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Adressierung und Adressabilität in Zeiten vernetzter Medien

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Die totale Erreichbarkeit

2. Eine kurze Geschichte der Adresse

3. Adresse und Adressierbarkeit im Internet-Zeitalter

4. Folgen der neuen Adressierbarkeit

5. Flash Mobs als Kinder der neuen Adressabilitat

6. Literatur

1. Die totale Erreichbarkeit

Konzept, Funktion und Implikationen von Adresse und Adressabilitat eines Individuums verandern sich im Laufe der Geschichte grundlegend. In funktional ausdifferenzierten Gesellschaften bedeutet Adresse etwas ganzlich anderes als in stratifizierten, vormodernen Gesellschaften. Eine jungste, besonders rasante Veranderung durch die elektronischen Medien, vor allem aber durch das Internet ist zu beobachten, in ungeahntem Tempo und mit weitreichenden Folgen.

Diese Entwicklung geht, vereinfacht ausgedruckt, von der statischen, determinierenden Adresse, die ein Individuum ein Leben lang zu Eigen war, zu einem Sammelsurium an je nach Kontext, Lebensphase und Lebensumstanden variierenden Adressen, die im Zuge eines Identitatsmanagements und erfolgreicher Kommunikation in diversen Subsystemen verwaltet werden wollen. Dabei wird die durch elektronische Medien (und der ihnen zu Grunde liegende Informations- und Kommunikationstechnologie) gesteigerte Adressabilitat, also die unproblematische prazise Adressierung jedes Individuums, zum Motor und Katalysator einer „Weltgesellschaft“ wie von Rudolf Stichweh postuliert[1]. Sie scheint uberhaupt erst mittels dieser polykontexturalen, globalisierten Adressen moglich[2]. So soll auch kurz auf die eher technischen Hintergrunde der heutigen Adressen und Adressierungsschemata eingegangen werden. Weitere Folgen dieser Entwicklung sollen in dieser Arbeit vor allem hinsichtlich gewisser Potenziale fur Inklusionen in Netzwerke bzw. Gruppenbildung im Sinne einer hierarchischen Abfolge von Kommunikation, Koordination und Kollaboration untersucht werden. Nicht auBer Acht gelassen werden dabei weniger positive bzw. negative Folgen dieser standigen Adressabilitat.

Flash Mobs bieten ein interessantes Beispiel, in dem sich mehrere dieser Implikationen neuer Adressabilitat manifestieren und sollen die Arbeit in einem Fazit abrunden.

2. Eine kurze Geschichte der Adresse

Peter Fuchs stellt paradigmatisch und zugespitzt fest: „Die soziale Adresse ist eine Frage des Uberlebens.“[3] Dies schlieBt er nicht nur aus empirischen (mittelalterlichen) Experimenten, bei denen Kleinkinder sozial isoliert, also ihrer Adresse beraubt wurden. Er sieht vielmehr das Bewusstsein angewiesen auf eine Differenzierung zur Umwelt via Adresse. Diese Autopoieses bedient sich der Adresse als Technik der Differenzierung von der Umwelt. Fuchs knupft „die Autogenese des Bewusstseins an den Kontakt mit Kommunikation“. Die Kommunikation muss also das Bewusstsein als adressabel behandeln, das Individuum muss „als AbstoBpunkt fur Adressenbildung in Frage“ kommen.

Grundlegendes Schema ist das der Inklusion/Exklusion, wie von Luhmann und Stichweh eingefuhrt.[4] Ein Ereignis oder eine Person kann entweder als adressabel (inkludiert) oder nicht adressabel (exkludiert) betrachtet werden. Dabei unterscheidet sich die Adressabilitat auf vielerlei qualitative Arten, und eine gewisse Anzahl von Kontexten, in die eine Person per Adressabilitat inkludiert ist, impliziert immer auch das Gegenteil: eine bestimmte Anzahl von Exklusionen. Eine Adresse ist nach Fuchs also „das Positiv vor dem Negativ der Exklusion“[5], also die Summe unserer Inklusionen vor dem Hintergrund unserer Exklusionen.

Die Herstellung eigener Adressabilitat stellt, nach einer Sauglingsphase ohne (systemtheoretisch gedachtes) Bewusstsein, in der durch eine einseitige Kommunikation voller Augmentation, Redundanz und Amplifikation die selfulfilling prohphecy der Adressbildung beim Kleinkind realisiert wird, eine der wichtigsten Motivationen sozialen Verhaltens dar. Das Problem der (fehlenden) Anerkennung wird oft explizit und deutet auf dieses existenzielle Bedurfnis des Menschen hin, anerkannt zu werden.

Ein kurzer historischer Abriss: In stratifiziert differenzierten Gesellschaften identifiziert Fuchs eine „dichte“, also eine mit hohem Orientierungswert fur das Individuum gekennzeichnete, lokal konstruierte Adresse, die individuelle Biographiepotenziale weitgehend determiniert und VerstoBe gegen ihr immanente Restriktionen mit Exklusion (aus einer Schicht, Familie, Stand), Totalexklusion (Verbannung aus der Gesellschaft bzw. Todesstrafe) bzw. transzendenter Exklusion (Exkommunikation) ahndet. Mit der Ausdifferenzierung autonomer Funktionssysteme wird die kommunikative Adresse disloziert, sie nimmt, je nach Funktionskontext, andere Auspragungen an. Ein Beispiel ist die Adresse im wissenschaftlichen Kontext, die eine speziell formalisierte, reduzierte Selbstreferenz (Akademischer Titel bzw. Hierarchiegrad wie z.B. Prof. Dr.) mit hoher Fremdreferenz („zitiert von/in“) mischt. Im Funktionssystem Kunst mag die Zugehorigkeit zu einer stilistischen Stromung („Der Impressionist Monet“) oder die Verortung an einer beruhmten Hochschule („Schuler von..., am Mozarteum“) diese Kontextualisierung aufzeigen, ein moglichst merkwurdiger Kunstlername eine dem Kunstler zu gewisser Reputation gereichende Kreativitat kommunizieren. Dementsprechend sind auch die spezifischen Inklusions- bzw. Exklusionsmodi verschieden und nicht selten inkompatibel. Diese „polykontexturale“ Adressen sind heterarchisch geordnet und werden von einem Individuum „nebeneinanderher“ verwaltet. Dies verlangt im Vergleich zu dichten Adresse eine hohere kognitive Leistung sowie die Anstrengung, relative Konsistenz herzustellen. Mit Freud gesprochen ware psychische Gesundheit auch als die Fahigkeit eines Individuums zu verstehen, alle seine (bewussten wie unbewussten) Adressen zu verwalten.

Die existenziell wichtige Rolle, die Adresse und Adressabilitat des Individuums fur seine (theoretisch mogliche) Zugehorigkeit zu einer wie auch immer gearteten sozialen Gruppe spielt, soll im Folgenden kurz skizziert werden.

Stichweh spricht im Ubergang von vormoderner zu moderner Gesellschaft von einem Wandel der Bekanntschaftsnetzwerke und dam it auch der Rolle der Adresse[6]. Die Unterscheidung zwischen „Freunden und Feinden“ wandelt sich zu einer Unterscheidung in „Freunde und Bekannte und Fremde“. Diese Bekanntschaften mussen nicht wirklich personlich bekannt sein, sondern nur adressierbar. Fremde werden in dem Moment zu Bekannten, in dem sie erstmalig adressierbar sind bzw. mindestens einmal erfolgreich adressiert werden. Dieser Moglichkeitenraum sozialer Beziehungen ist das von Stichweh erwahnte komplexe „set von Adressen, ein Netzwerk von Bekannten, und dieses fungiert als die modeme Form von Sozialkapital (...)“[7]. Netzwerk bezeichnet damit die „Herauslosung relevanter sozialer Beziehungen aus Bedingungen sozialraumlicher Nahe“[8].

Jede Art von Koordination, kollektivem Handeln oder anderer Sozialitat setzt die Fahigkeit der einzelnen Mitglieder voraus, miteinander zu kommunizieren, was wiederum Adressabilitat voraussetzt.

Betrachtet man konkrete Phanomene mehr oder weniger spontan koordinierten Handelns, fallt die Adressabilitat, also die Erreichbarkeit der zu integrierenden oder aktivierenden Individuen oft als einer der Schlusselfaktoren fur die erfolgreiche ad-hoc- Konstitution der handelnden Gruppe auf, sei sie noch so diffus, kurzlebig oder inkonsistent.

[...]


[1] Vgl. Stichweh 2000

[2] Vgl. Meckel 2002: 127 ff.

[3] Fuchs 1997: 88.

[4] Vgl. Luhmann 1994 bzw. Vgl. Stichweh 1988

[5] Fuchs 1997: 89

[6] Vgl. Stichweh 2000: 224.

[7] Stichweh 2000: 224.

[8] Stichweh 2000: 225.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640735792
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155500
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Internet Adresse Adressabilität vernetzte Medien Medien Netzwerke Flashmob Inklusion

Autor

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