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Der Zusammenhang von Bindung und Exploration

Entwicklungschancen für Kinder in der Kita

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Grundannahmen der Bindungstheorie
1.1 Bindungstheorie nach John Bowlby
1.2 Bindungsforschung Mary Ainsworths
1.3 Muster von Bindungsverhalten
1.3.1 Muster „Sicher gebunden“
1.3.2 Muster „Unsicher vermeidend gebunden“
1.3.3 Muster „Unsicher ambivalent gebunden“
1.3.4 Muster „Desorganisiert gebunden“
1.4 Bedingungen für die individuelle Entwicklung von Bindungsqualität
1.5 Bindungsbeziehungen im Verlauf der Entwicklung bis zum sechsten Lebensjahr
1.5.1 Bindungsentwicklung im Vorschulalter
1.5.2 Aufbau außerfamiliärer Bindungsbeziehungen – die Erzieherin–Kind Bindung

2 Exploration im Vorschulalter
2.1 Exploration als Voraussetzung für die Aneignung von Welt
2.2 Zusammenhang von Bindung und Exploration
2.3 Explorationsverhalten im Hinblick auf Bindungsmuster
2.3.1 Exploration sicher gebundener Kinder
2.3.2 Exploration unsicher vermeidend gebundener Kinder
2.3.3 Exploration unsicher-ambivalent gebundener Kinder
2.3.4 Exploration desorganisiert gebundener Kinder

3 Konsequenzen für die pädagogische Arbeit
3.1 Auswirkungen der unterschiedlichen Bindungsmuster auf die Entwicklung der Kinder
3.2 Entwicklungschancen durch Beachtung bindungstheoretischer Aspekte in der pädagogischen Arbeit

Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Kita – Kindertagesstätte

Einleitung

„Julian kann überhaupt nicht spielen, rennt den ganzen Tag durch das Zimmer und räumt nur alles raus. Kontakt zu anderen Kindern findet er nicht. Aber ist ja auch kein Wunder, mit ihm beschäftigt sich ja auch keiner zu Hause.“ „Paula spielt nicht. Den ganzen Tag steht sie neben mir, verfolgt mich wie ein Schatten und findet keinen Kontakt zu anderen Kindern. Ist ja auch kein Wunder, zu Hause wird sie von allen be-spielt.“

Diese zwei Aussagen, getroffen von Erzieherinnen beschreiben beobachtetes, unterschiedliches Spielverhalten zweier Kinder, dass vom „normalen“ alterstypischen Spielverhalten abzuweichen scheint. Die Abweichungen sind verschieden. Gleich ist bei beiden Beobachtungen, dass die Kinder sich nicht konzentriert und intensiv einer Sache hingeben können, soziale Kontakte zu anderen Kindern und gemeinsames Explorieren eingeschränkt sind und Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden.

Geht man davon aus, dass sich Kinder im Vorschulalter ihre Welt im Spiel erschließen, so sind die Entwicklungsmöglichkeiten von Julian und Paula eingeschränkt.

Die alltagstheoretischen Schlussfolgerungen der Erzieherinnen liefern keine hinreichende Begründung für ihr Verhalten. Was könnte die mögliche Ursache dafür sein, dass sie nicht neugierig und interessiert im Spiel mit anderen Kindern ihre Welt erforschen?

Nach Largo/Benz kann ein Kind nur spielen, wenn es sich wohl und geborgen fühlt. (vgl. Largo/Benz, 2003, 58) Warum fühlen diese Kinder sich nicht wohl und geborgen? Mögliche Ursachen werden in der vorliegenden Hausarbeit aus bindungstheoretischer Sicht dargestellt und Konsequenzen für die pädagogische Praxis abgeleitet.

Kapitel eins stellt die Grundannahmen der Bindungstheorie nach John Bowlby und die Erkenntnisse der Bindungsforschung Mary Ainsworths dar. Weiterhin wird auf die Entwicklung von Bindungsbeziehungen im Vorschulalter eingegangen.

In Kapitel zwei werden Bedeutung und Besonderheit von Exploration im Vorschulalter und der Zusammenhang zur Bindung dargestellt. Kapitel drei beschäftigt sich abschließend mit möglichen Konsequenzen für die pädagogische Praxis, um Kindern wie Julian und Paula breitere Entwicklungschancen eröffnen zu können.

Leider kann in Anbetracht des zur Verfügung stehenden Umfangs der Hausarbeit vieles nur angerissen und kurz erläutert werden.

In den Ausführungen wird der Einfachheit halber nur die weibliche Form Erzieherin verwendet, gemeint sind dabei weibliche und männliche Fachkräfte.

1 Grundannahmen der Bindungstheorie

1.1 Bindungstheorie nach John Bowlby

„Bindungen stellen die Person in einen prägenden Zusammenhang mit den Wurzeln der Menschwerdung und der individuellen Zuneigung besonderer Erwachsener, die das Kind beschützen und versorgen. Sie gehören zur Natur des Menschen.“ (Grossmann/Grossmann, 2008, S. 19)

John Bowlby, englischer Psychiater und Psychoanalytiker gilt als „Vater“ der Bindungstheorie. Er hat in den 60-iger Jahren des letzten Jahrhunderts das Wissen über Bindung theoretisch konzipiert.

Galt in der Psychoanalyse bis in die Mitte der 50-er Jahre die Entwicklung von Beziehungen oder Bindungen als reine Triebbefriedigung (vgl. Grossmann/Grossmann, 2003, 23), so beschrieb Bowlby Bindung als angeborene Neigung, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen. Dabei beschreibt er das Bindungssystem als relativ unabhängig von sexuellen und aggressiven Triebbedürfnissen und sieht es als eigenständiges Motivationssystem, dass mit anderen Motivationssystemen interagiert, nicht aber aus ihnen abgeleitet werden kann.

Wichtig ist, zwischen offen gezeigtem Bindungsverhalten und einer Bindung zu einer Person zu unterscheiden. Bindungsverhalten wird nur unter Belastung, beispielsweise bei Krankheit, Müdigkeit, Angst, Verlust usw. gezeigt, eine Bindung besteht kontinuierlich. (vgl. Grossmann/Grossmann, 2008, 70)

Bindungsverhalten, wie Weinen, Rufen, Anklammern existiert von Geburt an. (vgl. Dornes, 2000,44) Es ist „besonders deutlich während der frühen Kindheit erkennbar, doch geht man davon aus, dass es menschlichen Wesen von der Wiege bis zum Grab eigen ist.“ (Grossmann/Grossmann, 2003, 23)

Bindung allerdings besteht noch nicht bei der Geburt sondern entwickelt sich erst, in dem die Bezugsperson auf die Verhaltensweisen des Säuglings reagiert. (vgl. Grossmann/Grossmann, 2008, 70) Damit ist Bindung keine angeborene Eigenschaft des Kindes, sondern Bezugsgsperson und Kind werden als Teilnehmer in einem sich wechselseitig bedingenden und selbstregulierenden System betrachtet. (vgl. Brisch, 2006, 35) Dass ein bestimmtes Bindungsmuster nicht angeboren ist zeigt auch die Tatsache, dass ein und dasselbe Kind gegenüber verschiedenen Bindungspersonen unterschiedliche Muster entwickeln kann. (vgl. Grossmann/Grossmann, 2003, 99)

Bei den meisten Kindern entwickelt sich Bindung gegenüber einer bevorzugten Person während der ersten neun Monate des Lebens. (vgl. Grossmann/Grossmann, 2003, 24)

„Aus den interaktiven und kommunikativen Erfahrungen, die der Säugling mit seinen Betreuungspersonen im Laufe des ersten Lebensjahres macht, resultiert schließlich ein Gefühl der Bindung oder Gebundenheit, das, je nach Erfahrung verschiedene „Färbungen“ annehmen kann, die als unterschiedliche Qualitäten von Bindung betrachtet werden.“ (Dornes, 2000, 44)

Diese besonderen Muster, von Dornes als verschiedene „Färbungen“ beschrieben, hängen einerseits von Alter, Geschlecht und den Lebensumständen des Individuums ab und andererseits von den Erfahrungen, die es mit Bindungspersonen früher im Leben gehabt hat. (vgl. Grossmann/Grossmann, 2003, 23) Individuelle Unterschiede in Qualitäten von Bindungen kann man an dem Ausmaß unterscheiden, in dem sie Sicherheit vermitteln. (vgl. Grossmann/Grossmann, 2008, 67)

Bindungstheorie und Bindungsforschung beschäftigen sich daher mit der Qualität von Bindungsbeziehungen, ihrer Entstehung, Entwicklung und Auswirkungen im Lebenslauf, sowie Stabilität und Veränderungen.

1.2 Bindungsforschung Mary Ainsworths

Bezeichnet man Bowlby als „Vater“ der Bindungstheorie, so kann man Mary Ainsworth als „Mutter der Bindungsforschung“ sehen. (vgl. Grossmann/Grossmann, 2003, 15) „Die empirische Bindungsforschung hat folglich zwei „Eltern“, wie jede gute Familie, die gemeinsam und komplementär in ihre Kinder investieren: einen Vater für das Theoretische und eine Mutter für das Empirische.“ (Cassidy & Shaver, 1999, zitiert nach Grossmann/Grossmann, 2003, 8)

Mary Ainsworth gelang die praktische Umsetzung und empirische Erforschung von Bowlbys Theorien durch Feldbeobachtungen an Müttern und ihren kleinen Kindern bei Ganda in Uganda (vgl. Ainsworth, 1967, zitiert nach Grossmann/Grossmann, 2003, 8) Auf Grund ihrer Beobachtungen entwickelte sie eine standardisierte Verhaltenbeobachtung, die als „Fremde Situation“ bezeichnet wird.

Durch eine Konfrontation mit einer fremden Person in einer unbekannten Umgebung und dem kurzzeitigen Weggang der Mutter sollte Bindungsverhalten ausgelöst werden. In Anwesenheit der Mutter dagegen, sollte das Kind sich sicher fühlen und in der Lage sein, die Umgebung zu erkunden.

Als maßgeblicher Indikator für die Bindungsqualität wird in der Beobachtung die Reaktion des Kindes auf die Wiederkehr der Mutter betrachtet.

Mary Ainsworth und Mitarbeiter haben in dieser Situation drei typische Verhaltensmuster bei den Kindern beobachtet und danach drei Bindungsmuster klassifiziert. (vgl. Dornes, 2000,50)

1.3 Muster von Bindungsverhalten

1.3.1 Muster „Sicher gebunden“

Eine Gruppe von Kindern, die als sicher gebunden eingestuft wurden, zeigten Zeichen von Kummer, wenn die Mutter den Raum verließ. Sie unterbrachen ihr Spiel, suchten nach ihr und ließen sich von der fremden Person nur ungern trösten, gelegentlich allerdings zur Neuaufnahme des Spiels überreden. Sie suchten Nähe und Körperkontakt bei Rückkehr der Mutter und setzten ihr Spiel nach kurzer Zeit fort. (vgl. Dornes, 2000, 51)

1.3.2 Muster „Unsicher vermeidend gebunden“

Eine zweite Gruppe, von Ainsworth als unsicher vermeidend gebunden bezeichnet, ignorierten den Weggang der Mutter, genauso wie ihre Rückkehr. Die Kinder vermieden Blickkontakt, begrüßten die Mutter nicht und suchten kaum ihre Nähe. Sie setzten ihr Spiel fort und spielten oft mit der fremden Person lebhafter als mit der Mutter. Wirkten diese Kinder äußerlich ruhig, so zeigten physiologische Messungen, dass sie stark unter Stress standen. (vgl. Dornes, 2000, 51)

1.3.3 Muster „Unsicher ambivalent gebunden“

Eine dritte Gruppe, die unsicher ambivalent gebundenen, waren unruhig beim Weggang der Mutter, weinten und ließen sich von der fremden Person nicht recht trösten. Nach Rückkehr der Mutter wurde diese zwar begrüßt, gleichermaßen aber Zeichen von Verärgerung gezeigt. Diese Kinder beruhigten sich bei der Mutter nur schwer, wiesen Spielzeug zurück, suchten Körperkontakt und wollten doch im nächsten Moment wieder losgelassen werden. Eine unzufriedene ärgerlich- aggressive oder stark passive Grundstimmung war beobachtbar. (vgl. Dornes, 2000, 51)

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640694273
ISBN (Buch)
9783640694938
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157307
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
1,3
Schlagworte
Bindungstheorie Bindungen frühkindliche Bindungen Exploration Explorationsverhalten John Bowlby Mary Ainsworths Bindungsqualität Bindungsmuster Bindungsbeziehungen Spiel Spielverhalten

Autor

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Titel: Der Zusammenhang von Bindung und Exploration