gewahrt, passen zu diesem Bild. In der Wahrnehmung Penthesileas schlieClich wird Achill eins mit dem Sonnengott Helios:

Bei seinen goldnen Flammenhaaren zog’ ich Zu mir hernieder ihn [...] Helios,

Wenn er am Scheitel mir voruberfleucht! (1384-87; PENTHESILEA)

Eine weitere Szene, die das Bild von Achill als traditionellen Helden stutzt, ist diejenige, in der Achill erstmalig direkt mit der (Fruhlings-)Sonne verglichen wird: Gottergleich ist sein Aufstieg im 3. Auftritt, wenn er mit seiner Quadriga uber den Hugel fahrt:

Seht! Steigt dort uber jenes Berges Rucken,

Ein Haupt nicht, ein bewaffnetes, empor?

Ein Helm, von Federbuschen uberschattet?

Der Nacken schon, der macht’ge, der es tragt?

Die Schultern auch, die Arme, stahlumglanzt?

Das ganze Brustgebild, o seht doch, Freunde,

Bis wo den Leib der gold’ne Gurt umschlieBt? (356-362; EIN MYRMIDONIER)

In der Forschung sind diese Aspekte als Beleg fur eine echte heroische Seite Achills bisher weitgehend unberucksichtigt geblieben. Mit dem Hinweis, dass Achill dieser Held sein musse, damit sich Penthesilea in ihn verlieben konne, hat man seine Figur bei weitem nicht so eingehend untersucht wie die Penthesileas. Zusatzlich besitzt Achill aber Eigenschaften, die uber die Binnenwahrnehmung hinaus als heldenhaft verstanden werden konnen und die auf eine andere Deutungsmoglichkeit hinweisen.

1.2.hetoische Ziige im Handlungszusammenhang

Das gesamte Werk hindurch finden sich Hinweise auf Achills Heldentaten.[12] Zwar nehmen diese in Hinblick auf Penthesileas Motive eine wichtige Stellung ein. Sie sind daruber hin­aus jedoch auch Belege fur sein Potential als wurdiger Gegner Penthesileas.

Dieses Potential wird zuallererst deutlich in seiner Wirkung auf Penthesilea bei ihren Be- gegnungen: Die Eroberin wird zur Eroberten.

Ich will zu meiner FuBe Staub ihn sehen,

Den Ubermuthigen, der mir an diesem Glorwurd’gen Schlachtentag, wie keiner noch, Das kriegerische Hochgefuhl verwirrt.

Ist das die Siegerinn, die schreckliche,

Der Amazonen stolze IKoniginn,

Die seines Busens erzne Rustung mir,

Wenn sich mein FuB ihm naht, zuruckespiegelt? Fuhl’ ich, mit aller Gotter Fluch Belad’ne,

Da rings das Heer der Griechen vor mir flieht, Bei dieses einz’gen Helden Anblick mich Gelahmt nicht, in dem Innersten getroffen,

Mich, mich die Uberwundene, Besiegte? (638-650)

Achill leitet hier die — temporare — Verwandlung Penthesileas von der „Furie“ zur „Grazie“ (1198) ein. In diesem Sinne siegt er uber sie als Amazone, d.h. uber ihre negativen, destruk- tiven Charakterzuge, die in einen immer scharfer werdenden Widerspruch zu ihren person- lichen Wunschen treten. Sie distanziert sich fortwahrend vom Amazonenstaat und seinen Sitten:

[...]


[1] In: Lautenbach, Ernst: Lexikon Goethe-Zitate. Auslese fur das 21. Jahrhundert aus Werk und Leben. Mun- chen 2004, S. 1020

[2] Friedrich Holderlin, Samtliche Werke. GroCe Stuttgarter Ausgabe hrsg. von F. BeiCner, Band 4.1 (1961), S. 224f.

[3] Homer, Ilias: 1, 244

[4] Homer, Ilias: 1, 244

[5] Latacz, Joachim: Achilleus. Wandlungen eines europaischen Heldenbildes. Stuttgart und Leipzig 1995, S. 9

[6] Schmidt, Ernst A.: Achill. In: Heinz Hofmann (Hg.): Antike Mythen in der europaischen Tradition. Tubin­ gen 1999, S. 96 - S. 99

[7] Effe, Bernd: Der Homerische Achilleus. Zur gesellschaftlichen Funktion eines literarischen Helden. In: Gymnasium 95 (1988), S. 2

[8] Effe, S. 6

[9] vgl. Latacz, S. 29

[10] Effe, S. 15

[11] Latacz, S. 9

[12] 1513-14, 1794-98, 2118-28 u.a.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640680375
ISBN (Buch)
9783640681792
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155418
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Kleists Achill Held Hilfskonstruktion

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