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Wilhelm von Humboldts Bildungsideal

Aufbruch in ein neues Grundverständnis von Bildung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 19 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Biographische und geistesgeschichtliche Einordnung der Person

2 Anthropologischer Hintergrund

3 Bildungsidee

4 Durchsetzung des Bildungsideals

Schluss

Literatur

Einleitung

Wilhelm von Humboldt entwickelt mit seinem Werk eine neuzeitliche Theorie der Bildung. Unter Einbezug verschiedenster Wissenschafts- und Forschungsbereiche versucht er, das Wesen des Menschen und dessen Bestimmung zu ergründen. HUMBOLDT sieht allein im Menschen den Schlüssel zur Erkenntnis und stellt ihn in den Mittelpunkt seines Erkenntnisinteresses. „Nur der Mensch ist es eigentlich, auf den sich alles Wissen schrankenloser Kreis zurückzieht. Er ist des Menschen ewiges, nur bald mittelbares, bald unmittelbares Studium.“1 Der Mensch selbst als Träger eines tief sitzenden Sinns menschlichen Daseins ist Ausgangspunkt seiner Forschung.

So setzt er sich in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen mit verschiedenen, den Menschen betreffenden Themen auseinander. Anthropologie und Geschichte, Altertumskunde und Ästhetik, Sprachphilosophie, Politik und Bildungspolitik sind Gegenstand seines vielfächrigen Werkes. In jener vielfältigen Weise beeinflusste sein Wirken die Wissenschaftsentwicklung bis in die Gegenwart.

Die „Theorie der Bildung des Menschen“ ist zentrales und verbindendes Element seiner wissenschaftlichen Schriften. Sie führt die beiden bisher konträren anthropologischen Vorstellungen, nach denen das Individuum zum einen als zufällige Existenz oder zum anderen „als bloße Repräsentation … einer geschichtlich vorgegebenen Existenzform“ gesehen wird, in einer neuen Sicht zusammen. Diese besagt, dass der Mensch eine ‚Idee’ des Menschseins symbolisiere, die erst durch Selbstbildung des Individuums mit Leben erfüllt und sichtbar werden kann. In der Realisierung der Idee liegt das Potential gesellschaftlicher und kultureller Höherentwicklung zu einem ‚Ideal der Menschheit’ als Symbol gelungener Selbstvervollkommnung. So schreibt er, dass die „Ausbildung der Menschheit als ein Ganzes“ in Form von „Bildung, Weisheit und Tugend so mächtig und allgemein verbreitet als möglich … herrschen [müsse], dass es seinen inneren Wert so hoch steigern [würde], dass … man … einen großen und würdigen Gehalt gewönne“2

HUMBOLDT gilt nicht nur als Bildungstheoretiker, sondern ist auch Praktiker. Die Verknüpfung seiner theoretischen Ideen mit stofflichen Inhalten, seine regen Diskussionen mit der zeitgenössischen Intelligenz, aber auch seine bildungspolitischen Tätigkeiten bewirken den diskursiven Durchbruch des neuhumanistischen Deutungsmusters gegenüber dem vorherrschenden Bildungsverständnis der Aufklärung.

Als „Repräsentant eines spezifisch deutschen Bildungsideals“3 legte er den Grundstein bildungstheoretischer und bildungspolitischer Diskussionen der Gegenwart. Mehr denn je stellt sich heute die Frage zur Bestimmung des Menschen. Mit zunehmender Technisierung und Ausdifferenzierung der Lebenswelt entfernen sich die Anforderungen an das zweckrationalistische ‚Humankapital’ und das humanistische Bildungsideal. Hier sind Bildungstheoretiker und Bildungspolitiker gefragt, die Position des Menschen zwischen der Funktionalisierung und der Emanzipation zu bestimmen.

Das Interesse der vorliegenden Arbeit richtet sich auf Humboldts Bildungsidee und auf die Frage, warum sich jene gegen die pädagogischen Vorstellungen der Aufklärung durchsetzt. Wie könnte sich die vom Neuhumanismus geprägte Idee einer allgemeinen Menschenbildung im Sinne einer freien Entfaltung des Individuums jenseits gesellschaftlicher Nützlichkeitserwägungen behaupten.

Um diese Frage erläutern zu können, werden vorerst Humboldts Bildungsidee und dessen biographisch-geistiger Werdegang beschrieben. Dazu gehört, seine Person biographisch als auch in seiner geistesgeschichtlichen Verwobenheit einzuordnen. Der anthropologische Ansatz bildet dann die Grundlage für die Erläuterung seiner Bildungsvorstellung. Am Ende wird nach den Gründen seiner noch zu Lebzeiten erfolgreichen Wirkungsgeschichte gesucht.

1 Biographische und geistesgeschichtliche Einordnung der Person

WILHELM VON HUMBOLDT wurde am 22.6.1767 in Potsdam als Sohn einer Adelsfamilie geboren und starb 1835 in Tegel bei Berlin.

In den ersten Jahren seiner Ausbildung am häuslichen Hof erhielt er eine für Adelskreise ungewöhnlich umfangreiche und intensive Ausbildung. Seine Lehrer JOACHIM HEINRICH CAMPE und GOTTLOB JOHANN CHRISTIAN KUNTH waren beide Vertreter des Philanthropismus. Diese pädagogische Lehre der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts stellte die „Erziehung zum brauchbaren Menschen“4 in den Mittelpunkt ihres Denkens. Der Unterricht, den HUMBOLDT erhielt, war sehr vielfältig und sollte nach dem Plan der Frau von Humboldt - der Hausherr verstarb bereits 1779 - auf den Dienst am preußischen Königshof vorbereiten.

Während seines Studiums in Berlin, Frankfurt/Oder und Göttingen pflegte er den Kontakt zu Kreisen der ‚Berliner Aufklärung’. Unternommene Studienreisen führen ihn immer wieder mit interessanten Zeitgenossen (z.B. JOHANN FRIEDRICH SCHILLER) zusammen. Sein Denken ist, da er regen Austausch mit etlichen Vertretern der deutschen Intelligenz pflegte, von verschiedensten Traditionen beeinflusst. Angeregt durch seine Studienreisen, entwickelt er einen eigenständigen anthropologischen Ansatz und die Idee einer allgemeinen Menschenbildung. Diese verfasste er 1794/95 in der „Theorie der Bildung des Menschen“. In seinen späteren Schriften nimmt er immer wieder Bezug zu den Grundgedanken der von ihm verfassten formalen Bildungstheorie und konkretisierte diese. Er folgte mit seinen Schriften keiner strengen theoriegeschichtlichen Tradition. Als eigenständiger Denker bediente er sich eher partiell an den Weltdeutungen der zeitgenössischen Philosophie und machte sie für sein Bild vom Menschen zu nutze. Der systematische Kern seiner Arbeiten liegt nicht in einem philosophischen Gesamtsystem, sondern konzentriert sich auf eine Fragestellung. Unter Einbezug und Ausführung verschiedenster Arbeitsgebiete - z.B. Pädagogik, Sprachwissenschaft, Altertumskunde, Anthropologie, Politikwissenschaft - versucht er die Bestimmung des Menschen in seiner Individualität und zugleich gesellschaftlich-historischen Verwobenheit zu ergründen.5

HUMBOLDTS Wirken fällt in die Zeit der Spätaufklärung. Diese markiert eine ganz wesentliche geistesgeschichtliche Wende in der Deutung von Welt und dem menschlichen Dasein in Europa. Der Mensch tritt aus seiner Vorabbestimmtheit im Heilsplan Gottes heraus und ist zu einem freien, vernunftgeleiteten Wesen geworden. Bis tief ins 17. Jahrhundert hinein war die abendländische Kultur wesentlich vom Christentum bestimmt. Der Umbruch der Weltdeutung wurde durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Lehren von KOPERNIKUS, KEPLER und GALILEI eingeleitet.

In der sich entwickelnden philosophischen Strömung der Aufklärung rückt der Mensch in den Mittelpunkt des naturphilosophisch-anthropologischen Erkenntnisinteresses. So tritt dieser - bis dahin nur Objekt im Schöpfungsplan Gottes - aus seinen auf das Jenseits ausgerichteten, „unhintergehbaren religiösen Ordnungsvorstellungen“6 heraus und wird zu einem selbstbestimmt handelndem Subjekt. Dieser Wandel ist der Ausgangspunkt für die Epoche der Aufklärung, die nahezu alle Lebensbereiche des Menschen erfasst. Die Vorstellung einer einheitlich starren Ordnung der Welt wurde dynamisiert. Die Stellung des Individuums in der Welt musste neu überdacht werden. Der Mensch musste „das Ziel seines Seins neu formulieren und sich von dem ihm zuvor auf immer angewiesenen Platz in der Schöpfung zu eigener Tätigkeit und Verantwortung aufmachen“7

Am Ende dieser Wende zum Subjekt und Individuum steht die Schaffensperiode HUMBOLDTs als ein eigenständiger Denker seiner Zeit und zugleich Wegbereiter eines bis Ende des 19. Jahrhunderts vorherrschenden neuhumanistischen Bildungsverständnisses. Das seinem Bildungsideal zugrunde liegende anthropologische Grundverständnis formt sich im Laufe seiner Ausbildung und seinen aufmerksamen Beobachtungen menschlicher Charaktere und deren gesellschafts-historische Verwobenheit. Er analysiert die Schwachstellen der vom Denken der Aufklärung geprägten zeitgenössischen Erziehungspraxis und die diese bestimmenden anthropologischen Auffassungen. Die Vorstellungen der Vertreter des Philanthropismus, die er in den Unterrichtsmethoden und Denken seiner eigenen Hauslehrer umgesetzt sieht, bieten ihm die „Negativfolie“8 für seine Vorstellungen über die Menschheit und das Wesen des Menschen. Als Vertreter des Neuhumanismus lehnt er das Grundtheorem des philanthropischen Denkens ab, nach dem das „Ziel und Grenze der Entfaltung des einzelnen Menschen … die Ausrichtung auf die Brauchbarkeit für die Gesellschaft“9 ist. So wirft er seinem Lehrer und Reisebegleiter CAMPE die Eingeschränktheit dieser Sicht vor: „Sie wollen steinhauer bilden, die immer richtschnur und senkwaage zur hand haben, nicht künstler, denen sinn und natur den meissel führen.“10

Der Neuhumanismus ist eine Geistesströmung, die sich auf dem Höhepunkt der Aufklärung als deren Gegenbewegung entwickelt. Sie beinhaltet die Lehrmeinung in Form eines neuen ‚Humanismus’ und steht für die Rückbesinnung auf die griechische Antike als „Modell geglückter Selbstvervollkommnung“11. Griechenland wird von der deutschen Intelligenz als „Ort der Schönheit, Tapferkeit und Weisheit“12 idealisiert. Diese Betonung des Guten und Schönen bestimmt maßgeblich die als „ästhetisch“ zu bezeichnende Bildungsidee HUMBOLDTs. Zudem steht die Sprache der Griechen im Mittelpunkt der inhaltlichen Konkretisierung der Bildungsvorstellung.

Der Neuhumanismus steht in der Traditionslinie des Schulhumanismus, welcher mit der ursprünglichen Humanismusbewegung der Renaissance im streng konfessionell organisierten Lateinschulwesen seine Umsetzung fand. Die humanistischen Komponenten reduzieren sich in dieser Zeit auf die Sprachformen als Mittel, „um den Zugang zu den Quellen des Glaubens zu gewinnen“13. Dagegen wurde die griechische Antike im Neuhumanismus ab Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland zur Weltkultur idealisiert und zum alles bestimmenden Thema.

Auch HUMBOLDT griff die Welt der Griechen als zentralen Inhalt zur Verstofflichung seiner formalen Bildungstheorie auf. Humanität sei nur durch das Studium des Menschen „jenseits der nationalen, konfessionellen und ständisch-beruflichen Begrenzungen“14 - konkret der Griechen und vor allem deren Sprache - überhaupt erfahrbar. Vom neuhumanistischen Denken beseelt, findet er in der Welt der Griechen die ‚Idee des Menschentums’ in reinster Form realisiert und macht sich dies mit dem Ziel, „die Menschheit auf den höchsten Gipfel ihrer Entwicklung“15 zu führen, inhaltlich für seine Bildungsidee zu nutze.

[...]


1 HUMBOLDT 1791 in: SAUTER 1989: 228

2 HUMBOLDT 1793 in: FLITNER (Hrsg.) 1964: 27, 29, U.T.

3 BOLLENBECK 1994: 143

4 SAUTER 1989: 18

5 vgl. BENNER 1990: 14

6 GLAZINSKI 1992: 41

7 GLAZINSKI 1992: 43; vgl. SAUTER 1989: 9ff.

8 SAUTER 1989: 20

9 SAUTER 1989: 257

10 HUMBOLDT in: SAUTER 1989: 257

11 BOLLENBECK 1994: 151

12 BOLLENBECK 1994: 152

13 BLANKERTZ 1992: 91

14 BLANKERTZ 1992: 104

15 MENZE 1965: 38

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640697588
ISBN (Buch)
9783640697571
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157120
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Humanistisches Bildungsideal Anthropologie Theorie der Bildung des Menschen Idee Selbstbildung Bildung Weisheit Tugend Neuhumanismus Philanthropismus allgemeine Menschenbildung Bildungstheorie Aufklärung Subjekt griechische Antike Selbstvervollkommnung Wesen des Menschen Einheit von Körper und Geist Individualität Freiheit innere Kräfte Einzelner Universum Mannigfaltigkeit der Ansichten Ideal der Menschheit Welt Bildungsbürgertum Humanität

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Titel: Wilhelm von Humboldts Bildungsideal