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Die komische Konfliktsituation in Molières "Le Misanthrope ou l'Atrabilaire amoureux"

Seminararbeit 2006 17 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Grundzüge der klassischen Komödientheorie
1. Gattungsbegriff „Komödie”
2. Laurent Jaubert: Traité du Ris

III. Molière: Le Misanthrope ou l'Atrabilaire amoureux (1666)
1. Jean Baptiste Poquelin
2. Le Misanthrope ou l'Atrabilaire amoureux (1666)
2.1 Inhaltsangabe
2.2 Interpretation

IV. Einführung der komischen Konfliktsituation
1. Personenkonstellationen
1.1 Alceste
1.2 Philinte
2. Normenkonflikt
2.1 Geltende Norm
2.2 Abweichung von der Norm
3. Generationskonflikt
4. Liebeskonflikt
4.1 Einführung des Heiratsprojekts
4.2 Berechtigung des Heiratsprojekts
4.3 Scheitern des Heiratsprojekts

V. Auflösung der komische Konfliktsituation in Le Misanthrope
1. Auflösung im Sinne der Komödientheorie
2. Le Misanthrope ou l’Atrabilaire amoureux als klassische Komödie

VI. Schluss

VII. Literaturverzeichnis
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

I. Einleitung

C'est une étrange entreprise que celle de faire rire les honnêtes gens.”1

Die Komödie gilt als Medium des Komischen par excellence. Doch wie erzielt die Komödie ihre komischen Effekte, die sich in spezifischen Themen und Motiven, in der Figurenstellung, der Handlungsstruktur sowie Sprache und Stil ausdrücken? Wie wird das Lachen oder die Lächerlichkeit in der Komödie erzeugt?

Insbesondere die Komödien von Molière gelten als Höhepunkt der klassischen Komödie in Frankreich. Bei der vorliegenden Hausarbeit liegt Le Misanthrope ou l'Atrabilaire amoureux (1666) als Primärtext zugrunde. Thema dieser Komödie ist der Konflikt zwischen rigoroser Aufrichtigkeit und heuchlerischer Höflichkeit im Rahmen der angepassten höfischen Gesellschaft.

Anhand der formalen und inhaltlichen Analyse dieses von Molière selbst als „comédie” betitelten Stücks versuche ich einige Konstruktionsprinzipien der Komik bzw. der komischen Konfliktsituation in der Komödie darzustellen.

Dabei wird näher eingegangen auf die Einführung der komischen Konfliktsituation, zugrunde liegenden Normen und Personenkonstellationen, sowie abschließend die Form der Auflösung dieser Konfliktsituation.

Zunächst stehen jedoch Fragen zur Theorie nicht nur der klassischen Komödie des 17. Jahrhunderts, sondern vor allem auch des Komischen im Zentrum des Interesses.

II. Grundzüge der klassischen Komödientheorie

Im Zeitalter der Klassik gab es für die Autoren feste Anweisungen für das Verfassen einer Komödie.

Beginnend mit den für alle Komödien geltenden Kriterien nach Aristoteles, beschäftige ich mich mit der Theorie von Laurent Jaubert, demzufolge das Lachen bewusst künstlich erzeugt und als therapeutischer Effekt eingesetzt wird. In seinem Text Traité du Ris beruft sich Laurent Jaubert unter anderem auf die anthropologischen Untersuchungen von J. Fernel und Th. Walkington, und leitet daraus die Bedeutung des Lachens her. Seine Theorie ist bis heute nahezu unverändert gültig und bildet eine wesentliche Grundlage für die Komödientheorie.

Ausgehend von dieser Darstellung dieser Theorien stellt sich die Frage, inwieweit

Le Misanthrope ou l'Atrabilaire amoureux diesem Konstruktionsprinzip einer Komödie entspricht.

1. Gattungsbegriff „Komödie”

Ein wesentliches Merkmal der Komödie sind die Personen, die dem niederen und mittleren Stand angehören, und an deren Standeszugehörigkeit sich auch die Sprache im Stück und das Zielpublikum orientiert. Während in der Tragödie das hohe Personal dementsprechend tief fallen kann (meistens hat dies den Tod des Helden zu Folge), ist dies in der Komödie nicht der Fall. Das Ende einer Komödie stellt ein sogenanntes Happy End dar, das dazu dient, alle Konflikte aufzuheben. Wirkungsziel der Komödie ist das Lachen, dadurch soll eine Art Katharsis erreicht werden.

2. Laurent Jaubert: Traité du Ris

Im 14. Kapitel seines Textes unterscheidet Laurent Jaubert zwischen „joie“, „rire“ und „tristesse“. „Joie“ (extreme Freude) und „tristesse“ (Trauer) sind Grenzpunkte, „rire“ (Lachen) eine gemässigte Form von „joie“. Diese entspricht der „médiocrité“, der Mitte zwischen den beiden Extremen bzw. Gefährdungen.

Die Bedingungen des Lachens sind durch diese Mitte definiert: zum einen wird vorausgesetzt, dass der Normalzustand bekannt ist. Lachen ist immer an Gesellschaftsnormen gebunden.

Zum anderen muss eine gewisse Abweichung von der Mitte (von den herrschenden Normen) als Grund zum Lachen vorliegen. Lachen dient demnach als Therapie, zur Korrektur eines Fehltritts.

Wirkungsziel der Komödie ist das Lachen, das gute Ende einer Komödie ist vergleichbar mit dem Rückweg in die Mitte. Bis zu einem bestimmten Punkt hin ist der Protagonist der Komödie in der Lage, sein Verhalten, sein Abweichen von der Norm zu korrigieren und zu dieser „médiocrité“ zurückzukehren. Folglich dient die Komödie auch als eine Art literarisches Normenkontrollverfahren. Ihre Wirkung besteht in der durch Rhetorik erzeugten Abwehr von extremen Einstellungen. Ziel ist der Einklang mit sich selbst, der Gemeinschaft und ihren Normen des Verhaltens, oder anders gesagt: ein Akt der Mässigung der Erregungen. Bei den Charakterkomödien von Molière sind es vor allem menschliche Schwächen die eine Abweichung von der Norm darstellen.

Bei einer Tragödie dagegen ist die Abweichung vom Gleichgewicht zwischen den Extremen

„joie“ und „tristesse“ zu stark und es gibt keine Möglichkeit mehr, in diese Mitte zurückzukehren. Eine Heilung des Affektes ist nicht mehr möglich, am Ende steht der Tod der betreffenden Figur.2

III. Molière: Le Misanthrope ou l'Atrabilaire amoureux (1666)

Molière gilt als Vertreter der klassischen französischen Komödie. Seine heutige Bedeutung beruht hauptsächlich auf den bekannten Komödien in fünf Akten, wie z.B.: L'école des femmes (1662), Le Tartuffe (1664, 1667 und 1669) und L'avare (1668).3

Das Personal seiner Theaterstücke bilden unter anderem Charaktere wie der Geizige, der Menschenfeind, der Heuchler und der Scharlatan. Thema seiner Komödien sind Schwächen und Verhaltensweisen gesellschaftlicher Außenseiter, d.h. solcher Personen, die von den gesellschaftlichen Normen der „honnêteté“, des „bon sens“ und der „juste nature“ abweichen.

1. Jean Baptiste Poquelin

Jean Baptiste Poquelin wurde am 15. Januar 1622 in Paris geboren. 1644 nahm er den Künstlernamen Molière an. 1643 wurde er Mitglied der Schauspielertruppe Béjart, die sich L'Illustre Théâtre nannte. Nach Misserfolgen und Geldnot begann er ein Wanderleben als Schauspieler und später als Lustspielautor in der Provinz (1645-1658). Während dieser Zeit wurden seine ersten Farcen sowie Komödien aufgeführt. Molière gewann die Gunst Ludwigs

XIV. und spielte ab 1661 im Palais Royal. Er verstarb am 17. Februar 1673 wenige Stunden nach einer Vorstellung des Malade imaginaire.4

2. Le Misanthrope ou l'Atrabilaire amoureux (1666)

Die Komödie Le Misanthrope wurde am 04. Juni 1666 im Palais Royal uraufgeführt.5

Das Stück ist eine Typenkomödie der französischen Klassik: die Charaktere entwickeln sich nicht, sondern sind gleich bleibende Figuren, die sich ihrem Typ gemäss verhalten.

Es besteht wie jedes klassische Drama aus fünf Akten: der erste Akt dient als Exposition während die beiden letzten Akte die zuvor gesponnenen Intrigen wieder auflösen.

Über den Ort der Handlung gibt Molière nur den knappen Hinweis: „La scène est à Paris”6 ; ist eindeutig, dass das Stück zur Zeit Ludwig XIV. spielt. Einheit von Zeit und Ort sind gegeben.7

Er verzichtet auf sämtliche Regieanweisungen, und stellt im Personenverzeichnis die einzelnen Figuren in der Reihenfolge ihrer Liebes- und Freundschaftsverhältnissen sowie ihres gesellschaftlichen Rangs vor.8

2.1 Inhaltsangabe

Die Handlung des Stückes ist auf ein Minimum beschränkt, ihr Spannungsmoment besteht nur in der ständigen Verzögerung einer entscheidenden Aussprache zwischen einem Liebhaber namens Alceste, der in einer Unterredung mit seiner Angebeteten, Célimène, Gewissheit darüber erlangen möchte, ob sie ihn heiraten will.9

Kaum aber hat sich die Möglichkeit eines Gesprächs ergeben, treten unerwartet andere Personen hinzu und verhindern dessen Fortgang.10

Alceste ist Le Misanthrope –Titelfigur und komische Figur zugleich -, der die Verlogenheit und Heuchelei der feinen Gesellschaft offen anprangert, nur bei Célimène nicht, weil er sie liebt. Seine Versuche durch Ehrlichkeit dagegen anzugehen scheitern: so bringt er es nicht über sich, dem Dichter Oronte, der ihm ein Sonett zur Beurteilung vorlegt, aus Höflichkeit zu schmeicheln: „J'ai le défaut D'être un peu plus sincère en cela qu'il ne faut.”11

Schließlich muss er sich aufgrund dieses Urteils über das Sonett vor Gericht verantworten.12

Célimène ist eine verwitwete Gesellschaftsdame, zu deren Verehrern ebenfalls Oronte, ein am Hof geschätzter Dichter, sowie Acaste und Clitandre, zwei Marquis, gehören. Zwar gesteht sie Alceste ihre Liebe, ist aber nicht bereit, auf den Besuch ihrer Verehrer zu verzichten.

Alceste hat für die anderen Verehrer, die ihre spöttischen Reden über während einer Salonkonversation abwesenden Personen13, beklatschen, nur Verachtung übrig.14

Durch einen Brief kommt ans Licht, dass sie mit ihren Verehrern, einschließlich Alceste, nur spielt und sich über sie amüsiert. Als sich alle von ihr abwenden, bleibt nur Alceste zurück.15 In einer erregten Auseinandersetzung zwischen Célimène und Alceste kommt es schließlich zu einer Aussöhnung: Alceste erklärt Célimène seine Liebe und überschüttet sie zugleich mit Vorwürfen und sonderbaren Wünschen: Hässlich, arm, ohne gesellschaftlichen Rang solle sie sein, um alles seiner Liebe zu verdanken.16

Erstmals kommt es zu einem Gespräch zwischen den Liebenden, das nicht unterbrochen wird: Von Anfang an hegte er neben dem Wunsch der Heirat auch den Wunsch, die Gesellschaft zu verlassen, für die er nicht geschaffen scheint. Alceste will Célimène verzeihen, wenn sie ihm in die Einsamkeit folgt. Sie lehnt ab und Alceste zieht sich allein auf das Land zurück.17

2.2 Interpretation

Le Misanthrope ist ein anspruchsvolles Stück mit wenig farcenhaften Elementen.

Molière wendet zudem in einigen seiner Komödien die Regeln dramatischer Konzentration der Tragödie an: So besteht der Handlungsablauf in der Aufhebung einer Entscheidung, die Krise hervorgerufen hatte. Das Interesse Molières gilt dabei dem Konflikt der Gefühle oder Ideen und dem jeweiligen moralischen Anliegen bzw. einem etablierten Normbewusstsein, dass er radikal in Frage stellt. Demnach vollzieht sich die eigentliche

Handlung fast ausschließlich in Reden und Diskussionen, und es ist die Sprache, die die innere Wahrheit der Figuren am unmittelbarsten ausdrückt.18

Molière stellt die Menschen von ihrer lächerlichen Seite dar. Das Lächerliche sanktioniert hierbei gesellschaftliches Fehlverhalten, und trifft vor allem die höfische Existenz, in der das Verhalten von der Kenntnis der Regeln und von deren richtiger Anwendung abhängt.

Bei Molière besteht der Konflikt im Verfehlen der inneren Ausgeglichenheit und Harmonie von Gesellschaft und Individuum, die das Ideal des „honnête homme” kennzeichnet.

Der Konflikt zwischen dem Protagonisten der Komödie und seiner Gegenspieler beruht auf ein Missachten von Regeln des Zusammenlebens und ist im Prinzip meist lösbar.19

IV. Einführung der komischen Konfliktsituation in Le Misanthrope

Bei Le Misanthrope handelt es sich primär um eine Charakterkomik, die aus dem Konflikt eines Einzelnen mit seiner Umwelt resultiert. Komik besteht hier in der Diskrepanz zwischen einer direkt oder indirekt vergegenwärtigten Norm und der Abweichung von ihr.

Die Komödie von Molière stellt die höchste gesellschaftliche Ordnungsform in Frage.

Ihr zugrunde liegt eine Abweichung vom Idealtypus, von der herrschenden Tugendordnung. So repräsentiert Philinte die gültige Norm der „honnêteté“, während Alceste aus seiner Sicht ein Abweichler ist. Die Komik entsteht nun aus dem Bemühen, die aus der Normverletzung resultierende Spannung zu entspannen. Dies gilt besonders für jene Passagen, in denen Alceste Célimène zu einer endgültigen Stellungnahme zwingen möchte, dann aber durch neu hinzukommende Gäste unterbrochen wird.20

Das aufkommende Lachen hat dabei niemals die Funktion einer Katharsis, sondern in ihm schwingt immer auch Sympathie und Bedauern über den Gegenstand dieses Lachens mit.21

[...]


1 Molière: La Critique de l'Ecole des Femmes.

2 Jaubert: Traité du Ris.

3 Molière: Le Misanthrope; S. 18.

4 Bahners: Erläuterungen zu Molière; S. 22 f.

5 Grimm: Molière; S. 123.

6 Molière: Le Misanthrope; S. 30.

7 Grimm: Molière; S. 126.

8 Molière: Le Misanthrope; S. 30.

9 Bahners: Erläuterungen zu Molière; S. 51 f.

10 Molière: Le Misanthrope; S. 31-43.

11 Molière: Le Misanthrope; S. 47.

12 Molière: Le Misanthrope; S. 76-78 (Acte II, Scène 6).

13 Molière: Le Misanthrope; S. 65-74 (Acte II Scène 4).

14 Molière: Le Misanthrope; S. 58-61 (Acte II, Scène 1).

15 Molière: Le Misanthrope; S. 103-107 (Acte IV, Scène 2).

16 Molière: Le Misanthrope; S. 107-114 (Acte IV, Scène 3).

17 Molière: Le Misanthrope; S. 128-137 (Acte V, Scène 3).

18 Bahners: Erläuterungen zu Molière; S. 17 f.

19 Bahners: Erläuterungen zu Molière; S. 45 f.

20 Molière: Le Misanthrope; S. 61 (V. 531 f.), S. 74-78 (V. 741-776) und S. 114 (V. 1433 ff.).

21 Grimm: Molière; S. 135.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640707775
ISBN (Buch)
9783640707980
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158218
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät
Note
1,00
Schlagworte
Französische Literatur; Komödie; Molière

Autor

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