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Eudaimonia. Die aristotelische Konzeption des vollkommemen Lebens

Wissenschaftlicher Aufsatz 2009 25 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1 Die Suche nach der Glückseligkeit
1.1 Das höchste Gut
1.2 Die Stellung des höchsten Gutes
1.3 Die Natur des Menschen

2 Das glückselige Leben
2.1 Das kontemplative Leben des Philosophen
2.1.1 Zurück in die Realität
2.2 Die Eudaimonia des Menschen
2.2.1 Die Rolle der Klugheit
2.2.2 Das Staaten bildende Wesen

3 Schlussbemerkungen
3.1 Von Göttern und Menschen
3.2 Aussicht

4 Literatur

Einführung

Eudaimonia, das „von einem guten (eu) Geist (daimon) begünstigt oder beseelt sein“, ist der zentrale Begriff der aristotelischen Ethik. Verstanden als die „Glückseligkeit“ oder „das vollständig gelungene Leben“,[1] ist die Eudaimonia das höchste anzustrebende Gut, das idealiter das Ziel allen Strebens in der persönlichen und politischen Praxis eines Menschen darstellt. Dieses teleologische Verständnis menschlichen Seins und eines genuin menschlichen Guts ist der Philosophie der Neuzeit, mit einigen wenigen Ausnahmen, weitgehend abhandengekommen. Die Philosophie getraut sich nicht mehr, das umfassende menschliche Glück zu definieren und lässt „in eudämonistischer Resignation die Individuen mit ihren Präferenzen alleine“.[2] Infolge des „unüberwindbaren Pluralismus der Lebensentwürfe“ muss eine moderne Moraltheorie, will sie nicht Gefahr laufen, als subjektivistisch abgelehnt zu werden, „eine strikte Unabhängigkeit gegenüber jeder partikulären Sicht vom guten Leben wahren“.[3] Trotz dieser grundsätzlichen Divergenz zwischen antiker und neuzeitlicher Philosophie ist das Interesse an der aristotelischen Ethik ungeschmälert und die Nikomachische Ethik zählt zu den Grundtexten des abendländischen Geistes überhaupt.[4] Das liegt möglicherweise daran, dass einzelne Kapitel der Nikomachischen Ethik bis heute nichts an Aktualität verloren haben, so zum Beispiel die Bestimmungen über die Gerechtigkeit oder über die Freundschaft. Vielleicht ist es auch die Hoffnung, das schlechthin Gute doch noch zu finden, vielleicht auch die Ziellosigkeit der neuzeitlichen Philosophie, die uns immer wieder zurückführt zu Aristoteles und seinem Konzept des gelungenen Lebens. Die Schriften von Alasdair MacIntyre[5] oder Philippa Foot[6], auf die ich am Schluss der Arbeit kurz eingehen werde, lassen jedenfalls vermuten, dass die moderne Philosophie der antiken nicht notwendig überlegen und deshalb vorzuziehen ist.

Das Ziel dieser Arbeit ist, den Begriff Eudaimonia zu erläutern, so wie ihn Aristoteles verwendet hat. Im ersten Kapitel werde ich mich mit dem teleologischen Argument auseinandersetzen, mich dabei dem Begriff „Eudaimonia“ annähern und die besondere Stellung der Eudaimonia innerhalb der praktischen Philosophie von Aristoteles aufzeigen. Dabei ist es notwendig auf unterschiedliche Interpretationen der Stellung des höchsten Gutes in einer Hierarchie der Güter einzugehen. In diesem ersten Teil der Arbeit wird deutlich, dass das gute Leben bei Aristoteles kein absolut einheitliches Konzept ist, weshalb die Frage nach dem guten Leben auch mindestens zwei verschiedene Antworten verlangt. Das gute Leben ist, um eine vorübergehende Antwort zu geben, sowohl ein Leben der korrekten Taten und des guten Handelns innerhalb der Gemeinschaft, das Leben des politisch aktiven Menschen, als auch das selbstgenügsame, kontemplative Dasein des Philosophen. Im zweiten Kapitel werde ich mich eingehend mit diesen zwei unterschiedlichen Bestimmungen des guten Lebens auseinandersetzen. Nach einer abschliessenden Bewertung der beiden Lebensweisen werde ich mich noch kurz der Frage zuwenden, inwiefern es heutzutage überhaupt noch sinnvoll ist, sich mit einer antiken, eudaimonistischen Konzeption des guten Lebens auseinanderzusetzen.

Für die Argumentation werden drei Werke von Aristoteles verwendet und mit folgenden Abkürzungen zitiert: EN - Nikomachische Ethik; Pol - Politik; DA - Über die Seele. Eine Bezugnahme auf weitere Werke, ich denke dabei hauptsächlich an die Metaphysik, die Eudemische Ethik und die Magna Moralia, wäre für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Gegenstand sicher notwendig, kann aber im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden.

1 Die Suche nach der Glückseligkeit

1.1 Das höchste Gut

Alle eudaimonistischen Ethiken stimmen darin überein, dass sie von der Frage ausgehen, worin das gute Leben besteht. Die Frage kann eine prudentielle Ausrichtung erhalten, indem man das subjektive Wohlbefinden als Beurteilungskriterium wählt (Was ist für mich ein gutes Leben?), oder eine perfektionistische Ausprägung, so dass das objektiv gute Leben des Menschen als Angehöriger der Gattung Mensch gesucht wird (Worin besteht das objektiv gute Leben des Menschen?).[7] Platon versuchte die Frage nach dem objektiv guten Leben unter Bezugnahme auf eine von der Erfahrungswirklichkeit losgelösten Idee des Guten zu beantworten.[8] Aristoteles hingegen verstand seine Ethik als ein besonderer Teilbereich der obersten praktischen Wissenschaft, der Staatskunst, die sich mit den menschlichen Angelegenheiten und den Besonderheiten der menschlichen Praxis auseinanderzusetzen hat.[9] Durch die Beobachtung des Menschen und der Natur kann man feststellen, worin das Ziel des menschlichen Lebens liegt. Die Theorie muss sich an der empfundenen Realität den verschiedenen beobachtbaren Lebensformen orientieren.[10] Das gute Leben muss also empirisch bestimmt werden und Aristoteles eröffnet seine Argumentation mit folgender Bestimmung:

„Jede Kunst und jede Lehre, desgleichen jede Handlung und jeder Entschluss, scheint ein Gut zu erstreben, weshalb man das Gute treffend als dasjenige bezeichnet hat, wonach alles strebt.“[11]

Die Rede ist hier vorerst nicht vom Menschen und auch nicht von einem einzigen Gut, nachdem alles strebt. Es handelt sich um eine induktive Verallgemeinerung, die ganz grundsätzlich das wiedergibt, was menschliches Streben charakterisiert.[12] Bereits in den folgenden Zeilen wird deutlich, dass es innerhalb der Handlungen unterschiedliche Zwecke der Tätigkeiten gibt. Der Zweck einer Tätigkeit kann in der Tätigkeit selber liegen oder ausserhalb der Tätigkeit. Im ersten Fall ist das Tätigsein der Zweck der Handlung, im zweiten Fall ist das Tätigwerden ein Mittel, um den Zweck zu erreichen. Offensichtlich tun Menschen vieles nicht um der Tätigkeit willen sondern um einen der Tätigkeit nicht inhärenten Zweck zu verfolgen. Angesichts der Pluralität der menschlichen Handlungen stellt sich die Frage, ob sich die menschlichen Zwecke hierarchisch organisieren lassen. Es müsste dann möglich sein, dass man einen nicht weiter mediatisierbaren Zweck findet, wodurch die Hierarchisierung ein Ende findet und der Mensch sein höchstes Gut gefunden hat.[13]

„Wenn es nun ein Ziel des Handelns gibt, das wir seiner selbst wegen wollen, und das andere nur um seinetwillen, und wenn wir nicht alles wegen eines anderen uns zum Zwecke setzen - denn da ginge die Sache ins Unendliche fort, und das menschliche Begehren wäre leer und eitel, so muss ein solches Ziel offenbar das Gute und das Beste sein.“[14]

Dieses gesuchte Ziel, das höchste Gut, wird als intersubjektives Ziel eingeführt, das unabhängig von dessen inhaltlicher Ausprägung anzeigt, wo das Gesuchte zu verorten ist und weshalb wir ein höchstes Ziel benötigen.[15] Dass es kein höchstes Ziel geben könnte, scheint keine denkbare Alternative zu sein. Im darauf folgenden Kapitel wird dann das höchste Gut ein erstes Mal inhaltlich bestimmt, nämlich als die „Glückseligkeit“, die sowohl das „Gut-Leben“ als auch das „Sich-gut-Gehaben“ beinhaltet.[16] Auf den Inhalt dieses höchsten Zieles werde ich weiter unten zurückkommen. Vorerst muss einer wissenschaftlichen Kontroverse Beachtung geschenkt werden.

1.2 Die Stellung des höchsten Gutes

Die weiteren Ausführungen über das höchste Ziel werden auf unterschiedliche Weise interpretiert. Umstritten ist, ob es sich bei diesem finalen Ziel, dem höchsten Gut, um ein inklusives oder ein dominantes Gut handelt, das heisst, ob dieses höchste Ziel auch noch andere Ziele neben sich gelten lassen kann, die man ebenfalls um ihrer selbst willen anstrebt, oder ob es als ein finales Ziel zu verstehen ist, das eine höhere Gültigkeit für sich beanspruchen kann und somit den anderen Zielen vorzuziehen ist, insofern, als es das einzige Ziel ist, das um seiner selbst willen angestrebt wird.[17] Das gesuchte höchste Gut, das Ziel allen Strebens, zeichnet sich gemäss Aristoteles durch drei Eigenschaften aus. Erstens muss es immer um seiner selbst willen angestrebt werden. Zweitens ist dieses Gut autark; der Mensch, der es besitzt, bedarf keiner weiteren Güter, um glücklich zu sein. Drittens ist das höchste Gut prinzipiell unüberbietbar.[18] Ackrill vertrat nun die Ansicht, Aristoteles habe eine inklusive Konzeption vertreten, da es bei Aristoteles auch noch andere Ziele gebe, die um ihrer selbst willen angestrebt werden. Wenn Aristoteles schreibe, ein Ziel werde um ein anderes Ziel wegen angestrebt, so bedeute das nicht notwendig, dass ein Ziel A nur Mittel um das Ziel B zu erreichen sei, sondern dass das Ziel A ein wesentlicher Bestandteil des Ziels B sei.[19] Die Glückseligkeit wäre demnach ein zusammengesetztes, inklusives Gut, das ein aus der Gesamtsumme der intrinsischen Güter konstituiertes Gesamtgut darstellt.

Dieser verbreiteten Interpretation widerspricht P. Stemmer. Er nennt drei Argumente gegen diese Interpretation: i) Aristoteles bestimme die Glückseligkeit (exklusiv) als ein Tätigsein gemäss der besten und vollkommensten Tugend (aretê),[20] ii) Aristoteles lehre, dass die Glückseligkeit ein seelisches Gut sei, die Ehre aber, die weiter oben als intrinsisches Gut bezeichnet wurde, ein äusseres Gut sei,[21] und iii) Aristoteles immer betone, dass die Glückseligkeit nicht in einem Zustand, sondern in einem Tätigsein bestehe, geehrt zu sein aber ein Zustand sei.[22] Schliesslich kommt Stemmer zum Schluss, dass Aristoteles einen exklusiven Begriff des höchsten Gutes vertreten hat.[23] Auch R. Kraut vertritt diese exklusive Betrachtungsweise. Wenn Aristoteles eine inklusive Konzeption des höchsten Gutes vertreten hätte, so Kraut, dann wäre die ganze Argumentation über ein höchstes Gut vergebens gewesen. Statt dessen macht Kraut geltend, dass die verschiedenen intrinsischen Güter als Teile einer kausalen Kette (causal chain) zu verstehen seien, an deren Ende sich eben die Glückseligkeit befinde.[24] Interessant ist auch seine Bemerkung, dass das Publikum, für das die Nikomachische Ethik gedacht war, sich kaum in diesem Ausmass über die These des höchsten Gutes Gedanken gemacht hat.[25] Es könnte durchaus sein, dass die umstrittene Stelle grundsätzlich überbewertet wird und nur ein Übergang oder ein argumentativer Zwischenschritt darstellte zur darauf folgenden Auseinandersetzung mit den verschiedenen Gütern, nach denen die Menschen streben.[26]

Neuere Positionen versuchen die beiden Thesen zu vereinen. Wolf formuliert eine strukturelle These, welche der inklusiven und der exklusiven Konzeption gerecht zu werden behauptet. Das höchste Ziel sei nicht als ein Ziel zu verstehen, das wie die vielen Einzelziele von Menschen erstrebt werde, sondern als ein Ziel, das auf einer anderen Ebene stehe und als bestes Gut die Einheit oder die Anordnung der anderen Ziele, bzw. Güter bewirke.[27] Man könnte sich weiter fragen, so Wolf, ob mit der Bestimmung des höchsten Gutes Aristoteles nicht doch näher an die metaphysische Idee des Guten herangerückt ist, als seine Kritik an Platon vermuten lässt.[28] Eine weitere versöhnliche Interpretation, um diesen Punkt abzuschliessen, bietet Ch. Rapp: Aristoteles habe in Buch I ein inklusives und in Buch X ein exklusives Konzept der Gerechtigkeit vertreten.[29] Allerdings halte ich diese Interpretation für eine zu starke Vereinfachung.

[...]


[1] Höffe (2005b), S.216.

[2] Kersting (2005), S.199.

[3] Hübenthal (2002), S.90.

[4] Höffe (1995), S.1.

[5] MacIntyre (1995).

[6] Foot (2004).

[7] Hübenthal (2002), S.82.

[8] Dazu: Wolf (2007), S.33. Ebenso: Schwemmer (2004), S.592.

[9] EN 1094a 27 - 1094b 7.

[10] EN 1095b 1-8. EN I.3. Dazu auch: Rapp (2002), S.69. Ebenso: Kersting (2005), S. 195.

[11] EN 1094a 1-3.

[12] Wolf (2007), S.27.

[13] Dazu: Kersting (2005), S199. Ebenso: Rapp (2002), S.70. Ebenso: Wolf (2007), S.24-29.

[14] EN 1094a 18-22.

[15] Wolf (2007), S.35.

[16] EN1095a 19-20.

[17] Ackrill (1995), S.41. Die Debatte wurde Ende der 1960er Jahre von W. F. R. Hardie ausgelöst. Er führte die Unterscheidung ein, dass die Glückseligkeit sowohl als inklusives als auch exklusives Gut verstanden werden kann. Dazu: Ackrill (1995), S.40. Ebenso: Kenny (1992), S.6.

[18] EN 1097a 16 - 1097b20. Dazu auch: Stemmer (1992), S.85f. Ebenso: Rapp (2002), S.70.

[19] Ackrill (1995), S.57.

[20] Stemmer (1992), S.89. EN 1098a 16-18.

[21] Stemmer (1992), S.91. EN 1098b 19f.

[22] Stemmer (1992), S.91. EN 1095b 29 - 1096a2; 1098b 15f.

[23] Stemmer (1992), S.108f.

[24] Kraut (1989), S.233.

[25] Kraut (1989), S.220.

[26] Kraut macht entsprechende Andeutungen auf S.225. Letztendlich ist das aber reine Spekulation, auch wenn die Begründung durchaus plausibel erscheint.

[27] Wolf (2007), S.35.

[28] Wolf (2007).

[29] Rapp (2002), S.73.

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640703579
ISBN (Buch)
9783640703944
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156714
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Philosophische Fakultät
Note
6
Schlagworte
Eudaimonia Konzeption Lebens

Autor

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