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Ludwig Tiecks "Einsamkeit" als ein Gedicht der Romantik

Eine Interpretation

Seminararbeit 2009 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Romantik – Kurzüberblick

3. Formaler Aufbau
3.1 Perspektivenwechsel

4. Inhalt – Interpretation
4.1 Strophe 1: Der nicht Einsame
4.2 Strophe 2: Der Einsame
4.3 Strophe 3: Auswirkungen der Einsamkeit auf das Herz
4.4 Strophe 4: Was mit dem Einsamen geschieht
4.5 Strophe 5: Das Zugrundegehen der gefangenen Seele
4.6 Strophe 6: Der Tiefpunkt
4.7 Strophe 7: Was der Einsame verliert
4.8 Strophe 8: Das völlige versteinern der Gefühle
4.9 Strophe 9: Die Erlösung

5. Romantische Merkmale

6. Zusammenfassung

7. Bibliographie

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit soll das frühromantische Gedicht ‚ Einsamkeit‘ von Ludwig Tieck untersucht werden, welches erstmals 1802 im ‚ Musenalmanach‘ von Ludwig Tieck und August Wilhelm Schlegel herausgegeben wurde.

Bevor das Gedicht genauer untersucht wird, soll die Epoche der Romantik überblicksartig erläutert werden. Um danach das Gedicht zu betrachten, geht diese Arbeit zunächst auf das formal Offensichtliche des Gedichtes ein, dann wird der Inhalt der einzelnen Strophen untersucht und interpretiert, wobei auf unterstützende, formale Aspekte, sowie auf die Literaturepoche der Romantik eingegangen wird. Zum Abschluss werden die romantischen Merkmale des Gedichtes noch einmal genauer aufgeführt.

2. Die Romantik – Kurzüberblick

Die literarische Epoche der Romantik wird in die Zeit zwischen ca. 1798 und 1835 eingeordnet und in drei Perioden unterschieden: in die Frühromantik bzw. Jenaer Romantik, von ca. 1798 bis ca. 1804, in die Hochromantik bzw. Heidelberger Romantik, ca. 1805 bis 1814 und in die Spätromantik von ca. 1815 bis 1835.

Die Romantik legte Wert auf das Innere des Menschen und seine Gefühle. Daher wendete sie sich gegen den Rationalismus der Spätaufklärung und deren Vernunftbetontheit.

Romantiker wendeten sich dem Irrationalen, Unendlichen, Religiösen und Metaphysischen zu und steigerten das schöpferische Ich so weit, dass es diesem durch die Macht der Phantasie möglich war, die Realität in einer höheren Wirklichkeit aufgehen zu lassen. Allerdings ging es hier nicht um die Erschaffung einer illusionären Welt durch die Literatur, sondern vielmehr um eine Poetisierung des Lebens; Poesie nicht als einfache Dichtkunst aufgefasst, sondern als Bewusstseinserweiterung und zur Herstellung der Einheit von Mensch und Natur.[1]

Der Romantiker dachte universal. So gab es für ihn keine Trennung zwischen den einzelnen Literaturströmungen, ganz nach dem Motto:

Aber Poesie ist und bleibt zuerst Poesie, sie wird immer und überall dieselbe sein müssen, man mag sie nun classisch oder romantisch nennen.[2]

Auch trennte der Romantiker nicht zwischen verschiedenen Künsten bzw. Kunstgattungen; für ihn war alles eins. Dies ist beispielsweise daran erkennbar, dass Gedichte in Dramen, Romanen und Erzählungen eingebunden wurden[3], was vor dieser Epoche nicht vorgekommen war. Abgesehen davon schrieb ein Schriftsteller nicht nur Romane oder nur Dramen, er versuchte sich an allem, da man glaubte, dass

[…] alles nebeneinander bestehen könne und müsse, und daß nichts eine so engherzige Verleugnung der Kunst […] ist, als wenn man zu früh scharfe Linien und Grenzen zwischen den Gebieten der Kunst zieht.[4]

Ein anderes Merkmal der Romantik besteht in der Orientierung am Mittelalter. Das Mittelalter wurde, anders als in der Aufklärung, emporgehoben. Es galt als die harmonische, untergegangene und dennoch zeitlose Periode, in welcher die Menschen noch in Einheit mit der Natur gelebt haben. Ihr Verlust wurde bedauert und ihre Wiederkehr durch den Gebrauch der Poesie erhofft. Diese Verehrung der oft als ‚dunkel‘ bezeichneten Epoche, fußte jedoch erst in der Hochromantik auf historischen Belegen; vorher wurde mit dem glorreichen Zeitalter eher das idealisierte Bild der Ära gemeint, welches durch die Betrachtung mittelalterlicher Architektur und des Minnesangs entstand.

Ludwig Tieck gilt als Mitbegründer der Jenaer Frühromantik und war zu seinen Lebzeiten einer der bekanntesten Schriftsteller im deutschsprachigen Raum.

Das Gedicht ‚ Einsamkeit‘, auf welches nun genauer eingegangen wird, fällt in die frühromantische Ära.

3. Formaler Aufbau

Das Gedicht ‚ Einsamkeit‘ handelt, wie der Titel schon andeutet, von der Einsamkeit. Dabei nimmt es jedoch keinen Bezug auf ein bestimmtes Erlebnis, sondern setzt sich allein mit der Empfindung auseinander.

Formal besteht das Gedicht aus 9 Strophen, wobei die ersten 8 sich jeweils aus 8 Versen zusammensetzen, die 9. jedoch aus 9 Versen besteht. Die Verse sind regelmäßig im Schema abababcc gereimt, teilweise gibt es unreine Reime, wie z.B.: „betrüben“/„geblieben“ (134, V. 11/13)[5]. Auch findet man Schlag- bzw. Binnenreime, beispielsweise: „Die Augen saugen Fluthen aus der Stirne, / Und in den Thränen bluten alle Wunden“ (135, V. 68f).

Das Gedicht besteht aus fünfhebigen Jamben, die Kadenzen wechseln unterschiedlich, weisen aber dennoch eine gewisse Regel- und scheinbare Planmäßigkeit auf. So ist die Anordnung der Endungen in den ersten 5 Strophen die gleiche: Beginnend mit einer weiblichen Endung alternierend, die letzten beiden Verse gesondert wechselnd, entweder beide weiblich oder männlich endend – auch hier steht zu erst die weibliche Endungsmöglichkeit. Die Strophen 7 bis 9 beginnen jeweils mit 6 weiblich endenden Verszeilen, der 7. und 8. Vers, sowie auch der überzählige 9. Vers der 9. Strophe, besitzen männliche Kadenzen.

In Bezug auf die Kadenzen ragt die 6. Strophe heraus. Diese besitzt nur weibliche Endungen, was die schon allgemein trist-trübe Stimmung des Gedichtes verstärkt. Der Leser hat in dieser Strophe das Gefühl, einen gewissen Höhepunkt der Einsamkeit, Isolation und Melancholie zu erreichen.

Insgesamt kann man das Gedicht formal als typische Stanze identifizieren, wobei nur der überzählige Vers am Ende des Gedichtes vom Stereotyp abweichend ist. Die Interpretation dieses herausstehenden Merkmals folgt im weiteren Verlauf dieser Analyse.

3.1 Perspektivenwechsel

Die Stimmung der Einsamkeit wird in diesem Gedicht nicht nur erläutert, sondern auch übermittelt. Das geschieht formal, sowie inhaltlich. Eine große Rolle spielt beispielsweise der Wechsel des Sprechers. Es gibt zunächst ein neutral beobachtendes, in der 3. Person Singular schreibendes, lyrisches Ich („Der ist nicht einsam […]“ (133, V. 1)), dann einen Wechsel zum selbstfühlenden, in der 1. Person Singular sprechenden, lyrischen Ich („Dann bin ich […]“ (134, V. 25)). Durch den fast unbemerkten Wechsel der Erzählweise, wird der Leser schleichend in die Gefühlswelt und den Prozess der Isolation durch die Einsamkeit hineingezogen, nachdem er zunächst sachlich erklärt bekommen hat, worum es geht und was die Einsamkeit ist bzw. (noch) nicht ist. Zum Ende hin, mit der 9. Strophe, ändert sich die Perspektive erneut und der Leser wird entlassen: „Wenn dann die Seele […]“ (135, V. 65).

So lässt sich, betrachtet man alle Strophen zugleich, ein gewisses Schema erkennen. Man kann sagen, dass die ersten beiden Strophen sachlich die Kriterien der Einsamkeit erläutern, indem ein ‚Was-wäre-wenn-Szenario‘ aufgebaut wird: „Doch wenn […]. / […] / Dann muß […]“ (134, V. 9-11). Das lyrische Ich spricht in der 3. Person Singular über die Einsamkeit und hat etwas beinahe Belehrendes an sich.

Die 3. Strophe kann als Überleitung gesehen werden. Sie beschreibt zwar schon die Einsamkeit als Empfindung, wie es die folgenden Strophen tun, allerdings noch in einer distanzierenden Art. Das Gefühl der Einsamkeit ist hier zwar schon vorhanden, da „Rings Einsamkeit, und dunkle wüste Leere“ (134, V. 19) herrscht, doch scheint es, da die Erzählperspektive noch die 3. Person Singular bleibt, noch nicht bis ins Innere des lyrischen Ichs vorgedrungen zu sein.

Die distanzierte Emotionsbeschreibung wird in der 4. Strophe abgelöst von einem selbstständig empfindenden lyrischen Ich, das seine Gefühle aus der 1. Person Singular offenlegt: „Dann bin ich […]“ (134, V. 25). Diese Offenlegung der Gefühle eines Einsamen, die teilweise aus der Sicht der Seele, des Herzens, teilweise aus der des Menschen geschieht, endet nach der 8. Strophe. Die 9. Strophe, nun wieder ein aus der 3. Person Singular beschriebenes ‚Was-wäre-wenn-Szenario‘, erläutert die Rettung des Einsamen aus seiner Isolation.

Strophe 8 könnte als eine Art Überleitung zum Ende und der erneuten Distanz betrachtet werden. Sie lässt sich mit einem griechischen Mythos – auf welchen später genauer eingegangen wird – in Verbindung bringen und könnte somit als Austritt aus dem persönlichen Empfinden des lyrischen Ichs, hin zur Einsamkeitserfahrung einer anderen, mythischen Person, angesehen werden.
Unter formalen und klanglichen Gesichtspunkten, kann die 6. Strophe, wie schon erwähnt, wegen ihrer gleich bleibenden, weiblichen Endungen, als Tiefpunkt des lyrischen Ichs und die 9. Strophe, wegen ihrer Binnenreime und Formauflösung, als der Höhepunkt bzw. Hochpunkt betrachtet werden.

[...]


[1] Vgl. Axel Sanjosé: Literaturepoche Romantik. In: Die Literaturplattform, URL: http://www.xlibris.de/Epochen/Romantik, Datum des Zugriffs: 25.03.10.

[2] Ludwig Tieck: Unterhaltungen mit Tieck (1849-1853). In: ders.: Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mittheilungen, Bd. II, hg. v. Rudolf Köpke, Leipzig 1855, S. 237.

[3] Ein Beispiel wäre Ludwig Tiecks Kunstmärchen ‚ Der blonde Eckbert‘. Hier wird das Gedicht ‚ Waldeinsamkeit‘ in die Handlung mit eingebunden. Ein anderes Beispiel ist Tiecks Roman ‚ Franz Sternbalds Wanderungen‘, in welchem viele verschiedene Gedichte aufgeführt sind, wie z.B. das berühmte ‚ Mondscheinlied‘.

[4] Ludwig Tieck: Symphonien. In: Willhelm Heinrich Wackenroder: Sämtliche Schriften, hg. v. Karl Otto Conrady, Hamburg 1968, S. 192.

[5] Seiten- und Versangaben in Klammern zitiert nach: Ludwig Tieck: Einsamkeit. In: ders.: Schriften in zwölf Bänden, Bd. 7: Gedichte, hg. v. Ruprecht Wimmer, kritisch editierte u. kommentierte neue Ausg. Frankfurt/Main 1995, S. 133-135.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640755592
ISBN (Buch)
9783640755684
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158766
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Institut für Literaturwissenschaft/Mediävistik
Note
1,7
Schlagworte
Ludwig Tiecks Einsamkeit Gedicht Romantik Eine Interpretation

Autor

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