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Über Elio Vittorinis "Conversazione in Sicilia"

Ein Beispiel italienischer Literatur im Neorealismus

Hausarbeit 2003 18 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. ,Conversazione in Sicilia’ – das Meisterwerk Elio Vittorinis

2. Analyse und Interpretation zentraler Aspekte des Romans
2.1 Die Figuren
2.1.1 Silvestro
2.1.2 Concezione
2.1.3 Die ,Gran Lombardi’
2.1.4 Calogero, Ezechiele und Porfirio
2.1.5 Die Vertreter der faschistischen Herrschaft
2.1.6 ,Il mondo offeso’
2.2 Sprachliche Gestaltung und rhetorische Mittel
2.2.1 Der Dialog
2.2.2 Die Wiederholungen
2.2.3 Die Symbolik
2.2.4 Die Ironie
2.3 Intertextualität
2.4 Die Multidimensionalität des Romans
2.4.1 Die ,doppia realtà’
2.4.2 Die Symbolhaftigkeit des Romans
2.5 Theorie und Ideologie im Roman
2.5.1 Die Poetik Vittorinis
2.5.1 Die politische Ideologie

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. ,Conversazione in Sicilia’ – das Meisterwerk Elio Vittorinis

In der berühmten Vorrede zu seinem Roman ,Il Garofano Rosso’ spricht Elio Vittorini über seinen Werdegang als Schriftsteller und mißt dabei vor allem seinem Werk ,Conversazione in Sicilia’ große Bedeutung zu: „ Ora il ,mio’ libro io l`avevo, o pensavo di averlo, in Conversazione“[1]. In diesem Roman sei es ihm endlich gelungen, ,die eine Wahrheit’[2] auszudrücken.

,Conversazione in Sicilia’ wird von den meisten Kritikern als Vittorinis Meisterstück angesehen. Die zahlreichen Neuauflagen, die seit seiner Veröffentlichung erschienen sind, bezeugen die Beliebtheit, die der Roman auch beim Publikum erfährt.

Das Werk wurde 1938/39 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift ,Letteratura’ zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und blieb zunächst sowohl von den Kritikern, als auch von der faschistischen Zensur weitestgehend unbeachtet. Dies änderte sich mit der ersten Buchedition im Jahre 1941. Das Verlagshaus Parenti veröffentlichte den Roman unter dem Titel ,Nome e lagrime’ zusammen mit der gleichnamigen Erzählung Vittorinis. Die große Nachfrage veranlaßte Bompiani, den Roman noch im selben Jahr – diesmal unter seinem Originaltitel - nachzudrucken. Die erste Auflage war innerhalb eines Monats vergriffen. Es folgten zwei weitere, bis die faschistische Zensur im Herbst 1942 die Publikation unterband. Doch ,Conversazione in Sicilia’ erfreute sich in Italien bereits so großer Beliebtheit, daß es in verschiedene Sprachen übersetzt wurde und so im Ausland weiterhin erscheinen konnte. Vor allem in der Schweiz fand der Roman als antifaschistisches Werk großen Zuspruch. Nach dem Krieg erschienen in Italien zahlreiche weitere, teilweise auch illustrierte Ausgaben[3]. Der Roman gehört heute zu den unbestrittenen ,Klassikern’ der italienischen Literatur.

Im folgenden sollen einige zentrale Aspekte des Romans diskutiert werden. Aufgrund einer Analyse der Figuren, des Sprachstils und der Intertextualität wird der symbolisch-allegorische Charakter des Werkes und die politische Ideologie, die dem Roman zu Grunde liegt, erläutert. Dabei kommen auch die poetologischen Vorstellungen Vittorinis und ihre Umsetzung in ,Conversazione in Sicilia’ zur Sprache.

2. Analyse und Interpretation zentraler Aspekte des Romans

2.1 Die Figuren

Im ersten Kapitel erhält der Protagonist Silvestro Ferrauto einen Brief von seinem Vater, der ihn dazu veranlaßt, eine Reise nach Sizilien an den Ort seiner Kindheit anzutreten. Unterwegs begegnet er verschiedenen Personen, die alle eine Funktion haben: sie bringen ihn auf seiner Bewußtseinsreise ein Stück weiter.

Wie auch Silvestro selbst werden sie mit wenigen, signifikanten Details umrissen. Über ihre Persönlichkeit erfahren wir nicht viel. Die meisten Reisegefährten tragen keine Namen, sondern werden mit emblemartigen Bezeichnungen versehen[4]. Die Figuren bleiben Typen. Dadurch bekommen sie symbolhaften Charakter und stehen als Repräsentanten für bestimmte Gesellschaftsschichten oder Bewußtseinshaltungen, die durch die wenigen Einzelheiten über ihr Äußeres, ihr Verhalten und ihre Sprache definiert werden[5]. Einige der Personen lassen sich dabei unter verschiedenen Kategorien zusammenfassen.

2.1.1 Silvestro

Im Epilog wird der Protagonist Silvestro Ferrauto, oder vielmehr sein Bewußtseinszustand, präsentiert. Er leidet unter ,astratti furori’[6], unter einer unsäglichen Wut über die verlorene Menschheit. Die Formulierung ,astratti furori’, die im italienischen Sprachgebrauch seit ihrer Verwendung in ,Conversazione in Sicilia’ zum geflügelten Wort wurde, ist hier ein Schlüsselbegriff, der Silvestro bis zum Ende des Romans zugeordnet ist.

Die Figur steht in der Tradition der großen Helden der Literaturgeschichte, wie z.B. Odysseus, Parzifal oder Faust[7], die ebenfalls eine Reise unternehmen und dabei über die Wahrheit der Welt belehrt werden. Darüber hinaus ist sie stark autobiographisch gezeichnet: Wir erfahren über Silvestro, daß er in Syrakus[8] als Sohn eines Bahnangestellten[9] geboren wurde. Als 15-jähriger verließ er seine Heimat und zog in den Norden Italiens[10]. Dort lebt er in verschiedenen Städten, unter anderem in Florenz und Mailand[11]. Er arbeitet in einer Setzerei[12] und beschäftigt sich mit Übersetzungen[13]. Diese Informationen stimmen exakt mit der Biographie Vittorinis überein[14]. Neben diesen Fakten verlieh der Autor seiner Hauptfigur auch persönliche Erfahrungen aus seiner eigenen Kindheit, die ihn selbst sehr geprägt hatten. Dazu gehören die Fluchtversuche, die er als Kind mit dem Familienticket für Bahnangestellte unternahm[15], sowie die frühen Berührungen mit der Literatur, darunter besonders der Einfluß von ,Mille e una Notta’[16]. Auch die Episode mit dem Chinesen[17] könnte auf ein Kindheitserlebnis des Autors zurückgehen, der als Siebenjähriger ein Boot mit chinesischen Passagieren kentern sah[18]. Die Ähnlichkeiten könnten darauf hinweisen, daß Vittorini sich durch Silvestro selbst repräsentiert, als „Modellfall für all die, die wie er um ein rechtes Verhältnis zu ihren Mitmenschen ringen“[19].

2.1.2 Concezione

Die Mutter Silvestros, Concezione Ferrauto ist das Symbol der Ur – Mutter und der Weiblichkeit. Ihre bedingungslose Barmherzigkeit, mit der sie einen fremden Landstreicher aufnimmt und sich um die Kranken des Dorfes kümmert, auch wenn diese nicht dafür bezahlen können, läßt sie zu mehr als der bloßen Mutter – Figur werden: „ Ed era più che mia madre, dicendo questo, madre – uccello, madre – ape“[20]. Ihre Kinder nannten sie die „Mamma Melone“[21], da aus ihrem Leib, wie sie dachten, die Melonen kämen. Die einfach sizilianische Frau wächst zum Mythos, sie wird mit der Erde gleichgesetzt und zur Göttin der Fruchtbarkeit[22]. Laut Heidi Marek weckt sie Assoziationen zur Heiligen Madonna, deren Verehrung gerade im Süden Italiens mit der Liebe und Achtung der eigenen Mutter einhergeht[23].

Neben der bedingungslosen Barmherzigkeit repräsentiert Concezione aber auch die sexuelle Weiblichkeit, die durch den „vecchio miele“[24], den sie in sich trägt, symbolisiert wird. Sie beichtet Silvestro ihr erotisches Abendteuer mit dem Landstreicher[25] und versucht, ihn mit ihren Patientinnen zu verkuppeln[26].

Gleichzeitig trägt sie aber auch die Züge der sizilianischen Bevölkerung. Sie ist von der Armut und dem harten Leben gekennzeichnet: Ihre Hände sind rauh[27] und sie trägt schwere Männerstiefel[28].

2.1.3 Die ,Gran Lombardi’

Auf seiner Reise von Mailand nach Sizilien begegnet Silvestro im Zug einem Sizilianer, den er ,Gran Lombardo’ nennt. Im Laufe des Romans abstrahiert sich diese Bezeichnung von der Person und wird zur Klassifizierung einer bestimmten Sorte von Menschen, die alle dieselbe Bewußtseinshaltung vertreten.

Der Reisegefährte Gran Lombardo erhält seinen Namen aufgrund seines Aussehens und seines Dialekts: Er ist groß, blauäugig, hat dichtes helles Haar und spricht mit lombardischen Akzent[29]. Während einer Unterhaltung im Zug erfährt Silvestro die Lebenseinstellung des Sizilianers, der eigentlich mit seinem jetzigen Dasein glücklich sein könnte, sich aber nicht in Frieden mit den Menschen fühlt :

Avrebbe voluto avere una coscienza fresca, disse, fresca, e che gli chiedesse di compiere altri doveri, non i soliti, altri, dei nuovi doveri, e più alti, verso gli uomini, perché a compiere i soliti non c`era soddisfazione e si restava come se non si fosse fatto nulla, scontenti di sé, delusi.[30]

Der fremde Mann aus dem Zug hinterläßt großen Eindruck bei Silvestro. Im Gespräch mit seiner Mutter kommt er auf ihn zurück und erkennt sowohl in seinem Vater, als auch in seinem Großvater die Züge seines Reisebegleiters. Die Ähnlichkeiten der äußeren Erscheinung weisen dabei auf die Übereinstimmung der inneren Einstellung hin.

Schon beim ersten Anblick des Lombarden zieht Silvestro einen Vergleich zu seinem Vater[31]. Später stellt er fest, daß sein Vater ein ,Gran Lombardo’ ist, obwohl er keine blonden Haare hat. Es ist die Bewußtseinshaltung, das Denken an „altri doveri“, die ihn dazu macht. Eine weitere Parallele ist, das beide als Könige dargestellt werden: Der Gran Lombardo erwähnt in dem Gespräch mit Silvestro, daß er gerne reite und sich dabei wie ein König fühle[32]. Der Vater rezitiert mit einem roten Mantel bekleidet die Rollen der Könige aus den Stücken Shakespeares[33].

[...]


[1] Elio Vittorini: Prefazione alla prima edizione del ,Garofano Rosso’, in: ders.: Le opere narrative, a cura di Maria Corti, Milano² 1980, S. 423-450, S. 428.

[2] Ebd., S. 428.

[3] Zur Editionsgeschichte von ,Conversazione in Sicilia’ siehe z.B. Claudio Toscani: Come leggere Conversazione in Sicilia di Elio Vittorini, Milano, 4.Auflage, 2002, S. 70.

[4] Vgl. Mechthild Gesthuisen: Elio Vittorini und sein literarisches Werk in der Zeit, Wesel 1987, S. 149.

[5] Vgl. ebd., S. 150f.

[6] Die Schlüsselbegriffe des Romans werden in der Originalsprache belassen, da sich bei Vittorini ganze Konzepte damit verbinden.

[7] Franca Bianconi Bernardi: Parola e mito in ,Conversazione in Sicilia’,in: Lingua e Stile 2/1966, S. 161-190, S. 161.

[8] Vgl. Vittorini: Conversazione, S. 144.

[9] Vgl. ebd., S. 135.

[10] Vgl. ebd., S. 136.

[11] Vgl. ebd., S. 158.

[12] Vgl. ebd., S. 136.

[13] Vgl. ebd., S. 131.

[14] Vgl. o.A. : Cronologia della Vita, in: Elio Vittorini: Conversazione in Sicilia, Milano ³ 2001.

[15] Vgl. Vittorini: Conversazione, S. 138 und Elio Vittorini: Diario in Pubblico (1929 – 1956), Milano² 1970, S. 190.

[16] Vgl. Vittorini: Conversazione, S. 268 und Vittorini: Diario in Pubblico, S. 190.

[17] Vgl. Vittorini: Conversazione, S. 252f.

[18] Vgl. Vittorini: Diario in Pubblico, S. 189.

[19] Gesthuisen: Elio Vittorini, S. 136.

[20] Ebd., S. 222.

[21] Ebd., S. 202.

[22] Vgl. Heidi Marek: Elio Vittorini und die moderne europäische Erzählkunst (1926-1939), Heidelberg 1990, S. 265.

[23] Vgl. Gesthuisen: Elio Vittorini, S. 106.

[24] Vittorini: Conversazione in Sicilia, S. 220.

[25] Vgl. ebd., S. 224-229.

[26] Vgl. ebd., S. 270f.

[27] Vgl. ebd., S. 214.

[28] Vgl. ebd., S. 194.

[29] Vgl. ebd., S. 155.

[30] Ebd., S. 161.

[31] „[…]pensai che mio padre ora somigliava forse a lui“, Vittorini: Conversazione in Sicilia, S.155.

[32] Vgl. ebd., S. 160.

[33] Vgl. ebd., S. 301.

Details

Seiten
18
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640694266
ISBN (Buch)
9783640695218
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157299
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,0
Schlagworte
Neorealismus Roman Sizilien Armut

Autor

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