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Die Bedeutung des Konzeptes der „path dependencies“ in der angewandten Politikfeldforschung

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff und die Entstehung des Konzeptes der Pfadabhängigkeiten
2.1 Im Politikwissenschaftlichen Kontext
2.2 Die zentralen Ideengeber des Konzeptes

3. Anwendung des Konzeptes
3.1 Auf den gesamten Wohlfahrtsstaat
3.2 Auf die Alterssicherung im Besonderen

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

1. Einleitung

In dieser Arbeit geht es um den Begriff der Pfadabhängigkeit (Engl.: path dependency) und dem ihm innewohnenden Konzept. Das Konzept selbst ist im Kontext ökonomischer Forschung entstanden und wurde dann auf die politische Wissenschaft adaptiert und wird dort erfolgreich seit Jahren in den unterschiedlichsten Feldern angewandt.[1]

Dabei soll die Darstellung des Gebrauches der path dependency-Konzeption für Politikfeldforschung umfassend dargestellt werden und somit der Bedeutung für die politsche Wissenschaft der entsprechende Raum gewährt werden.

Daran schließt sich ein Teil an indem die Konzeption der Pfadabhängigkeit auf ein konkretes Beispiel hin angewendet werden soll und somit die Erklärungskraft auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin beleuchtet werden soll.

Die Untersuchung wird anhand der deutschen Ausprägung des Wohlfahrtsstaates unternommen dabei hinsichtlich der Altersicherung im besonderen.

Von besonderem Interesse dabei wird sein inwieweit getroffene Entscheidungen für nachfolgende Generationen bindend waren, bzw. bindend sind also im klassischen Sinne Pfadabhängigkeiten greifen.

Die Relevanz der Forschungsarbeit ergibt sich aus der gestiegenen Bedeutung der Pfadabhängigkeiten in der Politik und insbesondere in der Politikfeldforschung. Die Determinanten der aktuellen Politik zu erklären besitzt zumal eine geborene Relevanz.

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil werden die historischen Grundlagen und die Entwicklung der Theorie eingehend beleuchtet.

Im Zweiten Teil erfolgt dann die Anwendung auf den deutschen Wohlfahrtsstaat und die deutsche Alterssicherung im besonderen.

2. Der Begriff und die Entstehung des Konzeptes der Pfadabhängigkeiten

2.1 Im Politikwissenschaftlichen Kontext

Der Pfadabhängigkeitsbegriff hat seinen Ursprung in der Beschreibung ökonomischer Zusammenhänge und Abläufe, daher sei an dieser Stelle auf den schon klassisch zu nennenden Artikel von David 1985 verwiesen, indem die Entwicklung der QWERTY Tastatur, als ineffizientes System, durch das Konzept der path dependency beschrieben wird und damit Eingang in die Ökonomie fand.

Eine Abkehr von der Anwendung der path dependency -Konzeption auf rein ökonomische Allokationsverfahren hin zu einer einfachen Übertragung auf die Betrachtung politischer Prozesse kann nicht 1:1 vollzogen werden, obwohl es nicht an Pfadabhängigkeitsdefinitionen mangelt, die in ihrer Unbestimmtheit eine solche erlauben würden (vgl. Pierson: 2000, S. 252). Es ist vielmehr das Bestehen einer gewissen Kontextgebundenheit von Einzelfaktoren (z.b. Faktor Zeit oder Ertrag), die dieses Unterfangen zumindest wissenschaftlich fragwürdig erscheinen lassen. In der Forschung wurden daher Versuche unternommen, Operationsparameter zu definieren, die eine fundierte Anwendung des Pfadabhängigkeitstheorems auf die Betrachtung politischer Prozesse gewährleisten können. Einen aktuellen Forschungsstand repräsentiert dabei die increasing returns -Konzeption von Pierson, auf die im folgenden eingegangen wird, ebenso wie auf die Betrachtung der Wandlungsfähigkeit von Institutionen, die Douglass C. North vorgenommen hat. Abschließend und in nuce soll darüber hinaus die Verwendung des Pfadabhängigkeitsbegriffes bei Esping-Andersen und seiner Betrachtung der "three worlds of welfare capitalism" dargestellt werden.

2.2 Die zentralen Ideengeber des Konzeptes

Beginnen möchte ich mit einer von Pierson referierten, theorisierenden Akkumulation vonMerkmalen der Pfadabhängigkeit, die sich zu einer groben Veranschaulichung anbietet,zugleich aber auch verdeutlicht, dass es einer präzisierenden Definiton bedarf: "the notion ofpath dependence is generally used to support a few key claims: Specific patterns of timing andsequence matter; starting from similar conditions, a wide range of social outcomes may bepossible; large consequences may result from relatively "small" or contingent events; particular courses of action, once introduced, can be virtually impossible to reverse; andconsequently, political development is often punc tuated by critical moments of junctures thatshape the basic contours of social life" (Pierson: 2000, S. 251).

Die eingangs erwähnten Operationsparameter werden von Pierson mit der Fokussierung auf increasing returns als Ursache für Pfadabhängigkeit hergestellt. Um diese Sichtweise verständlich zu machen, soll kurz seine Konzeptualisierung der Dynamik von steigenden Erträgen aufgezeigt werden. Sie weist zwei Kernelemente auf, die für Pierson von zentraler Bedeutung für das Entstehen von Pfadabhängigkeit sind. Im Hinblick auf ihre Beachtung erfordert es von Seiten der Akteure zunächst eine genaue Fixierung der Folgekosten, die ein Pfadwechsel (i.e. "switching from one alternative to another" [Pierson] ) nach sich ziehen würde. Zum anderen richten sie den Fokus auf Zeit- und Abfolgefaktoren, in denen unterschieden wird zwischen Zeiten der "Prägung" eines bestimmten Weges, und Zeiten der Verstärkung von divergenten Pfaden: "in an increasing returns process, it is not only a question of what happens but also of when it happens" (ebd.). Der Betrachtungswinkel via increasing returns -Prozessen erlaubt einen stringenten Erklärungsansatz für das Problem der Pfadabhängigkeit, da die Frage nach anfallenden, in diesem Falle steigenden Erträgen als motivationaler Hauptfaktor für das Beschreiten eines bestimmten Pfades gelten kann. Für Pfadabhängigkeitsprozesse bietet Pierson verschiedene Definitionen an; so referiert er beispielsweise Sewell, der Pfadabhängigkeit recht simpel umschreibt, in dem er ausführt, dass etwas, was zu einem früheren Zeitpunkt passiert ist, die möglichen zukünftigen Resultate eines Prozesses beeinflussen kann. Diese sehr vage und unpräzise Definition ist nicht nur für Piersons Zwecke nutzlos. Sie banalisiert grob umschreibend ein sehr komplexes Phänomen und reduziert es auf die Tatsache, dass "history matters" (ebd.). Differenzierter ist die ebenfalls an dieser Stelle referierte Definiton von Margaret Levi (zitiert nach: Pierson: 2000, S. 252): "path dependency has to mean, [...], that once a country or region has started down a track, the costs of reversal are very high. There will be other choice points, but the entrenchments of certain institutional arrangements obstruct an easy reversal of the initial choice", eine Definition die von Pierson als "Arbeitsdefinition" übernommen wird und eine Definition, die nicht nur von angenehmer Schärfe und Griffigkeit ist; sie verweist im Kontrast zu den bisherig genannten ökonomischen Handlungsträgern auch auf Akteure, die im Blickpunkt der vorliegenden Arbeit stehen sollen, nämlich Länder oder Regionen. Es ist an dieser Stelle ratsam, den von Pierson vollzogenen kausalen Nexus zwischen Pfadabhängigkeit und increasing returns -Prozessen zu Gunsten der Exaktheit zu zitieren: "this [Levis, d.V.] conception of path dependence, in which preceeding steps in a particular direction induce further movement in the same direction, is well captured by the idea of increasing returns. In an increasing returns process, the probability of further steps along the same path increases with each move down that path. This is because the relative benefits of the current activity compared with other possible options increase over time. […] Increasing returns processes can also be described as self-reinforcing or positive feedback processes" (ebd.). Um sein Konzept der increasing returns einem politischen Betrachtungsmodus anzupassen, fokussiert Pierson Politikbereiche, an denen er seine These anschaulich verifiziert. Dabei geht er von der Prämisse aus, dass jedes soziales Handeln die Neigung habe, increasing returns zu generieren (ebd., S. 258). Genauer betrachtet werden die zentrale Rolle kollektiven Handelns, die institutionelle Festigkeit von Politik, die Möglichkeiten politische Macht für die Verbesserung von Machtungleichheiten zu nutzen, sowie die ihr allgemein innewohnende Komplexität und Undurchsichtigkeit von Politik. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, alle seine Überlegung darzulegen, daher greife ich exemplarisch einen Bereich auf, der nicht nur sehr veranschaulichend ist, sondern im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit eingehend betrachtet wird; "the institutional density of politics" (Pierson). Die Notwendigkeit von Institutionen ergibt sich aus den Erfordernissen der Koordination von Politikakteuren; dabei kann es sich sowohl um die Schaffung von Rechtsgebilden (Verfassungen, Gesetze) als auch die Entstehung von öffentlichen Einrichtungen für das Allgemeinwohl handeln. "Institutions establish the rules of the game for political struggles – influencing group identities, policy preferences, and coalitional choices [...] " (Pierson: 1996, S. 148). Es ist ihrem Wesen immanent, dass Institutionen meist nicht Resultate kurzfristiger Politikplanung sind, entsprechend hoch ist daher ihre Resistenz gegenüber auftretenden Veränderungsprozessen. Darüber hinaus funktionieren sie in einem System von rewards and penalties, erzeugen ihre Autorität also mehr durch Zwang als durch Freiwilligkeit. Haben sie sich jedoch einmal etabliert und ihre Funktion erweist sich als praktikabel, werden sie empfänglich bzw. anfällig für increasing returns, ein Faktor der als selbstverstärkendes Element zunächst durchaus positive Wirkung entfalten kann: "dabei wird man - vorausgesetzt, der eingeschlagene Pfad ist richtig - gewissermaßen unterwegs begreifen, welche Strecke man täglich vorwärtskommen kann und um wieviel wir dem Ziel [...] nähergekommen sind." (Seneca: 1997; S. 136). Wie bereits ausgeführt, ist die Anfälligkeit für increasing returns jedoch auch ein Faktor, dem das Potential innewo hnt, einen später schwer zu verlassenden Pfad zu prägen.

[...]


[1] Der Autor anerkennt die Bemühungen um geschlechtergerechte Sprache, verweist aber darauf das die maskuline Verwendung der Begriffe lediglich sprachökonomischen Gründen geschuldet ist, die femininen Formen, sofern sie logisch anwendbar sind, können selbstverständlich parallel bzw. synonym verwendet werden.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640742103
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157310
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
Schlagworte
policy Politikfeldforschung Pfadabhängigkeit North Pierson

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