Lade Inhalt...

Die Betrachtung von Altruismus aus verschiedenen Perspektiven

Ein Vergleich ausgewählter anthropologischer und sozialpsychologischer Ansätze

©2010 Hausarbeit (Hauptseminar) 13 Seiten

Zusammenfassung

S-Bahnhof Donnersbergerbrücke in München. Zwei Jugendliche zwischen 17 und 18 Jahren bepöbeln und bedrohen zwei Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren sowie zwei 13 und 14 Jahre alte Mädchen. Ein 50-jähriger Fahrgast bemerkt die Situation und versucht, nachdem er per Handy die Polizei alarmiert hat, zu vermitteln. Da seine Bemühungen nicht ausreichend erscheinen, bietet er den Kindern an, mit ihnen zusammen am Bahnhof Solln auszusteigen, um sie im Zweifelsfalle beschützen zu können. Am Ausstiegsbahnhof eskaliert die Situation jedoch, da die Angreifer erneut auf die Kinder losgehen wollen. Während der Mann den ersten Angriff noch abwehren kann, ist er im weiteren Geschehen den beiden Jugendlichen unterlegen. Sie treten und prügeln derart heftig auf ihn ein, dass er bewusstlos zu Boden geht und später seinen schweren Verletzungen erliegt. Der beschriebene Vorgang ereignete sich im September vergangenen Jahres und sorgte für deutschlandweites Aufsehen. Er war Ausgangspunkt für eine Debatte über selbstloses, uneigennütziges und couragiertes Handeln in unserer Gesellschaft. Denn so mutig und ehrenhaft das Verhalten Dominik Brunners war, so fragwürdig erscheint die Tatsache, das eine Vielzahl an beistehenden Passanten, dem brutalen Geschehen tatenlos beiwohnten.
Der folgende Essay versucht das Verhalten der Beteiligten aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel zu betrachten und zu reflektieren, indem das zugrundeliegende Phänomen analysiert wird. Denn das couragierte und selbstlose Eingreifen von Dominik Brunner wird in seiner idealtypischen Ausgestaltung als Altruismus bezeichnet. Ausgangspunkt ist im Weiteren die Frage, ob es in unserem menschlichen Wesen eine fest verankerte Instanz gibt, die darüber bestimmt, wie wir uns in einer solchen Situation verhalten oder ob ausschließlich extrinsische Einflüsse handlungsleitend sind. Ist der Mensch überhaupt in der Lage uneigennützig zu handeln oder wirken immer mehr oder weniger sichtbare egoistische Motive? Die Anthropologie und die Sozialpsychologie bietet für die Analyse dieses speziellen Handlungstyps ein umfangreiches Sammelsurium von Theorien an.

Im Folgenden soll zunächst einmal der Begriff des Altruismus bzw. des prosozialen Verhaltens genauer definiert werden. In einem zweiten Schritt werden dann die Erklärungsansätze beider wissenschaftlicher Disziplinen vorgestellt. Abschließend erfolgt die Gegenüberstellung beider Wissenschaftspositionen.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was versteht man eigentlich unter Altruismus?

3. Der anthropologische Ansatz

4. Der sozialpsychologische Ansatz

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

S-Bahnhof Donnersbergerbrücke in München. Zwei Jugendliche zwischen 17 und 18 Jahren bepöbeln und bedrohen zwei Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren sowie zwei 13 und 14 Jahre alte Mädchen. Ein 50-jähriger Fahrgast bemerkt die Situation und versucht, nachdem er per Handy die Polizei alarmiert hat, zu vermitteln. Da seine Bemühungen nicht ausreichend erscheinen, bietet er den Kindern an, mit ihnen zusammen am Bahnhof Solln auszusteigen, um sie im Zweifelsfalle beschützen zu können. Am Ausstiegsbahnhof eskaliert die Situation jedoch, da die Angreifer erneut auf die Kinder losgehen wollen. Während der Mann den ersten Angriff noch abwehren kann, ist er im weiteren Geschehen den beiden Jugendlichen unterlegen. Sie treten und prügeln derart heftig auf ihn ein, dass er bewusstlos zu Boden geht und später seinen schweren Verletzungen erliegt. Der beschriebene Vorgang ereignete sich im September vergangenen Jahres und sorgte für deutschlandweites Aufsehen. Er war Ausgangspunkt für eine Debatte über selbstloses, uneigennütziges und couragiertes Handeln in unserer Gesellschaft. Denn so mutig und ehrenhaft das Verhalten Dominik Brunners war, so fragwürdig erscheint die Tatsache, das eine Vielzahl an beistehenden Passanten, dem brutalen Geschehen tatenlos beiwohnten.

Der folgende Essay versucht das Verhalten der Beteiligten aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel zu betrachten und zu reflektieren, indem das zugrundeliegende Phänomen analysiert wird. Denn das couragierte und selbstlose Eingreifen von Dominik Brunner wird in seiner idealtypischen Ausgestaltung als Altruismus bezeichnet. Ausgangspunkt ist im Weiteren die Frage, ob es in unserem menschlichen Wesen eine fest verankerte Instanz gibt, die darüber bestimmt, wie wir uns in einer solchen Situation verhalten oder ob ausschließlich extrinsische Einflüsse handlungsleitend sind. Ist der Mensch überhaupt in der Lage uneigennützig zu handeln oder wirken immer mehr oder weniger sichtbare egoistische Motive? Die Anthropologie und die Sozialpsychologie bietet für die Analyse dieses speziellen Handlungstyps ein umfangreiches Sammelsurium von Theorien an.

Im Folgenden soll zunächst einmal der Begriff des Altruismus bzw. des prosozialen Verhaltens genauer definiert werden. In einem zweiten Schritt werden dann die Erklärungsansätze beider wissenschaftlicher Disziplinen vorgestellt. Abschließend erfolgt die Gegenüberstellung beider Wissenschaftspositionen.

2. Was versteht man eigentlich unter Altruismus?

Die Entstehung des Begriffs Altruismus geht auf den französischen Urvater der Soziologie Auguste Comte zurück. Er lässt sich etymologisch aus verschiedenen Sprachen ableiten, z.B. dem Französischen von altruisme , dem Italienischen von altrui oder dem Lateinischen Alteri . Ins Deutsche übersetzt, bedeutet er immer „Anderer“. Doch was versteht man unter dem Phänomen Altruismus? Wie wird der Begriff in der Wissenschaft definiert und verwendet? Comte liefert eine relativ allgemeine Begriffsbestimmung, indem er Altruismus, als den uneigennützigen Wunsch für andere zu leben, bezeichnet (Vgl. Comte, 1875, S. 556). In der internationalen Enzyklopädie der Sozial- und Verhaltenswissenschaften wird Altruismus etwas ausführlicher folgendermaßen definiert: „Altruism is behavior intended to benefit another, even when this action risks possible sacrifice to the welfare of the actor.“ (Monroe, 2004, S. 415) Monroe führt daran anschließend noch weitere Aspekte auf, die in Verbindung mit Altruismus stehen: (a) Es muss eine Handlung vollzogen werden, gute Gedanken sind nicht ausreichend. (b) Die Handlung muss zielgerichtet sein. (c) Das primäre Ziel der Handlung muss die Steigerung des Nutzens des Gegenübers sein und keine unintendierte Nebenerscheinung. (d) Die ursprüngliche Intention des Handelns zählt mehr als die tatsächlichen Konsequenzen. (e) Begünstigt die Handlung eines Einzelnen alle Beteiligten (inklusive des Handelnden), so wird sie nicht als altruistisch, sondern als das Gemeinwohl steigernd, bezeichnet. (f) Altruismus setzt keine Bedingungen und erwartet keine Belohnung. (Vgl. Monroe, 2004, S. 416). Diese von Monroe aufgestellte Definition soll im weiteren Verlauf die Grundlage der Analyse bilden.

Wissenschaftler verschiedener Disziplinen haben eine Reihe von Erklärungsversuchen unternommen, Existenz und Ursache dieses Phänomens zu erklären und zu beweisen. Sie reichen von der Annahme einer inneren Veranlagung bis zur Hervorhebung der Bedeutung von Sozialisation. Des Weiteren existiert aber auch eine Vielzahl von Interpretationsansätzen, die dem Menschen die Fähigkeit, selbstlos zu handeln, absprechen. Insbesondere für Thomas Hobbes stellt sich Altruismus als eine Utopie dar. Handlungsleitend ist seiner Ansicht nach nicht das innere Bestreben einer bedürftigen oder in Not geratenen Person zu helfen. Vielmehr entsteht bei dem Menschen ein innerer Schmerz oder das Gefühl von Unwohlsein, wenn er andere in Not sieht. Um sich selbst aus diesem Zustand zu befreien, hilft er. Es ist somit streitbar, inwiefern wir eine natürliche Disposition zum guten und selbstlosen Handeln besitzen oder einfach nur einen Mechanismus, der für die Maximierung des eigenen Wohlbefindens sorgt. Seit Thomas Hobbes seinen Erklärungsversuch im 17. Jahrhundert niederschrieb, wurden eine Vielzahl neuer Erkenntnisse gesammelt und bildeten sich neue Disziplinen, wie z.B. die Anthropologie und Sozialpsychologie. Beide Wissenschaften liefern jeweils einen eigenen alternativen, akteursbezogenen Erklärungsansatz, welcher im Folgenden vorgestellt werden soll.

3. Der anthropologische Ansatz

Der Begriff der Anthropologie hat seinen etymologischen Ursprung in den griechischen Wörtern ánthropos für „Mensch“ sowie logos für „Wort, Rede, Kunde“. Erstmalig erwähnt wurde er von dem Leipziger Philosophen und Theologen Magnus Hundt im 15. Jahrhundert und bedeutet wortwörtlich übersetzt die Wissenschaft vom Menschen. Heutzutage versteht man darunter die Lehre vom Menschen in natur- und geisteswissenschaftlicher Sicht in Geschichte und Gegenwart. Die Anthropologie vereint und integriert dabei unterschiedliche Aspekte verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, wie z.B. Soziologie, Biologie, Philosophie und versucht damit u.a. die Frage zu beantworten, welche Eigenschaften des Menschen natürlich vererbt und angeboren sind und welche er erst im Laufe seiner Sozialisation erwirbt. Die Anthropologie widmet ihre Aufmerksamkeit von daher auch der Analyse altruistischen Verhaltens bei Menschen.

Für die Betrachtung von Altruismus rückt insbesondere die Beziehung des Menschen zu ihm nahestehenden Tierformen in den anthropologischen Blickpunkt, um dadurch die Existenz und Genese dieser besonderen Verhaltensweise zu erklären. Der niederländische Zoologe und Verhaltensforscher Frans de Waal beschäftigt sich seit Anfang der 1970er Jahre mit den Verhaltensweisen verschiedener Affenarten, wobei insbesondere das Sozialverhalten im Fokus seines Forschungsinteresses steht. In einem zweiten Schritt leitet er aus seinen Studien Schlussfolgerungen für den Menschen ab, so z.B. dass die „die Bausteine moralischen Verhaltens evolutionär uralt“ (de Waal, 2006, S. 24) sind. Demnach hat es nie einen Zeitpunkt gegeben von dem an der Mensch sozial war, sondern als Nachkommen höchst sozialer Vorfahren hat er schon immer und notwendigerweise in Gruppen gelebt. Somit hat es auch nie den freien und gleichberechtigten Einzelnen gegeben, da von jeher wechselseitige Abhängigkeiten und Bindungen bestanden (Vgl. de Waal, 2006, S. 22). Die Herausbildung altruistischer Verhaltensweisen und Moralität lässt sich deswegen nach Meinung de Waals auch als das Resultat von Evolutionsprozessen begreifen, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben. Es handelt sich also nicht um eine einzigartige kulturelle Innovation des Menschen, wie es die Vertreter der Fassadentheorie[1] gern beschreiben. Eine Sichtweise die mit der Darwins übereinstimmt, wonach Moral oder moralisches Handeln ein Produkt der Evolution sei (Vgl. Darwin, 1871, S. 122). Thomas Henry Huxley, ein Schüler Darvins, hingegen sieht die Moral nicht als eine natürliche Eigenschaft des Menschen an, sondern als ein scharf geschmiedetes Schwert mit dem Auftrag, den Drachen seiner tierischen Herkunft zu schlachten (Vgl. Huxley, 1989, S. 83). Um die Vereinbarkeit zu seiner Abstammungslehre oder den Prozessen des „Kampfes ums Dasein“ sicherzustellen, entwickelte Darvin die Idee der Gruppenauslese, bei der die Selbstlosigkeit des Einzelnen einen Vorteil für den gesamten Stamm bedeutet. Eine Idee die später von Kropotkin und Wynne-Edwards wieder aufgenommen und weiter verfeinert wurde. Ihre Arbeit diente als Vorläufer für die Entwicklung der Theorien zur Verwandtschaftsauslese[2] und Reziprozität[3], mit deren Hilfe die Evolutionstheorie versucht, altruistisches Verhalten unter Tieren zu erklären (Vgl. Schaik & Kappeler, 2006, S. 5).

[...]


[1] Fassadentheorie ist ein von Frans de Waal geprägter Begriff, mit dem er seiner Theorie entgegenstehende Erklärungsversuche für die menschliche Moral bezeichnet. Begründer dieser Sichtweise ist Thomas Henry Huxley, ein enger Freund Darvins, in seinem Essay »Evolution und Ethik« aus dem Jahr 1894. Ausgehend von einem Menschenbild das weitestgehend Thomas Hobbes Vorstellungen vom Menschen als des Menschen Wolf entspricht, gehen Huxley und die weiteren Vertreter der Fassadentheorie davon aus, dass der Mensch teils Kultur und teils Natur ist. Während im Inneren des Menschen antisoziale, amoralische und egoistische Triebe und Leidenschaften brodeln, überdeckt eine dünne Kruste oder Fassade von Moralität sein wahres Wesen. (Vgl. de Waal, 2006, S. 28)

[2] Beschreibt eine von William D. Hamilton 1964 entwickelte Idee, bei der Verhaltensweisen, die einem Blutsverwandten zugute kommen, von der natürlichen Selektion bevorzugt werden.

[3] Insbesondere durch Robert Trivers mitbestimmte Theorie, bei der die Erwartung existiert, dass die Hilfeleistung anderen gegenüber die Wahrscheinlichkeit erhöht, in naher Zukunft selbst Hilfe in Anspruch nehmen zu können.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640690374
ISBN (Buch)
9783640690916
DOI
10.3239/9783640690374
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Soziologie
Erscheinungsdatum
2010 (August)
Schlagworte
Altruismus Egoismus Reziprozität

Autor

Zurück

Titel: Die Betrachtung von Altruismus aus verschiedenen Perspektiven