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Untersuchung über Tragweite und Relevanz der augustinischen Ich-Konzeption

Seminararbeit 2006 11 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Gliederung

I. Die augustinische Anthropologie

II. Analyse der Ich-Inhalte

III. Selbstreflektion und bewusstes Leben

IV. Resume

I. Die augustinische Anthropologie

Was der Mensch sei oder nicht sei muss im Kontext seiner Bekenntnisse zuvorderst im theo- anthropologischen Rahmen behandelt werden; denn erst die offenbarte Natur des Menschen eroffnet weiteren Raum fur Fragen nach der augustinischen Bewusstseinskonzeption und etwaiger Selbstreflektion.

Ausweislich vorliegenden Textes sei der Mensch Schopfung (creatura) und das Universum in seiner Ganzheit eines von gottlicher Kunst (divina ars). Mit der Erbschuld und allen erworbenen Untugenden sei das gesamte Menschengeschlecht Kehrichthaufen der Sunde, oder pointiert, Kanonenfutter der Heilsordnung. Obzwar der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sei, habe er sich durch den Akt der Fortpflanzung in den Zustand ewiger Verdammnis manovriert. Entsprechend konne Heilsgewissheit nur erlangen, wer sich - im Sinne des Auserwahlungstopos - der Gnade des Herrn wurdig erweise. Dies geschehe nicht einzig im bedingungslosen Gehorsam oder in der Verrichtung guter Taten, sondern sei vielmehr durch die von Augustin so proklamierte Pradestinationslehre im Schopfungsfahrplan vorab festgelegt - so wenigstens fur den Endzweck des Menschen als VerheiBung des seligen Lebens oder zum Verbleib im ewigen Hollenfeuer - was die Willensfreiheit des Menschen jedoch nicht konterkariere.

Demzufolge postuliert Augustinus die Selbstverantwortlichkeit des Menschen (eo ipso) als oberstes Gebot des sittlichen Lebens. Als Teil eines dynamischen Prozessganzen obliege ihm im Selbstgesprach der Seele mit Gott, in einem koharenten Sinngefuge zu leben (recte vivere), demnach er frei entscheiden konne, die Gnade des Herrn anzunehmen oder aber zuruckzuwei sen.

MaBgeblich fur gelingendes Leben sei also zentral die Barmherzigkeit Gottes, die aber grundsatzlich unverdient sei.

Was aber ist der Mensch auBerdem? Zunachst sei er kein „Secundo-Gott“, der alle Verfugungsgewalt uber sein Dasein selbst trage. Alle Versuchungen des irdischen Lebens gegenwartig vor Augen sehend, sei die Ratio diejenige Instanz, die seine fleischlichen Begierden bremsen und ihn in liebender Hinwendung zu Gott von dieser auf jene Erkenntnisebene transzendieren konne, die Wahrheit zu schauen.

II. Analyse der Ich-Inhalte

Mit der eingangs erwahnten paulinischen Lehre von der Erbsunde akzeptiert Augustinus selbstredend die Verkehrung des menschlichen Wesens von seiner ursprunglichen Gute hin zu verderbter Unvollkommenheit, was vermutlich auf die eigene lasterhafte Jugendzeit rekurriert - von Augustinus als eine einzige Kette von Sunden empfunden.

Nicht von ungefahr erschlieBen sich in den Bekenntnissen sukzessive die Fragen nach daseinsperzeptiven Welterklarungsschemata, die fur die weitere Argumentation grundlegend konzentrisch sind. Mit dem Rationalitatspostulat erfolgt sodann die Annahrung an essentielle Koharenzprinzipien des Geschaffenen gegenuber seinem Schopfer. Was liebe ich, da ich meinen Gott liebe? (ebd. S. 258) Was also bin ich, mein Gott? (ebd. S. 270)

In der hier vorgenommenen Deduktion vom sinnstabilisierenden unum, der glaubensimmanenten Allexistenz eines monotheistischen Schopfers vollzieht sich rasch die Abwartsbewegung in Richtung natura creata in steter Reziprozitat.

Entsprechend sind hierin die Rangfragen des kreaturlichen Menschseins bereits beantwortet; so ist die Sinneserkenntnis nachrangig gegenuber der schlussfolgernden Seele als Dreiheit von Bewusstsein (memoria), Verstand (intelligentia) und Wille (voluntas). 1

Indem Augustinus vorbezeichneten drei Instanzen hohere Valenz zuordnet, lassen sich diesbezuglich erste Aussagen uber den augustinischen Ichbegriff extrahieren.

Seiner Memorialehre gemaB, scheint die Ineinssetzung von Gedachtnis und vitaler Datenaufbereitung plausibel - zumal funktionsidentisch. Das Gedachtnis sei fernerhin Behaltnis fur Erkenntnisinhalte der Dinge, wie sie in sich sind und uberdies Heimstatt affektiver Regungen des Geistes (ebd. S. 263 ff.). Konnte man nunmehr behaupten, das Gedachtnis sei der Geist daselbst? Sicherlich nicht, denn: Mit der Rekonstruktion von Gedachtnisinhalten zur Wiederherstellung erworbener Momentaufnahmen konne sich das Gedachtnis potentiell eines Zustandes groBter Gluckseligkeit erinnern, wohingegen der Geist denselben Zustand zum Zeitpunkt des Erinnerns synchron in seinen Gegensatz pervertiert. Die Gleichstellung von Geist und Gedachtnis ist demnach nicht statthaft, allerdings - wie von Augustin entsprechend proklamiert - sei das Gedachtnis als zusatzlich agierende Partition des Geistes oberstes Stimulans desselben. Metaphorisch benennt er das Gedachtnis als „Bauch des Geistes“ (ebd. S. 266).

Wille und Verstand seien meinerseits analog dem Aufgabenbereich der operierenden Vernunft unterstellt. Die postulierte Freiheit des Willens lasst sich u.a. auch aus der augustinischen Verabschiedung vom Manichaismus - an dem er seinerzeit wenigstens partiell teilhatte - herleiten. Die gnostische Position, die Welt des Bosen sei schwere Materie bzw. vulgarmaterialistische Produktion eines bosen Demiurgen, entlarvte Augustinus rasch als Projektion zur Entlastung der Psyche (excusare se) und propagierte furderhin die Selbstverantwortlichkeit des eigenen Handelns; Sunde sei demnach Willensakt und das Bose kein Prinzip eigener Art.

Dennoch wird die Willensfreiheit des Menschen von Augustinus insofern relativiert, als eine gelingende Lebensfuhrung ohne das Zutun Gottes nicht moglich sei. Dies geschehe allein durch die Gnade eines groBen, freundlichen Schopfers, was wiederum die Erwahlung des Geschaffenen durch Gott voraussetze - was in letzter Konsequenz naturlich reichlich kontradiktorisch daherkommt: Zunachst sei der Mensch frei - und zwar zum Guten wie zum Bosen. Unter der Pramisse des theologischen Determinismus steht und fallt die Willensfreiheit sogleich mit der Pradestinationslehre.

Epistemologisch konne aber auch die Vernunft nicht als ultima ratio gelten. Zwar raumt Augustinus der Ratio eine hohe Stellung ein (prior autoritas), indem er fragt, ob sich das, was man glaubt, auch wissen lasse (fides quaerens intellectum) und rechtfertigt hierin die Korrelation von Theologie und Philosophie (credo, ut intelligam); entsprechend sei die instrumentalisierte Vernunft der Zugang zur Erkenntnis, sofern der Mensch von gottlicher Gnade ubergossen sei.

Die Krux ist allerdings folgende: Nicht die Vernunft in sich selbst beantwortet die Fragen nach der Wahrheit uber Gott - an dieser Stelle mundet die augustinische Philosophie wieder in die

[...]


1 Dtv-Atlas Philosophie, S. 71

Details

Seiten
11
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640685301
ISBN (Buch)
9783640685462
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156266
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Schlagworte
Philosophie Das Ich Ichbegriff Selbstreflektion Christentum Kirche Confessiones Anthropologie Schöpfung Gott Epistemologie Erkenntnis Erkenntnistheorie Augustinus Theologie Illuminationstheorie Irradiationstheorie Prädestinationslehre Sola Gratia Tilmann Moser Gottesvergiftung Christina Peters Religion ungott ebook

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