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Sozioökonomische Veränderungen - Die industriellen Beziehungen im Wandel

Seminararbeit 2003 20 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hat das Vorzeigemodell ausgedient?

2. Neue Herausforderungen an das Deutsche Modell

3. Veranderte Anspruche und neue Problematik
3.1 „Transformationsschock“ nach der Wiedervereinigung
3.2 Die Krise des Fordismus und neue technologische Moglichkeiten pragen die Gesellschaft
3.3 Die Globalisierung verandert die Wirtschaft nachhaltig
3.4 Zwischenfazit

4. Das Deutsche Modell
4.1 Struktur des Deutschen Modells
4.2 Vorteile des Kollektivvertragssystems
4.3 Vorteile als Nachteile

5. Erosion und Anpassung?
5.1 Erosionstendenzen des Deutschen Modells
5.2 Versuch der Anpassung durch Differenzierung, Dezentralisierung und Absenkung

6. Mogliche Entwicklungstendenzen - Voraussetzungen und Probleme

Literaturverzeichnis

1. Hat das Vorzeigemodell ausgedient?

Das Deutsche Modcll dcr industriellen Beziehungen stand langc Zcit fur Stabilitat, Sichc rhcit, Wachstum und Beschaftigung. Es gcwahrlcistctc Prospcritat und sozialcn Frieden. Es galt sogar als Vorzcigcmodcll dcr Interessensregulierung zwischcn Arbeit und Kapital.

Doch das „goldene Zcitaltcr“ (Schroeder 2000, S.23) ist Vergangenheit.

Durch Politischc Umbruchc von globalcr Bcdcutung, weltwirtschaftliche Entwicklungcn, tcchnolo- gischc und dadurch sozialc Veranderungen wurdc die Welt in den letzten 15 Jahrc gcpragt wic nic zuvor.

Die Gcscllschaft befindet sich im Wandcl - und mit ihr muss sich auch das Deutsche Modcll wan- dcln, wcnn es seine Ziclc erreichen und sich wcitcrhin bchauptcn will.

Im folgcndcn wcrdc ich zunachst die ncucn Herausforderungen, vor dcncn das Deutsche Modcll stcht, im cinzclncn aufzcigcn. Dabci soll dcutlich wcrdcn, dass sich vor allcm drci clcmcntarc Ei- gcnschaftcn dcs Tarifsystems als problcmatisch erweisen. Zu ncnncn sind das Solidaritatsprinzip, welches sich im Zugc dcr (Wieder-)Vereinigung als fchlcrhaft darstcllt (3.1); die Idee dcr allge- mcinvcrbindlichcn Regulierung dcr Arbcitsbcdingungcn, wclchc mit dcr zunchmcndcn Pluralisie- rung von Arbcits- und Erwerbsformen konfrontiert wird (3.2); sowic die auf cin nationalstaatlich beschranktes Wirtschaftssystem ausgclcgtc Tarifpolitik in cincr fortschreitend globalisicrtcn Wclt- wirtschaft (3.3).

AnschlicBcnd sollcn die Auswirkungcn (dicscr Problcmatik) auf Funktion und Struktur dcs Deut- schcn Modclls diskutiert wcrdcn, bcvor schlicBlich auf moglichc Entwicklungstcndcnzcn dcr industriellen Beziehungen in Deutschland cingcgangcn wird.

2. Neue Herausforderungen an das Deutsche Modell

Bci dcr Bctrachtung dcr Problcmatik, wclchc sich den industriellen Beziehungen in Deutschland stcllt, mussen dcmnach drci Thcmcnkomplcxc voneinander untcrschicdcn wcrdcn.

An crstcr Stcllc stcht die Wiedervereinigung Deutschlands. Es stcllt sich die Fragc, wclchc Aus­wirkungcn die Ubcrtragung dcs wcstdcutschcn Modclls auf die ncucn Bundeslander nach sich zicht, und inwiefern dcr Solidaritatsgedanke dcs Kollektivvertragssystems und damit das Kollek- tivvertragssystem sclbst Schadcn nchmcn.

Die zwcitc Herausforderung licgt in dcr rasantcn tcchnologischcn Entwicklung unscrcr Zcit. Hie r- bci sind vor allcm die ncucn Moglichkeiten im Informations - und Kommunikationsbcrcich zu ncn­ncn, wclchc die Pluralisierung dcr Arbcits - und Erwerbsformen vorantrcibcn und cine cinhcitlichc Rcgclung dcr Arbeitsmodalitaten uberfordern.

Das dritte und zuglcich umfangrcichstc Problcmfcld tragt den Namcn Globalisierung.

Unter Globalisierung ist in diesem Zusammenhang vor allem das Phanomen der zunehmenden Vemetzung weltwirtschaftlicher Aktivitaten und die Liberalisierung der Finanz- und Kapitalstrome zu verstehen, wodurch die Machtbalance zwischen Arbeit und Kapital aus dem Gleichgewicht ge- raten ist. Aufgrund der erstarkten Machtposition des Kapitals wird die Interessensregulierung auf nationalstaatlicher Ebene nicht nur erschwert, sondern sie muss sich an die neue Situation anpassen - oder ganzlich reorganisieren.

3. Veranderte Anspruche und neue Problematik

3.1. „Transformationsschock“ nach der Wiedervereinigung

Nach der Wiedervereinigung hat sich die Politik dafur entschieden, das „Deutsche Modell“ sofort auf Ostdeutschland zu transferieren, und nicht eine stufenweise Integration der wirtschaftli- chen Beziehungen in den neuen Landern zu betreiben.

Allerdings existierten die dafur notigen Voraussetzungen in den neuen Bundeslandern (NBL) nicht. Die in der ehemaligen DDR betriebene Planwirtschaft war marode, ineffizient und nicht an die Bedurfnisse der Weltwirtschaft angepasst. Die Infrastruktur war nicht in einem ausrei- chenden MaBe vorhanden, der Kapitalstock war nicht intakt und die Industriestruktur be- fand sich in einem desolaten Zustand. Die Produktivitat Ostdeutschlands lag weit unter der Produktivitat Westdeutschlands. Wettbewerbsfahige Unternehmen mussten saniert und privati- siert werden. Nicht wettbewerbsfahige Unternehmen wurden liquidiert. Zudem mussten Uberkapa- zitaten in der Bauwirtschaft abgebaut werden.

Die ehemalige DDR erlebte einen Transformationsschock - gefolgt von einer zunehmenden Dein- dustrialisierung des Ostens und hohen finanziellen und sozialen Kosten. Die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik stieg von 2,6 Millionen im Jahr 1991 auf ca. 4,2 Millionen[1] in diesem Jahr, wobei sie zu Lasten der Ostdeutschen Bevolkerung ungleich verteilt ist. Eine soziale und okonomi- sche Spaltung teilt Deutschland in Ost und West. Ein Beleg hierfur ist „die (...) innerdeutsche Ost- West-Wanderung, die so lange fortdauern wird, bis das kritische Gefalle bei den Wirtschafts- und Lebensbedingungen unterschritten ist.“ (Miegel. 2002, S. 57)

Um die Wirtschaft im Osten weiterhin pulsieren zu lassen und um die Arbeitslosen zu unterstutzen, sind hohe Subventionszahlungen und Sozialleistungen notwendig. Die jahrliche Nettokosten der Wiedervereinigung fur den westdeutschen Steuerzahler belaufen sich auf uber 75 Milliarden Euro.

(vgl. Esser 1998, S.135) Finanziert wird dies durch Anhebung der Steuern, Erhohung der Lohnne- benkosten und stetig hohere Neuverschuldungen. Der Schuldenberg wachst und Deutschland hat „im Vergleich zu anderen westlichen Industrielandern die zweithochste Steuer- und Abgabenlast. Nach Berechnungen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft liegt sie fur einen kinderlosen Single mit Durchschnittsverdienst bei knapp 52 Prozent und ist nur in Belgien mit 56,2 Prozent hoher.“[2]

Diese Berechnungen „zeigten deutlich, „dass der Abgabenkeil - das Verhaltnis von Arbeitskosten zu Nettolohn - geradezu skandalose AusmaBe angenommen hat““[3] So wird die deutsche Arbeits- kraft im internationalen Wettbewerb zu teuer und unlukrativ, die Arbeitslosigkeit steigt - und mit ihr die Lohnnebenkosten... Die Abwartsspirale hat begonnen, sich zu drehen.

Dennoch darf man nicht den Fehler begehen, die Ursachen fur Arbeitslosigkeit und erhohte Kosten allein in der Wiedervereinigung selbst zu suchen. Abgesehen von der Konjunkturkrise 1992/93 ist vor allem auch die Tarifpolitik fur manche Fehlentwicklung verantwortlich zu machen: „Der kom- plette Transfer der westdeutschen Strukturen (...) bei den Arbeitgeberverbanden der Privatwirt- schaft (hat: SW) vor allem den westdeutschen Mitgliederinteressen“ genutzt (Henneberger 1995, S.308-309). Da es zu DDR-Zeiten zwar Gewerkschaften, aber keine organisierten Arbeitgeberverbande gab, wurden die Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften anfangs von westdeutschen Stellvertretern gefuhrt, welche die Interessen der ostdeutschen Arbeitgeber nicht in vollem Umfang wahrten. Die Vernachlassigung der „ostdeutschen Arbeitgeberinteressen (...) (und der: SW) Interessen eines Teils der ostdeutschen Beschaftigten (...) manifestiert sich in der stark angewachsenen und persistenten Arbeitslosigkeit in den NBL.“ (Henneberger. 1995. S. 308)

Die Ungleichgewichtung der Verhandlungsseiten und die Befurchtung, dass aus Ostdeutschland ein Niedriglohnland werden konnte, aus dem die Arbeitnehmer abwandern wurden, fuhrte zu einer Strategie der hohen Lohne. Dabei stiegen die Lohne schneller an als die Arbeitsproduktivitat. Demzufolge sank die Wettbewerbsfahigkeit Ostdeutschlands, welche nun durch Beschaftigungs- stopp bzw. -abbau kompensiert werden musste.

„Das schnelle Wachstum der Lohne und Gehalter hat nicht nur (...) zu einem faktischen Beschafti- gungsverbot gefuhrt, sondern hat auch einen drastischen Anstieg der Personalausgabenanteile in den offentlichen Haushalten bewirkt.“ (Henneberger. 1995. S. 308-309)

Bei der Angleichung der Lohne wurde Solidaritat mit (wirtschaftlicher und) gesellschaftlicher Ve r- antwortung verwechselt - und gerade der Gedanke der Solidaritat hat letztendlich dazu gefuhrt, dass sich Deutschland in eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ (Kulp 1998, S.2) spaltet. Okonomisch ist dies nicht tragbar, und auch der Flachentarifvertrag wird gefahrdet: Die Zahl der Betriebe, die aus den Arbeitgeberverbanden austreten, steigt, und die Interessenregulierung findet sich zunehmend auf betrieblicher Ebene wieder. Der Flachentarif in Ostdeutschland wird untergraben, und die Ero­sion greift von Ost- auf Westdeutschland uber. „Konsens besteht daruber, dass der Transfer west- deutscher Institutionen eine existentielle Herausforderung fur das deutsche Modell ist.“ (Schroeder 2000, S. 1)

Ostdeutschland erscheint unter den genannten Umstanden (Deindustrialisierung, Subventionszah- lungen, geringe Produktivitat, hohe Arbeitslosigkeit) nicht als eine tragfahige Basis fur das west- deutsche Modell. Fraglich bleibt, ob die deutsche Tarifpolitik (rechtzeitig) in der Lage sein wird, den entstandenen Schaden in Grenzen zu halten, und einen neuen Weg der Interessensregulierung zu finden, der den wirtschaftlichen Anforderungen der NBL Rechnung tragt. Fest steht allerdings, dass die Wiedervereinigung „dem deutschen Modell einen hi storischen Schock (versetzt hat: SW), der durchaus stark genug gewesen sein kann, um dieses ein fur allemal aus der Bahn zu werfen“[4]

3.2 Die Krise des Fordismus und neue technologische Moglichkeiten pragen die Gesellschaft

Der „keynesianisch-fordistische Nachkriegskapitalismus, in dessen historischen Kontext das deut­sche Kollektivvertragssystem entstanden ist und seine volle Funktionstuchtigkeit entwickeln kon n- te“ befindet sich in einer sakularen Krise. (Bispinck. 1998. S. 242) Diese Krise ubertragt sich auch auf das Kollektivvertragssystem selbst, da sie ihm den optimalen Nahrboden entzieht.

Des weiteren lasst das Ende der Nachkriegsprosperitat die Wachstumsraten zyklisch abnehmen und die Massenarbeitslosigkeit ansteigen. Die fordistisch-tayloristische Arbeitsorganisation restruktu- riert sich (Vgl. 3.3). Ein soziookonomischer Strukturwandel setzt sich in nahezu samtlichen Indust- rienationen durch: von der vom Taylorismus der Massenarbeit gepragten Industrie - hin zur hetero- genen Dienstleistungsgesellschaft. Durch die sogenannte Tertiarisierung vollzieht sich eine fort- schreitende Individualisierung der Gesellschaft und eine zunehmenden Differenzierung von Ar- beits-, Erwerbs- und Lebensstilen. (vgl. Bispinck. 1998. S. 242) Dabei ist „Tertiarisierung keineswegs allein ein Prozess, der nur in einer Verschiebung zwischen traditionellem Industriesektor und Dienstleistungssektoren besteht. Vielmehr findet ein Prozess der Tertiarisierung, der Auswe itung von Dienstleistungsfunktionen und -beschaftigung gleichermaben innerhalb des Industriesektors statt.“ (IG Metall. 2000. S. 2) Somit verringert sich nicht nur die Zahl der Arbeiter, sondern auch die der Gewerkschaftsmitglieder. Mit der Abnahme der Gewerkschaftsmitglieder wird die Bindekraft der Tarifvertrage geschwacht.

Begunstigt und vorangetrieben wird die Tertiarisierung vor allem durch die rasante Entwicklung auf dem Gebiet des Informations- und Kommunikationssektors. Durch die Digitalisierung der Produktions- und Informationssysteme und die „Verwissenschaftlichung von Produktions- und Arbeitsprozessen“ (Esser. 1998. S. 128) wurden vollig neue Erwerbs- und Beschaftigungsformen geschaffen, die sich raumlich und zeitlich von gewohnten Arbeitsformen losen. Die Gesellschaft entwickelt sich zu einer „Wissens- und Kommunikationsgesellschaft“, die nicht „durch einheitliche Arbeits- und Organisationsmuster gekennzeichnet ist; vieles spricht fur eine Pluralisierung von Beschaftigungsformen und Einkommensstrukturen, der Arbeitsbedingungen und Organisationsformen von Arbeit“ (Heidenreich. 1998. S. 1-2).

Die Organisation sozialer Beziehungen - und dadurch die wissens- und kommunikationsintensive Dienstleistung - wird immer bedeutsamer und verdrangt nunmehr die „arbeitsteilige, hierarchisch organisierte, technisch unterstutzte Fertigung groberer Stuckzahlen von Sachgutern durch lohnab- hangige Beschaftigte“ (Heidenreich. 1998. S. 1)

Im Jahr 2000 waren 61,2 Prozent der Erwerbstatigen im Dienstleistungsbereich tatig, wohingegen sich der Anteil der Beschaftigten im sekundaren Sektor gerade noch auf 33,1 Prozent belief[5].

Durch diese Entwicklung ergibt sich folgende Problematik: In Anbetracht der zunehmenden Diffe- renzierung und Heterogenisierung der Interessen von Beschaftigten und Unternehmen sehen nicht nur Arbeitgeber, sondern vor allem auch viele Arbeitnehmer „in der traditionellen, auf Vereinheit- lichung der Arbeitsbedingungen abzielenden Tarifpolitik der Gewerkschaften eine unangemessene Vereinfachung, die ihren Bedurfnissen und Fahigkeiten nicht entspricht“[6]. Aber problematisch erscheint nicht nur die Tatsache, dass sich eine Vereinheitlichung der Arbeitsbedingungen nicht mehr adaquat durchfuhren lasst und allen Interessen gerecht werden kann, weshalb sich die Zahl der Verbandsaustritte (bei Gewerkschaften als auch Arbeitgeberverbanden) und derjenigen Unte r- nehmen, die gar nicht erst in den Verband eintreten, erhoht und dadurch die Bindungskraft der Tarifvertrage abnimmt. Sondern auch der Umstand, dass ein Grobteil der „New Economy“ keinen Zugang zu den Gewerkschaften sucht, und sich somit (zwischen hochqualifizierten Angestellten und Management) eine neue Kultur der einzelvertraglichen Interessensregulierung bilden kann. Auch muss der Gegebenheit Rechnung getragen werden, dass zu hohe tarifvertragliche Mindest- lohne die Schaffung neuer Arbeitsplatze im Bereich der Dienstleistungen erschw eren, somit den Abbau der Arbeitslosigkeit behindern und die Gesamtentwicklung des Wirtschaftsstandortes Deutschland verzogern.

Der wachsende Trend zur Individualisierung, vor allem aber zur Verbetrieblichung der Interessen s- regulierung (vgl. 5.1) kann als Beleg dafur angesehen werden, dass eine zentrale, allgemeinver- bindliche Regulierung von Arbeitsbedingungen nicht mehr zeitgemab ist. Die (Tarif-)Politik muss sich den Herausforderungen der Zeit stellen und das Kollektivvertragssystem entsprechend kontro l- liert umstrukturieren, bevor es sich selbstandig und unkontrolliert dezentralisiert.

3.3 Die Globalisierung verandert die Wirtschaft nachhaltig

Die Globalisierung stellt eine dritte und besonders interessante Herausforderung fur die industrie l- len Beziehungen (nicht nur) in Deutschland dar:

Im Zuge der von GATT bzw. WTO und EU geforderten Liberalisierung mussten nationalstaatliche Regelungen gelockert bzw. abgeschafft werden. Ebenso wurden internationale Devisen- und Kapi- talverkehrskontrollen dereguliert und liberalisiert, so dass sich internationale Finanz- und Kapital- strome nationaler und internationaler Kontrolle weitestgehend entziehen konnen. Begunstigt durch diese Entwicklung befindet sich die Weltwirtschaft in einem Prozess zunehmender internationaler okonomischer Vernetzung, in dem das Kapital einen erheblichen Machtzuwachs fur sich verbuchen kann, da nicht nur dessen Uberwachung eingeschrankt wurde, sondern weil sich ob der Globalisie- rung auch ein neuer, globaler Spielraum fur Unternehmen geoffnet hat. Viele (grobe) Unternehmen setzen neue Produktionsstandards und folgen dem Trend, sich zu entnationalisieren. Sie suchen sich als „global players“ den fur sie gunstigsten Standort. Um ein Unternehmen anzuwerben bzw. um dessen Abwanderung zu verhindern, mussen die Nationalstaaten im internationalen Wettkampf gunstige Standortbedingungen schaffen - zu Lasten von Lohn- und Sozialstandards. Sie verlieren an Macht, Handlungsfahigkeit und wirtschaftlicher Souveranitat. Aber nicht nur nationale Regi e- rungen, sondern auch nationale Institutionen wie die Gewerkschaften - und demzufolge auch das Kollektivvertragssystem selbst - sind dieser Entwicklung ausgeliefert.

„An die Stelle der (...) internationalen Absicherung nationaler Vollbeschaftigungs - und Sozialpoli- tik ist ein bis dahin nie erreichtes Mab an internationaler Interdependenz getreten, die nationale Institutionen und Politiken dem internationalen Wettbewerb unterwirft und sie in ihrem Ergebnis und Bestand in (...) unvorstellbarer Weise von den „Marktkraften“ abhangig macht.“ (Streeck 1998, S. 2)

Analog haben Bispinck und Schulten drei Ebenen der Globalisierung ausgemacht, die sich unmit- telbar auf das deutsche Kollektivvertragssystem niederschlagen (Bispinck & Schulten 1998, S. 243­244): Die erste Ebene stellt die politische Dimension der Globalisierung dar, der zufolge die Tarif- politik „ihre autonomen verteilungspolitischen Funktionen aufgeben und sich darauf konzentrieren soll, die Konkurrenzbedingungen des „Standort Deutschland“ im globalen Wettbewerb zu verbe s- sern.“ Die zweite Ebene kennzeichnet die Globalisierung der Kapital- und Finanzmarkte. In ihr sind die Unternehmen einem enormen Erfolgsdruck ausgesetzt, der sie zur Senkung ihrer Ko sten drangt. Hierdurch wird die Funktion „einer an traditionellen okonomischen Indikatoren wie Inflati­on und Produktivitat orientierten Tarifpolitik“ untergraben. Die dritte Ebene beschreibt die Global i- sierungsoptionen Transnationaler Konzerne, welche uber ein „Androhungspotential mogl icher Standortverlagerungen“ verfugen, somit die Machtbalance der industriellen Beziehungen zu kippen vermogen, tarifvertragliche Standards unterlaufen und auf betrieblicher Ebene Arbeitsb edingungen am Rande oder jenseits der tariflichen Legalitat durchsetzen konnen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der internationale Wettkampf und die gestiegenen Leistungsan- forderungen eine Reorganisation der Arbeit mit sich bringen. Der Wandel der betrieblichen Rati o- nalisierungsmuster und Arbeitspolitiken (in Form von Arbeitsteilung, flexibler Arbeitszeit, „lean production“, personenbezogene Leistungsbeurteilung etc.), sowie neue Produktionskonzepte fuhren ebenso wie der vermehrte Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien zu einer Differenzierung und Heterogenisierung der Interessen von Beschaftigten und Untemehmen. Die Folgen fur das Kollektivvertragssystem sind bekannt (vgl. 3.2).

Aber nicht nur die Globalisierung wird zum Problem fur den Flachentarifvertrag. Auch der rigide Flachentarifvertrag selbst wird zum Vabanquespiel fur den Wirtschaftsstandort Deutschland, da dieser sich nicht schnell genug und nicht in ausreichendem MaBe an die Erfordernisse der Welt- wirtschaft anpassen kann, dadurch an Wirtschaftlichkeit und Konkurrenzfahigkeit einbuBt und zunehmend ins Hintertreffen gerat. Ein unlukrativer Standort wird jedoch nicht nur durch anstei- gende Arbeitslosenzahlen an seine Pflichten erinnert, sondern auch mit zusatzlicher Belastung se i- ner sozialen Systeme abgestraft. In der Folge erhohen sich die Lohnnebenkosten und die Attraktivi- tat des Faktors Arbeit sinkt weiter.

So schwindet die gesellschaftliche Akzeptanz fur den Flachentarif und es stellt sich die Frage nach der Legitimitat des „Deutschen Modells“ in seiner jetzigen Form.

Das Kollektivvertragssystem konnte solange ausgezeichnet funktionieren, da sich beide Vertrags- parteien seinem Gultigkeitsbereich nicht zu entziehen vermochten, und sich auch der Gegenstand der Verhandlungen (Arbeitszeit, -entgelt) durch eine einheitliche Weise regeln lieB. Jetzt, da es sich in einer globalisierten Weltwirtschaft bewahren muss, scheint es nicht mehr in der Lage zu sein, seine Aufgaben optimal zu erfullen. Es ist zunehmender Kritik und den Forderungen nach seiner Reform oder gar Auflosung ausgesetzt.

3.4 Zwischenfazit

Zusammenfassend lasst sich sagen, dass die Tarifpolitik in Ostdeutschland schwerwiegende Fehler begangen hat. Obwohl, oder gerade weil sie sich am Gedanken der Solidaritat orientierte, hat sie dazu beigetragen, die Zahl der Arbeitslosen zu erhohen, die Wettbewerbsfahigkeit Ostdeutschlands zu senken und die Gesellschaft zu spalten. Ob dieser Fehlentwicklung wachst die Tarifflucht und die Erosion des Kollektivvertragssystems greift auf den Westen Deutschlands uber. Die Erosion des Flachentarifvertrages wird verstarkt durch die Tertiarisierung auf der einen und der Globalisie­rung auf der anderen Seite. Sowohl Tertiarisierung als auch Globalisierung rufen eine Pluralisi e- rung von Arbeits-, Erwerbs- und Lebensformen hervor, deren Anspruche sich nicht durch einen Kollektivvertrag vereinheitlichen lassen, so dass sich Verbandsaustritte und Nicht-Eintritte mehren. Zudem bedingt der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft eine Verringerung der Zahl der Ge- werkschaftsmitglieder ergo der legitimierten Bindungsfahigkeit des Tarifvertrages. Die Globalisi e- rung lasst die Machtbalance zwischen Kapital und Arbeit zu Gunsten transnationaler Unternehmen kippen. Nationale Institutionen verlieren im internationalen Wettkampf an Handlungsfahigkeit und werden „erpressbar“. Die Tarifpolitik wird untergraben und von den Gewerkschaften wird erwartet, dass sie ihre gewohnten Funktionen aufgeben und die Konkurrenzbedingungen Deutschlands verbessern.

[...]


[1] Quelle: http://userpage.fu-berlin/~dittbern/Archiv/Arbeitslos.html#AL_Zahlen

[2] „Deutschland ist Vizeweltmeister bei Steuern und Abgaben“ unter: www.geldcrash.de/Aktuelles/Finanzmarkt/nach-1-03 -html

[3] Gerhard Fels, Direktor d. IW/Koln, zit. nach www.geldcrash.de/Aktuelles/Finanzmarkt/nach-1 -03/nach-1-03.html

[4] Vgl. Streeck, Wolfgang, Der deutsche Kapitalismus: Gibt es ihn? Kann er uberleben?, in: IG Metall (Hg.) Interessensvertretung, Organisationsentwicklung und Gesellschaftsreform. Gewerkschafts- und gesell- schaftspolitisches Forum der IG Metall (15./16.6.1995), Frankfurt 19995, zit. nach Schroeder, Wolfgang (2000). Industrielle Beziehungen in Ostdeutschland: Zwischen Eigensinn undPaternalismus, S. 2

[5] Quelle: Statistisches Bundesamt

[6] Regini 1986, S. 34, zit. in: Bahnmuller, Reihnhard & Bispinck, Reinhard. „Vom Vorzeige zum Auslaufmo- dell?“ in Bispinck, Reinhard (Hg) (1995). Tarifpolitik der Zukunft - Was wird aus dem Flachentarifvertrag? Hamburg, VSA-Verlag

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638207614
ISBN (Buch)
9783638847971
Dateigröße
977 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15735
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Fakultät Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Sozioökonomische Veränderungen Beziehungen Wandel Proseminar Industrielle Europa

Autor

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Titel: Sozioökonomische Veränderungen - Die industriellen Beziehungen im Wandel