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Wir basteln uns eine Revolution

Ken Alders politische Artefakte - Technische und Soziale Aspekte von Toleranz in der Waffenproduktion im Frankreich des 18ten Jahrhunderts

von Georg Bonfatti (Autor)

Essay 2010 20 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wie der Krieg zur Vernunft gekommen ist
1.1 Die Französische Revolution und ihre Umgebung
1.2 Der Streit um des Königs Kanonen
1.2.1 Die Erfindung des Schreibtischtäters und die Entmannung der Edelleute
1.2.2 Im Licht der Aufklärung zum Sieg

2. Die Kanone, die Unternehmer und die Seele der Ingenieure
2.1 Wie Wissen geschafft wird: Rationalität, Vernunft, Berechnung
2.2 Objektivität und Autorität
2.3 Das politische Produkt – die Produktion des Politischen

Literatur:

1. Wie der Krieg zur Vernunft gekommen ist

„Ours is a world in which human interests are myriad and circumstances vary. In such a world, technology is the physical embodiement of that form of knowledge which we call power. - Unsere Welt kennt Myriaden menschlichen Interessen und deren Bedingungen variieren. In einer solchen Welt stellt Technologie die Verkörperung jenes Wissens dar, welches wir Macht nennen.” Ken Alder, Engineering Revolution[1]

Die Philosophie bezieht ihre Standpunkte allzuoft in transzendenter Ferne von der Realität. Oft sind wir versucht, die Welt als grundsätzlich metaphysisch anzusehen und uns selbst als völlig harmlos. Es ist nicht klar, ob die Bourbonenkönige in Frankreich auf Hobbes verweisen wollten, als sie auf ihre Kanonen "Ultima Ratio Regis - Das letzte Mittel des Königs" gießen ließen. Louis XIV ist nahe an Hobbes, wenn er als absoluter Herrscher den Staat als seinen Körper ansieht. Er ist damit weit entfernt von den heraufdämmernden Ideen der Aufklärung. Dieser französische Staat erhielt sich am Leben, indem er sein frühkapitalistisches Wirtschaftssystem mit militärischen Mitteln nach innen und außen absicherte. Dafür schuf er sich ein stehendes Heer, einen doppelten Festungsring und einen Vorläufer des Heeresbeschaffungsamtes, das die bürokratische Exekution der Kriegsführung leitete. Abseits der Siegesfeiern bauten sich im Frankreich des 18ten Jahrhunderts immer größere Spannungen zwischen alten und neuen Gesellschaftsschichten, zwischen Helden und Volkssoldaten, zwischen Profiteuren und Ingenieuren, zwischen den entrepreneurs, den Unternehmern des Königs, und den Beamten auf.

In diesem Text folge ich Ken Alder, der zeigt, wie Methoden, Instrumente, Werkzeuge und Produkte zu politischen Artefakten werden können. In „Engineering the Revolution“ schildert er das langsame Anwachsen tektonischer Spannungen in der Gesellschaft am Beispiel der französischen Artillerie, der Artillerie Royal. Alder macht zwischen den Zeilen allerdings klar, dass der Einstieg ins Thema an beinahe jeder Stelle und zu fast jedem Zeitpunkt möglich wäre. Er beantwortet dabei nicht, ob es so kommen musste. Wobei anzumerken ist, dass gerade diese strukturelle Textur wenig Hoffnung auf einen teleologischen Ausweg birgt.

Ken Alder (www.kenalder.com), Jahrgang 1957 – er schreibt auf seiner website, er wäre im Zeichen des Sputnik geboren -, beschäftigt sich bereits früh mit Rassenfragen, die er in seinem ersten Roman „The White Bus“ (1987) behandelt, studiert Physik in Harvard, wo er 1991 auch einen ph.d. erhält.

Seit 1991 unterrichtet er an der Northwestern University und lebt mit Frau und Kind in Illinois.

Von Ken Alder[2] sind bisher veröffentlicht:

„The Lie Detectors- The History of an American Obsession“

“The Measure of All Things – The Seven-Year Odyssey and Hidden Error that transformed the World – Das Maß der Welt”

“Engineering the Revolution”, das Buch, welches hier behandelt wird, erscheint 1997 und erhält 1998 den Dexter Preis für die beste Publikation auf dem Gebiet der Technikgeschichte.

Tatsächlich umfasst „Engineering the Revolution“ ein sehr weites Feld, ein strukturelles Feld vielmehr als ein chronologisches, wo die Leserschaft minutiös recherchierte Fakten und Verweise zu Politik, Technik, Gesellschaft findet, die teils ins Anekdotische zu reichen scheinen. Im Laufe der Lektüre werden die anekdotischen Erzählfäden zu feinstofflichen Zusammenhängen verwoben, für die es tatsächlich noch keine Fakultät gibt. Dennoch spielen Intrigen, Eifersüchteleien und persönliche Resentiments offenbar gerade in der Zeit des französischen Absolutismus eine entscheidende politische Rolle.

„Just beyond the pages of this book lie the corpses of over a million young men killed in the Revolutionary and Napoleonic wars. To deny the potency of modern weaponry would be to mock their deaths. - Jenseits der Zeilen dieses Buches liegen die Leiber von über einer Million junger Männer, die in den Kriegen der Revolution und denen Napoleons getötet wurden. Die Machtfülle modernen Waffenmaterials zu leugnen, würde ihren Tod verspotten.“

(Ken Alder, Engineering the Revolution, S.17)

1.1 Die Französische Revolution und ihre Umgebung

Louis Napoleon, Neffe Bonapartes: „Die Geschichte der Artillerie ist die Geschichte des Fortschritts und der Zivilisation.“

Marquis de Condorcet: „Die barbarischen tapferen Völker können mit Wohlstand überrollt werden.“

„Ultima Ratio Regis – Das letzte Mittel des Königs“ Wahlspruch der Artillerie unter den Bourbonenkönigen.

Es ist vielleicht sinnvoll, sich einem geschichtlichen Ereignis zu nähern wie dem Zentrum einer Landschaft, wohin Wege aus verschiedenen Richtungen führen, sich scheinbar zufällig am historischen Schwerpunkt zu einem weiten Platz vereinigen, um unmittelbar darauf wieder in alle Richtungen auseinanderzulaufen.

Die Französische Revolution brachte Spannungen zur Explosion, die sich in den hundert Jahren zuvor zum Sprengstoff entwickelt hatten und deren Auswirkungen noch heute zu bemerken sind. Kanonen spielten dabei eine oftmals entscheidende Rolle. Auch abseits des Schlachtenlärms.

Tatsächlich finden wir in den Revolutionsmythen immer wieder Kanonendonner, manches Mal erwiesenermaßen, manches Mal legendenhaft. Es waren die königlichen Artilleristen, die den Sturm auf die Bastille am 14.Juli 1789 eröffneten. Bei Valmy 1792 vertreibt das unablässige Feuer der französischen Artillerie die Kavallerie der Monarchisten, während die gerade ins Leben gerufene Volksarmee die Flucht ergreift. Napoleon scheitert in Russland gegen den Winter, in Spanien gegen die Partisanen. Wetter und Wut sind keine Parameter der Ingenieurskunst.

Der Amerikanische Bürgerkrieg 1861-65 beginnt mit der Kanonade gegen Fort Sumter, in der ersten Feldschlacht von Bulls Run geht es um 13 Kanonen. Der Krieg findet seinen Wendepunkt im Grabenkampf um Petersburg, wo die Kriegsmaschine von Washington aus Material auf See- und Schienenwegen heranschafft und im Feld zum Einsatz bringt.

Diese neue Militärlogistik erreichte 1866 organisatorisch bei Königgrätz/Sadova und im deutsch-französischen Krieg militärisch bei Sedan 1870 durch einen Feldzug, der sich auf Kanonen stützte, wiederum Europa.

Der Erste Weltkrieg ist ein Krieg der Artillerie, die aus ihren Stellungen die Schlachtfelder in Gräberfelder verwandelt. Die Russische Revolution wird von einem Kanonenschuss des Kreuzers Aurora eröffnet[3].

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges kommen bereits ballistische Trägerwaffen zum Einsatz. Die Elona Gay trägt die Atombombe nach Hiroshima und findet ihren Weg mit Hilfe von Sextant und Kompass.

Heute steht ein übermächtiges Waffenarsenal ballistischer Sprengköpfe – warheads – und Marschflugkörper, die ihre gespeicherten Karten ständig mit der aktuellsten Satellitenmessung vergleichen, machtlos den Anschlägen der Terroristen gegenüber. Die potenzielle Vernichtung der Welt wird durch den Selbstmord von Fanatikern aufgewogen. Viele unter ihnen sind Ingenieure.

Und Donald MacKenzie[4] meint, die technische Verbesserung der Treffsicherheit nuklearer Waffen wäre das Ergebnis bürokratischer Streitigkeiten.

1.2 Der Streit um des Königs Kanonen

1.2.1 Die Erfindung des Schreibtischtäters und die Entmannung der Edelleute

Der Krieg war im 17ten und 18ten Jahrhundert zum Stillstand gekommen. Kriegszüge glichen Prozessionen des Hofstaates, Louis XIV inszenierte seine Schlachten gerne selbst. Die Familie Vallière stattete ihn mit entsprechenden Requisiten der Macht, durchschlagskräftigen und reich verzierten Geschützen aus. Der Zwist zwischen den Vallières und dem Reformer Gribeauval war ein wichtiges Moment in den Jahren vor der Revolution.

Die offene Feldschlacht brachte keine Ergebnisse, solange die Schweizer Garden mit ihren Piken nicht besiegt werden konnten, man kämpfte um Festungen, man baute Kanonen.

Louis XIV schuf ein zentral gelenktes Beschaffungsamt, das seine entscheidende Artillerie in ausreichender Menge und Ausrüstung zur Schlacht zu bringen hatte, das Corps Royal – Körper des Königs – diente dem Staat. Für ihn war der Waffengang eine Form des Parteienverkehrs. Die Artillerie Royal führte die Kräfte im Kampf und beschützte die Kanonen gegen den Feind. Am Schlachtfeld trafen die technische Kompetenz und die rechnerischen Fähigkeiten der Bürokraten auf Loyalität, Mut und das Geschick des Adels. Nachdem das Corps Royal auf direkten Befehl des Königs handelte und die Befehlskette im Ministerium bestimmt wurde, stand es nicht unter dem Befehl der Adeligen, die sich dadurch immer öfter brüskiert fühlten. Sie waren gewohnt, dass die Männer im Feld in ihrem Besitz standen. Der Körper des Königs, der Staatskörper, konnte von ihnen unmöglich berührt werden[5].

[...]


[1] Alle Übersetzungen durch den Autor dieses Textes

[2] Stand Sommer 2007

[3] erwiesenermaßen eine Legende und erfundene Analogie zum Sturm auf die Bastille. Ein Treffer aus den Schiffsgeschützen hätte den Palast des Zaren zur Schutthalde gemacht

[4] schottischer Wirtschaftswissenschafter, Universität Edinburgh, arbeitet hauptsächlich auf dem Gebiet soziologisch-technologischer Entwicklungen

[5] Siehe dazu auch „Le grand reveil du roi du soleil Louis XIV – Das große Erwachen des Sonnenkönigs Ludwig XIV“

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640706914
ISBN (Buch)
9783640706655
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157841
Note
Schlagworte
Aufklärung Louis XIV Bourbonen Französische Revolution Waffen Industrielle Revolution Ken Alder Engineering a revolution Louis XVI Napoleon Gribeauval Ecole Militaire Toleranz Gleichheit politische Artefakte 18.Jahrhundert

Autor

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    Georg Bonfatti (Autor)

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