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Nachrichtenwerte in Theorie und Praxis

Eine komparative Analyse der Tiroler Tageszeitung

Seminararbeit 2010 52 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung und Relevanz
1.2. Zentrale Fragestellung
1.3. Operationalisierung und Aufbau der Arbeit

2. Theoretischer Background
2.1. Theorie und Praxis im Spannungsverhältnis
2.2. Die Nachrichtenwerttheorie im Zeitraffer
2.3. Vor- und Nachteile der NWT
2.4. Adaptierung der NRW-Theorie: Codierbogen und Analyserahmen
2.5. Qualität vs. Boulevard: Selektion der Zeitungen

3. Die Tiroler Tageszeitung
3.1. Geschichte und Bedeutung der TT
3.2. Produktanalyse
3.4. Die Erkenntnisse der komparativen Produktanalyse

4. Empirische Auswertung: Die Nachrichtenwertfaktoren
4.1. Die Ergebnisse der TT im Detail
4.2. Qualität vs. Boulevard: Die Nachrichtenwerte im Vergleich
4.3. Quo vadis TT?

5. Konklusion
5.1. Resümee
5.2. Beantwortung der Forschungsfragen
5.3. Schlussfolgerungen

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Darstellungsformen in den Tageszeitungen

Abbildung 2: Artikelumfang im Durchschnitt gerundet

Abbildung 3: Ressortverteilung einzeln

Abbildung 4: Quellenangaben in den Tageszeitungen

Abbildung 5: Artikel mit und ohne Bilder

Abbildung 6: Durchschnittliche Bildgröße in den Tageszeitungen

Abbildung 7: Prominenz und Status der Ereignisnation in der TT-Berichterstattung

Abbildung 8: Der Nachrichtenwert "Nähe" im Detail

Abbildung 9: Prominenz in der Berichterstattung im Vergleich

Abbildung 10: Status der Ereignisnation im Vergleich

Abbildung 11: Die Negativberichterstattung in Qualitäts-, Boulevard- und Bundesländerzeitungen

Abbildung 12: Personalisierung der Berichterstattung im Vergleich

Abbildung 13: Räumliche Nähe in der Berichterstattung

Abbildung 14: Politische Nähe in der Berichterstattung

Abbildung 15: Wirtschaftliche Nähe in der Berichterstattung

Abbildung 16: Emotionale Nähe in der Berichterstattung

Abbildung 17: Kulturelle Nähe in der Berichterstattung. 36

1. Einleitung

1.1. Problemstellung und Relevanz

„Qualität und Quote, und zwar in dieser Reihenfolge!“ – So lautete das Zitat der beiden Chefredakteure der Tiroler Tageszeitung (TT), Alois Vahrner und Mario Zenhäusern in der Ausgabe vom 11. März 2010. Ausgangspunkt für diese Wortspende der Chefredaktion war eine österreichweite Leseranalyse im Jahr 2009 unter Entscheidungsträgern, die der Tiroler Tageszeitung, so schreibt sie auch selbst in einem kurzen Aufreißer auf der Titelseite, einen historischen Höchstwert einbrachte. „80 Prozent der Entscheider lesen TT“ – dieser Artikel auf Seite 12 erstreckt sich als einziger der gesamten Ausgabe auf eine gesamte Seite.

Nun lässt diese Berichterstattung und Eigenwerbung des Mediums eine Schlussfolgerung zu: Die Tiroler Tageszeitung zählt sich selbst zu den Qualitätszeitungen und definiert sich auch als solche. Diese Aussage ist ambivalent, zumal die Tiroler Tageszeitung, forciert durch den Eigentümer Moser Holding, in den letzten Jahren verstärkt dem Druck der „Kronen Zeitung“ am Tageszeitungsmarkt ausgesetzt war und noch heute ist. Die kurzlebige „Neue“ der Moser Holding als Konkurrenzprodukt zur „Krone“ verschwand schon wieder vom Markt, dafür erschien eine abgespeckte Version der Tiroler Tageszeitung als Konkurrenzprodukt und die Zeitung selbst plötzlich sieben Tage die Woche. Geht die Tiroler Tageszeitung also doch in Richtung Boulevard? Diese Frage – Qualität oder Boulevard – gilt es in dieser Arbeit zu klären. Damit drängt sich unweigerlich eine Frage auf – wie kann man dies empirisch überprüfen?

Ein Ansatz, die Tiroler Tageszeitung hinsichtlich ihrer Berichterstattung und Themenauswahl zu betrachten und zu vergleichen, bildet die Nachrichtenwerttheorie. Die einzelnen Nachrichtenwerte, die beschreiben ob ein Ereignis in den Medien Platz findet oder nicht, differieren im Selbstverständnis von Qualitäts- und Boulevardzeitungen, ebenso wie die Zeitungen hinsichtlich Aufbau, Struktur und Layout als Produkt im Gesamten Unterschiede aufweisen. Wo positioniert sich die Tiroler Tageszeitung? Qualität vor Quote, wenn man den Chefredakteuren Glauben schenken darf. Heißt dies nun automatisch auch Qualität vor Boulevard?

1.2. Zentrale Fragestellung

Aus diesen Überlegungen heraus ergibt sich für mich folgende zentrale Forschungsfrage:

- F1: Inwieweit ähnelt die Tiroler Tageszeitung in ihrer Berichterstattung bezugnehmend auf die Nachrichtenwerte einer österreichischen Qualitäts- bzw. Boulevardzeitung?

Um diese Frage ausreichend zu beantworten, müssen folgende Detailfragen geklärt werden:

- Was heißt Qualität, was Boulevard und wie unterscheiden sich diese hinsichtlich Definition?
- Was sind die Grundzüge der Nachrichtenwerttheorie, woher stammt sie und welchen Stellenwert hat sie für die Journalistik?
- Was sind die Vor- und Nachteile der Nachrichtenwerttheorie? Wo liegen ihre Möglichkeiten, wo ihre Grenzen?
- Warum ist die Tiroler Tageszeitung für die Analyse relevant? Welchen Stellenwert nimmt die Zeitung österreichweit und regional ein?
- Inwieweit ist die Tiroler Tageszeitung in der Produktanalyse mit anderen Produkten vergleichbar?

Ausgehend von dieser Kernfrage, stelle ich zu Beginn meines Forschungsprozesses folgende Hypothese auf:

- H1: Die Tiroler Tageszeitung ist in Hinblick auf die Analyse der Nachrichtenwerte nicht vergleichbar mit einer Qualitäts- oder Boulevardzeitung. Die Tiroler Tageszeitung stellt eine klassische Bundesländer-Tageszeitung mit starkem regionalem Bezug dar.

1.3. Operationalisierung und Aufbau der Arbeit

Im folgenden Kapitel dieser Arbeit werde ich zuerst einen theoretischen Einblick in die klassische Nachrichtenwerttheorie ausgehend von Walter Lippmann aus dem Jahre 1922, bis hin zu Galtung und Ruge (1965), Winfried Schulz 1976, Staab (1990) u.a. geben. Anschließend soll das für diese Arbeit relevante Codiersystem erläutert werden. Schließlich stellt sich im zweiten Kapitel auch noch die Frage nach der Nützlichkeit und Anwendbarkeit der Nachrichtenwerttheorie in der Journalistik und die Unterscheidung in Qualitäts- und Boulevardzeitungen und warum gerade diese Zeitungen für die Analyse herangezogen wurden.

Kapitel 3 widmet sich der im Speziellen der Tiroler Tageszeitung, ihrer Geschichte und Bedeutung für das Bundesland und die aktuelle Produktanalyse, nachdem die Zeitung in den letzten Jahren mehrere Umstrukturierungen erfahren hat. Hier soll bereits ein erster Vergleich mit Qualitäts-, Boulevard- und Bundesländerzeitungen hinsichtlich Aufbau, Layout, Darstellungsformen, Ressortgewichtung, Artikelumfang und Bildgröße erfolgen. In der Analyse der Zeitungen zähle ich die klassischen österreichischen Zeitungen „Die Presse“ und „Der Standard“ zu den Qualitätszeitungen, die „Kronen Zeitung“ und „Österreich“ zu den Boulevardzeitungen und die „Vorarlberger Nachrichten“, die „Neue Vorarlberger Tageszeitung“ sowie die „Oberösterreichischen Nachrichten“ zu den klassischen Bundesländerzeitungen (Erläuterungen dazu in Kapitel 2.4.).

Im vierten Kapitel widme ich mich ausführlich und anschaulich der empirischen Analyse hinsichtlich der Nachrichtenwerte. Dabei soll zuerst die Tiroler Tageszeitung im Detail betrachtet werden, das heißt, wie sehr spielen Negativismus, Prominenz, Nähe sowie Tragweite ausdifferenziert in Unterkategorien und Personalisierung eine Rolle in der Berichterstattung. Im Folgenden werden diese Werte mit den Qualitäts-, Boulevard- und Bundesländerzeitungen Österreichs verglichen. „Quo vadis TT?“ – Kapitel 4.4. stellt einen Vergleich zwischen den analysierten Zeitungen an und versucht, die Tiroler Tageszeitung hier einzuordnen.

Im abschließenden fünften Kapitel folgen die Beantwortung der eingangs gestellten Forschungsfrage, der Versuch, die Hypothese zu verifizieren bzw. falsifizieren und eine schlussfolgernde Betrachtungsweise aus den gewonnenen Erkenntnissen.

Alle relevanten Ergebnisse werden nach Möglichkeit in dieser Arbeit grafisch dargestellt, da der Vergleich so besser zur Geltung kommt. Nähere Details zu Operationalisierung und Methodik sind im Analyserahmen (Kap. 2.4.) bzw. im Anhang ersichtlich.

2. Theoretischer Background

2.1. Theorie und Praxis im Spannungsverhältnis

„Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie“, meinte einst Kurt Lewin. Nun, wenn wir die Nachrichtenwerttheorie, die schon seit langer Zeit Eingang in die Journalistik gefunden hat, in dieser Arbeit als theoretische Basis verwenden, müssen wir uns zuerst mit den Begriffen Theorie und Praxis beschäftigen. Beide Termini sind im Arbeitstitel dieses Projektes zu finden und wurden im Rahmen des Uni-Seminars diskutiert.

Zunächst einmal ist es wichtig, Theorie und Praxis zu definieren. Der Begriff „Theorie“ leitet sich aus dem Griechischen ab. „theorein“ bedeutet so viel wie „erkennen“, „anschauen“, „sehen“. Definitionsversuche zum Begriff der „Theorie“ gibt es in der Literatur einige. Beispielsweise sprechen Schülein und Reitze in diesem Zusammenhang davon, dass

„Eine Theorie bietet einen logifizierten Blick auf einen Ausschnitt der Welt. Sie kommt durch Reflexion zu Stande, ist also distanziert und ausgearbeitet. Sie besteht aus einem Bündel von Aussagen, die aufeinander abgestimmt sind und eine stimmige Gesamtsicht bieten“ (Schülein/Reitze 2002: 238, zit. n. Donges/Leonarz/Meier 2005: 105).

Wienold betrachtet die Leistungsfunktion einer Theorie:

„Theorien dienen dazu, die Erkenntnisse über einen Bereich von Sachverhalten zu ordnen, Tatbestände zu erklären und vorherzusagen“ (Wienold 1994: 676, zit. n. Don ges/Leonarz/Meier 2005: 105).

Schließlich sei hier noch die Definition von Friedrichs erwähnt:

„Jede Theorie ist ein System von Aussagen. [...] Theorie ist eine Menge logisch mit einander verbundener widerspruchsfreier Hypothesen. Sie enthält eine Reihe unab- hängiger Aussagen (Axiome), an denen weitere Aussagen (Gesetze und Theoreme) mit Hilfe von Regeln abgeleitet werden“ (Friedrichs 1990: 62)

Im Gegensatz dazu nun der Begriff der „Praxis“:

„Unter ‚Praxis’ lässt sich der je gegenwärtige und dann historisch spezifische, körper- gebundene und raum-zeit-bindende Vollzug von Handlungsweise verstehen, in denen Akteure sich die Bedingungen vorgefundener Wirklichkeit aneignen und sie verän- dern.“ (Raabe 2008: 366)

Praxis kann dabei in zweierlei Hinsicht verstanden werden: Zunächst gibt es die gesellschaftliche Praxis oder „Realität“, die mit Hilfe von Theorien untersucht und beschrieben werden soll. Auf der anderen Seite wird der Begriff Praxis im Sinne beruflicher Erfahrungen und Kenntnisse verwendet. Berufspraxis steht ebenfalls im Mittelpunkt des Interesses der Wissenschaft. So untersucht zum Beispiel die Journalistik die Arbeitspraxis des Berufsfeldes Journalismus.

Funktionen von Theorien

Eine Theorie muss eine Lösung für praktische Probleme bieten, das heißt, sie muss Anwendbarkeit in der Praxis finden. Diese Anwendbarkeit sieht Merten (1999: 31f.) an vier Funktionen:

1) Ordnung (und Beschreibung): Dies ist zugleich die wichtigste Funktion einer Theorie. Sie muss Begriffe definieren und das Erkenntnisobjekt abgrenzen. Ordnende Funktion besitzt eine Theorie auch bei der Klassifizierung oder Typenbildung. Eine Theorie soll einen bestimmten Sachverhalt so exakt wie möglich beschreiben und eine Struktur geben.
2) Abstraktion: Als zweite wichtige Funktion von Theorien sieht Merten die Abstraktion. Darunter versteht er, ein „konkretes Phänomen auf eine abstraktere Ebene zu beziehen“. Dann nämlich gelingt es, dieses konkrete Phänomen mit vielen Fällen gleichzusetzen und mit denselben Begriffen zu belegen. Verschiedene Phänomene können so einer Theorie zugeordnet werden.
3) Erklärung: Eine Theorie muss eine Phänomen erklären können und beispielsweise für die Hypothese „Je mehr X, desto mehr Y“ eine Erklärung finden.
4) Prognose: Umgekehrt verhält es sich bei der Prognose. Wenn X zutrifft, dann tritt Y ein – dies wäre eine Prognose, die mit einer Theorie gemacht werden könnte (vgl. Merten 1999: 30-34).

Das Theorie-Praxis-„Problem“

„Alltag und Wissenschaft, Theorie und Praxis – die Königskinder, die nicht zusammenkommen konnten“ (Soeffner 1983: 13). Die Diskussion zwischen Theoretikern und Praktikern hat es immer schon gegeben.

Zwischen Theorie und Praxis gibt es einen Unterschied, nicht jedoch eine klar festgelegte Grenze. Die „Differenz zwischen beiden Seiten [ist, Hinzufügung der Autorin ] nicht hierarchisch, sondern qualitativ“ (Beck/Bonß 1989: 9; Hervoheb. i. O.). Demnach liefert die Wissenschaft „nicht notwendig ein besseres, sondern zunächst einmal ein anderes Wissen. Anders insofern, als wissenschaftliche Analysen die je konkreten Handlungszwänge der Praxis eher zum Gegenstand als zur Grundlage haben.“ (Beck/Bonß 1989: 9). Wissenschaft kann demnach einen Zusammenhang zur Praxis herstellen, wobei die Grenze immer wieder neu gezogen werden muss. Demnach ist

„die gesellschaftliche Praxis die übergreifende Quelle der Erfahrung, sie schließt die Erfahrung mittels des wissenschaftlichen Experiments in sich ein, ist keinesfalls auf diese reduzierbar und liefert auch letzten Endes das entscheidende Kriterium für die ‚Bewährung‘ oder ‚Bestätigung‘ einer wissenschaftlichen Theorie“ (Hahn 1968: 38, zit. n. Friedrichs 1990: 28).

Theorie wird durch Praxis bedingt und umgekehrt. So wäre es falsch, anzunehmen, nur jene Bereiche, die durch Wissenschaft erforscht und mit einer Theorie hinterlegt worden sind, existieren in unserer Realität. Vielmehr ist es doch auch so, dass die wissenschaftliche Theoriebildung auf ein gewisses Vorverständnis und Vorkenntnisse aus der Realität aufbaut. Eine Theorie ist zunächst einmal selbst ein Vorurteil und sie muss sich in der Realität bewähren. Eine Theorie ist eine Art Forschungsprogramm, das mit Hilfe von Definitionen und Gesetzen den Prozess der Forschung lenkt. (vgl. Friedrichs 1990: 69).

„Theorien sind Pflicht und Kür zugleich“ – so zumindest bezeichnen es Donges, Leonarz und Meier (2005: 138) in ihrem Aufsatz. Demnach sind Theorien Pflicht, da „sozialwissenschaftliche Forschung immer theoriegeleitet angegangen werden muss“. Und weiter: „Nur Theorien sichern einen transparenten, kontrollier-, reflektier- und kritisierbaren Blick auf die Welt, auf Öffentlichkeit, auf Medienorganisationen, auf Inhalte, Journalismus oder Rezeption“ (Donges/Leonarz/Meier 2005: 138). Sie bezeichnen Theorien als die „absolute Voraussetzung für jegliche Forschungstätigkeit“ und in diesem Sinne auch als praktisch. Denn eine gute Theorie biete eine „erste Orientierungshilfe zur Reduktion der Weltkomplexität, hilft bei der Strukturierung des Problems und unterstützt die Formulierung von konkreten Forschungsfragen“ (Donges/Leonarz/Maier 2005: 139).

Dass eine Theorie lange Zeit Bestand haben kann, zeigt die Laswell-Formel. Sie wurde nie vollständig abgelöst, aber andere Theorien entstanden in diesem Zusammenhang. Friedrichs schildert hier, wie überlebensfähig eine Theorie sein kann, indem er sagt: „Eine Theorie lässt sich nicht durch einzelne Beobachtungen falsifizieren, sondern nur durch eine andere Theorie“ (Friedrichs 1990: 72).

2.2. Die Nachrichtenwerttheorie im Zeitraffer

Die Grundannahme der Nachrichtenwerttheorie lautet: „Ereignisse besitzen bestimmte Eigenschaften wie Nähe, Schaden oder Prominenz der beteiligten Personen, und je ausgeprägter diese Eigenschaften, die man als Nachrichtenfaktoren bezeichnet, auf ein Ereignis zutreffen, desto publikationswürdiger ist es, desto größer ist sein Nachrichtenwert“ (Staab 2002: 608).

Den Anfang in der Nachrichtenwertforschung formuliert Walter Lippmann bereits 1922. Lippmann bringt den Ausdruck „news value“ (Nachrichtenwert) ein und versteht darunter „die Publikationswürdigkeit von Ereignissen, die sich aus der Kombination von Merkmalen ergeben, welche die Journalisten den Ereignissen zurechnen“ (Ruhrmann/Göbbel 2007: 3). Zum Nachrichtenwert zählt Lippmann beispielsweise Ungewöhnlichkeit, bekannte Persönlichkeiten als beteiligte am Ereignis, die Entfernung des Ereignisortes, etc. (vgl. Ruhrmann/Göbbel 2007: 3).

Ausgehend von Walter Lippmann prägt 1965 zuerst Einar Östgaard die Nachrichtenwertforschung in Europa. Er fasst die Nachrichtenfaktoren in drei Kategorien (Vereinfachung, Identifikation, Sensationalismus) zusammen. Darunter versteht Östgaard folgendes: Ein komplexes Ereignis wird vereinfacht dargestellt in den Medien – dann steigt die Wahrscheinlichkeit der Rezeption. Das Publikum identifiziert sich mit einem Ereignis, das eine zeitliche, geografische oder kulturelle Nähe aufweist. Hinzu kommen Faktoren wie Prominenz der Beteiligten, Personalisierung und der Status der Ereignisnation. Seine dritte Kategorie, Sensationalismus, betrifft die Berichterstattung über Unfälle, Katastrophen oder Konflikte (vgl. Ruhrmann/Göbbel 2007: 5).

Ein erstes theoretisches Konzept zu den Nachrichtenwerten entwerfen 1965 dann Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge in ihrer Analyse der Auslandsberichterstattung von Printmedien. Dabei sehen die beiden Forscher einen zweistufigen Selektionsprozess. Der Journalist wählt bereits ein Nachrichtenereignis aus und auch der Rezipient wählt aus dieser Auswahl wiederum die für ihn relevanten Nachrichten. Galtung und Ruge formulieren zwölf Auswahlkriterien, die bis heute oft zitiert und Grundlage vieler empirischer Untersuchungen wurden (vgl. Ruhrmann/Göbbel 2007: 5):

Kulturunabhängige Nachrichtenfaktoren: Dauer des Ereignisses, Schwellenfaktor, Eindeutigkeit, Bedeutsamkeit, Konsonanz, Überraschung, Kontinuität, Komposition

Kulturabhängige Nachrichtenwertfaktoren bezogen auf nordwestliche Kulturen: Elite-Nationen, Elite-Personen, Negativismus, Personalisierung (zit. n. Ruhrmann/Göbbel 2007: 5).

Winfried Schulz wendet das Konzept von Galtung und Ruge im Jahr 1976 und 1982 als erster im deutschsprachigen Raum an. Er wendet die Nachrichtenwerttheorie auf deutsche Print- und Hörfunkmedien an und kommt zum Ergebnis, dass die Faktoren Vorhersehbarkeit, Elite-Personen und Tragweite am stärksten zum Tragen kommen (vgl. Ruhrmann/Göbbel 2007: 7). Insgesamt definierte Schulz 18 Nachrichtenwerte, wobei aber maximal sechs davon in der Berichterstattung von Bedeutung waren (vgl. Staab 2002: 612).

Joachim Friedrich Staab analysiert 1990 die Nachrichtenfaktoren in der Berichterstattung von Print- und Hörfunkmedien. Er entwickelt das Konzept von Galtung und Ruge weiter und kommt zum Schluss, dass die Nachrichtenfaktoren nicht nur bei der Auswahl eine Rolle spielen, sondern auch bei der Folge – das heißt je mehr Nachrichtenfaktoren ein Ereignis hat, umso mehr Umfang erhält es in der Berichterstattung (vgl. Ruhrmann/Göbbel 2007: 8).

Im deutschen Raum führt Christine Eilders im Jahr 1997 eine umfangreiche Zeitungsanalyse durch und streicht vor allem die Nachrichtenfaktoren Kontroverse, Prominenz, Reichweite und Etablierung als besonders gewichtend hervor (vgl. Ruhrmann/Göbbel 2007: 9).

Das ursprüngliche Konzept von Walter Lippmann wurde in der Geschichte immer weiter ausdifferenziert. Fest steht aber, dass einzelne Nachrichtenfaktoren mehr Wert haben als andere. So hat der Faktor Prominenz für Boulevardmedien eine größere Bedeutung. Die bisherigen Inhaltsanalysen zeigten, dass es zwar auch Gemeinsamkeiten in der Berichterstattung unterschiedlicher Medien gibt, aber eben auch „medienspezifische Aufmerksamkeits- und Selektionskriterien“ (Ruhrmann/Göbbel 2007: 15).

Für Siegfried Weischenberg sind vor allem zwei Nachrichtenfaktoren zentral – Bedeutung und Publikumsinteresse. Zu ersterem zählen das Ausmaß eines Ereignisses und die Beteiligung von Personen, wobei hier mehrere Kriterien und Merkmale herangezogen werden können – so auch Prominenz, Nähe, Aktualität. Zu zweiterem zählen die Konsequenzen, die ein Ereignis gemessen unter seiner Reichweite, hat (vgl. Weischenberg 2001: 26ff.).

Heinz Pürer definiert 1996 zuerst allgemeine Kriterien, die eine Nachricht erfüllen muss. „Sie muss neu sein, sich mit aktuellen Ereignissen befassen. Sie muss interessant, vielleicht sogar relevant dahingehend sein, dass sie eine größere Zahl von Menschen betrifft. Schließlich hat sie meist ein regelwidriges, das heißt außergewöhnlich auftretendes Ereignis zum Inhalt.“ (Pürer 1996, zit. n. Ruhrmann/Göbbel 2007: 22f.).

Erstes Nachrichtenauswahlkriterium für Stephan Ruß-Mohl ist die Aktualität, gefolgt von der Relevanz einer Nachricht. Schließlich benennt der Autor sieben Nachrichtenwertfaktoren (Ruß-Mohl 2003, zit. n. Ruhrmann/Göbbel 2007: 25):

1) Zeit, dh. die Aktualität und Kontinuität eines Themas, die Dauer des Geschehens an sich
2) Nähe, dh. die räumliche, politische und kulturelle Nähe sowie die Betroffenheit und die Relevanz für den Leser
3) Status, dh. Prominenz, persönlicher Einfluss, Status der Ereignisnation
4) Dynamik, dies betriff den Überraschungseffekt eines Ereignisses
5) Valenz: good news vs. bad news – also der Negativismus an sich
6) Identifikation, dh. die Personalisierung und die Emotionalisierung eines Ereignisses
7) Umsetzbarkeit in Bildern, dh. ob eine Geschichte auch visuell dargestellt werden kann

[...]

Details

Seiten
52
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640707362
ISBN (Buch)
9783640707393
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158308
Institution / Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,0
Schlagworte
Nachrichtenwerte Theorie Praxis Eine Analyse Tiroler Tageszeitung

Autor

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Titel: Nachrichtenwerte in Theorie und Praxis