Lade Inhalt...

Die Literatur der Wiener Moderne am Bespiel von Arthur Schnitzlers „Reigen“

Hausarbeit 2009 15 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext
2.1 Antisemitismus
2.2 Sexualmoral
2.3 Bedeutung der Psychoanalyse

3. Literatur der Wiener Moderne

4. Arthur Schnitzler

5. „Reigen“ - Entstehungs- und Publikationsgeschichte

6. Aufbau, Inhalt und Interpretation des „Reigen“
6.1 skandalöse Elemente in Schnitzlers „Reigen“

7. Rezeptions- und Aufführungsgeschichte

8. Der Umgang mit Schnitzlers Werken in der NS-Zeit

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich werde mich in der vorliegenden Hausarbeit der Rezeptionsgeschichte und dem Skandal um Arthur Schnitzlers Drama Reigen widmen. Das 1896/97 entstandene Werk löste besonders in den Kultur- und Literatur- zentren der Jahrhundertwende - Wien und Berlin - heftige politisch und religiös motivierte Debatten aus, welche teilweise in handgreiflichen Aus- einandersetzungen gipfelten.

Um die Brisanz des Reigens darlegen zu können, ist es unabdingbar, die politischen, gesellschaftlichen und moralischen Hintergründe zur Zeit des Erscheinens zu analysieren, da ein Skandal wie jener um den Reigen mo- nokausal nicht zu erklären ist. Ich beginne meine Arbeit daher mit der Be- trachtung der Situation im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts und werde hierbei insbesondere auf den aufkeimenden politischen Antisemi- tismus, der den bis dato vorhandenen religiösen Antijudaismus ablöste, eingehen. Weiterhin werde ich den Umgang mit der Sexualität im zeitge- nössischen Kontext betrachten und die Bedeutung der Psychoanalyse - eine grundlegende Errungenschaft für den Weg in die Moderne - darle- gen. Daran anschließend möchte ich für den Gesamtüberblick die unter- schiedlichen Strömungen der Literatur in der Wiener Moderne wie Décadence, Finde Siècle und Ä sthetizismus kurz erläutern. Nachfolgend werde ich mich dem Autor selbst widmen, eine ausführliche Biographie jedoch aussparen. Hernach soll die Entstehungs- und Publikationsge- schichte des Reigens kurz skizziert, sowie Aufbau und Inhalt - mit beson- derem Augenmerk auf die skandalösen Elemente Stückes - dargelegt werden. Vor meiner Abschlussbetrachtung werde ich noch genauer auf die schwierige Rezeptions- und Aufführungsgeschichte des Reigens ein- gehen, die von verbalen und handgreiflichen Ausschreitungen und Ge- richtsverhandlungen geprägt war und einen knappen Ausblick auf den Umgang mit Schnitzlers Werken im Nationalsozialismus geben.

2. Historischer Kontext

Schnitzlers Reigen entstand in der Zeit des großen Umbruchs. Die öster- reichisch-ungarische Doppelmonarchie befand sich Mitte des 19. Jahr- hunderts in einem großen politischen und gesellschaftlichen Wandel. Die Zeit war geprägt von Industrialisierung und Technisierung, die in einem nie zuvor für möglich gehaltenen Tempo voranschritten.

Als eine der Folgen dieser Umbruchszeit, der modernen Intensivierung, Beschleunigung und Verunsicherung des Lebens reagierten die Intellektu- ellen kollektiv mit den (Mode-)Krankheiten Neurasthenie (Nervenschwä- che) oder Hysterie, zu denen u. a. Sigmund Freud umfassende Studien anstellte.

Durch den raschen industriellen Fortschritt kam es - besonders in Wien - in den 1860er Jahren zu einer Zunahme der Bedeutung des liberalen Bür- gertums. Dieses erlangte in der Krisenzeit mehr Mitbestimmungsrechte und aktive wie passive politische Teilhabe, zur Beschneidung des monar- chischen Einflusses. Viele Juden gliederten sich wiederum in jenes an Einfluss gewinnende Bürgertum ein, da ihnen nunmehr der Zugang zu vielen freien Berufen möglich war.

Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn war außen- wie innenpolitisch stark geschwächt. Zur Jahrhundertwende befand das Reich sich in der Position, die unterschiedlichsten Absichten der einzelnen Nationen des multinationalen Staats nicht mehr in Einklang bringen zu können.

Die Bevölkerungsgruppen organisierten sich in Parteien, derer die Liberalen nicht standhalten konnten und sie bereits in den 1890er Jahren wieder an Einfluss verloren. Bezwungen wurde die liberale Führung letztlich durch Vereinigungen wie die antisemitische Christlich-Soziale Partei und die antisemitische Deutschnationale.[1]

2.1 Antisemitismus

Mit dem Niedergang des Liberalismus, erstarkte der rassistisch motivierte Antisemitismus, welcher zur Jahrhundertmitte an die Stelle des religiösen Antijudaismus trat. Das Judentum wurde nun nicht mehr als Religionsgemeinschaft, sondern als eigenständiges Volk mit eigener Abstammung aufgefasst. Es wurde als fremdes, zersetzendes Element unter angeblich ethnisch einheitlichen Völkern öffentlich denunziert.[2]

Das propagierte Problem mit ‚den Juden’ erfüllte wie auch später in der NS-Zeit zwei grundlegend wichtige Funktionen. Man konnte erstens von den wirklichen Problemen der Monarchie ablenken und zweitens ein ge- meinsames Feindbild schaffen. Dieses kollektive Feindbild wiederum stärkt die eigene Identität, welche im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn dringend notwendig war, um ein Auseinanderdriften der unterschiedlichen Interessen zu unterbinden.

2.2. Sexualmoral

In vielen Bereichen des Lebens herrschte am Übergang zur Moderne starke Unsicherheit und schneller Wandel. Es gab nur wenige Dinge, auf die sich die Menschen verlassen konnten. Darum hielt die Gesellschaft umso mehr am alten Moralkodex fest. Demzufolge gab es Geschlechts- verkehr nur in der Ehe und auch dann nur sehr dosiert und kontrolliert - die Realität sah jedoch anders aus. Nach außen hin wahrte man den Schein des moralischen Bürgers, heimlich gab man sich jedoch oft sexuel- le Eskapaden und Liebschaften hin, die gemeinhin auch akzeptiert wur- den, solange nicht öffentlich darüber gesprochen wurde.

Die sexuellen Freiheiten der Männer und Frauen wurden dennoch mit zweierlei Maß gemessen. Von Frauen wurde weiterhin erwartet, bis zur Eheschließung „unberührt“ zu bleiben, Männern hingegen wurden amouröse Abenteuer mitunter zugestanden.

2.3. Bedeutung der Psychoanalyse

Maßgeblich prägend für die Epoche der Moderne und der darin entstan- dene Literatur waren Sigmund Freunds umstrittene Publikationen zur Psy- choanalyse und der damit verbundenen Entdeckung des Unterbewussten, der Traumdeutung und der Triebe. Es gab kaum ein Autor der Moderne, der sich nicht spätestens nach der Erscheinung von Freuds Die Traum- deutung mit dessen Theorien zur Tiefenpsychologie beschäftigte.

Freud vertrat in seiner Triebtheorie die Auffassung, derzufolge das menschliche Verhalten und Handeln wesentlich durch angeborene Triebe gesteuert sei. Der Trieb, der einem körperlichen Bedürfnis entspricht, ent- stamme einem physischen Spannungszustand. Triebe lösen jedoch nicht rein reflexhaft Verhalten aus, sondern sind vielmehr mental als Wunsch bzw. Verlangen repräsentiert. Sie dienen der Selbst- und Arterhaltung und erfolgen auch nach Befriedigung stetig neu, zudem sind sie zwingend d. h. der Drang ist vom Willen unabhängig. [3]

Obwohl Freuds Theorien in der Moderne nicht nur auf Bewunderung, son- dern auch auf harte Kritik und Spott trafen, bliebt festzuhalten, dass „die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts […] ohne die Rezeptionsge- schichte der Psychoanalyse nicht angemessen zu begreifen“ [4] ist.

3. Literatur der Wiener Moderne

Der Begriff Wiener Moderne gilt als eine Sammelbezeichnung für die Strömung in Architektur, Musik, Kunst und Literatur in Wien im Zeitraum der Jahrhundertwende. Sie wird als Gegenströmung des in Deutschland dominierenden Naturalismus ’ verstanden, welcher auf bloßer Wirklich- keitsabbildung, exakter Naturbeobachtung, der Erkennbarkeit der Welt durch Wissenschaft und Rationalität und Objektivität beruhte. Hermann Bahr, eine zentrale Figur der Wiener Moderne und Propagandist für die Überwindung des Naturalismus, sagte über die Naturalisten, dass sie le- diglich "Wirklichkeiten der Straße, nicht aber die Wirklichkeit der Seele" [5] beschrieben. Die Avantgardisten der Wiener Moderne wollten nun weg von dem exakten Abbild der Wirklichkeit, hin zur Dokumentation psychi- scher Empfindlichkeiten und Befindlichkeiten.

Als Gegner des Naturalismus, praktizierten sie modernen Ästhetizismus, der das Ästhetische in den Vordergrund setzt und politische, moralische, soziale oder religiöse Normierung dem Schönen unterordnet. Weiterhin galt Wien als Zentrum der so genannten Décadence-Literatur, die aus dem Bewusstsein entstand, einer dem Verfall preisgegebenen Kultur anzugehören und als eine Reaktion auf die bürgerliche Industriege- sellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts (Fin de Siècle) zu verstehen ist.

[...]


[1] Vgl. Lehnert: 1996, S. 292/293

[2] Vgl. Beier: 2008, S.23.

[3] Vgl. http://www.medpsych.uni-freiburg.de/OL/glossar/body_trieb.html (Zugriff: 30.09.09)

[4] http://www.psychoanalyse-literatur.de/index.php?id=102 (Zugriff: 30.09.09)

[5] Bahr zit. nach: Rieckmann: 1986, S. 26.

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640701971
ISBN (Buch)
9783640700462
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157338
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Arthur Schnitzler Reigen Wiener Moderne

Autor

Zurück

Titel: Die Literatur der Wiener Moderne am Bespiel von Arthur Schnitzlers „Reigen“