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Armut im höfischen Roman

Essay 2000 5 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gestaltung des Motivs „Armut“ in Hartmann von Aues „Erec“:

DIE ARME HERBERGE

Woran denkt man als Laie bei dem Begriff „höfischer Roman“? Als Aller erstes sicherlich an Ritter, an ihre wilden Kämpfe zu Pferd und ihre Abenteuer. Vielleicht auch an hübsche Burgfräulein, um deren Gunst die Helden werben. Doch wenn man das Thema „Armut im höfischen Roman“ hört, wird man erst einmal stutzig. Was hat die höfische Welt mit Armut zu tun?

Um diese Frage zu klären, sollte man Armut zunächst definieren und sich über die verschiedenen Formen, in der sie auftreten kann, klar werden.

Armut bedeutet in erster Linie einen Mangel an materiellen Dingen: keine angemessene Unterkunft, abgetragene Kleidung, wenig Nahrung. Darüber hinaus kann Armut auch einen gesellschaftlichen Mangel bedeuten: Man kennt die üblichen Umgangsformeln nicht, wird gesellschaftlich nicht akzeptiert und hat keine Macht. Ein dritter, jedoch nicht so gewichtiger Aspekt der Armut ist, wenn man sich in einer kurzfristigen, gemütsmäßien Mangelsituation befindet. So bedauert man etwa eine Person, die an Liebeskummer leidet, mit dem Ausruf: „Ach du Armer!“

Beschränkt man sich nun auf den zuerst genannten Aspekt der Armut, die materielle Not, so kann man den Zustand der Armut noch weiter differenzieren, nämlich in die freiwillig gewählte und in die unfreiwillige Armut. Zu der ersten Kategorie zählen neben Menschen, die aus religiösen Gründen in Armut leben, auch sogenannte „Aussteiger“, die ein Leben fernab jeglicher gesellschaftlicher Zwänge führen wollen. Diese Art von Armut, vor allem die religiös motivierte, wird meistens vom Umfeld akzeptiert und eher positiv bewertet. In unfreiwilliger Armut befinden sich Menschen entweder von Geburt an oder sie werden durch einen Schicksalsschlag (z.B. Krieg, Fehden, Kreuzzüge,...) oder aufgrund des Erbrechts in diese Situation gebracht. Menschen, die von Geburt an arm sind, also die breite Unterschicht der Bevölkerung, finden im höfischen Roman selten Erwähnung. Sie begegnen dem Leser höchstens in negativen Darstellungen, z.B. als Räuber. Dagegen führt die unfreiwillige materielle Armut, die erst später einsetzt, nicht immer zur Verachtung der Person, die davon betroffen ist. Ein Grund dafür ist, dass solche Arme ja früher Teil der höfischen Gesellschaft waren und sich gut zu benehmen wissen. Hartmann von Aue verwendet in „Erec“ dafür den Ausdruck „edelarm“[1]. In welchem Zusammenhang dort edelarme Figuren auftreten, möchte ich nun näher erläutern. Ich beziehe mich hierbei auf den Textauszug „Die arme Herberge“[2].

Der Ausschnitt setzt ein, als Erec ohne Rüstung oder anderem Equipment auf ein verlassenes Gebäude zureitet. Er befindet sich hier auch in einer Situation der Armut, wenngleich sie nur kurzzeitig ist. Daß er in Wirklichkeit keineswegs zur Schicht der Armen zu rechnen ist, ist an seinem Verhalten zu erkennen: „sîn hende habete er vür sich,/ einem wol gezogenem manne gelich,“[3]. Dieses Motiv der äußerlichen materiellen Armut, deren Negativität durch edeles Verhalten kompensiert wird, nimmt Hartmann von Aue in der nächsten Figur erneut auf und intensiviert seine Deutlichkeit sogar noch.

[...]


[1] „edeln armen“, V.432

[2] V.250-656

[3] V.298-299

Details

Seiten
5
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783640705238
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157202
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
Armut höfischer Roman Hartmann von Aue

Autor

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Titel: Armut im höfischen Roman