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Der Sudan: ein scheiternder Staat

Hausarbeit 2009 24 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konfliktursachen
2.1. Koloniales und vorkoloniales Erbe
2.2. Internationalisierung und Aufrüstung des Konflikts
2.3. Islamistische Ideologie als Regierungsprogramm
2.4. Ökonomische Faktoren

3. Aktuelle Lage des Sudan
3.1. Der Konflikt zwischen Nord und Süd
3.2. Darfur
3.3. Der Rest des Sudan

4. Akteure
4.1. Die Zentralregierung
4.2. Die Muslimbruderschaft und Hassan al-Turabi
4.3. Die SPLM/A und andere Befreiungsbewegungen
4.4. Nachbarstaaten
4.5. Internationale Gemeinschaft

5. Schluß

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Sudan zeigen sich prototypisch die Folgen staatlichen Scheiterns: trotz seines großen Ressourcenreichtums leben die Sudanesen in Armut, sie haben unter kriegerischen Auseinandersetzungen parastaatlicher Akteure zu leiden, hunderttausende wurden ermordet, noch mehr wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Nach dem Friedensschluss zwischen der islamistischen Regierung unter Omar al-Baschir und den Rebellen im Süden des Landes wurden mit dem darauf einsetzenden massenhaften Morden und der systematischen Vertreibungen in Darfur alle Hoffnungen auf eine baldige Besserung der Lage enttäuscht.

Die Auswirkungen staatlichen Scheiterns im Sudan sind Thema dieser Arbeit: Welche Ursachen hat es und wer sind die relevanten Akteure? Was sind ihre Interessen und wie lassen sich diese miteinander vermitteln? Was sind die zentralen Konfliktlinien und wie hängen diese zusammen? Ist schließlich ihre Auflösung möglich? Und worauf lässt sich, wenn dies positiv beantwortet wird, ein dauerhafter Frieden für die Menschen des Sudan gründen?

Es sollen also die Gründe des State Failing im Sudan aufgezeigt werden und auch, warum trotz der Kriegsmüdigkeit der großen Bevölkerungsmehrheit noch immer keine wirkliche Besserung der Lage in Sicht ist. Zunächst sollen die historischen und aktuellen Gründe für die Auseinandersetzungen und das Scheitern des Staates im Sudan dargestellt werden. Eine Beschreibung der auf dem Gebiet des Sudan agierenden Akteure und ihrer Interessen soll dann ein Urteil darüber erlauben, welche Lösungen sich zur Konfliktbeilegung für den Sudan denken lassen.

Die Quellenlage zu den verschiedenen im Sudan bestehenden Problemen ist schwierig: zwar gibt es eine Reihe von politikwissenschaftlichen und journalistischen Publikationen zum Thema, doch sind bereits einfache Fakten wie beispielsweise die Einwohnerzahl des Sudan kaum zu ermitteln und schwanken je nach Quelle stark. Nach dem Ende des Kalten Krieges gewann das Thema State Building an Konjunktur. Auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion bildeten sich neue Staaten, was normalerweise einige Konflikte aufwirft. Zudem war die bipolare Ordnung der Welt ein Garant für funktionierende Staatlichkeit auch in der Peripherie, weil sich die mehr oder weniger legitimen Herrscher auf die wirtschaftliche und notfalls militärische Stützung durch eine Seite des Blockkonflikts verlassen. Seit den 90er Jahren sind deswegen zahlreiche Staaten unter Druck geraten. In der Folge des 11. Septembers 2001 erreichte die Auseinandersetzung mit gescheiterten Staaten einen vorläufigen Höhepunkt. Weil solche einen Rückzugsraum für die dschihadistischen Feinde der Moderne bieten, ist der Aufbau stabiler Staaten auch für die Gesellschaften entwickelter Staaten von Relevanz. Hinzu kommen die Gefahren durch die Folgen unkontrollierter Flüchtlingsströme und der Schattenglobalisierung. Eine wirkliche Minimierung dieser Risiken wird erst dann möglich, wenn nicht nur Symptome, sondern Ursachen bekämpft werden. Die Bedingungen solcher Bemühungen im Sudan aufzuzeigen ist Thema dieser Arbeit.

2. Konfliktursachen

2.1. Koloniales und vorkoloniales Erbe

Schon in vorkolonialen Zeiten bildete der Sudan keine politische Einheit und glich einem „Flickenteppich“ aus mehreren kleineren Königreichen mit unterschiedlichen sozialen Organisationsformen. Bis etwa 1874 gelang Ägypten die Kolonisation des Sudan. Besonders im Süden herrschten aber eigentlich die Menschenjäger, die die Versklavung der schwarzafrikanischen Bevölkerung organisierten. Hier liegt eine der Wurzeln des aktuellen Konflikts, ist doch der Rassismus der nördlichen „arabisierten“[1] Bevölkerung gegenüber der „afrikanischen“ im Süden noch heute präsent. Ägyptens Herrschaft im Sudan stieß jedoch auch im Norden auf Widerstand besonders der islamischen Sekten, die es als Vorposten europäischer, also „ungläubiger“ Mächte begriffen.[2] Als schließlich Großbritannien die Herrschaft übernahm, wurde der Nordsudan durch den sogenannten Mahdiaufstand erschüttert. Dem „Mahdi“[3] Mohammed Ahmed gelang es, eine erste nationale Regierung im Nordsudan zu errichten, die örtlich über eine größere Legitimität als die ägyptischen bzw. britischen Kolonialregierungen verfügte, da die Mahdisten als „die eigenen Leute, die im Namen des Islam die Fremdherrschaft erfolgreich bekämpften“[4] begriffen wurden. Der antiimperialistische und antiwestliche Kampf der Mahdisten ist noch heute im kollektiven Gedächtnis der Nordsudanesen präsent.[5]

Die aktuellen Auseinandersetzungen im Sudan können also an zwei Konflikte der Vergangenheit anschließen: zunächst verfügen sie über eine ethnisch-rassistische Aufladung, die das Resultat zweier aufeinanderprallender Kulturräume, des islamisch-arabischen und des traditionell-afrikanischen, und der Unterdrückung der afrikanischen durch die arabische Seite ist. Diese Konfliktlinie wird noch durch die Missions-bestrebungen des Islam und seinen manichäischen Kampf gegen die nichtmuslimische Welt angereichert, was im Süden Widerstand hervorruft.

Die Briten etablierten nach der Niederschlagung des Mahdistaats ein kostengünstiges und effizientes System der indirekten Herrschaft. Der Norden wurde dabei bewusst von Süden isoliert, eine jeweils eigene Verwaltung aufgebaut. Im Norden förderte die Kolonialregierung den Baumwollanbau und investierte in die hierfür notwendige Infrastruktur und in die Ausbildung von Verwaltungsfachleuten.[6] Die Folge war ein enormes Gefälle zwischen Zentrum und Peripherie und eine weitere Festigung des antiafrikanischen Rassismus. Eine nordsudanesische Elite konnte nach der Unabhängigkeit 1956 die Regierungsgeschäfte im Gesamtstaat übernehmen. Da sie nichts unternahm, um Infrastruktur, wirtschaftliche Entwicklung und Zugangschancen zu höheren Ämtern für die Bevölkerung des Südens zu verbessern, brach noch vor der offiziellen Unabhängigkeit der Bürgerkrieg im Sudan aus.[7] In den folgenden Jahren bildete sich im Süden eine Widerstandsbewegung mit dem Namen Anya Nya.[8]

2.2. Internationalisierung und Aufrüstung des Konflikts

Nach mehreren Jahren unterschiedlich intensiver Auseinandersetzungen brachte der Sechstagekrieg eine erste Internationalisierung des Konflikts mit sich. Nachdem sich der Sudan dem Ägypten Gamal Abd el-Nassers angenähert und zu seiner Unterstützung Truppen mobilisiert hatte, war er auch unter den Einfluss von Panarabismus und arabischem Sozialismus geraten. Den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu einigen westlichen Staaten kompensierte der Sudan mit einem umfangreichen Abkommen über militärische Hilfe mit der Sowjetunion. Zudem erhielt die Zentralregierung Unterstützung bei ihren Auseinandersetzungen mit den Rebellen aus dem Süden durch Ägypten und Libyen. Im Gegenzug unterstützte Israel nun die Anya Nya über Äthiopien und Uganda mit Waffen und militärischem Know-How und konnte aus der Bewegung lose miteinander verbundener Rebellengruppen eine schlagkräftige Untergrundarmee mit dem Namen Southern Sudan Liberation Movement (SSLM) formen.[9] Die Internationalisierung hatte also zunächst eine Professionalisierung und technische Aufrüstung auf beiden Seiten zur Folge. Dadurch wurde der Konflikt noch verschärft.

Nachdem 1971 prokommunistische Offiziere versucht hatten, im Sudan die Macht zu übernehmen und die Regierung nur mit Hilfe Libyens und Ägyptens bestehen konnte, wendete sich der damalige Militärdiktator Dschafar Mohammed al-Numeiri dem Westen zu. Dieser unterstützte ihn nun mit Finanzhilfen, obwohl der Sudan zunächst ein arabisch-sozialistischer Staat blieb. Gleichzeitig gelang es al-Numeiri, Uganda und Äthiopien davon zu überzeugen, ihre Hilfe für die SSLM einzustellen, was die Rebellen zu Verhandlungen mit der Regierung zwang. Al-Numeiri hatte schon bei seinem Machtantritt Verhandlungen vorgeschlagen, die die gerade auf dem Vormarsch befindliche SSLM jedoch abgelehnt hatte. Ohne Aussicht auf militärischen Erfolg war sie nun gezwungen, auf eine baldige Lösung des Konflikts hinzuwirken. So konnte der über fast zwei Jahrzehnte ausgetragene erste Bürgerkrieg Anfang 1972 innerhalb von zehn Tagen Verhandlungen beigelegt werden, indem dem Süden weitreichende Autonomierechte mit einer eigenständigen Regierung beigemessen und die Kämpfer der SSLM amnestiert und in die bestehende Armee oder in die Polizei eingegliedert wurden.[10] Gerade die Aufzehrung aller Kräfte einer Kriegspartei und der Abschnitt von ausländischen Nachschublieferungen hatte den Ausschlag zum Friedensschluß gegeben. Ein Jahrzehnt des Friedens bis 1983 war die Folge.

2.3. Islamistische Ideologie als Regierungsprogramm

Enormen Einfluss auf die Bevölkerung des Nordsudan wie auch auf die aus ihm stammende Führungsschicht hat seit Jahrzehnten Hassan al-Turabi und die von ihm angeführte sudanesische Sektion der Muslimbruderschaft. Waren Regierungen des Sudans zunächst eher am arabischen Sozialismus ausgerichtet, so konnte die Muslimbruderschaft die islamischen Volksmassen gegen einen zu säkularen Kurs mobilisieren und sie so unter Druck setzen. Al-Turabi zeichnet sich durch seine strategisch geprägte Anpassungsfähigkeit aus, die es ihm erlaubt hat, seit Ende der 70er Jahre Einfluss auf alle Regierungen des Sudan auszuüben.[11] So erreichte er den Bruch des Autonomieabkommens mit dem Süden durch al-Numeiri, der im September 1983 die Scharia als verbindliche Rechtsgrundlage für den ganzen Sudan einführte.[12] Gegen die Maßnahmen der Militärregierung erhob sich 1985 ein Aufstand; im Süden wurde von illoyalen Einheiten des Militärs die Sudan People's Liberation Army (SPLA) und wenig später ihr ziviler Arm, das Sudan People's Liberation Movement (SPLM) gegründet, die eine Lösung für den Gesamtsudan anstrebte. Um einer Revolution von unten zuvorzukommen, setzte das Militär nun demokratische Wahlen an, die zu einem Wahlsieg der islamischen Parteien führte. Sadiq al-Mahdi von der Umma-Partei wurde zum Premierminister gewählt, es gelang ihm aber weder eine Besserung der ökonomischen Lage noch ein Friedensschluss mit der SPLA.[13] Auch al-Mahdi war stark von al-Turabi und seinem islamistischen Gefolge beeinflusst, die als Machtfaktor alle Regierungen des Sudan zu beachten genötigt gewesen sind. Als er jedoch daran ging, seinen Frieden mit dem Süden durch die Aufhebung der Scharia zu machen, putschten sich, von al-Turabi vorbereitet und unterstützt,[14] islamistische Militärkreise um Omar al-Baschir an die Macht, die auch heute noch die größte Fraktion in der Regierung des Sudan stellen.[15]

Im Zeichen seiner ideologischen Aufladung wurden im zweiten Bürgerkrieg große Teile der Bevölkerung in die Auseinandersetzungen hineingezogen, da die Konfliktparteien unter den Zivilisten auf der jeweils „feindlichen“ Seite wüteten. Tatsächlich schlossen sich nun auch viele bislang unbeteiligte Sudanesen einer der Konfliktparteien an.[16]

Ihrem islamistischen Programm folgend betrachtete sich die Regierung des Sudan nicht als nationale Regierung, sondern als Vorkämpfer einer internationalen islamischen Weltordnung. Dabei machte sich der Sudan um den Export islamistischer Ideologie in andere Staaten Afrikas verdient, indem er beispielsweise ausländische Studenten mit Stipendien förderte und kostenlos in Khartum studieren ließ[17] und Ausbildungslager internationaler islamistischer Organisationen auf seinem Territorium unterstützte.[18]

[...]


[1] Es handelt sich ironischerweise um Menschen, die sich äußerlich kaum von den schwarzen Afrikanern unterscheiden, die sie verachten, die aber arabische Sprache und Lebensgewohnheiten angenommen haben. Vgl. Ille, Enrico: Ethnische Strukturen, in: Chiari, Bernhard (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte. Sudan, Paderborn 2008, S. 131.

[2] Pahl, Magnus: Zeit der Fremdherrschaft (1820-1955), in: Chiari, Bernhard (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte. Sudan, Paderborn 2008, S. 27.

[3] Arabisch: „der von Gott gesandte“, vgl. Ohne Autor: Der Mahdi-Staat – ein antiwestliches Gegenmodell, in: Chiari, Bernhard (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte. Sudan, Paderborn 2008, S. 23.

[4] Ohne Autor: Mahdi-Staat, S. 24.

[5] Ebd.

[6] Pahl: Fremdherrschaft, S. 30-37.

[7] Pahl: Fremdherrschaft, S. 36 f.

[8] Anya Nya bezeichnet in der Madisprache das tödliche Gift der Gabunviper, vgl. Mükusch, Andreas: Der erste Bürgerkrieg und die schwierige Unabhängigkeit 1956 bis 1983, in: Chiari, Bernhard (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte. Sudan, Paderborn 2008, S. 42.

[9] Mükusch: Bürgerkrieg, S. 44 f.

[10] Mükusch: Bürgerkrieg, S. 45-48.

[11] Weber, Anette: Machtstrukturen und politische Lager, in: Chiari, Bernhard (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte. Sudan, Paderborn 2008, S. 76.

[12] Mükusch: Bürgerkrieg, S. 48 f.

[13] Schmidinger, Thomas: Der Sudan zwischen autoritärer Militärdiktatur und Staatszerfall, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 2/2006, S. 193.

[14] Weber: Machtstrukturen, S. 77.

[15] Schmidinger: Sudan, S. 193.

[16] Chiari, Bernhard: Der zweite Bürgerkrieg und seine Auswirkungen auf die Gesellschaften des Sudan, in: Chiari, Bernhard (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte. Sudan, Paderborn 2008, S. 51.

[17] Schmidinger: Sudan, S. 193.

[18] Weber: Machtstrukturen, S. 78.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640751006
ISBN (Buch)
9783640751624
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156601
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie
Note
Schlagworte
Sudan Staat

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