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HIAT versus GAT

Ein kritischer Vergleich der beiden Transkriptionskonventionen unter besonderer Berücksichtigung der Trennung von Transkription und Annotation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 27 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist eigentlich Transkription ? – Ein Definitionsversuch
2.1 Klassifikation nach dem Transkriptionsgegenstand
2.2 Klassifikation nach dem Transkriptionsverfahren
2.3 Transkription gesprochen realisierter Sprache
2.3.1 „enge“ Transkription
2.3.2 „breite“ Konversation

3 HIAT – Halb-Interpretative Arbeitstranskription
3.1 Grundsätze der Verschriftlichung
3.2 Darstellung der Turn-Organisation
3.3 Wiedergabe turn-interner Daten

4 GAT – Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem
4.1 Grundsätze der Verschriftlichung
4.2 Darstellung der Turn-Organisation
4.3 Wiedergabe turn-interner Daten

5 HIAT versus GAT – ein kritischer Vergleich
5.1 Kritik I: Die allgemeine Struktur des Transkriptes
5.2 Kritik II: Wann ist ein Turn ein Turn?
5.3 Kritik III: Transkription turn-interner Pausen
5.4 Kritik IV: Fehlerkorrekturverhalten

6 Konklusion

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In diversen Teildisziplinen und damit verbundenen Forschungsfeldern der Lingu- istik bilden Korpora – also „Sammlung[en] schriftlicher oder gesprochener Äußerungen […], die typischerweise digitalisiert, d. h. auf Rechnern gespeichert und maschinenles- bar [sind]“ (LEMNITZER / ZINSMEISTER 2006: 7) – die „empirische Basis für [eine] linguisti- sche und/ oder computerlinguistische Forschung“ (LEMNITZER / ZINSMEISTER 2006: 108).

Eine korpusbasierte Sprachbeschreibung kann zum Beispiel im Sprachunterricht, in Sprachdokumentationen, in der Lexikographie oder der maschinellen Sprach- verarbeitung Anwendung finden.

Bevor man diese Sammlungen schriftlicher oder gesprochener Äußerungen je- doch als sprachliche Nachweise systematisch verwenden kann, müssen sie zunächst mittels standardisierter Konventionen wiedergegeben, d.h. transkribiert werden, und können gegebenenfalls mit zusätzlichen Informationen angereichert, d. h. anno- t iert werden. Beide Verfahren – sowohl Transkription als auch Annotation – sind so- mit „[…] grundlegend für jede Sprachuntersuchung, in der authentische Äußerungen betrachtet und als Belege herangezogen werden, und unabdingbar zumal, wenn die Menge an Äußerungen sehr groß ist und zu einer rechnergestützten Auswertung ein- lädt“ (MÜLLER 2008).

Demzufolge handelt es sich mit REDDER (2001: 1038) bei Transkription nicht um eine Kulturtechnik im Sinne von Schriftsystemen, sondern um eine wissenschaftlich motivierte Methode:

„Anders als Schrift bzw. ein Schriftsystem ist ein Transkriptionssystem nicht für kommuni- kative, sondern für analytische Zwecke ausgebildet. Dementsprechend gehört das Tran- skribieren nicht zu den verallgemeinerten Kulturtechniken einer Sprachgemeinschaft, sondern zu den – heute weitgehend selbstverständlichen – wissenschaftlichen Arbeits- techniken empirischer Kommunikationsforschung […]. Mittels einer Transkription wird die Flüchtigkeit des Gesprochenen überwunden, die mündliche Kommunikation verdauert und so einer sorgfältigen Betrachtung zugänglich gemacht.“

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich auf die Transkriptionsmethodik ge- sprochener Sprache konzentrieren und zu Beginn in einem theoretischen Präludium die verschiedenen Lesarten des Terminus Transkription, die in wissenschaftlichen Pub- likationen oft synonyme Verwendung finden, aufzeigen und sauber voneinander tren- nen. Obwohl hier unmöglich ein Beitrag zur vollständigen terminologischen Klärung geleistet werden kann, so ist es doch wichtig, sich über die vielfältigen Verwendungs-weisen des Terminus Transkription im Klaren zu sein und von Beginn an festzulegen, was genau damit gemeint sein soll.

Anschließend werde ich den Fokus auf die breite (konversationsanalytische) Transkription lenken, zunächst einen geschichtlichen Abriss der ethnomethodologi- schen Konversationsanalyse skizzieren, nachfolgend die beiden im deutschsprachigen Raum verbreitetesten konversationsanalytischen Transkriptions-systeme HIAT und GAT kurz präsentieren und beide Konventionen unter dem Aspekt der strikten Tren- nung von Transkription und Annotation miteinander vergleichen. Hierzu werde ich mich vordergründig auf (1) die allgemeine Struktur des Transkriptes, (2) den ‚Turn‘- Begriff, (3) die Transkription turn-interner Pausen und (4) die Wiedergabe von Pla- nungsmodifikationen beziehen, da diese Aspekte wesentliche Bestandteile eines Tran- skriptes darstellen.

2 Was ist eigentlich Transkription ? – Ein Definitionsversuch

Der Terminus Transkription ist polysem und hat in wissenschaftlichen Kontexten eine allgemeine sowie eine spezifische Bedeutung, die zunächst sauber voneinander getrennt werden müssen.1 Sprachetymologisch betrachtet hat Transkription seinen Ursprung im Lateinischen trāns-(s)crībere und bedeutet ‚ab-, um-schreiben‘. Entspre- chende Derivate dieses Verbes sind: das trānscrībendum ‚Ab-, Um-zuschreibendes‘, das trānscriptum ‚ Ab-, Um-geschriebens‘, der trānscriptor ‚ Ab-, Um-schreiber‘ und die trānscriptio ‚ Ab-, Um-schrift‘.

Transkription bedeutet in einem allgemeinen Sinne (Transkription 1 ) die ‚Wieder- gabe von Zeichengestalt(folg)en durch andere Zeichengestalt(folg)en‘ und bezieht sich dabei sowohl auf die schriftliche als auch auf die mündliche Domäne von Sprache. Al- lerdings verdeutlicht diese Auffassung bereits, dass „Transkripte nicht einfach als di- rekte Abbilder […] [ursprünglicher Zeichengestalt(folg)en] betrachtet werden, sondern lediglich als Modelle dieser […], die durch die Abstraktion der Notationszeichen, die Fähigkeiten und Interpretationen derer, die die Transkripte herstellen und die Ziele der Transkription beeinflusst werden.“ (LALOUSCHEK / MENZ 2002: 55)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die häufigere Verwendung des Terminus Transkription ist jedoch eine viel spezi- fischere (Transkription 2 ), die explizit für die Wiedergabe gesprochen realisierter Spra- che2 – sowie para- und nonverbaler Phänomene – durch konventionalisierte Transkrip- tionssysteme reserviert ist. Somit „[…] bezieht sich [Transkription 2 ] auf die Wiedergabe eines gesprochenen Diskurses in einem situativen Kontext mit Hilfe alphabetischer Schriftsätze und anderer, auf kommunikatives Verhalten verweisender Symbole.“ (DITTMAR 2004: 50) In dieser Arbeit werde ich den Terminus Transkription – sofern kei- ne Indexikalisierung vorliegt – im Sinne von DITTMAR (2004), jedoch in einer präziseren Definition (s. Kap. 2.3) verwenden, die eine Differenzierung in „enge“ und „breite“ Transkription vornimmt.

Um das Verhältnis von Transkription 1 und Transkription 2 zu illustrieren und zu- gleich den Terminus Transkription 2 von weiteren (unter Transkription 1 subsumierten) Typen der Wiedergabe von Zeichengestalt(folg)en – wie der Transliteration – abzu- grenzen, werde ich den Vorgang der Transkription, das Transkribieren, nach Gegen- stand und Verfahren klassifizieren und die Begriffe ‚Transkription 1 ‘ und ‚Transkription 2 ‘ innerhalb dieser Klassifikation verorten. In einem zweiten Schritt werde ich die beiden Subtypen von Transkription 2 („enge“ und „breite“ Transkription) aufzeigen und den für diese Arbeit relevanten Terminus der konversationsanalytischen Transkription einfüh- ren.

2.1 Klassifikation nach dem Transkriptionsgegenstand

Es empfiehlt sich zur Klassifikation des Begriffs ‚Transkription‘ anhand des Tran- skriptionsgegenstandes, dem transcribendum, und insbesondere zur Verortung der Transkription gesprochen realisierter Sprache (Transkription 2 ) in dieser Klassifikation, zunächst eine strukturalistische Einteilung von Sprache im Sinne DE SAUSSURES (2001: 78) in langue (Einheiten auf der Ebene des Systems) und parole (Einheiten auf der Ebene der wirklichen Verwendung eines Systems, den sog. Quellen).

„Das sprachliche Zeichen ist also etwas im Geist tatsächlich Vorhandenes, das zwei Seiten hat [...]. Diese beiden Bestandteile sind eng miteinander verbunden und entsprechend ei- nander. Ob wir nun den Sinn des lat. Wortes arbor suchen oder das Wort, womit das La- teinische die Vorstellung ‚Baum‘ bezeichnet, so ist klar, dasß uns nur die in dieser Sprache geltende Zuordnung als angemessen erscheinen, und wir schließen jede beliebiege andere Zuordnung aus, auf die man sonst noch verfallen kann.“ (Hervorhbg. durch NK)

Die langue besteht somit aus Sprachsystemeinheiten (Allophone) resp. Mengen dieser Einheiten (Phoneme) und Schriftsystemeinheiten (Allographe) resp. Mengen dieser Einheiten (Grapheme). Die parole gliedert sich in sprechsprachliche Einheiten (Phone) und schriftsprachliche Einheiten (Graphe). Folglich ist Transkription gespro- chen realisierter Sprache auf der Ebene der parole verortet und beschäftigt sich auf dieser Ebene mit den sprechsprachlichen Einheiten, die dem Transkribenten in Form von Quellen (z.B. Tonbandaufnahmen) vorliegen.

(2) Klassifikation nach dem Transkriptionsgegenstand

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Klassifikation nach dem Transkriptionsverfahren

Bei der Klassifizierung nach dem Transkriptionsverfahren treffe ich zunächst eine Unterscheidung zwischen einem rein mechanischen Verfahren (ohne mentaler Verar- beitung) und einem Verfahren mit mentaler Verarbeitung. Ein rein mechanisches Ver- fahren liefert als Transkript ein sog. Faksimile, bei dem ausschließlich technische In- stanzen Zeichengestalt(folg)en des Transkriptionsgegenstandes durch andere Zeichen- gestalt(folg)en – zumeist in digitaler Form – wiedergeben.

Bei mentaler Verarbeitung hingegen wird der – ggf. bereits mechanisch transkri- bierte – Transkriptionsgegenstand durch audiovisuelle Wahrnehmung rezipiert, mental verarbeitet und daraufhin in einer abstrakten Form wiedergegeben. Hierbei entschei- det die Abbildtreue des Transkriptes – also die Auswahl der wiederzugebenen Varian- zen –, welcher Typ von Transkription 1 vorliegt.

(3) Klassifikation nach dem Transkriptionsverfahren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Transkription 2 ist somit keine eins-zu-eins-Wiedergabe zwischen transcribendum und transcriptum, da Abweichungen sowohl in paradigmatischer als auch in syntagma- tischer Hinsicht vorliegen. Mit OCHS (1979) erfordert mentale Transkription gesprochen realisierter Sprache also „immer auch eine – wenn auch oft wenig reflektierte und rudimentäre – Theorie gesprochener Sprache und eine Interpretation des Gesprächs“ (DEPPERMANN 2001: 41). Die graphische Repräsentation gesprochener Sprache kann – entsprechend der erwähnten Abbildtreue – in Anlehnung an EHLICH / SWITALLA (1976: 78) in folgende beiden Subtypen unterteilt werden, die in Kap. 2.3 ausführlich und differenziert dargestellt werden:

[...]


1 Um Transparenz hinsichtlich der beiden gängigen Verwendungsweisen von Transkription zu schaffen, werde ich beide Lemma durch Indexikalisierung kennzeichnen.

2 Ich verwende in dieser Arbeit die Bezeichnung gesprochen realisierte Sprache, um explizit darauf hin- zuweisen, dass es sich nicht um die abstrakte Konzeption von Sprache (langue), sondern um die konkre- te Äußerung (parole) handelt. So wird Chatkommunikation zwar medial schriftlich realisiert, obliegt jedoch in ihrer Konzeption der gesprochenen Sprache.

Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640710577
ISBN (Buch)
9783640710751
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157902
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Transkription HIAT GAT Annotation Ehlich Rehbein Selting Konventionen Transkriptionskonventionen Transkriptionsverfahren Transkrptionssysteme Transkriptionsmethoden

Autor

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Titel: HIAT versus GAT