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Der Begriff der Öffentlichkeit in Plesssners "Grenzen der Gemeinschaft"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 15 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition und Entwicklung des plessnerschen Öffentlichkeitsbegriffes

3. Das Reich der Alltäglichkeiten

4. Die Zivilisation

5. Die funktionale(n) Ausdifferenzierung(en)

6. Der Staat

7. Schlussbetrachtungen

8. Literatur :

1. Einleitung

„Über Wesen und Geltungsanspruch der Öffentlichkeit schwanken die Urteile in Deutschland noch heute in einem Maße,wie es wohl nirgendwo im Ausland denkbar wäre“[1]

Das gewählte Zitat von R. Smend aus den 50er Jahren macht deutlich, dass eine exakte Definition der Öffentlichkeit schwer fällt und nach seiner Auffassung, keineswegs eine einheitliche Meinung über Sinn und Wesen der Öffentlichkeit in Deutschland besteht. Doch was heißt denn genau Öffentlichkeit und wo existiert diese?

Eine Abgrenzung des Begriffes erfolgte als erstes im antiken Griechenland. Aristoteles schuf in seinem Modell eines Staates (Politeia), zwei voneinander getrennte Sphären. Zum einen die Sphäre des Privaten, die er mit dem eigenen Haus (Oikos) verband, zum anderen die Sphäre des Öffentlichen (Polis). Die Sphäre des Privaten war für Aristoteles ein Ort der biologischen Reproduktion. Das Haus stellte dabei einen festen Ort in der Welt, für die darin lebenden Personen, dar und lag für andere im Verborgenen. Die Sphäre der Öffentlichkeit hingegen war für Aristoteles durch Pluralität gekennzeichnet. Darunter verstand er, dass der Staat aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Menschen und Interessen bestehen sollte und nicht nur ein größeres Haus sein in dem nur eine Gruppe oder eine Person herrscht oder in der der Besitz auf alle gleich verteilt wird, wie es beispielsweise Platon formulierte.[2] Die Öffentlichkeit zeichnete sich für Aristoteles dadurch aus, dass sie ein Ort des Handelns war, also ein Ort an dem Entscheidungen gefällt wurden. Die öffentliche Sphäre und der Staat scheinen hierbei keine scharfe Trennung voneinander zu erleiden, im Gegenteil sind Staat und Öffentlichkeit für Aristoteles dasselbe. Wenn das Haus der Träger des Privaten und das Heraustreten daraus, den Übergang in die Öffentlichkeit markiert, dann sind die einzelnen Sphären nach aristotelischem Verständnis rein räumlicher Natur.

Die Verbindung von Öffentlichkeit und Staat wurde von den Römern übernommen, bei denen der Staat „res publica“ (öffentliche Sache) hieß und auch heute stehen Öffentlichkeit und Staat noch in einem engen Verhältnis. Der Begriff des Privaten hat jedoch in der Neuzeit eine Wandlung erfahren. Der „feste Ort in der Welt“, der bei Aristoteles noch das Haus war, deutet Hegel in das Wesen des Menschen an sich, der feste Ort in der Welt, ist nun die Innerlichkeit geworden.

Wenn aber die Person an sich der Träger der Privatheit ist, kann eine räumliche Trennung von Privatem und Öffentlichem nicht mehr alleiniges Kriterium sein. Dies wirft aber eine deutliche Frage auf. Wo ist nun die Öffentlichkeit, wenn sie kein klar definierter Raum mehr ist und wann werden Individuen als Träger ihrer „Privatheit“ Teil der Öffentlichkeit?

Wenn wir den Blick von der antiken Poliswelt der Griechen zu den modernen Gesellschaften des 20. und 21. Jahrhunderts wenden, kann die aristotelische Einteilung von Privat und Öffentlichkeit nicht mehr bestand haben. Wenn wir nur den räumlichen Aspekt der Deskription des Öffentlichkeitsbegriffes von Aristoteles folgen, so treten wir mit dem Verlassen unseres Hauses in eine Sphäre der Öffentlichkeit, die jedoch nicht automatisch der Staat ist. Denn wenn Staat und Öffentlichkeit dasselbe wären, wäre schon ein Spaziergang eine Teilhabe am Staat. Wenn der Spaziergang aber nicht in der Sphäre des Staates stattfindet, bzw. ihr zugerechnet werden kann, so findet er doch unbestreitbar in der Öffentlichkeit statt. Es muss also mehrere Öffentlichkeiten geben zwischen denen sich ein Individuum bewegen kann.

Auch wenn eine genaue Beschreibung der Öffentlichkeit schwierig ist, so kann doch kein Zweifel

daran bestehen, dass die Öffentlichkeit für moderne Demokratien vielleicht das wichtigste Kriterium überhaupt ist, denn was wäre eine Demokratie ohne Öffentlichkeit? Öffentlichkeit macht vielmehr Politik und gesellschaftliches miteinander, wie es unserem heutigen Verständnis entspricht, erst möglich. Öffentlichkeit als Prinzip kann daher als fundamental für Ideen wie Demokratie oder Objektivität angesehen werden. Die Öffentlichkeit kann jedoch unterschiedliche Bedeutungen haben. Sie kann als Raum wahrgenommen werden, der allen zugänglich ist, als Ort der Begegnung fremder Menschen, als Ort der Entscheidungen und der Meinungsbildung.

Die Öffentlichkeit kann aber nicht nur räumlich, sondern auch als normatives Prinzip, wahrgenommen werden, dass mehr als jedes andere Prinzip das Wesen moderner Demokratien darstellt.

Die Vorstellung von Öffentlichkeit und Privatheit wird in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts von Helmuth Plessner in dem Werk, „Grenzen der Gemeinschaft“, in völlig neue Dimensionen gerückt. Darin richtet er sich gegen Tendenzen seiner Zeit, die Gemeinschaft über die Gesellschaft zu erheben. Plessner weist in seinem Werk „Grenzen der Gemeinschaft“ die „Panarchie der Gemeinschaft“ zurück, welche für ihn aus dem Modernisierungsprozess hervorgeht und Teil des sozialen Radikalismus ist. Er betont die „Unaufhebbarkeit der Öffentlichkeit“.[3] Die Öffentlichkeit scheint also für Plessner das Hauptargument zu sein, welches gegen einen sozialen Radikalismus, gegen eine Ausweitung der Gemeinschaft spricht. Doch wie versteht Plessner Öffentlichkeit und welche Dimensionen erreicht seine Idee einer Öffentlichkeit?

Ich werde versuchen, mich in der folgenden Arbeit dem Plessnerschen Öffentlichkeitsbegriff zu nähern, den er in seinem Buch darstellt. Dabei werde ich seinem, im Buch konstruierten, Schema folgen und vom Allgemeinen zum Expliziten vorgehen.

2. Definition und Entwicklung des plessnerschen Öffentlichkeitsbegriffes

Plessner entwickelt den Begriff der Öffentlichkeit in seinem Buch, wie schon erwähnt, vom Allgemeinen zum Expliziten. Die Öffentlichkeit ist für Plessner ein multiples Gebilde, dass unterschiedliche Erscheinungsformen zum Ausdruck bringt. Die unterschiedlichen Öffentlichkeiten sind bei Helmuth Plessner nicht räumlich, sondern funktional determiniert.

Die Öffentlichkeit ist für Plessner eine Tatsache, die als solches, egal in welcher Form sie vorliegt, der „Unaufhebarkeit“ unterliegt.[4] Sie kann also weder aufgelöst noch geleugnet werden. Plessner führt diese Tatsache als Beweis gegen die Verfechter der radikalen Gemeinschaft ins Felde, die der Meinung sind die Gemeinschaft lasse sich beliebig ausweiten.

Diese unaufhebbare Öffentlichkeit beginnt für Plessner dort, „wo Liebe und blutsmäßige Verbundenheit aufhören“. Also liegt die Öffentlichkeit für Plessner in allen Interaktionen, die außerhalb der Gemeinschaft liegen.[5] Die Gemeinschaft wiederum zeichnet sich nach Plessner durch ihr verbindendes Element, die Liebe, aus. Also kann daraus geschlossen werden, überall dort, wo keine verbindenden Elemente der Liebe oder der Verwandtschaft vorhanden sind muss demnach Öffentlichkeit sein.

Die Öffentlichkeit verläuft also außerhalb der Gemeinschaft, räumlich gesehen, auch wenn Plessner sie nicht ausschließlich räumlich definiert, um die Gemeinschaft herum. Die wesentlichen Merkmale der Öffentlichkeit, welche hier zunächst einmal ganz allgemeine Betrachtung erhält, sind vielfältig. Die Öffentlichkeit ist der „Inbegriff von Möglichkeitsbeziehungen“ zwischen beliebig vielen Personen.[6] Zwei Grundelemente des Plessnerschen Verständnisses treten hier deutlich zutage, zum einen, die schon von mir erwähnte Bindung der Öffentlichkeit an eine Funktion und zum anderen die Art der Beschreibung von Zuständen, wie sie ganz typisch für Plessner ist. Der Begriff „Möglichkeitsbeziehungen“ beschreibt einen Zustand der Wahrscheinlichkeiten, einen Zustand, der

in einem Spannungsverhältnis steht und wie so vieles in der plessnerschen Theorie keiner genauen Festlegung entspricht. Die Öffentlichkeit wird von Plessner als „offener Horizont“ bezeichnet, der dadurch, dass er so ungenau ist, auf die Person einwirkt, also eine „sozialformende Macht ersten Ranges“ ist.[7] Das soziale Risiko, dass in der Öffentlichkeit lauert, bringt die Menschen dazu sich vor ihr zu schützen. Schutz wiederum finden die Menschen nur innerhalb der Gemeinschaft, in ihrer eigenen Sphäre der Vertrautheit. So schafft die Öffentlichkeit, durch ihre „Negativität“, die Gemeinschaft. Gemeinschaft kann also nur als Abgrenzung gegen eine „Nicht-Gemeinschaft“ bestand haben. So wirkt die Öffentlichkeit nach Plessner in zweierlei Richtungen, zum einen gemeinschaftsbildend und zum anderen gesellschaftsbildend. Es wird deutlich, dass Plessner mit der üblichen Methode, Gemeinschaft gegen Gesellschaft zu stellen, gleichsam eine Dialektik zu bilden, bricht. Für Plessner gehören beide Sphären gleichberechtigt zum Menschen und bedingen sich, existentiell, gegenseitig. Die Öffentlichkeit besteht für Plessner aus einem vielschichtigen System, in welchem unterschiedliche Öffentlichkeiten existieren. Je nachdem welche Funktion diese Öffentlichkeit gerade erfüllt oder welche Ansprüche an sie gestellt werden, unterscheidet Plessner in unterschiedliche Sphären. So wird die jeweilige Sphäre danach bewertet, was sie jeweils „leisten“ kann. So unterscheidet sich beispielsweise der tagtägliche Einkauf von Lebensmittel, der in Öffentlichkeit stattfindet, fundamental von dem Treffen zweier Außenminister. Plessner zerlegt diese Öffentlichkeit in einzelnen Sphären und analysiert deren Sinn und Zweck. Er kommt dabei vom Allgemeinen zum Speziellen, vom Spaziergang zum Staatsakt.

[...]


[1] Smend, R., Zum Problem des Öffentlichen und der Öffentlichkeit(1954), in: Ders., Staatsrechtliche Abhandlungen und andere Aufsätze, Berlin 1968, S.472

[2] Reese- Schäfer, Walter: Klassiker der politischen Ideengeschichte, von Platon bis Marx, München 2007. S. 29-30

[3] Benner, Dietrich, Oelkers, Jürgen [Hrsg.]: Historisches Wörterbuch der Pädagogik, Weinheim und Basel 2004. S. 748

[4] Plessner, Helmuth: Grenzen der Gemeinschaft, eine Kritik des sozialen Radikalismus, mit einem Nachwort von Joachim Fischer, In: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1540, F. a. M. 2002, erste Auflage Bonn 1924. S. 55

[5] Ebd. S. 55

[6] Ebd. S. 55

[7] Ebd. S. 55

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640706747
ISBN (Buch)
9783640707133
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157521
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – wirtschafts- und sozialwissenschaftzliches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Begriff Plesssners Grenzen Gemeinschaft

Autor

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