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Der Wandel der Naturlyrik zum Instrument politischer Kritik

Am Beispiel von Peter Huchels Gedicht „Der Garten des Theophrast“

Hausarbeit 2010 14 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Naturlyrik im Wandel: Von Schöpferverehrung zum Instrument politischer Kritik

3. Peter Huchel: Chausseen, Chausseen (V.): Der Garten des Theophrast
3.1 Gedichtinterpretation „Der Garten des Theophrast“
3.1.1 Formales
3.1.2 Interpretation
3.2 Naturmotive im Gedicht als Ausdruck politischer Kritik- Die Verschmelzung von Natur und Kultur im 20. Jahrhundert

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In historischer und systematischer Perspektive können sehr verschiedenartige Typen der Beziehung des Menschen zur Natur ausgemacht werden. „Natur erscheint erkenntnistheoretisch als Chamäleon, jeweils die Farbe der Prädispositionen, auch der ideologischen Brille des Betrachters annehmend.“[1]

Mythische, religiöse, philosophische, wissenschaftliche und technische Einstellungen treffen hier zusammen, welche in sich selbst noch weitere differenzierte Eigenarten vorweisen. Eine reine zeitliche Abfolge zum Wandel der Einstellungen des Menschen zur Natur, und damit auch eine wandelnde Einstellung zum Thema Natur in der Lyrik, kann nicht exakt festgestellt werden, da es zu jeder Zeit mitunter zu viele Auffassungen, Überlagerungen und Mischbildungen gegeben hat.

Dennoch stelle ich die These auf, dass sich im Laufe der Jahrhunderte zumindest die Tendenz ausmachen lässt, dass sich das lyrische Verständnis von Natur gewandelt hat, die Naturgedichte somit heutzutage eine andere gesellschaftliche Bedeutung als früher erfüllen.

Zunächst einmal werde ich, beginnend beim Mittelalter, die historische Beziehung des Menschen zur Natur darlegen. Dies wird über den Zugang literarischer Texte und verschiedenen Autoren erreicht. Es soll gezeigt werden, dass der Mensch sich im Laufe der Jahrhunderte von der ursprünglich christlich geprägten Schöpfernatur emanzipiert hat und einen neuen Umgang zur Natur pflegt, diese zum Teil auch für weitere Zwecke lyrisch instrumentalisiert.

Danach folgt die Analyse des Naturgedichtes „Der Garten des Theophrast“ von Peter Huchel, einem deutschen Lyriker und Redakteur. Dieses Gedicht wird besonders daraufhin untersucht, inwiefern Huchel das Naturmotiv instrumentalisiert, um neue Bedeutungsebenen zu erschließen. Auch wird versucht, über die Biografie Huchels einen Zugang zum Gedicht zu finden.

Als Abschluss meiner Arbeit werde ich noch ein Fazit ziehen.

2. Naturlyrik im Wandel: Von Schöpferverehrung zum Instrument politischer Kritik

Im Folgenden werde ich eine Übersicht über die historische Wandlung der Naturlyrik geben.

Im Mittelalter war die Natur fraglos eine Schöpfung Gottes. Wie bereits in der Antike schrieben die mittelalterlichen Scholastiker, wie nach den Lehren des Aristoteles, der Natur eine Teleologie zu, hier verstanden als einen von Gott geprägten Drang nach Vollendung. Die Natur wurde als Offenbarung des Schöpfers verstanden und verehrt, sie war nahezu gleichberechtigt mit den biblischen Schriften.[2]

Auch im Barock finden sich zahlreiche Beispiele religiöser Dichtung, in welcher die Natur grundsätzlich unter dem christlichen Blickwinkel betrachtet wird. Jedoch wird bereits hier deutlich, dass hier die Vorstellungen von Natur sehr ambivalent ausgedrückt werden. Einerseits wird sie als göttliche Schöpfung erkannt und gepriesen, anderseits wird sie als Teil der irdischen Welt gesehen, was sie wiederum vergänglich macht. Der gläubige Christ ist ihr hier einen Schritt voraus, hat er doch die Chance auf ein Leben nach dem Tod im himmlischen Paradies. In anderen Naturgedichten im Barock wird dieser Gedanke jedoch auch wieder vernachlässigt, hier wird die Natur Mittel zu einem lustvollen Lebensgefühl, was nicht versäumt werden sollte. Die Verbindung von freier Natur und lustvollem Erleben wird am besten durch das Bild das locus amoenus beschrieben, des Lustortes, eine Vorstellung von einer idealisierten Naturlandschaft. Dieser Topos ist bereits seit der Antike eines der Hauptmotive der Lyrik.[3]

Generell blieb die Auffassung, dass die Natur Offenbarung und damit Beweis für die Schöpfertat und Schöpferkraft Gottes ist, bis ins 18. Jahrhundert hinein bestehen. Sie in Gedichten zum Thema zu machen bedeutete Schöpfungslob, wie es die höchste Aufgabe der Dichter der damaligen Zeit war. Martin Opitz, Albrecht von Haller, Friedrich Gottlieb Klopstock und andere berühmte Dichter liefern Belege für diese Poetik, in der die Natur als vorbildliches Werk und Beweis für die symbolische Ordnung ansehen.[4]

Doch bereits Herder, Goethe oder Hölderlin zeigten in ihren Schriften, dass sich die gesellschaftliche, philosophische und literarische Sicht auf die Natur ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wieder zu verändern schien. Die Natur war nicht mehr Instrument für Lobgesänge und Dankesopfer an den Schöpfer, sie bekommt ein eigenes Wesen sowie den Moment des Geschichtlichen zugeschrieben. „ Die Natur wird als Gebärerin, Verwandlerin und „Grab“ betrachtet. Sie ist eine numinöse Macht, die hervorbingt, verschlingt und wieder gebiert. Der individuelle Mensch wird von ihr, der Umfassenden, behütet und ist ihr, der Zerstörerischen, zugleich ausgeliefert.“[5]

Somit tritt die Natur an die Stelle des persönlichen Schöpfergottes. Diese neue Personifizierung der Natur zeigt auf, dass sich das gesellschaftliche Weltbild langsam von den biblischen Glaubensauffassungen löst, natürlich ist dies ein sehr diskreter und schleichender Prozess.

Der tatsächliche Beginn der modernen Naturlyrik ist schwer auszumachen. Benno von Wiese setzt den Beginn der modernen Naturlyrik dort an, wo die Kritik am klassisch- romantischen Welt- und Geschichtsbild (etwa die Zeit um Friedrich Nietzsche) neue Entwicklungen einleitet.[6]

Der Mensch emanzipiert sich immer mehr von Gott und „seiner Natur“, hat dieser mit Beginn der Industrialisierung bereits seinen Stempel aufgesetzt. Manche modernen Kritiker ersetzen demnach den Begriff „Natur“ durch die proklamierende Bezeichnung „Umwelt“, da sie der Auffassung sind, der Mensch habe Gottes ursprüngliche Schöpfung bereits so sehr verändert, dass diese zu seiner eigenen geworden ist, und demnach der Begriff Natur (bezeichnet alles, was der Mensch nicht geschaffen hat) mittlerweile nicht mehr passend erscheint. Zivilisation, Besiedlung und Industrialisierung haben in einem langen, zunächst unauffälligen Prozess die Schöpfung umgearbeitet.

Seit dem 20. Jahrhundert finden sich immer mehr Lyriker, die diesem Wandel kritisch gegenüberstehen. Sie beschäftigen sich mit der Frage, ob der Mensch die Natur zu seinen Zwecken sinnvoll gebraucht oder zerstörerisch missbraucht. Das menschliche Verhalten wurde in ihren Gedichten kritisch plakatiert, sie wurden zu Warngedichten an die Menschheit. Viele Naturlyriker dieser Zeit sind pessimistisch veranlagt. Als Beispiel hierfür dient Hans Magnus Enzensberger. Er hat das spezifische Naturgedicht, welches einen Ausschnitt aus der Natur beschreibt, aufgegeben und lokalisiert die Welt grob in einer „Spätzeit“ zwischen massiver Fehlentwicklung und Weltuntergang. Als weiteres Beispiel dient Günther Kunerts Unterwegs nach Utopia (1977). Es ist eine kritische Gegenüberstellung der heutigen Welt mit der schon längst verloren geglaubten ursprünglichen Welt. Der moderne Lyriker besteht darauf, dass sich die Welt nur noch im Gedicht vor der Zerstörung behaupten kann. Die Überfahrt nach Utopia ist lyrisch möglich und die rettende Alternative zur untergehenden Welt und eine lyrische Reminiszenz eines ursprünglich heilen Weltzustandes.[7]

[...]


[1] Groh (1996): S. 96

[2] vgl. Kittstein (2009): S. 12f

[3] vgl. Ebd.: S. 22ff

[4] vgl. Marsch (1980): S. 272f

[5] Ebd.: S.273f

[6] Ebd.: S. 269

[7] vgl. Ebd.: S. 267ff

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640685318
ISBN (Buch)
9783640685479
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156270
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,7
Schlagworte
Naturlyrik Lyrik Huchel Theophrast; Chausseen Naturmotive Natur politische Kritik

Autor

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