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Inklusion und Exklusion: Zur Bedeutung von Leistungs- und Publikumsrollen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die soziale Adresse

III. Rudolf Stichwehs Thesen zur Soziologie der Inklusion und Exklusion
1. Die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion
2. Vergleich mit anderen Forschungspositionen
3. Leistungs- und Publikumsrollen
3.1. Formen von Inklusion in Funktionssysteme
3.2. Ausgleichs- und Überbrückungsmechanismen

IV. Anwendung der Theorie: Telemediale Inklusion und Exklusion

V. Fazit

VI. Bibliographie

I. Einleitung

Die Adresse ist einer der Grundbegriffe der Medienwissenschaft, denn durch sie werden erst die Hörer, Leser und Zuschauer erreicht und auf verschiedenste Art und Weise adressiert. Doch wie entsteht erst eine Adresse für eine Person? Und was sind die Folgen, wenn jemand nicht adressiert wird? Inklusion und Exklusion von Kommunikation sind für jede Person entscheidende Faktoren, um am sozialen Leben teilzunehmen. Sie organisieren seine Stellung in der Gesellschaft. Im Fall von Inklusion durch Adressierung kann dies sowohl eine passiv beobachtende Publikumsrolle als auch eine aktive Leistungsrolle sein, die die Person innehat.

In der vorliegenden Arbeit wird die Inklusion und Exklusion von Personen in das Gesellschaftssystem mit Bezug auf Rudolf Stichweh erläutert. Dabei werden vor allem seine Ausführungen über Inklusion in die Funktionssysteme durch die Übernahme von Leistungs- und Publikumsrollen genauer betrachtet. Als Grundlage für diese Thesen dient hier Niklas Luhmanns Systemtheorie, auf die sich Stichweh fortwährend bezieht.1 Zunächst wird im ersten Teil die Entstehung und Bedeutung der sozialen Adresse erläutert, durch die der Zugang zu Kommunikation geregelt ist und die für jeden Menschen ein Inklusions-/Exklusionsprofil kreiert. Anschließend werden Rudolf Stichwehs Thesen zur Soziologie von Inklusion und Exklusion betrachtet, wobei zuerst die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion, bei der die funktionale Differenzierung der Gesellschaft eine große Rolle spielt, dargelegt wird. Im Anschluss daran werden Stichwehs Thesen mit anderen Forschungspositionen verglichen, um die Besonderheit seiner Argumentationsweise aufzuzeigen. Im folgenden Teil werden Leistungs- und Publikumsrollen genauer betrachtet, wobei zunächst die verschiedenen Formen von Inklusion in die Funktionssysteme und dann die Überbrückungsformen zur Überwindung der Passivität einer reinen Publikumsrolle dargelegt werden. Danach werden Stichwehs Erkenntnisse kurz am Beispiel des Fernsehens auf die Praxis übertragen.

II. Die soziale Adresse

Um überhaupt die Semantik von Inklusion und Exklusion begreifen zu können, muss vorweg die Instanz, wodurch sich diese Unterscheidung erst verifizieren lassen kann, ermittelt werden. Peter Fuchs und Rudolf Stichweh liefern einige interessante Ansätze hinsichtlich dieser Vorüberlegungen. Ein wichtiger Begriff ist hier die Entstehung der sozialen Adresse, durch welche Individuen entweder in Kommunikation inkludiert oder exkludiert sein können. Aus systemtheoretischer Sicht besteht Gesellschaft ausschließlich aus Kommunikation und diese ist wiederum das einzige Mittel, mit dem die Autopoiesis des Gesellschaftssystems sich fortsetzen kann. Zur Ermöglichung von an sich unwahrscheinlicher Kommunikation sind allerdings Kommunikationsmedien nötig. Mit ihrer Entstehung wiederum kollidiert ein „Bedarf für Adressen als Mechanismen der Lokalisierung in einem globalen Kommunikationssystem“2. Kommunikation, welche die „autopoietische Einheit sozialer Systeme“3 ist, muss somit alle Subjekte mit Adressen ausstatten, um sie „als Zielpunkte für globale und funktional spezialisierte Kommunikation zu benutzen“.4 Diese dienen der Mitteilungsinstanz, die als soziale Adresse kreiert wird. Vorweg erwähnt Peter Fuchs, dass die Systemtheorie streng unterscheidet zwischen Bewusstsein, das dem psychischen System entspricht und dem Sozialsystem. Dabei wird nicht von Handlung, sondern von Kommunikation ausgegangen, welche durch die Synthesis von Information, Mitteilung und dem Verstehen geschaffen wird.5 Durch diesen Reproduktionsmodus, der als Autopoiesis bezeichnet wird, erzeugen sich fortwährend sich ausdifferenzierende „selbstreproduktive, geschlossene, selbstbezügliche Systeme“6.

Kommunikation kann allerdings nur für selbstreferente Einheiten Adressen konstruieren, die als Produzenten von Äußerungen aufgefasst werden können, an denen sich Information (Fremdreferenz) und Mitteilung (Selbstreferenz) so unterscheiden lassen können, dass Anschlüsse in Form von Verstehen zu Stande kommen können.7 Die Akteure der Kommunikation sind in der Systemtheorie jedoch nicht als Subjekte aufzufassen, sondern sie sind die kommunikativen Adressen, die dann als handelnde mitteilende Personen erscheinen. Die Menschen werden in der Systemtheorie als psychische Systeme aufgefasst, die der Umwelt von sozialen Systemen angehören.8

Die soziale Adresse definiert Fuchs hierbei als „Frage des Überlebens“9, denn Bewusstsein und Kommunikation koevoluieren durch strukturelle Kopplungen von sozialer Adresse und Individuum. Ein Individuum würde scheitern, wenn es keine Form von Adressabilität annehmen könnte. Nur durch die soziale Adresse haben Menschen Zugang zur überlebensnotwendigen Kommunikation. Falls ein Individuum von Kommunikation grundsätzlich ausgeschlossen würde, hätte dies zur Folge, dass es seine Bewusstseinsmöglichkeiten auch nicht entwickeln könnte.10 Erst durch die strukturelle Kopplung von psychischen Systemen und sozialen Systemen kommt es zu wechselseitigen Komplexitätsgewinnen. Das bedeutet auch, dass das Bewusstsein sich erst bilden kann, wenn es an Hand von Adressabilität in das soziale System integriert wird.

Die soziale Adresse generiert zudem ein „spezifisches Inklusions-/Exklusionsprofil“11 von Individuen:

Niemand ist in allen kommunikativen Hinsichten adressabel, und jeder ist in allen ihm zugänglichen Kommunikationskontexten auf verschiedene Weise eingeschlossen/ausgeschlossen.12

Für die funktional differenzierte Gesellschaft weist Fuchs schließlich eine Polykontexturalität von Adressen nach. Dies bedeutet, dass die Inklusions- und Exklusionsmodi, durch die sich die Adressen konturieren, von System zu System verschieden sind und auch nicht immer miteinander kompatibel sind. Eine alle Systeme instruierende Selbstbeschreibung der Gesellschaft ist somit ausgeschlossen. Die moderne Gesellschaft, die ausschließlich aus Kommunikation besteht, erzeugt sich also selbst „polykontexturale Adressen“13, deren Fragmentierung nicht hierarchisch geordnet ist, sondern heterotrop angelegt ist. Es gibt kein dominantes Adressenelement, sondern polykontexturale „Komplikationen“14. Die soziale Adresse ist also nicht wie in der stratifikatorisch-hierarchisch gegliederten Gesellschaft als punktförmige Konstruktion der Kommunikation aufzufassen.15 Es gibt keine Totaladresse für alle Teilsysteme der Gesellschaft, sondern nur noch Partialadressen. Jedes Individuum ist auf diese Weise partial zu einem System zugehörig und partial ausgeschlossen.

III. Rudolf Stichwehs Thesen zur Soziologie der Inklusion und Exklusion

Sichwehs Aufsatz beleuchtet den Zusammenhang von Inklusion, Exklusion und der funktionalen Differenzierung der Weltgesellschaft. Zunächst soll ein Überblick über Stichwehs Thesen zur Unterscheidung von Inklusion und Exklusion gegeben werden. Anschließend wird Stichwehs Position in den Forschungskontext eingebettet, um danach seine Ausführungen zu Leistungs- und Publikumsrollen näher zu betrachten.

1. Die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion

Nachdem die soziale Adresse als entscheidende Inklusions- und Exklusionsinstanz identifiziert ist, muss nun geklärt werden, was genau unter Inklusion und Exklusion zu verstehen ist. Dabei gilt für jede Aussage über Inklusion und Exklusion, dass keiner der beiden Begriffe sich ohne den jeweils anderen definieren lässt.

Stichweh erläutert zunächst systemtheoretische Überlegungen um auf die Regelung von Inklusion in Funktionssysteme hinzuführen. Der Prozess der Ausdifferenzierung eines Funktionssystems setzt sich demnach aus einer charakteristischen Sequenz von Schritten zusammen und beginnt mit vereinzelt anfallenden Situationen funktional spezialisierter Kommunikation. Dies setzt sich wiederum fort mit der Entstehung und Institutionalisierung spezialisierter Rollen und findet seinen Abschluss durch die Entstehung von Publikumsrollen als Komplementärrollen zu den systemdefinierenden Leistungsrollen. Auf diese Weise können in der funktional differenzierten Gesellschaft alle Personen durch Übernahme einer von beiden Rollentypen in spezifischer ]Weise am betreffenden Funktionssystem partizipieren.16

Inklusion definiert Stichweh als „Form der Berücksichtigung oder der Bezeichnung von Personen im Sozialsystem“.17 Dies kann einerseits eine passive Publikumsrolle sein, die für jede Person als Empfänger von Leistungen zur Verfügung steht, die keine aktive Führungsposition innehaben kann in dem betreffenden System. Oder aber die Person kann eine aktive Leistungsrolle als Sender von Leistungen in dem System einnehmen. In jedem Fall wird ein Individuum im Laufe seines Lebens die verschiedenen Komplementärrollen in den verschiedenen Funktionssystemen entweder nacheinander oder gleichzeitig übernehmen.18

[...]


1 Mein gesamtes Grundwissen über Luhmanns Systemtheorie, die für Peter Fuchs und Rudolf Stichwehs Texte als Grundlage dient, entstammt für diesen Aufsatz aus: Walter Reese-Schäfer: Niklas Luhmann zur Einführung. 2. Auflage, Dresden 2005.

2 Rudolf Stichweh: Adresse und Lokalisierung in einem globalen Kommunikationssystem. In: ders.: Die Weltgesellschaft. Soziologische Analysen. Frankfurt am Main 2000, S.221.

3 Peter Fuchs: Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie, In: Soziale Systeme (1999) , Jg. 3, H. 1, S. 57.

4 Rudolf Stichweh: Adresse und Lokalisierung in einem globalen Kommunikationssystem, S. 230.

5 Vgl. Peter Fuchs: Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie, S. 57-59.

6 Ebd., S.59.

7 Vgl. ebd., S. 71.

8 Vgl. ebd., S. 59f.

9 Ebd., S. 61.

10 Vgl. ebd., S. 61-63.

11 Ebd., S. 63.

12 Ebd.

13 Ebd., S. 70.

14 Ebd.

15 Vgl. ebd., S. 68-72.

16 Vgl. Rudolf Stichweh: Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesellschaftstheorie. Bielefeld 2005, S. 13.

17 Ebd., S. 68.

18 Vgl. ebd., S. 14,f.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640692163
ISBN (Buch)
9783640692545
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156351
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Inklusion Exklusion Bedeutung Leistungs- Publikumsrollen Stichweh Luhmann Adresse

Autor

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