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Kinder- und Jugendarbeit in der Kommune

Legitimation und Zukunft am Beispiel offen geführter Jugendhäuser

Diplomarbeit 2010 140 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Offene Kinder-und Jugendarbeit
2.1 Definition
2.1.1 Finanzierung, Infrastruktur und Qualifikation der Fachkrafte
2.1.2 Strukturprinzipien und ihre Bedeutung fur Bildung
2.2 Anforderungen, Problemlagen und Kritik - eine Gegenwartsanalyse
2.2.1 AdressatInnen und Angebote
2.2.2 Inhaltlich konzeptionelle Orientierung und Identitat
2.2.3 Finanzen und Politik
2.2.4 Forschung, Legitimation und Profession

3 Kompensationsansatze
3.1 Die Padagogik der Kinder- und Jugendarbeit - Alter Wein in neu- en Schlauchen ?
3.2 QQS und WANJA - Hilfen zur konzeptionellen Gestaltung von Of- fener Kinder- und Jugendarbeit
3.3 Qualitat durch Wirksamkeitsdialoge?

4 Offen gefUhrte Jugendhauser - ein Auslaufmodell oder Baukasten fUr dieZukunft ?
4.1 Jugendsozialarbeit, Jugendberufshilfe und die OGS als neue Do- mizile der Offenen Kinder- und Jugendarbeit?
4.2 Zwischen Utopie und Wirklichkeit: die eigenstandige Offene Kinder-und Jugendarbeit
4.2.1 „Mein Versuch 1“

5 Fazit

A Abbildungskommentar

B Literaturverzeichnis

Einleitung

Wurde in der Vergangenheit durchaus schon das ein oder andere Mal nach dem Sinn und Zweck und der eigentlichen Relevanz von Kinder- und Jugendarbeit fUr die Gesellschaft gefragt (vgl.Giesecke 1984 ,,Wozu noch Jugendarbeit?“; Thole 2000 „Warum uberhaupt noch Jugendarbeit“ S.275), stand sie doch nie unter einem solchen inhaltlichen und strukturellen Veranderungsdruck wie heute. Der Prozess des gesellschaftlichen Wandels und die Konsequenzen des PISA-Schocks produzieren fur die Kinder- und Jugendarbeit augenblicklich einen so noch nicht da gewesenen existentiellen Handlungs(/Wandlungs-)bedarf. Die strukturellen Veranderungen unserer Gesellschaft (Auflosung tradierter Lebensformen, der Wandel der Familie, die Erosion sozialer Milieus, die schwierigeren Bedingungen des Arbeitsmarkts, die neuen An- forderungen an Bildung und Erziehung und der Bedeutungszuwachs von Prevention [in Bezug auf Gewalt und Kriminalitat] und sozialer Integration) uberfrachten die Kinder- und Jugendarbeit derzeit mit immer neuen und oft auch widerspriichlichen Anforderungen, die sie in ihre Arbeit integrieren soll. In Ermangelung eines dies verarbeitenden Selbstkonzepts, fallt es der Kinder- und Jugendarbeit jedoch zusehends schwerer, den Prozess des Ausgleichs und der Integration dieser Anforderungen zu einem positiven Abschluss zu fuhren, zu vieles andert sich derweil zu grundlegend.

In einem diffusen, wenig fundierten und mit den Zielen von Kinder- und Jugendarbeit selten austarierten Reaktionsmix, lauft Kinder- und Jugendarbeit aktuell eher Gefahr sich zu iiberfordern und zu einer Erganzungsinstitution anderer Einrichtungen wie z.B. der Schule zu werden (besonders die Offene Kinder- und Jugendarbeit). Denn Kinder- und Jugendarbeit in ihrem vielseitigen auBeren wie inhaltlichen Erscheinungsbild (Jugendhauser, einzelne Angebote verbandliche Jugendarbeit, Jugendkulturarbeit, aufsuchende Jugendarbeit etc.) ist keine unabhangig operierende Institution. Seit knapp fiinfzig Jahren[1] steht sie offiziell als dritte Institution neben der Schule und dem Elternhaus im System der Sozialisationsinstanzen und muss sich mit Veranderungen der am Systemverbund beteiligten Personen und Einrichtungen auseinandersetzen. War Wandel, Wechsel und Fluktuation, ob gesellschaftlich, inhaltlich oder die Le- benswelt der Kinder und Jugendlichen als AdressatInnen betreffend, fur Kinder- und Jugendarbeit bisher also ein traditionell alltagliches Geschaft und (seit 1990) auch ein gesetzlicher Auftrag (11, SGB VIII), ist der Umfang und die Intensitat des Wandels von der jetzigen Form der Kinder- und Jugendarbeit kaum noch zu kompensieren.

Entscheidend ist hier, wie auch in vielen anderen Bereichen, die mangelnde Kom- munikation zwischen Theorie und Praxis. Denn besonders die aktuelle Debatte um Bildung, Bildungsraume und Gelegenheiten wird zu fern der Praxis gefuhrt, obwohl diese intensiver von ihr betroffen ist. Wahrend sich die padagogische Fachwelt schon seit Mitte der 1990er Jahre in einer aktiven Diskussion um die Bildungsfunktion der Kinder- und Jugendarbeit befindet, hat sich die Praxis gerade erst mit dem Konzept der Sozialraumanalyse[2] auseinandergesetzt. Dementsprechend sind ihre bildungsspezifi- schen MaBnahmen eher holprig und stark an die Schule angelehnt.

Die Auseinandersetzung mit der Bildungsdebatte wird von der Praxis der Kinder- und Jugendarbeit als von auBen aufgezwungen erlebt, ihre diesbeziiglichen Angebote und ihr Engagement erscheinen in einer dementsprechend zogerlichen Qualitat. Das sie sich der Bildungsdebatte inhaltlich nicht verschlieBen kann, ist den padagogischen Fachkraften besonders der Praxis der ,,Offenen“ Kinder- und Jugendarbeit durchaus bewusst, jedoch nicht, um ihrem Arbeitsfeld in der weit verbreiteten Suchbewegung nach einer Neuorientierung des Bildungs- und Erziehungssystems einen unstreitigen Platz zu sichern (oder im Zuge ihres ureigenen Bildungsauftrags zu behalten), son- dern weil die Konsequenzen der PISA-Debatte insbesondere ihre zeitliche Struktur konterkariert. Die Einfuhrung der Offenen Ganztagsschule (OGS), als entscheidende Veranderung des einflussreichen Systemnachbarn Schule, griff nachhaltig in den zeitliche und auch den inhaltliche Ablauf der Kinder- und Jugendarbeit ein und brachte diese in Zugzwang. Da Kinder- und Jugendarbeit auf die ,,Freizeit“ ihrer AdressatInnen angewiesen ist, musste sie darauf reagieren, dass die Schule nun immer mehr davon abzweigt. Eine Form dieser Reaktion (vor allem in offen gefuhrten Jugendhausern) ist ein eigenes Ubermittagsbetreuungsangebot, um sich nicht nur BesucherInnen zu sichern, sondern auch Geldmittel. Problematisch an dieser von auBen auf die Kinder- und Jugendarbeit einwirkenden Wandlungsanforderung ist jedoch, das richtige MaB fur dieses Feld zu finden und uber den wachsenden Bedarf an Hausaufgabenhilfe (der Schule!), nicht den Bezug zum Selbstverstandnis der eigenen Arbeit zu verlieren (und auch nicht zum eigenen Bildungsauftrag). Denn dies leitete sich im Ursprung bisher aus den Interessen und Bediirfnissen ihrer BesucherInnen ab und nicht aus den „hausgemachten“ Problemen anderer GroBinstitutionen.

Fur Kinder und Jugendliche sind Institutionen der Kinder- und Jugendarbeit Orte der Freizeit, die auBerschulische Angebote zum (unter anderem) Zeitvertreib bereitstellen, ahnlich wie Kinos, Bars, Erlebnisparks und Unterhaltungselektronik. Sie betrachten Kinder- und Jugendarbeit nicht als Hort oder OGS, sondern als auBerschulische Freizeitinstitution, die sie, anders als die Schule, freiwillig besuchen und auch wieder verlassen konnen.

Diese Freiwilligkeit der Teilnahme stellt an die Kinder- und Jugendarbeit besondere Anforderungen. Der standig expandierende Freizeitmarkt halt eine groBe Optionsviel- falt fur junge Menschen bereit, die der Kinder- und Jugendarbeit als Konkurrent um die freie Zeit der Kinder und Jugendlichen, einiges abverlangt um sich ihre BesucherInnen zu sichern. Nicht selten werden, unter anderem, offen gefuhrte Jugendhauser in erhohtem MaBe Anlaufstelle fur sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, denen das Geld fur eine adaquate andere Freizeitgestaltung fehlt.

Neben der selbst gewahlten Mitgliedschaft im Sozialisationssystem ist die Kinder- und Jugendarbeit fur ihre AdressatInnen also vornehmlich Teil des Freizeitsystems.

Letzteres macht die neue Konkurrenz mit der Schule um die Zeit der Kinder und Jugendlichen besonders prekar. War Kinder- und Jugendarbeit gerade dabei, durch Computerraume, Internetcafes und virtuelle Sportturniere die Auswirkungen der neuen Medien zu kompensieren, wird die gewonnene Zeit, die Kinder und Jugendliche dadurch wieder mehr in den Jugendhausern verbrachten, nun von der neuen Institution OGS gebunden.

Da junge Leute auch schlafen, essen und Wege zuriick legen miissen, bleibt die Frage, wann sie ein Jugendhaus oder ein anderes Angebot der Kinder- und Jugendarbeit unter der Woche noch besuchen sollen?

Nun soll an dieser Stelle nicht der Eindruck entstehen, die PISA-Auswirkungen und die Freizeitindustrie seien die einzigen Probleme, mit denen sich die Kinder- und Jugendarbeit auseinander setzen muss. Es sind jedoch, meines Erachtens, diejenigen Schwierigkeiten, die eine Legitimation auf lange Sicht erheblich erschweren werden. Denn ohne BesucherInnen oder durch die Einschrankung auf ein bestimmtes Klientel, muss sich Kinder- und Jugendarbeit vollig anders ausrichten und in der Folge stellt sich die Frage, wie viel sowohl inhaltlich als auch personell und institutionell dann am Ende noch von ihr ubrig ist.

Die zukunftig entscheidende Frage fur die Kinder- und Jugendarbeit ware also, ob sie sich aktiv an einer inhaltlich strukturellen Neupositionierung ihres Feldes beteiligt oder ob sie sich von andern Institutionen ins Abseits einer reinen Wochenendveranstaltung drangen lasst?

Eine aktive Beteiligung setzt jedoch voraus, dass die Akteure (vor allem) der Offene Kinder- und Jugendarbeit eine Vorstellung von dem entwickeln, was ihr Arbeitsfeld in Zukunft darstellen soll, kann und will.

Soll Kinder- und Jugendarbeit ihre Bildungsfunktion herausstellen (immerhin verfugt sie liber einen seit PISA hoch geschatzten informellen Lernraum) und die offentliche Diskussion um Bildung, die zur Zeit vornehmlich im Bereich der Kleinkind- und schulischen Forderung gefuhrt wird, auch auf die Kinder- und Jugendarbeit lenken? Oder mochte sie ihre Suche nach einem Selbstverstandnis intensivieren, dass fur die neuen Gegebenheiten handlungsleitend sein kann und sich mehr auf die Widrigkeiten heutigen Aufwachsens konzentriert, um ihre AdressatInnen besser unterstutzen zu konnen?

Oder muss sich Kinder- und Jugendarbeit sogar vergewissern, ob Teile ihrer Angebots- formen, den heutigen Anforderungen und den heutigen AdressatInnen noch gerecht werden und sich vielleicht auch mit einem neuen inhaltlichen, wie raumlichen Konzept auseinander setzen?

Oder braucht sie gar ganz neue Aufgaben und Tatigkeitsfelder?

Ziel dieser Arbeit soll daher sein, die Moglichkeiten von Kinder- und Jugendarbeit bezuglich einer solchen Neupositionierung aufzuzeigen und am Beispiel von offen gefuhrten Jugendhausern zu iiberpriifen.

Da sich die Kinder- und Jugendarbeit als ein vielseitiges Angebotsfeld prasentiert, wird im Folgenden vornehmlich auf den groBen Teilbereich der kommunalen ,,Offenen“ Kinder- und Jugendarbeit eingegangen, der sich in den letzten 30 Jahren erheblich ausgeweitet hat und zu dem auch die offen gefuhrten Jugendhauser gehoren. Damit wird jedoch nicht ausgeschlossen, dass ein GroBteil der in dieser Arbeit diskutierten Anforderungen, Probleme und Kompensations- und Wandlungsansatze nicht auch fur andere Teilfelder, wie der verbandlichen oder aufsuchenden Kinder- und Jugendarbeit, Gultigkeit haben.

Um moglichen Wandel in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu untersuchen, bedarf es jedoch im Vorfeld einer Analyse dessen, was Offene Kinder- und Jugendarbeit aktuell ausmacht.

Im ersten Kapitel wird daher zuerst auf die inhaltliche Definition (2.1) und die Gege- benheiten der Infrastruktur eingegangen, um darzustellen in welcher personellen und finanziellen Verfassung sich die Offene Kinder- und Jugendarbeit befindet (2.1.1).

Fur die Darstellung des padagogischen Settings werden anschlieBend zunachst die ersten theoretischen Uberlegungen zu Inhalt und Struktur einer Offenen Kinder- und Jugendarbeit von 1964[3] heran gezogen und beleuchtet, welche Strukturvorgaben und Auftrage (z.B. der Bildung) noch heute giiltig sind oder wieder Gultigkeit erlangen konnten. Im Anschluss werden die besonderen Strukturprinzipien, ,,Freiwilligkeit der Teilnahme“, ,,Offenheit“, ,,Diskursivitat“ und „Beziehungsabhangigkeit“ dargestellt und ihre Bedeutung fur Bildungsprozesse erlautert (2.1.2).

AbschlieBend soll der Punkt ,,Anforderungen, Problemlagen und Kritik - eine Gegen- wartsanalyse“ eine Vorstellung davon vermitteln, wie komplex Offene Kinder- und Jugendarbeit in Gesellschaft verwoben ist und wie anspruchsvoll sich daher mogliche Wandlungsprozesse gestalten miissten (2.2).

Im zweiten Kapitel wird auf die Problematik eingegangen, dass in der Praxis und auch der Theorie, die Notwendigkeit von Veranderungen und klareren Konturen fur die Offene Kinder- und Jugendarbeit zwar eindringlich gefordert wird, verwertbare Konzepte jedoch nicht vorliegen oder von der Praxis nicht angenommen werden.

Viele von der Theorie entworfenen Selbstkonzepte oder durchgefuhrten Modellprojekte, stehen in keinem guten Passungsverhaltnis zur Praxis. Aufgrund der Unterschiedlich- keit der Einrichtungen und Angebote, kann ein Modellprojekt in seiner Ganze oft nicht ubernommen werden. Die padagogischen Fachkrafte vor Ort miissen also aus einem Modellprojekt die Aspekte herausarbeiten, die sich fur ihren Bereich als passend erweisen. Jedoch fehlt es genau hier oft an methodischen Voraussetzungen. Deshalb und aufgrund des steigenden Drucks von auBen, sich durch deutlichere Konzeptionen transparenter zu machen, wurde dazu ubergegangen, die Akteure der Praxis in der Entwicklung eigener Konzepte und Ziele zu unterstutzen.

Im Folgenden werden daher vor allem Ansatze vorgestellt, die diese prinzipielle „Hilfe zur Selbsthilfe“ leisten konnen. Hilfen die den padagogischen Fachkraften der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Handreichungen anbieten, die eigene Arbeit aus padagogischer Sicht besser zu verstehen und sich konzeptionell aufzustellen. Ein solches eigenes Konzept als Grundlage, kann dann auch helfen, auf die zunehmenden Legitimationsanforderungen von auBen besser zu reagieren.

In Anbetracht des Umfangs dieser Arbeit wird jedoch nur ein kleiner Ausschnitt, von den durchaus vielen beachtlichen (oft leider nur) Modell- und Forschungsprojekten in Ganze vorgestellt.

Begonnen wird mit der Vorstellung eines Forschungsprojekts der Deutschen For- schungsgemeinschaft (DFG) (Konstitutionsbedingungen und Dynamik [Performanz] sozialpadagogischen Handelns in der Kinder- und Jugendarbeit), dessen Auftrag es war, die Offene Kinder- und Jugendarbeit als padagogisches, institutionelles Handlungsfeld der non-formalen Bildung empirisch dicht zu beschreiben. Mit der Besonderheit, dass der forschende Blick nicht auf das gerichtet wurde, was PadagogInnen tun sollen, sondern auf die Handlungsweisen, mit denen Professionelle und AdressatInnen dieses Feld gemeinsam gestalten. Drei Themenfelder der Offenen Kinder- und Jugendarbeit wurden zu diesem Zweck genauer betrachtet: Die Herstellung von Zugehorigkeit (zum Jugendhaus, zur Gruppe der Kinder und Jugendlichen etc.), das Handeln in der sozialpadagogischen Arena und die Arbeitsbeziehungen der Kinder- und Jugendarbeit. Innerhalb des Projekts wurden Handlungsregeln, und -typen bestimmt, die es der Praxis, wie auch der Forschung nun nachhaltig erleichtern konnen das Feld der Offe­nen Kinder- und Jugendarbeit und auch das eigene Handeln besser zu beschreiben (3.1).

Im nachsten Teil geht es um die Instrumente der WANJA-Projektgruppe (Professionelle Handlunsmuster und Wirkungsanalysen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit) und dem QQS-Projekt (Qualitatsentwicklung, Qualitatssicherung und Selbstevaluation in der Kinder- und Jugendarbeit). Beide Ansatze bieten den Fachleuten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ein Instrumentarium sich konzeptionell zu entwickeln. Mit dem Unterschied, dass MitarbeiterInnen, die mit QQS arbeiten dazu qualifiziert werden sollen, ihre konzeptionellen Ziele selbst zu definieren, wahrend die WANJA- Instrumente solche Ziele als fachliche Standards bereits vorgeben (3.2).

Anschliessend geht es um die Einfuhrung und Entwicklung des Wirksamkeitsdialogs, der mit der Reform des Landesjugendplans im Jahr 1999 in Nordrhein-Westfalen fur die gesamte Kinder- und Jugendhilfe installiert wurde. Ziel des Wirksamkeitsdialogs ist es Transparenz uber den Einsatz der Mittel zu gewinnen und Anregungen fur Veranderungen und Weiterentwicklung der Forderung zu geben.

Fur die Offene Kinder- und Jugendarbeit sollen im Rahmen des Dialogs, vor allem Antworten auf Fragen, wie ,,Welche Angebote werden in der Praxis gemacht?“, „Wie viele und welche Kinder und Jugendlichen werden erreicht?“, ,,Wie werden mit welchen Angeboten die verschiedenen Bereiche Freizeit, Partizipation, Bildung etc. abgedeckt?“ u. a. gewonnen werden. Auf unterschiedlichen Ebenen (Einrichtungs-, Dialog- und kommunale Ebene) soll es dann uber die Ergebnisse einen Austausch geben.

Grundlage fur diesen Dialog ist ein gemeinsam entwickeltes Berichtswesen, das Pro- jekte und Ideen, wie auch Zahlen und Fakten dokumentiert. Diese Berichte sollen aber vor allem auch die inhaltliche Entwicklungen von Offener Kinder- und Jugendarbeit voran bringen und einen effektiveren Austausch dariiber ermOglichen (3.3).

Die vorgestellten Instrumentarien, das DFG-Forschungsprojekt und die Wirsamkeits- dialoge, konnen selbstverstandlich nicht die gesamten Probleme der Offenen Kinder- und Jugendarbeit losen, was sie auch nicht miissen. Denn viele Anforderungen an die Offene Kinder- und Jugendarbeit sind gesellschaftlicher Natur und wiirden den Losungsansatz eines Teilbereichs der Kinder- und Jugendarbeit einfach uberfordern. Deshalb sind alle Aspekte zur Hilfe und Unterstutzung bei der Bewaltigung der zahlreichen Anforderungen an die Offene Kinder- und Jugendarbeit in diesem Kapitel als Kompensationsansatze zusammengefasst.

Im Schlussteil (4) wird es darum gehen in welche Richtung sich notwendige Wand- lungsprozesse von Offener Kinder- und Jugendarbeit aktuell bewegen und wie diese Richtungen aktuell zu bewerten sind. Besonderes Augenmerk, liegt dabei auf mogli- chen Kooperationen mit der Jugendsozialarbeit, der Jugendberufshilfe und der Offenen Ganztagsschule (OGS) (4.1).

In 4.2 soll es noch einmal um die Problematik des nicht vorhandenen gemeinsamen Selbstverstandnisses gehen und wie sehr dieser Umstand erschwert, dass Feld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit als eigenstandiges zu argumentieren.

Wenn ein fur die gesamte Kinder- und Jugendarbeit giiltiges inhaltlich neues Konzept jedoch so einfach nicht zu entwickeln und umzusetzen ist, besteht unter Umstanden die Moglichkeit ein solches nur fur den Teilbereich der offen gefuhrten Jugendhauser zu tun, die zumindest im Grundsatz ihrer Arbeitsstruktur noch am ehesten zu vergleichen sind.

In meinem ,,Versuch 1“ (4.2.1) werde ich daher fur genau diesen Teilbereich Vorschlage zur Veranderung der inhaltlichen und auBeren Struktur machen.

Dreh- und Angelpunkt fur diese Vorschlage, ist das Image der Offenen gefuhrten Jugendhauser und ihr derzeitiges Klientel.

Um in beidem einen Wandlungsprozess anzustrengen, ist unter anderem ein Selbstkon- zept notig, dass Begrundungen liefert, Jugendhauser wieder zu einer padagogischen

Institution fur alle Kinder und Jugendlichen zu machen.

Die Subjektorientierung/bildung von Albert Scherr halte ich an dieser Stelle fur tragfahig. Jedoch ist es meiner Meinung nach, mit der Einigung auf ein gemeinsames Selbstkonzept nicht getan. Um sich (weiterhin) als eigenstandiges Feld der Kinder- und Jugendhilfe zu profilieren, bedarf es erweiterter Handlungsschritte und Veranderungen. Um dem Anspruch ein Haus fur alle zu sein, auch entsprechen zu konnen, muss ein Konzept entworfen werden, das auch alle erreichen kann. Zu diesem Zweck stelle ich die Idee des virtuellen Jugendhauses vor, dass durch virtuelle Rundgange, Chats und Foren, die Schwellenangst potentieller neuer BesucherInnen herabsetzen konnte.

Um die Argumentation im Diskurs, um die eigene Eigenstandigkeit (die meiner Mei­nung nach Grundlage fur das Fortbestehen von Offener Kinder- und Jugendarbeit ist) weiter zu starken, sehe ich es als unabdingbar an, den Offenen Bereich“ als informellen Lernraum der Offenen Kinder- und Jugendarbeit wieder zu stabilisieren und stelle eine bauliche ,,Losung“ vor, die die derzeitigen Probleme des Offenen Bereichs umgehen oder sogar auflosen konnte.

In Anbetracht meiner langjahrigen Studiumsbegleitenden Tatigkeit im Kinder- und Ju- gendbereich, aus der auch die Motivation fur diese Arbeit entstand, flieBen an besonders kenntlich gemachten Stellen auch Teile meiner eigenen Erfahrungen ein.

2 Offene Kinder- und Jugendarbeit

Wer sich heute mit Kinder- und Jugendarbeit beschaftigt, sieht sich vielen Institutionen und Projekten gegenuber, die mit einem Satz kaum zu greifen sind. Was Kinder- und Jugendarbeit ist, scheint schwerer zu definieren, als einfach zu benennnen was sie im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe nicht ist. Deutlich scheint jedoch zu sein, dass sich die Vielfalt der Angebotsformen grossteils in den Tatigkeiten der Jugendverbande und zum anderen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit biindeln - speziell Letzterer mochte ich mich in diese Arbeit widmen.

2.1 Definition

Um zu einer Definition von Offener Kinder- und Jugendarbeit zu gelangen, muss zunachst an den Ursprung ihrer ersten theoretischen Bestimmungsversuche gegangen werden. Mit dem Werk ,,Was ist Jugendarbeit - Vier Versuche zu einer Theorie“ enstand 1964 erstmalig die theoretische Konstruktion einer Alternative zur Jugendarbeit der Jugendverbande. Wolfgang C. Muller, Helmut Kentler, Klaus Mollenhauer und Hermann Giesecke entwickelten ein auf Erfahrung basierendes Konzept einer Offenen Jugendarbeit, das ohne Verbindlichkeiten und Mitgliedschaft (wie es bei den Jugend- verbanden ublich war) auskam. Dieses Konzept sollte die junge Generation in ihrer

[...]


[1] Im Jahr 1962 verabschiedete sich der deutsche Bundesjugendring endgultig davon ein ,,eigenes“ Ju- gendreich zu bilden und positionierte Kinder- und Jugendarbeit, als erganzende Erziehungsinstitution, neben Schule und Elternhaus. Von nun an sollte sich Kinder- und Jugendarbeit in erzieherischer Funkti- on, bewusst am aufwachsen der Kinder und Jugendlichen beteiligen (vgl.ebd.).

[2] Als Pioniere sind hier Eshref Shevky und Wendel Bell zu nennen, die im Amerika der 1950er Jahre die social area analysis als Instrument zur Analyse der Stadtkultur entwickelten. Eine aktuelle Ausein­andersetzung mit dieser Thematik findet sich in Mario Rieges und Herbert Schuberts Sozialraumanalyse. Grundlagen Methoden Praxis. VS Verlag, Wiesbaden. Januar 2005, 2.Auflage.

[3] Die Historie der Kinder- und Jugendarbeit wird in dieser Arbeit bewusst nicht weiter als ins Jahr 1964 zuruckgefuhrt, da zu diesem Zeitpunkt das Werk ,,Was ist Jugendarbeit?“ herauskam, das sich erstmals mit der hier im Mittelpunkt stehenden Offenen Kinder- und Jugendarbeit auseinander setzte.

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