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Der ethische Skeptizismus John l. Mackies und das Recht auf Leben

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

l. Einleitende Bemerkungen

2. Status moralischer Äußerungen
2.l Konsequenzen

3. Inhalt moralischer Äußerungen
3.l Recht auf Leben

4. Abschließende Bemerkungen

Bibliographie

l. Einleitende Bemerkungen

Der Brite Craig Ewert litt an einer Nerven- und Muskelkrankheit, die nicht heilbar war. Er wählte aufgrund des zu erwartenden, langsamen Sterbeprozesses den Freitod und ließ sich dabei filmen. Die Dokumentation „Recht zu sterben“ wurde 2008 im britischen Fernsehen ausgestrahlt. Dieser Fall von begleitendem Selbstmord heizte den immer wiederkehrenden Diskurs um Sterbehilfe erneut an. In einem allgemeineren Kontext tangiert diese das Recht auf Leben. Entgegen verschiedener rigoroser Argumentationen mit theistischem Hintergrund, vertritt der australische Philosoph John L. Mackie eine Irrtumstheorie der Morall, die er in seinem Buch Die Erfindung des moralisch Richti- gen und Falschen entwickelt. Ziel dieser Arbeit wird es sein, zu klären, inwiefern Ma- ckies Irrtumstheorie zu einer moralischen Bewertung des Rechts auf Leben führen kann und ob mithilfe derselbigen Überlegungen vertretbare Entscheidungen in jenem Bereich getroffen werden können.

Aufgrund der Tatsache, dass Mackie seine Gedanken aus der Metaethik2 speist, die er als Fragen zum Status der Moral bezeichnet, beginnt diese Arbeit mit der Darstellung seiner Vorstellungen zu moralischen Fragen zweiter Ordnung.3 Jene Gedanken führen dann zu einer Methode, welche den Inhalt der Moral bestimmt. Diese wird im An- schluss erläutert. Kurzum werden alle Darstellungen zum umfassenden Thema des ethi- schen Skeptizismus Mackies auf die Thematik des Rechts auf Leben hinführen. Inner- halb der Komplexe der Metaethik und dem Inhalt der Moral wird es keine streng chro- nologische Betrachtung geben, aufgrund der Bedeutung in Bezug auf das Thema .Recht auf Leben'. Jenes wird exemplarisch auf Extremfälle, wie Schwangerschaftsabbruch, Selbstmord und Euthanasie eingegrenzt, die in ihrem täglichen Auftreten keine Selten- heit darstellen.

Hinsichtlich des begrenzten Rahmens der Arbeit ist die Sicht Mackies auf die Plausi- bilität objektivistischer Moralphilosophien meist nur skizzenhaft oder im Hinblick auf das gewählte Problem zu beantworten. Außerdem werden Mackies sprachphilosophi- sche Argumente ebenfalls eine untergeordnete Rolle spielen, da sie im zu analysieren- den Diskurs wenig Gewicht besitzen.

Je nachdem, aus welcher traditionellen Richtung die Philosophen stammen, die Ma- ckie rezipiert haben, wird er als Hume'scher Subjektivist, moralischer Antirealist, mode- rater Irrtumstheoretiker oder Kognitivist bezeichnet. Wie genau jene Anmerkungen aus sehen und ob diese Charakterisierungen stichhaltig sind, kann nur punktuell dargestellt werden, da die Funktionsweise der Philosophie Mackies im Fokus steht. Aus den ange- führten Gründen wird sich diese Arbeit hauptsächlich auf die eigenen Aussagen Ma- ckies stützen.

2. Status moralischer Aussagen

Der ethische Skeptizismus/Subjektivismus

„Es gibt keine objektiven Werte“ (vgl. Mackie l983, S.ll).4 Mit dieser provokanten These steigt Mackie in seine Überlegungen ein und beginnt im Anschluss diese Aussage zu spezifizieren. Mackie ist kein Skeptiker im Sinne eines Pyrrhonismus, sondern viel- mehr bezieht er seine Skepsis lediglich auf die Objektivität sittlicher und ästhetischer Werte in einem metaethischen Sinn.5 Mackies These ist nicht als total ablehnende Hal- tung gegenüber Moral zu verstehen, denn die leitende Frage für Mackie ist vielmehr:

„Wie hat man [sittliche Werte und das Wesen des Wertens] zu verstehen und wie einzu- ordnen?“ (S.l3).

Zum Skeptizismus zugehörig ist der Subjektivismus. Dieser Subjektivismus ist eine „negative (…) Theorie, in der behauptet wird, „daß etwas nicht ist (...)“ (S.l5) und zwar die Existenz objektiver sittlicher Werte. Weiterhin wird derselbige ontologisch begrün- det, denn Mackie geht es, wie beim Skeptizismus, um das „Wesen und [den] Status sitt- licher Güte und Richtigkeit (...)“ (S.l7). Wie genau verhält es sich mit den einzelnen Aspekten des Skeptizismus und Subjektivismus Mackies?

Zunächst muss geklärt werden, welche gesellschaftliche Rolle Ethik nach Mackie einnimmt: Das menschliche Zusammenleben benötigt Einschränkungen sittlicher Art, die einem jeden Menschen eine gewisse Sicherheit gewährleisten, da wir egoistische Wesen sind. Im Laufe der Geschichte haben sich bestimmte Verhaltensweisen dazu ent- wickelt; entwickeln sich ständig.6 Auf jedes Mitglied einer Gesellschaft wird ein sozia- ler „Druck“ (S.50) ausgeübt, diese einschränkenden Normen anzunehmen. Aufgrund dieser Gegebenheit war und ist man in der Philosophie und im alltäglichen Leben dazu geneigt, sittliche Werte zu objektivieren, d.h. moralische Wertaussagen bekommen den Status eines objektiven Wertes. Mackie lehnt die Existenz objektiv sittlicher Werte ab, was jedoch zwangsläufig nicht dazu führt, dass es keine vermeintlich wahren Wertaus sagen innerhalb moralischer Fragen der ersten Ordnung gibt, womit der Bereich der normativen Ethik7 gemeint ist.

„Die Klassifizierung von Wolle (…) geschieht anhand von Qualitäts- oder Leistungs- maßstäben, die man für den jeweiligen Gegenstandsbereich (…) vereinbart hat. (…) So- bald einmal ein einigermaßen genauer Maßstab vorgegeben ist, läßt sich objektiv sagen, in welchem Maß irgend etwas diesem Kriterium entspricht. “ (S.26)

Demgemäß wird deutlich, dass durchaus Dinge verschiedenster Art wertgeschätzt wer- den können und müssen. Diese Wertschätzung ist jedoch nach Mackie nicht objektiver, sondern subjektiver Natur, da jede Wertung einem bestimmten Zweck folgt, wie z.B. der Steigerung der Qualität von Wolle, der ein subjektiver Wunsch anhaftet. Wenn meh- rere Personen oder Gruppen zu einer übereinstimmenden Bewertung kommen, bedeutet das lediglich das Vorhandensein von Intersubjektivität, die nicht gleichzusetzen ist mit Objektivität. Damit soll ausgedrückt werden, dass wir dazu angehalten werden, die Nor - men, die wir einhalten, auch unseren Mitmenschen aufzudrängen, d.h. dem Zwang zur Einhaltung der Normen folgt zusätzlich ein Drang zur Universalisierbarkeit sittlicher Werte, denn „objektive Geltung würde [den Normen] diese gewünschte Autorität verlei- hen“ (S.50).

Wie ist die Universalisierbarkeit moralischer Aussagen in ihren Grundzügen zu ver- stehen? In dem Moment, in dem wir ein moralisches Urteil fällen, setzen wir voraus, dass andere ebenfalls die gleiche Bewertung vornehmen können. Wie genau jener Pro- zess der Universalisierung von statten geht, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geklärt werden. Trotzdem hält Mackie fest, dass wir durchaus in der Lage sind, im Falle eines moralischen Urteils ein anderes zu fällen. Denn es haftet, wie bereits erwähnt, jeder Be- wertung ein subjektiver Moment an. So geht dem Drang zur Universalisierung bei- spielsweise ein besonderer, subjektiver Wunsch voraus, der besagt, dass andere sich mir gegenüber mindestens ebenso verhalten sollten, wie ich mich zu ihnen.

Später führt Mackie den gesellschaftlichen Begriff der Institution ein, den er sehr weit fasst. Dazu können „unterschiedliche Dinge wie das Schachspiel, die gesellschaft- lichen Verfahren rund um das Versprechen“ (S.l0l) oder „die Moral selbst“ (S.l25) ge- hören. Eine Institution ist „ein System [bestehend aus] Handlungsprinzipien oder -re- geln“ (S.l0l), nach denen sich die Beteiligten, der Erhaltung dieser Institution zuliebe, richten. Wenn man Teil dieser Institution ist, heißt man jene Regeln als gut8, was eine Objektivierung impliziert. Diese funktionieren aber nur innerhalb dieser jeweiligen In- stitution. Andernfalls steht die Existenz dieser in Frage. Die Akzeptanz der Normen in- nerhalb einer Institution zwingt uns, in Abhängigkeit zu den Regeln, in einer spezifi- schen Weise zu denken und zu reden. Man ist jedoch auch in der Lage, sich außerhalb dieser Institution zu bewegen, d.h. die jeweilige abzulehnen. Diese Fähigkeit stellt den Objektivismusgedanken grundsätzlich zur Disposition. Das Zusammenleben wird u.a. durch diese verschiedenen Mechanismen gesichert.

Der Annahme, dass objektive Werte existieren, liegen jedoch nach Mackie falsche metaethische Überlegungen zugrunde. Zum Beweis führt Mackie zwei Argumente an. Zum einen unterstützt das Argument aus der Relativität „indirekt“ (S.43) Mackies Be- hauptungen: Die bloße, empirisch nachweisbare Tatsache verschiedener „moralische[r] Lebensweisen“ und die theoretische Überstülpung vermeintlich objektiv, universell richtiger Prinzipien wird zu unterschiedlichen Regeln führen, denn „wenn die Umstän- de andere wären, würde auch anderes gelten“ (ebenda). Zum anderen führt Mackie das Argument aus der Absonderlichkeit an: Dieses Argument gliedert sich in zwei Bestand- teile. Innerhalb der Metaphysik „müsste es sich [bei der Existenz von objektiven Wer- ten] um Wesenheiten, Qualitäten oder Beziehungen von sehr seltsamer Art handeln, die von allen anderen Dingen in der Welt verschieden wären“ (ebenda). Darauf aufbauend sollte der Mensch irgendeine besondere, einzigartige Fähigkeit besitzen, diese Entitäten zu erkennen. Michael Smith (vgl. Smith, 2002) machte deutlich, dass dem Rationalis- mus das Argument aus der Absonderlichkeit gilt, da der Rationalist lediglich auf eine mythisch anmutende, „besondere Art von Einsicht“ (Mackie, S.44) verweisen kann, ohne sie genauer zu erklären. Mit diesem Argument fällt nach Mackies Ansicht auch der präskriptive Charakter, der objektiven Werten anhaften soll, weg. Diesen Schritt geht Mackie unter der Zuhilfenahme von „Humes Gesetz“, dass ein unmittelbarer, logischer Schluss vom Sein aufs Sollen unzulässig ist. Er untermauert damit sein Argument aus der Absonderlichkeit, denn wenn eine Tat objektiv schlechten Charakters wäre, müsste diese Eigenschaft die Handelnden dazu motivieren, jene Handlung zu unterlassen.9 Die- se Gesetzmäßigkeit würde dann universell gelten. Jene ist jedoch mit dem Argument aus der Relativität, welches die unterschiedlichen existenten Lebensweisen heranzieht, nach Mackies Sichtweise widerlegt Außerdem vermag ein Objektivist nach Mackie nicht das Verhältnis zwischen Motivation und objektiver „moralische Qualität“ (S.48) zu erklären. Jedoch lässt sich diese Aporie laut Mackie auflösen, denn die Subjektivität ist entscheidend, wie z.B. Wünsche als spezifisches Handlungsmotiv. Diese Subjektivi- tät baut wiederum auf „bestimmte natürliche Eigentümlichkeiten“ (ebenda) auf, die je- doch keine objektiven Wertmaßstäbe darstellen, sondern Wünsche hervorrufen, die z.B. praktische Gründe haben können. Die Skepsis Mackies richtet sich gegen bisherige Mo- ralphilosophien und ihren Erklärungsgehalt bezüglich der Objektivität der Werte. Eine nicht unerhebliche Ursache für den Objektivismus sieht Mackie in der Tradition theisti- scher Argumentationen innerhalb der Ethik. Hier fungierte Gott als „Gesetzgeber“ (S.53), dessen Gesetze in Sollenssätzen, wie den l0 Geboten, gegossen waren. Jedoch hat sich im Laufe der Philosophiegeschichte die Ansicht von der Nicht-Existenz Gottes durchgesetzt, was sich z.T. darin manifestierte, dass moralische Regelsysteme geschaf- fen wurden, „dessen Gesetzgeber man [lediglich] entfernt hat“ (S.54).

[...]


1 Die Begriffe „Irrtumstheorie der Moral“ und „ethischer Skeptizismus“ werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

2 Der Philosoph William Donald Hudson beschreibt Metaethik folgendermaßen: „It is about

what they are doing when they talk about what they ought to do.“ (Hudson zitiert in: Miller 2003)

3 Die Begriffe „Metaethik“ und „moralische Fragen zweiter Ordnung“ werden synonym verwendet.

4 Sofern nicht anders geben, wird aus Mackies Buch Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen zitiert.

5 Die ästhetischen Werte werden von Mackie nicht behandelt.

6 Jene sind immer Veränderungen unterworfen, je nachdem wo und zu welcher Zeit sie akzeptiert sind oder hinterfragt werden.

7 Die normative Ethik beschäftigt sich mit Fragen zum konkreten Inhalt der Moral und versucht ihn zu begründen.

8 Die Bedeutung von gut wird später im Text skizziert.

9 Jener Zwang oder Motivation entsteht auch nicht nach einer vollzogenen Universalisierung, wie bereits früher erläutert wurde. Man kann die verlangte Handlung aus subjektiven Erwägungen heraus vollziehen oder unterlassen.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640704712
ISBN (Buch)
9783640704613
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157705
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Philosophisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Skeptizismus John Mackies Recht Leben

Autor

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Titel: Der ethische Skeptizismus John l. Mackies und das Recht auf Leben