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Steckt in jedem Weib eine Hure?

Vermutungen der bürgerlichen Gesellschaft, des deutschsprachigen Raumes zur Jahrhundertwende, über die Prostitution und ihre wahren Hintergründe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die bürgerlichen Moral und ihr Frauenbild

3.Otto Weininger- ein Genie der bürgerlichen Welt ?

4. Geschlecht und Charakter

5. Die Prostituierte in Geschlecht und Charakter und in der Realität

6. Das Prostitutionsideal der Dirnenlieder

7. Gesellschaftliche und historische Hintergründe der Prostitution

8. Abschlussgedanken

9. Quellenverzeichnis

1.Einleitung

Untersucht man im Zuge einer Kulturgeschichte der Sexualität das Thema der Prostitution, so lassen sich in fast allen wichtigen geschichtlichen Epochen und Orten Zeugnisse dieser finden. In dieser Arbeit soll allerdings eine zeitliche, wie auch geographische Eingrenzung erfolgen, in der nicht allein das Thema der käuflichen Liebe, sondern im besonderen die Darstellung und die Wirklichkeit der Lebensumstände dieser Frauen, zu jener Zeit im Mittelpunkt stehen sollen.

In vielen historischen Betrachtungen spricht man dem 19.Jahrhundert den Charakter einer eigenen Epoche zu. Im Zuge der Nationalstaatenbildung und der Industrialisierung ändert sich das Bild Europas und somit natürlich auch das, des deutschsprachigen Raumes. Letzterer soll hier den geographischen Rahmen der Untersuchung bilden. Wobei vor allem Österreich, dass der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, und das deutsche Kaiserreich den räumlichen, wie zeitlichen Schwerpunkt dieser Arbeit begrenzen sollen.

Es liegt zahlreiche neuere Forschungsliteratur zum Thema der Prostitution im 19.Jahrhundert bzw. Anfang des 20.Jahrhunderts, des deutschsprachige Raumes vor. Allerdings müssen diese sich vor allem auf Quellen und Betrachtungen von männlichen Zeitzeugen beschränken, den Frauen selbst war jegliche Äußerung zur Sexualität ein Tabu. Aber auch den männlichen Vertretern dieser Epoche, die vor allem eine bürgerliche war, fehlen vielfach die Worte. Auseinandersetzungen mit der Sexualität und Prostitution finden fast ausschließlich in medizinischen und wissenschaftlichen Diskursen oder Statistiken, später auch in der Kunst statt. Auch dann aber bleiben die Darstellungen oft nur sehr schemenhaft, schelmenhaft oder statistisch.

Somit ist und bleibt es schwierig eine historische Wahrheit über die Prostitution im 19.Jahrhundert und Anfang des 20., im Kaiserreich zu konstruieren, zumal die Sicht aus der Perspektive der Frau uns so gut wie verschlossen bleibt.

Wie also lebte und arbeitete die Prostituierte dieser Zeit? Warum verkaufte sie ihren Körper? Wer waren ihre Kunden? Wie dachte die bürgerliche Welt über Sie?

Dies sollen die Leitfragen dieser Untersuchung sein.

Der Arbeit zugrunde liegen mehrere, zu ihrer Zeit recht umstrittene Primärquellen. Den Schwerpunkt bildet die Abhandlung Otto Weiningers, Geschlecht und Charakter, insbesondere das X. Kapitel: Mutterschaft und Prostitution. Vergleichend und ergänzend dazu einige sogenannte Dirnenlieder von Frank Wedekind und das erste Tagebuch der Fanny Lewald.

Natürlich kann durch diese sehr begrenzte Auswahl an Primärquellen kein vollständiges Bild der Prostitution im 19. und frühen 20.Jahrhundert, des deutschsprachigen Raumes erstellt werden, dessen Anspruch es auch nicht erhebt. Vielmehr soll anhand von Sekundärquellen eine Interpretation und Bewertung dieser Zeitzeugnisse versucht werden.

2. Die bürgerliche Moral und ihr Frauenbild

Das Bürgertum des deutschsprachigen Raumes ist im 19.Jahrhundert nicht allein nur eine gesellschaftliche Schicht, vielmehr war sie eine kulturelle Praxis. Für das Bürgertum oder den, der gern dazu gehören wollte, galten ganz eigene Moralvorstellungen.[1] Diese dienten vor allem dazu sich, gegenüber dem verschwenderischen Adel oder Großbürgertum auf der einen Seite und gegenüber dem niederen Pöbel auf der anderen, abzugrenzen.

Der Höhepunkt des Bürgertums wird mit der Mitte des 19.Jahrhunderts beziffert, welches im Zuge der Industrialisierung und des kapitalistischen Aufschwunges seinen Aufstieg feierte. Trotzdem blieb es von politischer Macht weitestgehend ausgeschlossen.[2]

Die bürgerliche Moral war eine Selbstdefinition mit strengem Moralcodex, dessen Missachtung zwar nicht zur Verhaftung, wohl aber zum Ausschluss aus der bürgerlichen Gemeinschaft führen konnte. So wurde dem bürgerlichen Mann bestimmt, sich durch Tugenden wie Treue, Ehrlichkeit, Fleiß und Tüchtigkeit hervorzutun. Die Frauen hingegen sollten dem patriarchalischen Idealbild folgen und fanden demnach ihre Entsprechung in der bedingungslosen Treue zu Ihrem Gatten, sowie in der Familie und am Herd, beziehungsweise dem Dienstbotenpersonal.[3] So heißt es in einem Buch von 1875, welches der Frau als praktische Anleitung dienen sollte : „Das Weib hat die Bestimmung der Mutterschaft, [...], der Pflege und Behütung des Kindes.[...] Der Mann hat andere Pflichten, deshalb auch andere Anlagen; des Weibes Leben ist die Familie, des Mannes Leben ist die Welt.“[4].

Hier wird auch die seit dem 18.Jahrhundert vollzogene Trennung zwischen Arbeits- und Wohnbereich deutlich. Dies führte zu einer starken Privatisierung des Heimes, welches auch zur Folge hatte, dass die Frau gleichzeitig fast völlig aus dem öffentlichen Leben des Bürgertums ausgeschlossen wurde. Obwohl noch Mitte des 18.Jahrhunderts gebildete Frauen in Salons verkehrten und am intellektuellen Leben teilnahmen.[5] Die neue strikte bürgerliche Moral wurde schließlich im ausgehenden 19. bzw. Anfang des 20.Jahrhunderts noch biologisch argumentiert und fundamentiert. Indem dem Mann und der Frau, aufgrund ihrer verschiedenen biologischen Anlagen, auch verschiedene geistige Fähigkeiten attestiert wurden. Frauen galten als geistig nicht so entwicklungsfähig wie Männer. Trotz dieser Argumentation mit der verschiedenen Sexualanatomie des Menschen, wurde ihm und vor allem der Frau ihre Geschlechtlichkeit gleichzeitig wieder fast völlig abgesprochen. Die bürgerliche Frau wurde regelrecht entsexualisiert, fast schon säkularisiert, welches laut Aufklärern dieser Zeit das Fundament der sittlichen Moral und Vernunft sichere.[6] Triebe, im Besonderen der Sexualtrieb, galt es zu unterdrücken. Sexualität im bürgerlichen Haus und Gesellschaft wurde strengstens tabuisiert. Es legte sich ein Mantel aus Schweigen, Sprachlosigkeit und damit verbundener Unwissenheit über dieses zwischenmenschliche Ereignis. Nur medizinisch, wissenschaftlich durfte über diesen Aspekt diskutiert werden. Doch natürlich waren Frauen von diesem wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen und ging es den Männern doch auch vor allem darum zu diskutieren, wie und mit welchen Worten man überhaupt über Sexualität sprechen durfte.[7]

Die strenge Triebunterdrückung galt als Ideal, als Zeichen der moralischen Überlegenheit gegenüber Adel und Pöbel. So war das bürgerliche Leben vor allem ein Leben in Zwängen und geprägt von der Unterdrückung natürlicher Bedürfnisse. Aber auch hier wurde zwischen Mann und Frau noch einmal differenziert. Während von der Frau unabdingbare Treue gefordert wurde, zumal einer gesunden Frau sowieso jeder sexuelle Trieb fremd sei, so wurden dem Mann sexuelle Ausschweifungen, meist uneheliche, verziehen.[8]

Die Prostituierte wurde vom Bürgertum im genauen Gegensatz zur entsexualisierten Bürgersfrau postuliert. Zur femme terrible, zur Antibürgerin wurde sie erklärt, trotz des regen Zuspruchs des bürgerlichen Mannes.[9]

Die Moral des Bürgertums des beginnenden 20.Jahrhunderts war vor allem eine doppelte, welche nach Außen das strenge Wahren aller Sitten und Moralitäten vertrat und im Verborgenem, im besonderen dem Mann seine, auch sexuellen Freiheiten zugestand.

3. Otto Weininger- ein Genie der bürgerlichen Welt ?

Vor diesem Hintergrund der bürgerlichen Moral wuchs ein junger Mann in Wien heran, als Sohn jüdischer Eltern. Otto Weininger erlebte die patriarchaische Welt in seiner Familie, in der sein charismatischer aber sehr schwieriger Vater ein sittenstrenges Regiment führte.[10]

So beschreibt Otto`s Bruder Richard, ihre Mutter sei für den Vater nicht mehr gewesen, als jemand der den Haushalt mache und die Kinder versorgt. Zwischen den Eltern Otto Weininigers herrschte kein liebevolles Verhältnis, trotz dass die Mutter ihren Kindern viel Liebe schenkte. Als Mutter von sechs Kindern und mit vielen chronischen Krankheiten, litt sie sehr unter der Strenge ihres Mannes und opferte sich doch für die Familie auf.[11] So war diese Familie Weininger ein Beispiel gelebter bürgerlicher Sittlichkeit. Otto Weininger wurde selbst als weltoffenes und empfängliches Kind beschrieben, welches selbst den Tod einer Mücke schwer verkraften konnte.[12] Dieses Kind wurde zum jungen Studenten und entwickelte sein ganz eigenes Lebensideal, was mehr einem Heiligenideal glich.[13] Sei es nun der Einfluss des strengen Vaters oder der, der bürgerlichen Gesellschaft, so war doch für Otto Weininger der sittliche Charakter eines Menschen mehr Wert, als alle Reichtümer und Gaben des Lebens. Dies mündete schließlich in eine Überspannung sittlicher Ideale, als dessen gottgesandter Künder und Jünger er sich fühlte.[14] So führte dieses Streben nach Haltung und Form auch zu einem ambivalenten Verhältnis zu sich selbst. Meininger war Jude und predigte doch den Antisemitismus in seinen Schriften. Einige Quellen, wie die Briefe an seinen Freund Swoboda, lassen auch Deutungen zu, dass Weiniger sich selbst als homosexuell diagnostiziert hatte und dadurch veranlasst ein Mittel zur Bekämpfung suche.[15] Nicht nur sich selbst beobachtete und analysierte er so genau, vielmehr versuchte er alle Menschen, einem Botaniker gleich, wie Pflanzen zu bestimmen. Diese Affinität zur medizinischen, biologischen und psychologischen Analyse des Menschen, führte wohl auch zu seiner Dissertation mit dem Namen Geschlecht und Charakter die er bereits 1902, mit nur 22 Jahren, seinen Professoren an der Universität Wien vorlegte.[16] Hier wird neben dem bereits erwähnten Judenhass auch sein ambivalentes Verhältnis zu Frauen deutlich. Er selbst bezeichnet alles was ihn zog und schreckte als: das Weibliche.[17] Trotz dem deutlich herauszulesenden Antisemitismus und Antifeminismus dieser Doktorarbeit Otto Weiningers, bezeichnet Professor Jodl, der führende Philosoph der Universität Wien dieser Zeit, dessen Persönlichkeit sogar als eine ans Geniale streifende. Dabei ist zu bemerken, dass dieser Professor ein bekennenden Demokrat war und auch für die Frauenrechte eintrat.[18] So erschien denn letztendlich diese Arbeit auch als Buch im Sommer 1903 und erregte viel Aufsehen unter seinen Zeitgenossen. Bedeutende Denker wie Ernst Mach und Alois Höfler begannen sich mit diesem Werk auseinander zusetzten, dabei überwog zwar der Widerspruch die Zustimmung, aber gleichzeitig wurde dieser junge Otto Weininger immer wieder als Genie bezeichnet.[19] Sein Freitod, nur wenige Monate nach dem Erscheinen von Geschlecht und Charakter, machten diese Abhandlung nur noch bekannter und plötzlich war dieser Wiener Student in aller Munde. Gleichzeitig wirft es aber auch die Frage auf, warum ein aufsteigender junger Mensch sich freiwillig so früh aus dem Leben verabschiedete. Für einige Psychiater wie Sigmund Freud oder Ferdinand Probst war Weininger ein sexuell gestörter Mensch, oder schlichtweg verrückt, der an dem Streben nach sittlicher Reinheit und Vollkommenheit letztendlich an sich selbst scheiterte. Der lieber den Freitod wählte, als sich selbst und seiner auferlegten Moral untreu zu werden.[20] Doch trotz dieser Diagnosen, die freilich erst postmortum entstanden, zweifelten die wenigsten Zeitgenossen an dem gesunden Menschenverstand Otto Weiningers.[21] So stellt sich die Frage, war diese, heute nur zu deutliche Unvernunft von Geschlecht und Charakter nicht die Vernunft der damaligen Zeit ?

[...]


[1] Vgl. Roger Stein: Das deutsche Dirnenlied: literarisches Kabarett von Bruant bis Brecht. Köln [u.a.] 2006.,S.31

[2] Vgl. ebd., S.32.

[3] Vgl. ebd., S.32-33.

[4] Hermann Klen>

[5] Vgl. Stein (siehe Anm.1), S.34-35.

[6] Vgl. ebd., S.35-37.

[7] Vgl. Regina Schulte: Sperrbezirke. Tugendhaftigkeit und Prostitution in der bürgerlichen Welt, Frankfurt a. M.1984. S.120-122.

[8] Vgl. Stein (siehe Anm.1), S.37.

[9] Vgl., ebd., S.35.

[10] Vgl. Jacques Le Rider: Der Fall Otto Weininger: Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus. Wien 1985,S.18.

[11] Vgl., ebd., S.17-18.

[12] Vgl. Theodor Lessing: Über die letzten Dinge. München 1997, S.204.

[13] Vgl. Le Rider (s. Anm.10), S.24.

[14] Vgl. Lessing (s. Anm.12), S.212.

[15] Vgl. Le Rider (s.Anm.10), S.24-26.

[16] Vgl. ebd., S.31.

[17] Vgl. Lessing (s. Anm.12), S.206

[18] Vgl. Le Rider (s.Anm.10), S.27

[19] Vgl. Lessing (s.Anm.12), S.198.

[20] Vgl. Le Rider (s. Anm. 10), S.11-12.

[21] Vgl. ebd., S.32.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640701575
ISBN (Buch)
9783640702282
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156779
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Volkskunde und Kulturgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Kulturgeschichte sexualität 19.Jahrhundert Prostitution bürgerliche Welt

Autor

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Titel: Steckt in jedem Weib eine Hure?