Lade Inhalt...

Häusliche Gewalt an Frauen - Eine empirische Untersuchung der Gewalterfahrungen von Frauen im familiären Kreis

von Jessica Osterhagen (Autor)

Bachelorarbeit 2009 47 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aggression und häusliche Gewalt - Was bedeutet das?

3. Unterschiedliche Formen von Gewalt

4. Erkrankungen durch häusliche Gewalt

5. Vorgehensweise und Aufbau der empirischen Untersuchung
5.1 Empirische Untersuchung
5.1.2 Auswertung der empirischen Untersuchung
5.1.2 Anzahl der Probanden
5.1.3 Alter der Prob anden
5.1.4 Migrationshintergrund
5.1.5 Gewalterfahrungen der Probanden
5.1.6 Erlebte Gewaltform
5.1.7 Über die Gewalt sprechen
5.1.8 Warum das Opfer Gewalt erfahren musste
5.1.9 Professionelle Unterstützung
5.2 Ergebnisse

6. Prävention und Intervention

7. Resümee

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Häusliche Gewalt gegen Frauen“ ist eine immer wieder in den Medien diskutierte Problematik. Zum einen erfahren wir durch verschiedene Medien von Ehrenmördern, rachsüchtigen Gewalttätern bzw. Ehemännern und Vätern und zum anderen von vergewaltigten, geschlagenen und zu Unrecht behandelten Frauen, die sich selbst als Provozierte sehen. Während meines Praktikums in Wien in der „Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie“ erfuhr ich viele weitere Details und interessierte mich immer mehr für Ursachen, Hilfen und Präventionen gegen Gewalt an Frauen und so entschied ich mich für den Titel meiner Bachelor-Thesis.

Hilfebedürftigen Frauen zu helfen und sie in ihren Ressourcen zu stärken, hat mich während meines Praktikums in der „Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie“ sehr geprägt. Hier habe ich erlebt, dass Gewalt erfahrene Frauen gar Suizid gefährdet sind, teilweise unter ständiger Angst leben und die Hilfe eines kompetenten Sozialarbeiters benötigen.

Andrea Buskotte vertritt die Meinung, dass fast jede vierte Frau in ihrem Leben Gewalt erfährt. Um diese These einiger empirischer Untersuchungen zu verifizieren oder gar falsifizieren, habe ich eine von mir entworfene Untersuchung durchgeführt. Mir war bei dieser Untersuchung bewusst, dass nicht alle Frauen ihre Gewalterfahrungen ehrlich angeben würden, aber auch davon kann Andrea Buskotte nicht ausgehen. Es gibt eine Dunkelziffer von Gewalt erfahrenen Frauen, da sie ungern von ihren „schlechten Erfahrungen“ (so wird es oft in Klientengesprächen genannt) sprechen.

Während meiner Recherche zu meiner Bachelor-Thesis stellte ich fest, dass die jüngeren Frauen zwischen 26-35 Jahren mehr Gewalt erfahren, als ältere Frauen. Diese Behauptung wollte ich prüfen und entschied mich daher für die Untersuchung verschiedener Altersgruppen, um somit diese Aussage zu verifizieren oder gar falsifizieren.

Des Weiteren stellte ich fest, dass zum Thema „Häusliche Gewalt gegen Frauen“ nur wenig Literatur existiert, was mich zusätzlich zu diesem Thema motivierte und meine Entscheidung, eine Befragung1, anhand der von mir entworfenen Fragen, bei Frauen ab 18 Jahren durchzuführen, auszuwerten und mittels Statistiken bildlich darzustellen.

„Haben sie einen Migrationshintergrund?“, „Haben sie jemals als erwachsene Frau Gewalt in der Familie, Ehe oder Partnerschaft erlebt?“, „Wie äußerte sich diese Gewalt?“, „Haben sie mit jemandem über die Gewalt gesprochen?“, „Wenn nein, warum nicht?“ Diese Gedanken konnte ich unendlich fortführen.

Der Beratungs-Bereich „Gewalt gegen Frauen“ ist für einen Sozialarbeiter ein sehr schwieriger, weil die erfahrenen Informationen und Details der Opfer den Berater zum einen psychisch belasten und zum anderen der Berater erkennt, dass das Opfer intensive Hilfe benötigt. Während meines Praktikums hat mich persönlich ein Fall stark beeinflusst, als ich selbst sogar zur Zielscheibe eines Täters wurde und vor Angst in Ohnmacht fiel. Natürlich sind das Einzelfälle, aber die Ergebnisse der sozialen Arbeit gegen Gewalt an Frauen sind lachende Frauen, die sich ein Leben lang an den Sozialarbeiter erinnern und ewig dankbar sind. Diese Erfahrungen habe ich mir zum Ziel gesetzt und empfinde daher diese Untersuchung als große Herausforderung.

In der folgenden Bachelor-Thesis gehe ich im ersten Kapitel auf die Definitionen „Aggression“ und „Gewalt“ ein und ziehe anschließend ein kurzes Fazit, um einen Einstieg in die Thematik „Häusliche Gewalt an Frauen“ zu gewähren. Im folgenden Kapitel gehe ich auf die unterschiedlichen Formen von Gewalt ein. Die körperlichen Übergriffe, die psychische Gewalt, die ökonomische Gewalt und die sexuelle Gewalt werden hier beschrieben. Dieses wird anhand eines in meinem Wien­Praktikum erlebten Fallbeispiels, welches sich auf die körperliche und sexuelle Gewalt bezieht näher beleuchtet. Im nächsten Kapitel folgen die Erkrankungen durch häusliche Gewalt. Die Folgen für die Kinder, die diese Gewalt miterleben, werden in diesem Kapitel anhand einer Erklärungstheorie von dem Psychologen Bandura abgeleitet und beschrieben. In Kapitel fünf, dem Hauptaugenmerk dieser Bachelor-Thesis geht es um die von mir durchgeführte empirische Untersuchung. Sie beginnt mit der Vorgehensweise und dem Aufbau der Untersuchung. Der Fokus dieser Arbeit liegt bei der Auswertung der empirischen Untersuchung. Hier werde ich die einzelnen Fragen von meinem erstellten Untersuchungsbogen als Schaubilder darstellen und beschreiben. Meine Ergebnisse der Untersuchung werden in Kapitel 5.2 anschließend dargelegt.

In Kapitel sechs geht es um die Prävention und Intervention der Opfer von Gewalt. Ansatzpunkte für Opfer und Angebote einer Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie wie z.B. die in Wien sind in diesem Kapitel Bestandteil. Abschließend folgt das Resümee.

2. Aggression und häusliche Gewalt - Was bedeutet das?

Frauen werden häufig von ihren eigenen Partnern geschlagen, vergewaltigt oder bedroht und können bzw. wollen es niemanden mitteilen, da der Scham und die Angst vor Konsequenzen zu groß ist. Sie hoffen, dass ihr Partner, also ihr Täter, beginnt, die Versprechungen zu halten und sich zu ändern.

Im Folgenden werden die Begriffe Aggression und häusliche Gewalt näher durchleuchtet, um in die Thematik der häuslichen Gewalt einzusteigen.

Der Begriff Aggression kommt aus dem lateinischen „aggredior - aggredi“ und bedeutet ursprünglich herangehen, im Sinne von zuwenden, bzw. angreifen im Sinne von berühren. Erst in neuerer Zeit ist Aggression als Angriffsverhalten bekannt. Aggressionen schließen also all jene Verhaltensweisen und Handlungen ein, die gegen andere Lebewesen und deren Besitztümer gerichtet sind und Schaden anrichten.2 Im Sprachgebrauch werden Gewalt und Aggression gleichbedeutend gebraucht. Zwischen beiden Begriffen lässt sich keine Trennlinie ziehen, dennoch kann man unterscheiden.3

Aggression lässt sich auf jede Art von Lebewesen beschreiben, welche auf Verletzung, Verdrängung und Vernichtung gerichtet ist. Bei Anwendung von Gewalt sind mindestens zwei Personen betroffen, in der man immer mit einer Verschiebung der Machtverhältnisse rechnet. Eine der beiden Konfliktparteien ist am Ende benachteiligt. Wie die Aggression, ist die Gewalt immer gegen andere Menschen und deren Willen gerichtet.4 Folgend wird der Begriff „Gewalt“ in Bezug auf die „häusliche Gewalt“ definiert, um einen Unterschied zum Begriff „Aggression“ zu verdeutlichen.

„Gewalt in Partnerschaften und Familien wird in überwiegender Mehrzahl durch Männer gegen Frauen ausgeübt. Frauen jeder sozialen Schicht, jeden Alters und jeder Konfession erleben häusliche Gewalt. Häusliche Gewalt umfasst Drohungen, Beleidigungen, Demütigungen und Erniedrigungen ebenso wie Schläge, Tritte, Vergewaltigungen bis hin zu Mord und Totschlag. Die Gewalt wird in aller Regel über lange Zeiträume wiederholt ausgeübt und hat erhebliche Folgen für Frauen und ihre Kinder im psychischen, körperlichen, ökonomischen und sozialen Bereich. Forschungen und Schätzungen zur Folge ist jede vierte Frau in ihrer Ehe oder Partnerschaft mindestens einmal der Gewalt durch ihren Partner ausgesetzt.“5

Die Unterscheidung von physischer und psychischer Gewalt ist wichtig. Physische Gewalt äußert sich als direkte Aggression gegen eine Person z.B. schlagen, während sich psychische Gewalt in indirekter Weise z.B. durch Verhaltensweisen wie Nichthören, absichtliches Missverstehen, Vergessen wichtiger Angelegenheiten u. a. manifestieren kann. In indirekter Form sind gerade diese Formen der Gewalt innerhalb familiärer Beziehungen oder Paarbeziehungen häufig anzutreffen.6 Die Gewaltformen werden im Folgekapitel näher beleuchtet.

Fazit: Ziel und Aufgabe einer Gewaltprävention bei häuslicher Gewalt ist die Gewaltspirale bei Gewalt und Aggression in der Beziehung, Partnerschaft oder Ehe zu durchbrechen, die Opfer zu unterstützen, zu stärken und ein gewaltfreies Verhalten beim Gefährder zu erzielen.

3. Unterschiedliche Formen von Gewalt

Buskotte vertritt die Meinung, dass „jede vierte Frau [...] mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt durch ihren Ehepartner, ihren Freund oder Geliebten“7 wird. Das Spektrum der Taten sei breit und reiche von sexuellen Übergriffen bis hin zu unterschiedlichen Formen körperlicher und seelischer Gewalt. Gewalt gegen Frauen würde am Arbeitsplatz und in der Freizeit, auf der Straße und zu Hause verübt werden. Die eigene Wohnung sei jedoch ein besonders gefährlicher Ort für Frauen, denn Frauen würden in ihren Partnerschaften mehr Gewalt als überall sonst im Leben erleben.8

Hirigoyen verdeutlicht in ihren Schriften, dass viele Frauen, die zu Hause misshandelt werden, schweigen und sich weder an Polizei noch an eine Beratungsstelle wenden würden. Diese Frauen tauchen daher in keiner Statistik auf. Laut Hirigoyen gibt es aus dem Jahr 2005 Anhaltspunkte für ihre Statistik aus dem Bundesland Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, mit 17.991 Fällen von häuslicher Gewalt. Diese Fälle beinhalten einfache und schwere Körperverletzungen, Bedrohungen, Nötigungen aber auch Vergewaltigungen und Tötungen. Obwohl diese Zahl uns sehr hoch erscheint, ist zu beachten, dass viele Opfer sich bei Gewaltübergriffen nicht melden.9

Die Gewalt bezeichnet nicht nur körperliche Misshandlungen, sondern jede Form von Zwangsanwendung gegenüber einer anderen Person, um Macht und Kontrolle auszuüben oder Schaden zuzufügen. Die gegenüber Frauen ausgeübte Gewalt nimmt alle denkbaren Formen an wie z.B. körperliche Gewalt, psychische Gewalt, sexuelle Gewalt oder ökonomische Gewalt. Diese werden im Folgenden näher beschrieben.10

„Aber nein, er prügelt mich doch nicht! Na ja, hin und wieder klebt er mir eine. Das Wort prügeln mag ich nicht, weil prügeln unzulässig ist. Wenn man mir eine klebt, ist das weniger schlimm.“11 Dieses Zitat verdeutlicht, in welchen Situationen sich viele Frauen befinden. Sie finden Ausreden und Erklärungen. Zur körperlichen Gewalt kommt es meistens, wenn die Frau der seelischen standhält. Kommt es nur hin- und wieder zu physischer Gewalt, fühlen die Frauen sich selten als Opfer. Einzelne Schläge haben für sie immer eine logische Bedeutung: Er hatte Ärger am Arbeitsplatz, er war müde. Freilich sind Gewaltübergreifungen nicht alltäglich. Sie finden statt, wenn sich über ein Problem nicht sprechen lässt, wenn es Mann nicht mehr gelingt nachzudenken und sein Problem in Worte zu fassen. Solange die Spuren der Gewalt gering sind, zögern die Frauen ihren Mann anzuzeigen und solange nicht angezeigt wird, wiederholen sich die Gewaltübergriffe und die Intensität steigt.12

Die physische Gewalt umfasst eine große Spannbreite von Misshandlungen, die vom einfachen Schubsen bis zum Töten reicht: Ohrfeigen, heftiges Zwicken, Faustschläge, Fußtritte, Bisse, Verbrennungen, verdrehte Arme, Angriffe mit Stich- oder Schusswaffen - nicht zu vergessen die Freiheitsberaubung. Mit flacher Hand auf den Bauch schlagen, an den Haaren ziehen, zu stoßen, den Arm verrenken, sind Tätlichkeiten die keine Spuren hinterlassen. Dieses wissen die Täter sehr genau und üben daher extra diese Gewalttaten aus.13

Wenn über einen längeren Zeitraum Frauen Demütigungen ertragen mussten, aber nicht reagieren konnten, kann es sein, dass es nach einem von der Polizei geahndeten körperlichen Übergriff plötzlich „klick“ macht und sie den Ausstieg finden. Meistens hindert jedoch eine Anzeige zunächst an weiteren Gewalttaten, dennoch bleibt die Gewalt präsent - verbal oder in Überfällen auf die Psyche.14

Psychische Gewalt kann sich indirekt äußern, indem z.B. das Kind aus der vorherigen Beziehung grob angefasst wird, oder ein Haustier gequält wird.

Solch aggressive Verhaltensweisen sollen Angst machen, doch für die Frau ist es psychisch nicht anders, als hätte sie selbst Schläge bekommen. Sie wird nicht geschlagen, spürt aber am eigenen Körper den Schmerz. Dieser reagiert mit Bauch-, Muskel-, oder Kopfschmerzen. So wird ein Zusammenhang mit der seelischen Gewalt deutlich: Der Schlag, den man fürchtet, der aber nicht kommt, hat eine ebenso schädliche (wenn nicht gar schädlichere) Wirkung wie der reale Schlag, der nicht unbedingt dann erfolgt, wenn man ihn erwartet.15 Wenn die Frauen den Entschluss gefasst haben, ihren Mann zu verlassen, werden die Männer am brutalsten. Deswegen haben die Frauen Angst, ihre Lage zu verschlimmern. Sie fürchten Erpressungen, Drohungen und Manipulationen. Manche haben auch Angst davor, dass ihr Mann krank werden könnte, depressiv oder sich gar das Leben nehmen würde, wenn sie ihn verlässt.16 Aus diesem Grund brauchen Frauen mit derartigen Erlebnissen Unterstützung, damit sie lernen, was Erpressung, Drohung und was ernst zu nehmen ist. Sie brauchen Begleitung, Beistand und die Hilfe eines kompetenten Sozialarbeiters, der sie in ihren eigenen Ressourcen stärkt und unterstützt. Mögliche Hilfestellungen und Interventionsmöglichkeiten werden in Kapitel sechs vertieft.

Die ökonomische Gewalt bezeichnet diejenigen Zwänge, die zur ökonomischen Abhängigkeit der Frau führen, wie z.B. Verweigern oder zuteilen von Geld, Einkassieren des Lohnes, Zwang zu arbeiten, oder gar Arbeitsverbot.17 Diese Gewalt dient Männern dazu, ihre Macht aufrecht zu erhalten. Geld ist ein Mittel, Frauen in der Beziehung oder Ehe festzuhalten, da sie Angst vor Verarmung und sozialem Abstieg haben. Ein weiterer Gewaltaspekt ist die Zerstörung und Beschädigung von Gegenständen. Dadurch wird beim Mann Verfügungsmacht ausgelöst durch z.B. Vernichtung von für die Frau existenziell wichtigen Papieren oder Beschädigung von Dingen, die der Frau wichtig und lieb sind.18 Dieses macht die Frau abhängig vom Mann, somit wird sie ihn nicht verlassen können, weil ein selbstwertloses Gefühl bei der Frau ausgelöst wird. Sie beginnt somit den Täter zu akzeptieren, wie er ist und nicht zu widersprechen in den Dingen die er sagt und tut.19

Die sexuelle Gewalt ist die Form der Gewalt, über die zu sprechen den Frauen am schwersten fällt und doch ist sie dennoch oft sehr präsent. Sie umfasst ein weites Spektrum, das von der sexuellen Belästigung über die Vergewaltigung in der Ehe bis zur sexuellen Ausbeutung reicht. Sie kann darin bestehen, dass man zu heftigen oder herabwürdigenden sexuellen Handlungen oder Inszenierungen genötigt wird. Doch oft geht es darum, die Frau zu bedrohen und gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr zu nötigen. „Ziel des Vergewaltigers ist das Auskosten der eigenen Dominanz und entsprechend die Beherrschung oder auch Demütigung einer Frau mit sexuellen Mitteln.“20 Oft hat die Frau aus diesem Grunde keine Gelegenheit ein Präservativ zu fordern, dadurch kann der Mann einer Frau z.B. eine ungewollte Schwangerschaft aufzwingen. Er versucht dieses, weil er weiß, dass ein Kind dazu beitragen kann, dass sie ihn nicht verlässt. In der Folge kann sexuelle Gewalt auch Geschlechtskrankheiten oder Beckentraumate verursachen.21

Erzwungener Geschlechtsverkehr wird oft geheim gehalten, da dieses zur Kategorie der „Pflichten in der Ehe“ gehört, die die Frau dem Mann angeblich schuldet. Viele Frauen lassen den Geschlechtsverkehr somit gegen ihren Willen über sich ergehen, damit der Partner bzw. in diesem Fall der Täter sie nicht länger belästigt.22

Für die Frau ist es nicht immer einfach zwischen gewolltem und erzwungenem Geschlechtsverkehr zu unterscheiden. Viele Frauen sagen: „Ich habe irgendwann nachgegeben, denn zuerst hat er gebettelt, dann hat er sich lustig gemacht, bis er schließlich drohte!“

Nach Hirigoyen manifestiert sich die sexuelle Gewalt auf zweierlei Weise: mittels Demütigung und/oder mittels Dominanz. Die Frau fühlt sich herabgesetzt, wenn sie gedemütigt wird. Dieses ist ebenso eine Variante der seelischen Gewalt, bei der es darum geht, die Frau zu schwächen. Vor allem aber ist die sexuelle Gewalt ein Mittel, dem anderen eigene Macht zu demonstrieren. Der Mann will der Frau lediglich zu verstehen geben, dass sie ihm allein gehört.

Im Folgenden ziehe ich ein Fallbeispiel aus meinem Praktikum in der „Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie“ in Wien hinzu, um darzustellen, wie sich diese Gewaltformen auf eine Frau auswirken:

Das Opfer ist 19 Jahre alt, in der Türkei geboren und dort aufgewachsen.

Der Täter ist 20 Jähre alt. Das Paar lernte sich in der Türkei kennen, als der Täter dort Urlaub machte. Sie heirateten in Österreich. „Wir heirateten aus Liebe. Jedoch fing alles in unserer ersten gemeinsamen Woche an: Er schlug mich immer wieder. Er hielt meinen Kopf fest und rammte ihn mehrmals hintereinander gegen die Wand. Er zog mich an den Haaren und schlug mir ins Gesicht. Anschließend fesselte er mich mit seiner Krawatte und vergewaltigte mich. Ich ließ es über mich ergehen, da ich Angst hatte, dass er mich sonst umbringt, wenn ich nicht das tue, was er von mir verlangt. Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich dachte, dass er sich ändern würde. Ich sah die Schuld bei seinen Eltern, da mein Ehemann selbst mit Gewalt aufwuchs. Ich gab ihm jeden Tag die Chance mit dem Schlagen aufzuhören. Jedoch vergebens. Ich hatte keine Kraft mehr und versuchte mir die Pulsadern aufzuschneiden. Ich wollte so nicht mehr leben!“23 Aus diesem Klientenerstgespräch wird deutlich, dass die Klientin stark traumatisiert ist und Unterstützung braucht. Sie ist Suizid gefährdet und leidet an Depressionen. Nachdem sie Strafanzeige gegen ihren Ehemann gestellt hat, schläft sie unruhig, da sie Angst hat, dass er sie erneut aufsucht und gewalttätig wird. Es wird deutlich, dass sie permanent unterdrückt wird. Des Weiteren hat sie niemanden in ihrer Umgebung, mit dem sie über alles reden kann.24

Vielen Frauen ergeht es schlecht. Sie erleben verschiedene Formen von Gewalttaten und versuchen leider oft mit diesen negativen Erfahrungen weiter zu leben oder sie ihr Leben lang zu ertragen. Die Gewalt erlebten Frauen erkennen, dass sie das Problem nicht bewältigen werden, sondern nur ertragen können. Das nicht Sprechen über erlebte Gewalt und viele weitere Ursachen und Folgen von erlebter Gewalt führen leider oft auch zu Erkrankungen, die im nächsten Kapitel näher beschrieben werden.

4. Erkrankungen durch häusliche Gewalt

„Gewalt macht krank. Häusliche und sexuelle Gewalt führt häufig zu langfristigen Erkrankungen von Frauen“25

Die körperlichen Symptome sind Vielfältig, sie können direkte Folgen der körperlichen Misshandlung, aber auch psychosomatische Reaktionen sein. Verletzungsfolgen sind z.B. Nasenbein-, Arm- oder Rippenbrüche, Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit, Narben am ganzen Körper, fehlende Zähne oder verminderte Seh- und Hörfähigkeit. Ebenfalls sind Kopf-, Glieder und Rückenschmerzen und Schmerzen im Brustkorb oft auftretende Beschwerden. Chronische Beschwerden im Unterleib sind häufig mit Misshandlungen zu assoziieren. Eheliche Vergewaltigungsopfer erleiden mehr körperliche Schäden als nicht-eheliche, da sie oft über Jahre missbraucht werden. Bei sexueller Gewalt kommt es meist zu Folgen wie z.B. Verletzungen und Blutungen im vaginalen Bereich, Blasenentzündungen, Störungen der Menstruationsblutung, oder zu Früh- und Fehlgeburten.26

Psychosomatische Schädigungen äußern sich u.a. in Form von Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Alpträume, Schuldgefühle, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Erschöpfungszuständen, Störungen der Sexualität, Verlust des Selbstwertgefühles und der Selbstachtung, Depressionen und Konzentrationsschwierigkeiten bis hin zu Suizidversuchen, die bei sexuell missbrauchten Frauen häufig vorkommen. Frauen fühlen nach sexuellen Misshandlungen häufig ein Ekelgefühl ihrem Körper gegenüber, sie empfinden ihn als lästig, fremd und beschmutzt. Somit sind Opfer von Gewalt anfällig für Depressionen. Sie sind traumatisiert und hilflos, vertrauen niemanden mehr und leben unter ständiger Angst.

[...]


1 Der Fragebogen befindet sich im Anhang

2 vgl. http://www.gewalt-online.de/aggression.php

3 vgl. ebenda

4 vgl. http://www.gewalt-online.de/aggression.php

5 Zitat: http://www.helpline-sh.de/uberGewalt.html

6 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Gewalt gegen Frauen - Ursachen und Interventionsmöglichkeiten, Kohlhammer 1998, S. 11ff

7 Zitat: Buskotte, Andrea, Gewalt in der Partnerschaft, Patmos Verlag 2007, S. 16

8 vgl. ebenda

9 vgl. Hirigoyen, Marie-France, Warum tust du mir das an? Gewalt in Partnerschaften, C.H. Beck Verlag 2006, S. 39

10 vgl. ebenda

11 Zitat: Hirigoyen, Marie-France, Warum tust du mir das an? Gewalt in Partnerschaften, C.H. Beck Verlag 2006, S. 39

12 vgl. ebenda

13 vgl. ebenda, S. 40f

14 vgl. ebenda, S. 41

15 vgl. Hirigoyen, Marie-France, Warum tust du mir das an? Gewalt in Partnerschaften, C.H. Beck Verlag 2006, S. 42

16 vgl. ebenda

17 vgl. Mark, Heike, Häusliche Gewalt gegen Frauen, Tectum Verlag 2001, S. 14

18 vgl. http://www.helpline-sh.de/uberGewalt.html

19 vgl. http://www.helpline-sh.de/uberGewalt.html

20 Zitat: Brückner, Margrit, Wege aus der Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Fachhochschulverlag, S. 16

21 vgl. ebenda

22 vgl. Hirigoyen, Marie-France, Warum tust du mir das an? Gewalt in Partnerschaften, C.H. Beck Verlag 2006, S. 43f

23 Zitat: Klientenerstgespräch aus meinem Praktikum in der Wiener Interventionsstelle

24 Erfahrung durch Praktikum in der Wiener Interventionsstelle 2008

25 Zitat: http://www.berlin.de/sen/frauen/gesundheit/gewaltopfer.html

26 vgl. Mark, Heike, Häusliche Gewalt gegen Frauen, Tectum Verlag 2001, S. 18

Details

Seiten
47
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640697410
ISBN (Buch)
9783640697076
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156543
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
Häusliche Gewalt Frauen Eine Untersuchung Gewalterfahrungen Kreis

Autor

  • Jessica Osterhagen (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Häusliche Gewalt an Frauen - Eine empirische Untersuchung der Gewalterfahrungen von Frauen im familiären Kreis