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Die Insolvenz der Kirch Gruppe und ihre Folgen für die deutsche Medienlandschaft

Seminararbeit 2003 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einfuhrung

2. Leo Kirch und die Anfange der Kirch Gruppe

3. Die Struktur der Kirch Gruppe vor der Insolvenz

4. Die Insolvenz der Kirch Gruppe
4.1 Die Insolvenz aus betriebswirtschaftlicher Sicht
4.2 Der Weg in die Insolvenz
4.3 Grunde der Insolvenz

5. Die neuen Eigentumerverhaltnisse

6. Folgen fur die deutsche Medienlandschaft
6.1. Mogliche Konsequenzen fur den Medienmarkt
6.2. Medienpolitik im Fall Kirch

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Erklarung

1. Einfuhrung

Wenn jemand in dieser kostlichen
Zeit eine wahre Geschichte erzahlt,
mochte man glauben, dafi der Teufel
sie ihm diktiert hat.“

Jules Barbey d'Aurevilly (1874)[1]

Mit diesem Zitat von Jules Barbey d'Aurevilly aus dem Jahre 1874 leitet Michael Radtke das von ihm 1996 veroffentlichte Buch „AuBer Kontrolle. Die Medienmacht des Leo Kirch.“ ein. Schon damals passte dieses alte Zitat sehr gut, um die Situation rund um den Werdegang und die Lage der Kirch Gruppe zu umschreiben. Und auch heute hat es in diesem Zusammenhang an Aktualitat nicht verloren.

Die Insolvenz der Kirch Gruppe, eines der fuhrenden Medienunternehmen Europas, im Mai 2002 war eine der groBten der Nachkriegszeit. Wie diese zu Stande kommen konnte und ob sie vorhersehbar war, wurde in den Medien viel diskutiert. Dabei erschien auch die Frage danach, ob bei der Insolvenz alle rechtlichen Bestimmungen eingehalten wurden von groBer Bedeutung. Dennoch scheint aus Sicht der Medien das Problem, wie es nach der Zerschlagung der Kirch Gruppe weiter gehen soll, im Vordergrund zu stehen.

Es ist demnach festzustellen, dass dieses Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen und beurteilt werden kann. So lassen sich wirtschaftliche, rechtliche, ethische, politische und mediensystematische Sichtweisen unterscheiden. In dieser Arbeit sollen allerdings hauptsachlich kommunikationswissenschaftliche Aspekte behandelt werden. Zur besseren Verdeutlichung des Sachverhaltes werden aber auch andere Betrachtungsweisen herangezogen.

Im Verlauf der Ausfuhrungen soll gezeigt werden, welche Auswirkungen die Insolvenz der Kirch Gruppe auf die Deutsche Medienlandschaft hat und in Zukunft haben konnte. Dabei steht zu Beginn ein historischer Abriss des Aufstiegs der Kirch Gruppe und ihres Grunders Leo Kirch. AnschlieBend wird auf die Organisation des Unternehmens unmittelbar vor der Insolvenz eingegangen, um dann aus medienokonomischer Sicht darzustellen, welche Ursachen diese
ausgelost haben konnte. Danach soil kurz auf die zukunftigen Eigentumerverhaltnisse eingegangen werden. Dies ist besonders wichtig, um abschlieBend mogliche medienpolitische und - systematische Folgen darstellen zu konnen.

2. Leo Kirch und die Anfange der Kirch Gruppe

Leo Kirch (Foto[2] ) wurde als Sohn eines Winzers am 21. Oktober 1926 in Wurzburg geboren. Nachdem er die Schule mit Abitur abgeschlossen hatte, studierte er in Wurzburg und Munchen Betriebswirtschaft und Mathematik. 1952 promovierte er zum Dr. rer. pol. und hatte eine Assistenzstelle an der Universitat Munchen.[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1955 grundete Leo Kirch zusammen mit seinem Studienfreund Hans Andresen in Nurnberg Sirius-Film, Kirch's erste Firma.[4] Im gleichen Jahr erwarben sie in Barcelona ihre ersten Filmrechte an dem spanischen Film „Marzellino, pane e vino“. Um dies zu realisieren, borgten sie sich Geld von Freunden und Verwandten.[5] 1956 stieg Kirch dann mit dem Kauf von 400 Filmen, darunter auch „La Strada“ von Federico Fellini, von United Artists und Warner Brothers endgultig als Rechte-Vermarkter ins Mediengeschaft ein.[6] Dabei nutzte er die Gewinnmoglichkeiten, die sich aus Preisdifferenzen zwischen Beschaffungs- und Absatzmarkten (Arbitrage), Preisdifferenzen, die sich aus zeitlichen und/oder ortlichen Unterschieden oder aus Unterschieden der Produktionsstrukturen ergaben. Durch den gerade erst begonnenen Wiederaufbau der Medienindustrie im Nachkriegsdeutschland, konnten im Gebiet des Filmrechte - Handels gute Gewinne erwartet werden. Besonderes Augenmerk richtete Kirch dabei auf das damals noch junge Medium Fernsehen.[7] So nutzt er Lucken der Boykottregelung[8], bei der die Filmwirtschaft „Keinen Meter Film dem Fernsehen!“ geben wollte, um am Anfang vor allem ARD mit den dringend benotigten Programmen zu versorgen.[9] Mit der Grundung des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) 1963 versorgte Kirch auch diese mit Filmen, da sie keine eigene Einkaufsorganisation hatten.[10]

Ebenfalls zum Vertrieb von Filmen und Fernsehprogrammen grundete Kirch 1959 BetaFilm und 1963 TaurusFilm.[11] Kirch konnte sich, durch richtige okonomische Einschatzung und die systematische Weiterentwicklung der Gewinnmoglichkeiten, schlieBlich als Filmrechte - Handler etablieren[12] und bewies somit einen guten Geschaftssinn und ein hervorragendes Gespur fur den schnell wachsenden Medien-Markt.[13]

Anfang der 1980er Jahre wurden dann Plane fur privaten Rundfunk in Deutschland politisch und wirtschaftlich konkret, in denen Kirch neue Chancen zum Ausbau seiner geschaftlichen Aktivitaten sah.[14] Um dies zu erreichen, beteiligte er sich aktiv an der Durchsetzung des Privatfernsehens und erwarb zunachst Beteiligungen an geplanten privaten Fernsehsendern und Pay-TV Gesellschaften.[15] So startete 1984 die Vorlauferin von SAT. 1, die PKS (Programmgesellschaft fur Kabel- und Satellitenrundfunk), erste Gehversuche. Kirch sicherte sich hier spatere Beteiligungen und Einfluss dadurch, dass er zwei Jahre lang das gesamte Unterhaltungsprogramm ohne Entgelt zur Verfugung stellte. 1989 wuchs die Fernsehfamilie rund um Kirch noch einmal, indem der neue Sender ProSieben taglich neun Stunden Programm sendete. Spater kamen noch Premiere (1991), DSF (1993) und N24 (2000) dazu.[16]

Um aus seinem Unternehmen ein vertikal integriertes Medienunternehmen zu machen, grundete er 1966 Unitel und 1968 IdunaFilm fur Spiel- und Fernsehfilmproduktionen. Dazu kamen 1975 noch ein Servicezentrum der Kirch Gruppe, BetaTechnik, und 1983 TaurusVideo, um auch der damals neuen Videotechnik gerecht zu werden.[17]

1985 beteiligte sich Kirch dann mit 10% an dem Hamburger Axel Springer Verlag und konnte sich so auch in der Presselandschaft engagieren. Spater wurde dieser Anteil noch einmal auf 40% aufgestockt.[18]

So wollte Kirch seine Vision von einem vertikal integrierten Medienunternehmen realisieren. Und bis zur Insolvenz seines Unternehmens, kann man dieses auch als solches bezeichnen.

Vertikale Integration bedeutet hier aus medienokonomischer Sicht, dass mehrere aufeinander folgende Wertschopfungsstufen oder auch Produktionsebenen in einem Unternehmen zusammengefasst sind. Die Abwicklung des Gutertransfers erfolgt dabei nicht uber den Markt, sondern wird innerhalb eines Unternehmens gelenkt. Drei zentrale Ebenen der Wertschopfung sind hier im Bereich der periodischen, publizistischen Medien zu unterscheiden: die Produktionsebene der Inputs, die publizistische Ebene und die Ebene der Multiplikation und Distribution.[19]

In seinem Bestreben „ [...] - fur Auge und Ohr - ein vertikal integriertes Medienunternehmen zu schaffen.“[20], hat Leo Kirch also versucht, all diese Ebenen in sein Unternehmen zu integrieren. Bei der Betrachtung des Aufbaus der Kirch Gruppe wird deutlich, dass ihm dies auch teilweise gelungen ist.

Wie also sah nun die Struktur der Kirch Gruppe unmittelbar vor der Insolvenz aus?

3. Die Struktur der Kirch Gruppe vor der Insolvenz

Die Konzernaktivitaten der Kirch Gruppe lassen sich in 3 Phasen gliedern: 1. Etablierung des Filmrechtehandels 2. Aktive Beteiligung an der Durchsetzung von privatem Rundfunk und 3. Durchsetzung von digitalem Pay-TV.[21] Diese Aktivitaten und die radikale Umorganisation des Konzerns, wegen Liquiditatsproblemen, pragten die Struktur bis zur Insolvenz. War Kirch zuvor noch Alleineigentumer, so machten es diese Ereignisse notwendig, zu einer kleinen Eigentumergruppe zu wechseln.[22]

Die Kirch Gruppe war in drei Teilbereiche geordnet, wobei die TaurusHolding GmbH & Co. KG, als Konzernzentrale, alle Bereiche miteinander vereinte. Die Kirch Unternehmensstiftung hielt dabei alle Anteile an der Kirch Holding. Der erste Bereich ist die Kirch Media, in der vor allem die Tochtergesellschaften und Beteiligungen in den traditionellen Geschaftsbereichen des Konzerns zusammengefasst wurden, wie z.B. Rechtehandel (Film und Sport), die Beteiligungen an werbefinanzierten Fernsehsendern, die Werbezeitenvermarktung und der Produktionsbereich. Die Holding der Kirch Pay-TV bundelte alle Aktivitaten im Pay-TV-Bereich, auch das digitale Sendezentrum und den Pay-TV Rechtehandel. Der dritte Bereich, die Kirch-Beteiligungen, umfasste alle Beteiligungen an Printmedien (Springer) und Kinoketten, die Aktivitaten im Ballungsraumfernsehen sowie die Entwicklung und Vermarktung des digitalen Decoders d-box.[23]

Die folgende Abbildung (Abbildung 1) zeigt eine umfassende Darstellung der Struktur der Kirch Gruppe. Es ist zu erkennen, dass Kirch wirklich in fast allen, fur die Medien wichtigen, Bereichen Tochterunternehmen und Beteiligungen besaB.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Insolvenz der Kirch Gruppe

4.1 Die Insolvenz aus betriebswirtschaftlicher Sicht

Ein Unternehmen muss spatestens innerhalb von drei Wochen einen Insolvenzantrag beim zustandigen Amtsgericht stellen, wenn es zahlungsunfahig oder uberschuldet ist. Ein Insolvenzverfahren soll dabei die Interessen der Glaubiger befriedigen, indem das Vermogen des Schuldners verwertet und der Erlos verteilt wird. Um das Unternehmen zu erhalten, sind auch abweichende Regelungen moglich.[24]

Ist genugend Masse, als verwertbares Vermogen, vorhanden, wird das Insolvenzverfahren eroffnet. Ist dies nicht der Fall, wird der Insolvenzantrag mangels Masse abgelehnt.[25]

Im Falle der Kirch Gruppe wurde Michael Jaffe als Insolvenzverwalter eingesetzt, der das vorhandene Vermogen sichtete und die Bucher sowie die bestehenden Forderungen prufte. Zur Seite standen ihm dabei Wolfgang von Betteray und Hans-Joachim Ziems. Sie erstellten in Abstimmung mit den Glaubigern einen Sanierungsplan, suchten nach potenziellen Kaufern und sorgten dafur, dass die Beschaftigten drei Monate lang Insolvenzgeld vom Arbeitsamt bekamen.[26] Auf Grundlage eines Berichts des Insolvenzverwalters entscheidet die Glaubigerversammlung spatestens drei Monate nach Verfahrenseroffnung, ob das Unternehmen liquidiert wird oder mit dem Ziel einer Sanierung fortgefuhrt wird.[27] Wie es zur Insolvenz der Kirch Gruppe kommen konnte, soll nun im nachsten Abschnitt ausgefuhrt werden. Dabei sollen einige Ereignisse naher beleuchtet werden.

[...]


[1] In Radtke 1996.

[2] < http://www.rasscass.com/templ/te bio.php?PID=140&RID=1 > (30.03.2003)

[3] Vgl. Rasscass.com. „Leo Kirch - Biografie rasscass“ - http://www.rasscass.com/templ/te bio.php?PID=140&RID=1 > (12.03.2003)

[4] Vgl. Radtke 1996, S. 19. Und Rasscass.com. „Leo Kirch - Biografie rasscass“ - http://www.rasscass.com/templ/te bio.php?PID=140&RID=1 > (12.03.2003)

[5] Vgl. Radtke 1996, S. 19ff.

[6] Vgl. Radtke 1996, S. 19-28. Und Rasscass.com. „Leo Kirch - Biografie rasscass“ - http://www.rasscass.com/templ/te bio.php?PID=140&RID=1 > (12.03.2003)

[7] Vgl. Kiefer 2002, S. 491f.

[8] Vgl. Radtke 1996, S. 19ff.

[9] Vgl. Kiefer 2002, S. 492.

[10] Vgl. Radtke 1996, S. 19-28.

[11] Vgl. Rasscass.com. „Leo Kirch - Biografie rasscass“ - http://www.rasscass.com/templ/te bio.php?PID=140&RID=1 > (12.03.2003)

[12] Vgl. Kiefer 2002, S. 492.

[13] Vgl. Ebd.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Ebd.

[16] Vgl. ZDF heute. „Aufstieg und Fall des Leo Kirch“. - http ://www.t-online.de/ZDFheute/druckansicht/0.1986.181203.00.html > (13.01.2003)

[17] Vgl. Rasscass.com. „Leo Kirch - Biografie rasscass“ - http://www.rasscass.com/templ/te bio.php?PID=140&RID=1 > (12.03.2003)

[18] Vgl. Rasscass.com. „Leo Kirch - Biografie rasscass“ - http://www.rasscass.com/templ/te bio.php?PID=140&RID=1 > (12.03.2003) und ZDF heute. „Aufstieg und Fall des Leo Kirch“. - http ://www.t-online.de/ZDFheute/druckansicht/0.1986.181203.00.html > (13.01.2003

[19] Vgl. Kruse 1996, S. 25-52.

[20] Kirch, Leo, zitiert nach Kiefer 2002, S. 491.

[21] Vgl. Kiefer 2002, S. 493.

[22] Vgl. Kiefer 2002, S. 492.

[23] Vgl. Kiefer 2002, S. 492-493.

[24] Vgl. FAZ. „Letzter Ausweg Insolvenz“ - http://www.faz.net/s/Rub9E7BDDB7469E11D4AE7B0008C7F31E1E/ Doc~E9EF73AE1471A4751A0BBEAF762473974~ATpl~Ecommon~Scontent.html > (21.03.2003)

[25] Vgl. Ebd.

[26] Vgl. FAZ. „Letzter Ausweg Insolvenz“ - http://www.faz.net/s/Rub9E7BDDB7469E11D4AE7B0008C7F31E1E/ Doc~E9EF73AE1471A4751A0BBEAF762473974~ATpl~Ecommon~Scontent.html > (21.03.2003) und Manager Magazin. „Die Manner, die Kirch erledigten“ - http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,210416,00.html > (22.03.2003)

[27] Vgl. FAZ. „Letzter Ausweg Insolvenz“ - http://www.faz.net/s/Rub9E7BDDB7469E11D4AE7B0008C7F31E1E/ Doc~E9EF73AE1471A4751A0BBEAF762473974~ATpl~Ecommon~Scontent.html >

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638207157
ISBN (Buch)
9783656209249
Dateigröße
972 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15660
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Kommunikations- und Medienwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Insolvenz Kirch Gruppe Folgen Medienlandschaft Seminar Einführung Mediensystem Bundesrepublik Deutschland

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