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"Deutsches Sprache, schweres Sprache"

Über die Probleme von Kindern und Jugendlichen im deutschen Bildungssystem - mit einer kritischen Auseinandersetzung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 32 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangslage
2.1. Migranten in der BRD und dem deutschen Bildungssystem
2.2. Curriculare Vorgaben im Fach Deutsch an niedersachsischen Hauptschulen
2.3. Ergebnisse aus PISA 2006

3. Mogliche Ursachen von Bildungsdefiziten bei Migranten

4. Wege aus dem Bildungsdefizit - Chancen fur Migranten durch Forderprogramme
4.1. Allgemeine Grundlagen
4.2. vorschulische Sprachforderung
4.2.1. Deutsch far den Schulstart
4.2.2. Das Kieler Modell
4.3. Sprachforderung in der Sek. I - ForMig

5. Konsequenzen und Erkenntnisse aus den Forder programmen - ein vergleichendes und kritisches Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Durch meine Arbeit in der offenen Jugendarbeit[1] werde ich beinahe taglich mit den verschiedensten Phanomenen der deutschen Sprache konfrontiert. Viele dieser Sprachvariationen sind durch eine heterogene Mischung der sozialen Gruppe begrundet, mit der ich im Zuge dieser Arbeit in Kontakt komme. Zusatzlich weise ich, durch mein Studium der Germanistik, sicherlich eine erhohte Sensibilitat bezuglich der deutschen Sprache auf, sodass mir Abweichungen von der Standardsprache moglicherweise eher auffallen, als anderen Menschen. Oftmals handelt es sich dabei auch um Soziolekte[2], in einigen Fallen lassen sich diese Phanomene jedoch nicht mit einem Begriff der Linguistik fassen.

A: „Ey, bist du Bus oder Fahrrad?

Y: „Ne, ich bin Fahrrad hier.“

A: „Kommst du nachher mit Busse [Bushaltestelle] ?“

Y: „Ne, ich hab‘ nichts Lust dafurl[3]

Diese Anekdote aus meinem Alltag soll die Intention dieser Arbeit verdeutlichen, warum es wichtig ist, sich mit dem Bildungsstand der Kinder und Jugendlichen, sei es mit oder ohne Migrationshintergrund, zu befassen.

Im Zuge dieser Arbeit werde ich die gegenwartige Zusammensetzung der deutschen Gesellschaft kurz skizzieren und auf das deutsche Schulsystem ubertragen. Dazu beziehe ich mich auf die curricularen Vorgaben fur das Fach Deutsch und werde kurz auf die Ergebnisse von PISA eingehen. Anschliefiend versucht diese Arbeit die Ursachen von Bildungsdefiziten bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu erlautern. Der Hauptteil meiner Arbeit konzentriert sich dann naturlich auf die Moglichkeiten zur Beseitigung der bestehenden Bildungsdefizite. Dies wird uber das exemplarische Vorstellen von drei Forderungsprogrammen mit unterschiedlichen Ansatzen geschehen, die abschliefiend von mir kritisch betrachtet und reflektiert werden.

2. Ausgangslage

2.1.Migranten in der BRD und dem deutschen Bildungssystem

In Deutschland leben derzeit ungefahr 15,5 Millionen[4] [5] Menschen mit Migrationshintergrund. Das heifit, 18,9% unserer Bevolkerung sind Migranten[6]. In Niedersachsen sind ca. 500.000 Menschen[7] mit Migrationshintergrund ansassig, was somit einen Anteil von 6,25% der niedersachsischen Gesamtbevolkerung ausmacht. Fur die Kinder und Jugendlichen dieser Bevolkerungsgruppe bedeutet das neben kulturellen Veranderungen auch auf ihrem Bildungsweg Schwierigkeiten, Missstanden und sogar Benachteiligungen begegnen zu mussen. So sind Schuler mit Migrationshintergrund in den Hauptschulen Niedersachsens eindeutig uberreprasentiert. So besuchen 37,3% aller Kinder mit auslandischen Wurzeln diese Schulform. Im Vergleich dazu besuchen nur 24,7% aller deutschstammigen Schuler die Hauptschule. Dieses Verhaltnis kehrt sich mit steigendem Bildungsniveau jedoch um. So ist es an den Realschulen um Bundesgebiet nahezu ausgeglichen, 35,6% Migranten zu 37,3% Deutsche, zeigt jedoch an den Gymnasien eine deutliche Diskrepanz auf, 20,2% Migranten zu 33,7% Deutsche.[8] Diese Zahlen verdeutlichen, dass im Zuge der Bildungspolitik und der Konzeption von Bildungsstandards und Curricular auf die Bevolkerungsgruppe der Migranten eingegangen werden muss, da sie langst keine Randgruppe oder Minderheit mehr darstellen.

2.2. Curriculare Vorgaben im Fach Deutsch an niedersachsischen Hauptschulen

Warum in dieser Arbeit gerade die Hauptschulen im Betrachtungsmittelpunkt stehen sollen, wird durch die vorher genannten Zahlen eindrucksvoll verdeutlicht. Der Grofiteil der in Niedersachsen lebenden Schuler mit Migrationshintergrund besucht eben jene Schulform, findet dort sogar eine massive Uberreprasentation. Somit will ich mich hier den Vorgaben des niedersachsischen Kerncurriculums fur das Fach Deutsch zuwenden, um die erwarteten Kompetenzen der Schuler herauszuarbeiten.

Unter Kompetenzen versteht das Niedersachsische Kultusministerium „[die]Fahigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten, aber auch Bereitschaften, Haltungen und Einstellungen, uber die Schulerinnen und Schuler verfugen mussen, um Anforderungssituationen gewachsen zu sein.“[9]

Nach dem Kerncurriculum werden diese Fahigkeiten in zwei Kompetenzbereiche untergliedert. Einerseits wird hier zwischen dem inhaltsbezogenen Kompetenzbereich, bestehend aus Sprechen und Zuhoren, Schreiben, Lesen - mit Texten und Medien umgehen und Sprache und Sprachgebrauch untersuchen, und andererseits dem methodenbezogenen Kompetenzbereich, im dem die Schuler uber fachspezifische Methoden und Arbeitstechniken verfugen sollten, unterschieden.[10] Verallgemeinernd lassen sich die Fertigkeiten des inhaltsbezogenen Kompetenzbereiches auf folgende Kernkompetenzen, auch klassenubergreifend, zusammenfassen.[11] Im Bereich Sprechen und Zuhoren wird von den Schulern grundsatzlich die Fahigkeit der Artikulierung und der Orientierung an der deutschen Standardsprache erwartet. Ferner sollten sie in der Lage sein, ein Gesprach auf dessen Informationsgehalt hin zu untersuchen und diesen zu deuten. Aufierdem sollten sie sich an die normierten Gesprachsregeln von Zuhoren und Ausreden lassen halten konnen. Im Bereich Schreiben sind die Kemkompetenzen das Anwenden der richtigen Orthographie-, Grammatik- und Interpunktionsregeln. Weiterhin wird mit steigender Klassenstufe erwartet, dass die Schuler auch ungebrauchliche Begriffe und Fremdworter den Regeln entsprechend richtig schreiben. Im Bereich Lesen - mit Texten und Medien umgehen liegen die Kernkompetenzen auf dem fliefienden und dem zeilenubergreifend richtigem Lesen von Texten. Die Schuler sollten die Wortbedeutungen erkennen und die Textzusammenhange richtig deuten konnen. Aufierdem wird verlangt, dass sie den Textinhalt richtig erfassen.[12]

Diese Kompetenzen werden mit Beginn der Schullaufbahn vermittelt und in den weiterfuhrenden Jahrgangen vertieft und intensiviert. Im Idealfall sollen die Schuler in Lage sein, vorhandenes Wissen zu aktivieren und auf den neuen Lernstoff zu transferieren. Es liegt jedoch auf der Hand, dass fur einen bestmoglichen Lernerfolg bereits im Vorschulalter die Grundlagen dafur gelegt werden mussen. Ob und in welchem Umfang dies bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund der Fall ist, soll in den folgenden Kapiteln geklart werden.

2.3. Ergebnisse aus PISA 2006

Die PISA-Studie 2006 ist der dritte Landervergleich, nach 2000 und 2003. Das „Programme for International Student Assessment“[13] [14] ist eine vom OECD[15] organisierte internationale Vergleichsstudie, deren Ziel es ist, den Erfolg der Bildung-systeme zu untersuchen. Die Zielgruppe dieser Studie sind 15jahrige Schuler der verschiedensten Schulformen. Dazu erhalten die Schuler Fragebogen, die ihre Grundkompetenzen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erfassen sollen. Es werden jedoch nicht nur Fertigkeiten im schulischen Bereich erfasst. Durch PISA wird ebenfalls „regelmafiig der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenz erfasst.“[16] Durch diese Datenerhebung konnen Ruckschlusse auf etwaige Disparitaten im Bildungssystem gezogen werden.

Fur diese Arbeit sind die Ergebnisse im Bereich der Lesekompetenz von primarem Interesse, hangt die Lesekompetenz doch eng mit der Sprachkompetenz und Sprachkenntnissen zusammen. Um diese Lesekompetenz zu erfassen, werden den Schulern bei der PISA-Studie verschiedene Texte und Textformen vorgelegt. Diese dienen unterschiedlichsten Leseanforderungen, wie dem Lesen fur private, schulische, berufliche oder offentliche Zwecke. Zusatzlich werden den Lesern so genannte Leseaufgaben gestellt. Diese bezwecken die Interpretation und Reflektion nach Form und Inhalt bestimmter Texte. Das Ergebnis dieser Erhebung fur PISA 2006 gibt wieder, dass die Lesekompetenz deutscher Schuler im Alter von 15 Jahren im OECD-Mittel liegt.[17] Das heifit, deutsche Schuler sind in der Lage ihre Lesekompetenzen durchschnittlich gut anzuwenden. Im Umkehrschluss heifit das jedoch auch, deutsche Schulen und Lehrer sind in der Lage, den Schulern diese Kompetenzen durchschnittlich gut zu vermitteln.[18]

Fur die Betrachtung dieser Arbeit ist es jedoch interessanter, sich den PISA- Ergebnissen von Schulern mit Migrationshintergrund zuzuwenden. Aus diesen wird deutlich, dass Migrantenkinder eine deutlich schlechtere Lesekompetenz aufweisen, als Kinder ohne Migrationshintergrund.[19] In Niedersachsens Schulen sind das immerhin 17,4% aller Schuler, die diese Defizite aufweisen.[20] Aus diesen Ergebnissen ergibt sich die Frage, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der ethnischen Herkunft und diesen Bildungsdefiziten gibt und wenn vorhanden, muss die Konsequenz sein, Uberlegungen uber Moglichkeiten zur Beseitigung anzustellen.

[...]


[1] Mit offener Jugendarbeit meint man die Arbeit, die bei offentlichen Tragern (z.B. Kommunen, Gemeinden, Stadten) im Jugendbereich geleistet wird. Ein weiteres wesentliches Merkmal der offenen Jugendarbeit ist es, dass jeder Jugendliche diese Angebote, meist unentgeltlich, nutzen kann. In meinem speziellen Fall sieht das so aus, dass ich an drei Tagen der Woche die Betreuung in einem Jugendtreff anbiete.

[2] Als Soziolekt, auch Gruppensprache genannt, bezeichnet man die Gesamtheit der sprachlichen Besonderheiten einer Gruppe, wobei betreffende Gruppe andere Gemeinsamkeiten aufweisen muss, als die sprachliche Ubereinstimmung. (vgl. Metzler Lexikon Sprache 2004, S. 604.) Auf meine Situation ubertragen kann man in vielen Fallen vom Soziolekt sprechen, da die Jugendlichen alle der gleichen Clique mit gleichen Hobbies und in vielen Fallen sogar der gleichen ethnischen Herkunft angehoren.

[3] Diese Unterhaltung ist hier nach Gedachtnisprotokoll aufgeschrieben und ereignete sich so zwischen zwei Jugendlichen turkischer Herkunft im Jugendtreff. Auffallig sind hier das Fehlen von Artikeln und Prapositionen (mit dem Bus, mit dem Fahrrad) und das falsche Genus bezuglich Lust. Der Begriff Busse kann durchaus als Besonderheit der Jugendsprache zugeordnet werden.

[4] Bei samtlichen Personenbezeichnungen wird zugunsten der Lesbarkeit und des Verstandnisses auf die Benutzung der geschlechtsspezifischen Formulierung verzichtet. Es wird stets die generische Form verwendet, die beide Geschlechter einschliefit.

[5] Nach dem statistischen Bundesamt belief sich die genaue Zahl im Jahre 2008 auf 15.556.00 Menschen. vgl. http://www.destatis.de/ietspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Navigation/Statistiken/Bevoelkerung/Migrationlntegration/Migrationshintergrund/Migrationshintergrund.psml

[6] Als Migranten bezeichnet man diejenigen Menschen, die selbst im Ausland geboren wurden oder bei denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde. vgl. PISA-Konsortium Deutschland 2006, S. 348.

[7] vgl. Minas - Atlas uber Migration, Integration und Asyl 2008, S. 63.

[8] vgl. PISA-Konsortium 2006, S. 360.

[9] Kerncurriculum fur die Hauptschule 2006, S .5.

[10] Kerncurriculum fur die Hauptschule 2006, S. 11.

[11] Die im Kerncurriculum aufgefuhrten Kompetenzen werden hier stark verallgemeinert und zusammengefasst, da es nicht Gegenstand dieser Arbeit ist, eine Analyse des Curriculums durchzufuhren. Es soll lediglich eine grobe Vorstellung des, im Kerncurriculum, verankerten Kompetenzbereiches dargestellt werden. Daher werden die dort beschriebenen Fertigkeiten auf ein fur diese Arbeit sinnvolles Mafi herunter gebrochen.

[12] vgl. Kerncurriculum fur die Hauptschule 2006, S. 13 - 46.

[13] Da die Ergebnisse aus der PISA-Studie 2009 erst fur Dezember 2010 angekundigt sind, dient die Studie von 2006 als aktuelle Erkenntnisgrundlage.

[14] PISA-Konsortium Deutschland 2006, S. 15.

[15] Organisation fur wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (engl. Organisation for Economic Cooperation and Development). Die OECD besteht aus 32 Mitgliedsstaaten, die sich u.a. die Steigerung des Lebensstandards und der Beschaftigungszahl zum Ziel gemacht haben. vgl.: http://www.oecd.org/pages/0,3417.de 34968570 35009030 1 1 1 1 1.00.html

[16] PISA-Konsortium 2006, S. 26.

[17] Der OECD-Durchschnitt liegt hier bei 492 Punkten, Deutschland erreichte 495 Punkte. Der Wert weicht also nicht significant vom OECD-Durchschnitt ab. Fur Niedersachsen wurde jedoch nur eine Punktzahl von 484 Punkten erreicht. Dieses Ergebnis wird als signifikant unter dem OECD-Durchschnitt bewertet. vgl.: PISA-Konsortium 2006, S. 108 - 109.

[18] Diese Aussage ist hier vorerst wertfrei gemeint.

[19] vgl. PISA-Konsortium 2006, S. 364 (Abb. 10.4).

[20] vgl. PISA-Konsortium 2006, S. 351 (Tabelle 10.1).

Details

Seiten
32
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640698653
ISBN (Buch)
9783640698745
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157426
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Germanisitk
Note
1,3
Schlagworte
Bildungsdefizite Migranten Migrationshintergrund PISA Kerncurriculum Förderprogramme Sprachförderung Deutsch als Zweitsprache Daz DaF Deutsch als Fremdsprache Bildungssystem

Autor

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