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Die Turmgesellschaft in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre"

Seminararbeit 2008 26 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geheimbünde im 18. Jahrhundert und deren Einfluss auf die Literatur

3 Die Rolle der Turmgesellschaft im Roman
3.1 Mitglieder des Turms
3.2 Die Emissäre der Turmgesellschaft
3.3 Die Aufnahme Wilhelms in die Gesellschaft
3.4 Die Pädagogik des Turms

4 Die Zukunft der Turmgesellschaft

5 Freimaurerische und illuminatorische Elemente im Turm

6 Schluss

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Über Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ ist seit seiner Entstehungszeit viel geschrieben worden. Bereits in der ersten Kritik zu diesem Werk aus der Feder Schillers bildet die Turmgesellschaft, welche eigentlich erst im achten Buch des Werkes zu Tage tritt, den Hauptdiskussionspunkt. Hierbei war Schiller der Auffassung, der Roman habe „Maschinen [...], die in gewissem Sinne die Götter oder das regierende Schicksal darin vorstellen.“[1]

Schiller fährt weiter fort, er befürchte, „dass viele Leser [...] in jenem geheimen Einfluss bloß ein theatralisches Spiel und einen Kunstgriff zu finden glauben“ werden. „Das achte Buch gibt nun zwar einen historischen Aufschluß über alle einzelnen Ereignisse, die durch jene Maschinerie gewirkt wurde, aber den ästhetischen Aufschluß über die den inneren Geist, über die poetische Notwendigkeit jener Anstalten gibt es nicht befriedigend genug.“[2]

Damit spricht bereits der erste Leser des Romans das Grundproblem des hier behandelten Werkes an: Welche Funktion übernimmt die geheime Turmgesellschaft im Roman? Oder konkreter auf den Titel des Werkes bezogen: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Wilhelms „Bildung“ und der Turmgesellschaft? Lange Zeit haben Interpreten des Werkes genau diese Frage ausgeblendet und kamen – wie schließlich auch Schiller[3] – zu dem Schluss, dass die Turmgesellschaft als „schicksalhafte Leitung“ die Bildung Wilhelms im Verlauf des Romans hervorbringe.[4]

Die vorliegende Hausarbeit will genau diese Frage untersuchen. Dabei soll nach einer kurzen Darstellung von Geheimgesellschaften der Zeit, vor allem die so genannte Turmszene sowie die Pädagogik im Vordergrund stehen. Des weiteren soll ein Blick auf die Zukunft und den Wandel der Gesellschaft geworfen werden. Am Ende folgt noch ein Vergleich des Turmes mit den beiden tatsächlich existierenden Geheimgesellschaften, den Freimaurern und den Illuminaten.

2 Geheimbünde im 18. Jahrhundert und deren Einfluss auf die Literatur

Im 18. Jahrhundert entwickelten sich unter dem Einfluss der Aufklärung auch in Deutschland verschiedene so gennante Geheimgesellschaften. Hier sind neben den Freimaurern und den Illuminaten auch der Tempelherren und das Rosenkreuzertum zu nennen. Ihren Ursprung hatten diese in England, wo 1717 durch den Zusammenschluss der vier Logen Londons der Grundstein der Geheimgesellschaften gelegt wurde. Die freimaurerischen Ideale bestanden nach ihrem eigenen Erachten neben Disziplin und Selbsterkenntnis in einer brüderlichen Humanitätsgesinnung.[5]

So wurde 1737 in Hamburg die erste Freimaurerloge „Absalon“ nach englischem Vorbild gegründet. Auch die in der Folgezeit gegründeten Logen basierten auf dem englischen System von Lehrling, Geselle und Meister.[6]

Wie verschiedene Schriftsteller und Denker seiner Zeit[7] war auch Goethe Freimaurer. Am 13. Februar 1780 richtet er sein Aufnahmegesuchs an den Meister vom Stuhl der Weimarer Loge, Minister v. Fritsch.[8] Allerdings wurde Goethe erst vier Monate später, am 23. Juni 1780 von Loge Amalia in Weimar aufgenommen.[9] Bereits ein Jahr später wurde Goethe in den Gesellenstand befördert[10] und im März des folgenden Jahres wurde er sogar in den Meisterstand ernannt.[11]

Allerdings stellte die Weimarer Loge wegen Systemstreitigkeiten, von denen damals viele Logen in Deutschland betroffen waren, bereits im Juni 1782 ein und blieb bis 1808 geschlossen. Während dieser Zeit war Goethe nicht als Freimaurer tätig. Aus einem Brief Goethes vom 15. März 1783 geht hervor, dass die Geheimgesellschaften für ihn bereits früh pädagogisch- soziale Bedeutung hatten[12]:

[...] so hab ich auch gefunden, daß in der kleinen Welt

der Brüder alles so zugeht, wie in der großen, und in diesem

Sinne hat es mir viel genutzt diese Regionen zu durchwandern. [...][13]

Dagegen äußert sich Goethe in der Folgezeit teilweise ironisch oder sogar ablehnend gegenüber der Freimaurerei und zeigte sich nach seiner Rückkehr aus Italien sogar als Gegner der Pläne, in Jena eine Loge zu errichten.[14]

Der Weimarer Schriftsteller war jedoch auch Mitglied des so genannten Illuminatenordens, dem er 1783 beitrat, nachdem im Jahr zuvor seine Weimarer Freimaurerloge ihre Arbeit eingestellt hatte.[15] Dieser Orden war 1776 von dem Professor Adam Weishaupt in Ingolstadt gegründet worden und hatte die Absicht, den für zu mächtig geltenden Jesuitenorden zu bekämpfen.[16] Die Statuten der Illuminaten zeigen, dass ihr Orden sehr auf Pädagogik bedacht war. So mussten „Candidaten“, nachdem sie 1 bis 3 Jahr Zeit hatten, „an der Erforschung seiner selbst“ und „seiner Nebenmenschen“ zu arbeiten, einen Prüfung ablegen. Außerdem existierte ein System der gegenseitigen Überwachung von Verhalten und charakterlichen Eigenschaften.[17]

In Folge der Ausbreitung von Geheimgesellschaften entwickelte sich in der Literatur der Zeit der so genannte Geheimbundroman, der seine Ursprünge zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Frankreich hatte. In Deutschland war Schiller mit seinem 1786- 89 verfassten „Geisterseher“ der erste Autor, der dieses Motiv aufgriff. Es folgten andere wie Naubert mit seinem 1789 erschienen „Hermann von Unna“ oder Wieland 1790-91 mit „Geheime Geschichten des Philosophen Peregrinus Proteus“.[18]

Man kann zwei Haupttypen des Geheimbundromans unterscheiden, den Emissär und die Bundestochter. Die Aufgabe der Bundestochter ist es, den Helden an sich zu binden und ihn dem Bund in die Hände zu spielen. Der Emissär, wie zum Beispiel in Schillers „Gei-sterseher“ begleitet den Helden als Verkörperung seines Schicksals. Er ist meist von hohem Alter und geheimnisvoll- ferner Herkunft, allwissend und unverwundbar. Er erregt Ehrfurcht, wirkt kalt und kann überall erscheinen oder plötzlich verschwinden.[19]

3 Die Rolle der Turmgesellschaft im Roman

3.1 Mitglieder des Turms

Im Roman werden vier Mitglieder der Turmgesellschaft genannt: Lothario, der Abbé, Jarno und am Rande der Arzt, welcher Wilhelm nach dem Überfall behandelt.[20]

Jarno wird dabei als kalter Vernunftsmensch ohne jegliche Sentimentalität beschrieben. Er findet sich lieber mit der Situation ab als übereilt Dinge zu beschließen oder nach unerreichbaren Idealen zu streben. An Gesprächen über Kunst beteiligt er sich nur selten. Als Lothario auf seinen Gütern soziale Veränderungen beschließt, rät Jarno ihm davon ab, mit der Begründung, dass das „Außerordentliche, was geschieht, meistens töricht ist.“[21] Der Verstand ist für ihn die höchste Tugend, von unrealistischen Vorstellungen hält er nichts, statt dessen verlangt er „in allen Dingen nichts als Klarheit.“[22] Obwohl er keinerlei pädagogische Fähigkeiten hat, besitzt er eine große Menschenkenntnis, die er jedoch eher taktlos zum Ausdruck bringt.[23]

Der Abbé hingegen erhält keinerlei individuellen Merkmale, er hat nicht einmal einen Namen, sondern wird nur mit seinem Amt bezeichnet. Daher erscheint er eher als Ideenträger, nicht als handelnde Figur. In Goethes Notizbuch aus dem Jahr 1793 findet sich der Eintrag: „Abbé pädagogischer Traum“.[24] Der Abbé ist besonders um Wilhelms Bildung bemüht. Dabei vertritt der eine Pädagogik des Irrens.[25]

Trotzdem versucht er immer wieder selbst Einfluss auf Personen und Geschehnisse zu nehmen. So rät er Wilhelm eindringlich zu einer Reise mit dem Marchese und entwirft „sogleich seinen Plan“[26] für das Zusammentreffen der beiden. Des weiteren will er Augustin „nicht von seiner Seite“ lassen „und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte“[27] fortführen.

[...]


[1] Erich Trunz (Hg.): Goethes Werke, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Band VIII, 1950, S. 539. Schiller denkt dabei an den „deus ex machina“ der antiken Dramen: Wilfried Barner: Geheime Lenkung. Zur Turmgesellschaft in Goethes Wilhelm Meister, in: William J. Lillyman: Goethe's Narrative Fiction. The Irvine Goethe Symposium, Berlin und New York 1983, S. 94. Schiller war der erste Leser und Rezensent des Werkes, Goethe sandte ihm nach und nach die fertigen Bücher noch vor ihrem Erscheinen, zum Teil sogar als Manuskript zu: Gerhard Storz: Figuren und Prospekte. Ausblicke auf Dichter und Mimen, Sprache und Landschaft, Stuttgart 1963, S. 105- 106.

[2] Johann Wolfgang Goethe: Werke, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, hg. von Erich Trunz, Band VIII, Hamburg 1950, S. 539 -540.

[3] „[...] Der Gegenstand fordert dieses, Meisters Lehrjahre sind keine bloß blinde Weisung der Natur, sie sind ein Art von Experiment. Ein verborgen wirkender höherer Versand, die Mächte des Turm, begleiten ihn mit ihrer Aufmerksamkeit, und ohne die Natur in ihrem freien Gange zu stören, beobachten, leiten sie ihn von der ferne und zu einem Zwecke, davon er selbst keine Ahnung hat, noch haben darf“: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens, hg. von Karl Richter (u.a.), Band 8,1. Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794 bis 1805, hg. Manfred Beetz, München 1990, S. 203

[4] Katrin Fischer: Die Turmgesellschaft in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre. Eine Deutung unter Bezug auf Goethes Einstellung gegenüber Teleologie und im Kontext der Frage, was ein gelungenes Leben gewährleistet, in: Goethezeitportal, URL: <http://www.,goethezeitportal.de /db/wiss/goethe/meiterslehrjahre_fischer.pdf>, 2004, S. 7. Fischer bietet allgemein einen sehr guten Überblick über die bisherige Forschung zu diesem Werk: S. 7- 14.

[5] Werner Kohlschmidt: Freimaurer, Geheime Gesellschaften in: Paul Merker und Wolfgang Stammler (Hgg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Band 1, Berlin 1958, Spalte 482 – 485; Akira Kogishi: Über den Turm in Goethes „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren“, in: Goethe-Jahrbuch der Goethe- Gesellschaft in Japan, VIII, 1966, S. 13.

[6] Rudolf Vierhaus: Aufklärung und Freimaurerei in Deutschland, in: Rudolf von Thadden; Gert von Pistohlkors; Hellmuth Weiss: Das Vergangene und die Geschichte, Festschrift für Reinhardt Wittram zum 70. Geburtstag, Göttingen 1973, S. 24.

[7] Ebenfalls als Freimaurer waren zum Beispiel Lessing, Wieland und Herder aktiv. Außerdem schlossen sich auch Fürsten und Adlige, wie besipielsweise der preußische Kronprinz Friedrich 1783 an, allgemein trafen in den Logen Adlige und Bürgerliche aufeinander: Vierhaus: Aufklärung und Freimaurerei, S. 25, 35; Johann Pietsch: Johann Wolfgang von Goethe als Freimaurer. Festschrift zum 23. Juni 1880, dem hundertjährigen Freimaurer- Jubiläum Goethes, Leipzig 1880, S. 20, Kogishi: Über den Turm, S. 13.

[8] Rosemarie Haas: Die Turmgesellschaft in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Zur Geschichte des Geheimbund- romans und der Romantheorie im 18. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1975, S.21; Pietsch: Goethe als Freimaurer, S. 7.

[9] Pietsch: Goethe als Freimaurer, S. 8; Arthur Ott: Goethe und der Illuminatenorden in: Wilhelm Bode: Stunden mit Goethe. Für die Freunde seiner Kunst und Weisheit, Berlin 1910, S. 86.

[10] Ebd. S. 12.

[11] Ebd. S. 14.

[12] Haas: Die Turmgesellschaft, S. 24.

[13] Johann Wolfgang Goethe: Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche, Band 18, hg. von Ernst Beutler, 2. Auflage, Zürich 1965, S. 727.

[14] Haas: Die Turmgesellschaft, S. 24; Johann Wolfgang Goethe:Werke, hg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen, IV. Abteilung, Band 9, Weimar 1891, S. 101.

[15] Ott: Goethe und der Illuminatenorden, S. 88.

[16] Vierhaus: Aufklärung und Freimaurerei, S. 24.

[17] Leopold Engel: Geschichte des Illuminaten- Ordens. Ein Beitrag zur Geschichte Bayerns, Berlin 1906, S. 91- 101.

[18] Haas: Die Turmgesellschaft, S. 9 -12.

[19] Ebd. S. 29.

[20] Haas: Die Turmgesellschaft, S. 57.

[21] Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, hg. von Ehrhard Bahr, Stuttgart 1982, S. 451.

[22] Ebd. S. 575.

[23] Ebd. S. 577, 579. Haas: Die Turmgesellschaft, S. 58.

[24] Goethe: Hamburger Ausgabe, Band VIII, S. 518.

[25] Fischer: Die Turmgesellschaft, S. 48.

[26] Goethe: Wilhelm Meister, S. 623.

[27] Ebd. S. 626.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640713646
ISBN (Buch)
9783640713554
DOI
10.3239/9783640713646
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Deutsches Seminar
Erscheinungsdatum
2010 (September)
Note
1,0
Schlagworte
Goehte Geheimbund Wilhelm Meister Turmgesellschaft Romane der Aufklärung Illuminaten Freimaurer Bildung in der Aufklärung Bildung

Autor

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