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HAMAS - Die Entwicklung der Muslimbruderschaft in den Palästinensergebieten von 1967 bis zum Ausbruch der 1. Intifada und der Gründung der Islamischen Widerstandbewegung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Muslimbrüder in den Palästinensergebieten
II. a) Die Muslimbruderschaft bis 1967
II. b) Die Muslimbruderschaft unter israelischer Besatzung

III. Radikalisierung der Muslimbruderschaft
III. a) Zunehmende „Islamisierung“ des Palästinakonfliktes
III. b) Radikalisierungsprozesse der Muslimbruderschaft vor der Intifada
III. c) Eine radikale Abspaltung der Muslimbruderschaft: Der Palästinensische Islamische Jihad (PIJ)

IV. Die Intifada
IV. a) Der Ausbruch der 1. palästinensischen Intifada
IV. b) Gründe für den Ausbruch der Intifada
IV. c) Die Gründung der „Islamischen Widerstandsbewegung“ HAMAS
IV. d) HAMAS und PLO in der Intifada

V. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Ziel dieser Arbeit soll sein, die Entwicklung der islamistischen Muslimbruderschaft im speziellen Kontext der Palästinensergebiete nachzuzeichnen. Hierbei werde ich im Besonderen auf die Zeit zwischen dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 und dem Ausbruch der 1. palästinensischen Intifada 1987 eingehen. Die Gründung der „Islamischen Widerstandsbewegung“ (HAMAS) aus der Muslimbruderschaft fällt zeitlich mit dem Ausbruch der Intifada zusammen, und mit diesem bedeutenden Ereignis in der Geschichte des Islamismus in Palästina soll diese Arbeit enden.

Auch soll der Verlauf einer möglicherweise zunehmenden Radikalisierung der Muslimbruderschaft betrachtet werden, die eventuell den Schluss nahe legt, dass die Ereignisse der Intifada keinesfalls eine Zäsur, sondern eine Kontinuität in der Geschichte der Muslimbruderschaft in Palästina darstellen. Anhand von beispielhaften Ereignissen soll der Prozess der Radikalisierung und der steigenden Gewaltbereitschaft der Muslimbruderschaft aufgezeigt werden. Da die Muslimbruderschaft lange Zeit auf Angriffe auf Israel verzichtete, die in dieser Zeit ausschließlich von den säkularen und nationalistischen Gruppierungen durchgeführt wurden, bedarf es der Klärung weshalb sich die Muslimbruderschaft so lange dem bewaffneten Kampf verweigerte, dann aber schließlich ebenso diesen Weg einschlug, der schließlich mit der Gründung der HAMAS offen auftrat.

Ebenso ist die Rolle der islamistischen Gewalt in Palästina zu untersuchen, die diese auch schon vor den Angriffen der Islamisten auf Israel spielte, sowie ob die Muslimbruderschaft schon von Anfang an ein Gewaltpotential beherbergte, auch wenn dieses aus möglicherweise taktischen Erwägungen zurückgestellt wurde.

Da sich die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Muslimbruderschaft im Gaza-Streifen abspielten, liegt auch bei dieser historischen Betrachtung ein naturgemäßer Fokus auf den Entwicklungen in diesem Gebiet.

II. Die Muslimbrüder in den Palästinensergebieten

II. a) Die Muslimbruderschaft bis 1967

Die 1928 von Hassan al-Banna in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft nahm bereits in den 1930er Jahren Kontakte in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina auf. Die Muslimbruderschaft beteiligte sich massiv an der palästinensischen Revolte 1936-1939, besonders durch finanzielle Unterstützung und durch die Organisation von Protesten und Demonstrationen. Doch erst nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Zweigstellen zu aktiven Schwesterorganisationen.[1] Folglich entstand der erste palästinensische Zweig der Muslimbruderschaft 1945 in Gaza. In den folgenden Jahren wuchs die Bruderschaft sehr schnell.

Am ersten israelisch-arabischen Krieg von 1948/49 beteiligte sich die Bruderschaft mit Freiwilligenverbänden, doch schon 1947 hatte die Bruderschaft begonnen, anti-zionistische Propaganda zu verbreiten und versuchte die Bevölkerung zum Kampf zu mobilisieren.[2]

Die militärische Bedeutung blieb jedoch, auch aufgrund der mangelnden Erfahrung der jungen Bewegung, gering.[3]

Als Folge dieses Krieges geriet der Gazastreifen unter ägyptische Besatzung, während das Westjordanland von Jordanien besetzt wurde. Aufgrund dieser Umstände ging die Muslimbruderschaft im Westjordanland in der jordanischen Muslimbruderschaft auf, wohingegen der Zweig im Gazastreifen ebenso wie die Mutterorganisation in Ägypten ab 1949 verboten war. Die Muslimbrüder in Gaza konnten ihre Arbeit jedoch unter einem anderen Namen fortsetzten.[4]

Nach einem Attentatsversuch auf den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser sahen sich die Muslimbrüder im Gazastreifen, wie auch in Ägypten, schweren Verfolgungen und Inhaftierungswellen ausgesetzt.[5]

Bis 1967 bestand die Bruderschaft vor allem im Untergrund, die Führer verließen in dieser Zeit den Gazastreifen.[6]

II. b) Die Muslimbruderschaft unter israelischer Besatzung

Als nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 sowohl der Gaza-Streifen als auch das Westjordanland von Israel besetzt wurden, hatte dies direkte Auswirkungen auf die Zweige der Muslimbruderschaft in beiden Gebieten. Zum ersten Mal seit 1948 standen beide Gebiete wieder unter einheitlicher Herrschaft. Somit war auch wieder ein Austausch zwischen den beiden Zweigen möglich, welche sich bald darauf zur „Gemeinde der Muslimbrüder in Jordanien und Palästina“ zusammenschlossen.[7]

Dieser Dachverband spielte jedoch nur eine untergeordnete Rolle für die Entwicklung der Muslimbruderschaft im Gazastreifen, die zentrale Person stellt hier Scheich Jassin dar.[8]

Jassin wurde 1936 nahe der heutigen israelischen Stadt Aschkelon geboren, 1952 wurde er, wahrscheinlich durch einen Sportunfall, so schwer verletzt, dass er schließlich an den Rollstuhl gefesselt blieb. Ebenso wie Hassan al-Banna war Jassin ab 1958 als Grundschullehrer tätig. Bereits einige Jahre vorher hatte er sich den Muslimbrüdern angeschlossen.[9]

1968 wurde Jassin zum „Befehlshaber der Gläubigen“ (amir al-muminin) der Muslimbruderschaft im Gaza-Streifen. In den nächsten Jahren stärkte und straffte er die Organisation, ein „Exekutivrat“ unter Jassins Führung stand nun den lokalen Gruppen vor.

Die folgende Entwicklung der Muslimbruderschaft in den besetzten palästinensischen Gebieten teilen die Muslimbrüder in ihrer eigenen Darstellung in drei Phasen. 1967 begann die „Phase des Moscheebaus“.[10] In dieser Phase begann die Muslimbruderschaft mit der massiven Reislamisierung der palästinensischen Bevölkerung. Die Bruderschaft baute zahlreiche neue Moscheen, welche zusätzlich zum Koranunterricht auch noch weitere Programme für Jugendliche wie etwa Sport und religiöse Erziehung für Frauen anboten.[11]

Da sich de Bruderschaft zu diesem Zeitpunkt nicht am bewaffneten Kampf gegen Israel beteiligte stellte die religiöse Bewegung der Muslimbrüder in den Augen der israelischen Militärverwaltung ein willkommenes Gegengewicht zu den gewalttätigen nationalistischen und säkularen Gruppen der PLO dar. Ob die Bruderschaft in dieser Zeit auch direkte Unterstützung seitens der israelischen Besatzungsbehörden erhielt ist umstritten, zum Mindesten ist aber von einer „Politik der freundlichen Duldung“ auszugehen.[12]

Etwa 1975 ist die Phase des Moscheebaus beendet, der folgende Zeitabschnitt von etwa 1975 bis Mitte der 80er Jahre wird als Phase des Aufbaus sozialer Institutionen bezeichnet.[13]

Auch in dieser Zeit kann sich die Muslimbruderschaft weitestgehend unbehelligt von den Besatzungsbehörden entwickeln. Dies zeigt sich auch darin, dass das 1976 von Scheich Jassin gegründete „Islamischen Zentrum“ 1979 offiziell von Israel zugelassen wurde. Dieses Zentrum umfasste nun neben einer Moschee auch ein Krankenhaus, Sportstätten und eine Festhalle für islamische Feierlichkeiten und diverse weitere soziale Einrichtungen.[14]

Doch neben dem Aufbau eigener neuer Institutionen zeichnet sich diese Phase auch durch die islamistische Übernahme bereits bestehender Institutionen aus. Allen voran ist hier die islamische Universität Gaza zu nennen. Bis Anfang der 80er Jahre war die Universität von der PLO dominiert worden, doch nachdem die PLO 1982 ins tunesische Exil fliehen musste, brachen wichtige Unterstützer und Geldgeber der Universität weg, eine Lücke welche die Muslimbruderschaft schnell auszufüllen suchte.[15] Es schlossen sich teilweise sehr blutige Auseinandersetzungen zwischen den der Fatah nahestehenden und den islamistischen Studenten an, die schließlich zur Vertreibung des säkularen Lehrpersonals und zur Übernahme der Universität durch die Muslimbruderschaft führten.[16]

Des Weiteren übernahmen Mitglieder des Islamischen Zentrums nach und nach wichtige Positionen in den Berufsverbänden, teilweise ebenfalls auf dem Wege der Einschüchterung von und Gewalt gegen die politischen Gegner.[17]

Von großer Bedeutung für den Machtzuwachs der Muslimbruderschaft war auch deren Unterwanderung der Waqf-Institutionen. Diese frommen islamischen Stiftungen hatten lange Zeit, unabhängig von staatlicher Einflussnahme, einen wichtigen Beitrag zu Bau und Unterhalt von Moscheen, Schulen und weiteren öffentlichen Einrichtungen geleistet.[18]

Auch hier wurden diejenigen Waqf-Beamten, die Verwalter der Stiftungen, die nicht ohnehin schon der Bruderschaft angehörten, unter Druck gesetzt, mit dem Islamischen Zentrum zusammenzuarbeiten.[19]

Die Islamisierung des Gazastreifens weißt hier sehr starke Parallelen zur Entwicklung in Ägypten auf. Den Islamisten gelingt es, wichtige Bereiche der Zivilgesellschaft auszufüllen, eine Verbesserung der Lebensumstände zu erreichen, sowie öffentliche Güter bereitzustellen, welche gerade in den besetzten palästinensischen Gebieten von anderer Seite nicht bereitgestellt werden können.[20] Begünstigt wird dies durch die Situation der Besatzung und somit dem Fehlen einer palästinensischen Staatlichkeit, sowie durch die Schwäche der PLO zu Beginn der 80er Jahre.

Um den historischen Abriss der Muslimbruderschaft zu beenden, komme ich nun zur dritten Phase der Entwicklung der Muslimbruderschaft. Diese Phase, welche ab Anfang der 80er Jahre beginnt ist geprägt durch die Abspaltung radikaler Gruppierungen von der Bruderschaft, welche den bewaffneten Kampf gegen Israel propagieren und damit die Hegemonie der Muslimbruderschaft über islamistische Aktivitäten in Frage stellen.[21]

Gleichzeitig ist diese Zeit von einer zunehmenden Politisierung und Radikalisierung der Bruderschaft bestimmt. Zunächst wurden die Anhänger zu Massendemonstrationen und passiven Widerstandsaktionen wie Generalstreiks aufgerufen und mobilisiert, doch auch die Aufnahme militärischer Aktionen wurde forciert.[22]

Ab 1983 versuchten die Muslimbrüder auf Anweisung von Scheich Jassin einen bewaffneten Arm, die „palästinensischen heiligen Krieger“ („al-mujahiddin al-filistininyyin“) aufzubauen. Doch diese ersten Versuche scheiterten, nach einem Einbruch in ein Waffenlager der israelischen Armee wurden die Waffen im Haus von Scheich Jassin entdeckt, welcher daraufhin zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Jassin kam jedoch schon nach elf Monaten Haft durch einen Gefangenenaustauch wieder frei.[23]

[...]


[1] Künzl, Jan: Islamisten – Terroristen oder Reformer? Die ägyptische Muslimbruderschaft und die palästinensische Hamas, Marburg 2008, S. 72. Im Folgenden: Künzl: Islamisten.

[2] Hroub, Khaled: Hamas: Political thought and practice, Washington 2002, S. 17. Im Folgenden: Hroub: Hamas.

[3] Hroub: Hamas, hier S. 18. /Künzl: Islamisten, S. 102.

[4] Croitoru, Joseph: Hamas: Der islamische Kampf um Palästina, München 2007, S. 37. Im Folgenden: Croitoru: Hamas.

[5] Ebd.

[6] Hroub: Hamas, S. 23.

[7] Baumgarten, Helga: Hamas: Der politische Islam in Palästina, München 2006, S. 31. Im Folgenden: Baumgarten: Hamas.

[8] Croitoru: Hamas, S. 43.

[9] Croitoru: Hamas, S. 39ff.

[10] Hroub: Hamas, S. 30.

[11] Croitoru: Hamas, S. 43.

[12] Baumgarten: Hamas, S. 32f.

[13] Hroub: Hamas, S. 31.

[14] Baumgarten: Hamas, S. 33.

[15] Croitoru: Hamas, S. 55.

[16] Ebd. 56f.

[17] Ebd. S. 54f.

[18] Kogelmann, Franz: Art. Stiftung, in: Elger, Ralf (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte, Alltag, Kultur, Bonn 2006.

[19] Croitoru: Hamas, S. 57.

[20] Vgl. hierzu, bes. zur Situation in Ägypten, Künzl: Islamisten, S. 55-57.

[21] Hroub: Hamas, S. 32

[22] Ebd., S. 33f.

[23] Vgl. Croitoru: Hamas, S. 62.

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640767168
ISBN (Buch)
9783640767304
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156240
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Fakultät für Geschichtswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Hamas Terrorismus Palästina Muslimbruderschaft

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Titel: HAMAS - Die Entwicklung der Muslimbruderschaft in den Palästinensergebieten von 1967 bis zum Ausbruch der 1. Intifada und der Gründung der Islamischen Widerstandbewegung