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Das Konfliktpotential der Religion

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 37 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Das Konfliktpotential der Religion

I Einleitung

II Religiöse Politik – Politische Religion?
2.1 Zum Begriff der Religion
2.2 Abschied von der Säkularisierung?
2.3 Ambivalenz des Sakralen
2.4 Beziehung von Religion und Politik

III Krieg im Namen Gottes - Ursachen „religiöser Konflikte“
3.1 Zum Begriff des Konflikts
3.2 Kampf der Kulturen oder Krieg der Religionen?
3.3 Endogenes Gewalt- und Konfliktpotential von Religion
3.4 Exogene Ursachen religiöser Konflikte

IV Kriegstreiber Religion: Das Beispiel Kaschmir
4.1 Die Historie des Konfliktes
4.2 Konfliktfaktor Religion

V Schlussbetrachtung

VI Anhang

VII Literaturverzeichnis

I Einleitung

Das von der deutschen Gesellschaft für Sprache erklärte Unwort 2001 lautete „Gotteskrieger“. Ein Wort zusammengesetzt zum einen aus einem religiösen Begriff, der den heiligen, vollkommenen Schöpfer der Menschheit bezeichnet und zum anderen aus einem profanen Begriff, der mit Gewalt, Blut und Zerstörung zusammenhängt. Es stellt sich einem die Frage, wie es dazu kommt, dass Gewalttaten zu Diensten Gottes oder auch im Namen Gottes verübt werden können. Mahatma Gandhi, Martin Luther King und der Dalai Lama erscheinen uns als religiöse Protagonisten, die für Frieden und Nächstenliebe stehen. Dennoch zeigt der Blick in die Geschichte immer wieder die blutigen Seiten religiös motivierter Konflikte. Nicht zuletzt haben es die Anschläge des 11. Septembers nochmals deutlich gemacht, dass Religion ein ernst zu nehmender Konfliktauslöser sein kann. Medien und Wissenschaft scheinen sich für das Gewaltpotential der Religion sehr zu interessieren und in vielen Publikationen dringt die Botschaft durch, dass Religionen an vielem Schuld sind und ein Gefahrenpotential in sich tragen, ohne das die Welt friedlicher sein würde (Weingardt 2007: 12).

Ich möchte mit dieser Arbeit dem Konflikt- und Gewaltpotential der Religion nachgehen. Es geht mir nicht darum, die Lehren und Dogmen der einzelnen Religionen inhaltlich auf ihre Aussagen hin zu untersuchen, ob sie eher zu Gewalt auffordern oder friedensstiftend wirken. Das alleine würde auch wenig Sinn machen, denn Religion ist mehr als eine Lehre, mehr als ein Schriftstück. Das, was Religion ausmacht, ist die religiös gelebte Praxis, die innerhalb derselben Religion erheblich variieren kann, genauso wie die Interpretation der religiösen Botschaften und die Traditionen. Ich werde auch nicht versuchen, empirisch zu bilanzieren, welche Religion wie oft in gewalttätigen Konflikten involviert war. Es geht mir stattdessen um eine soziologische Perspektive, mit der ich „Religion“ im Allgemeinen auf ihre Bedeutung für die Menschen hin betrachten möchte. Dabei sollen grundlegende Mechanismen, die zur Eskalation von Konflikten beitragen gefunden und erklärt werden.

Im ersten Kapitel möchte ich zunächst den Begriff der „Religion“ erläutern bevor ich anschließend die aktuelle Revitalisierung des Religiösen im Gegenzug zum Paradigma der Säkularisierung diskutiere. Dass Religion und ihr Einfluss auf Gesellschaften oder gesellschaftliche Gruppierungen mit der Zeit völlig verschwinden wird, hat sich nicht bewiesen. Die öffentliche Aufmerksamkeit auf „kriegerische Religionen“ geht mit der Aufmerksamkeit auf radikale religiöse Gruppen einher, die nicht weniger werden, sondern in den letzten Jahrzehnten immer häufiger in Erscheinung treten. Darauf folgt die Auseinandersetzung mit der Ambivalenz des Religiösen, wobei die friedensstiftende als auch die konfliktfördernde Erscheinung der Religion deutlich wird. Um die Rolle der Religion in globalen Konflikten verstehen zu können, muss man ihre Verbindung zum Politischen betrachten. Das Religiöse ist an und für sich immer schon in dem Sinne politische, indem es Handlungs- und Ordnungsregeln impliziert und andersherum werden politische Interesse oft mit religiösen Motiven belegt. Das Kernstück dieser Arbeit folgt mit dem dritten Hauptkapitel, indem ich zuerst auf den Begriff des Konfliktes eingehen werde und danach Huntington´s Thesen eines „Clash of Civilisations“ diskutieren möchte. Religion gilt hier als eine maßgebliche Größe bei der kulturellen Identität und damit wird ihr eine konfliktverursachende Wirkung zugeschrieben. In den folgenden Unterkapiteln werde ich Faktoren analysieren, die zum Gewalt- und Konfliktpotential der Religion beitragen, wobei sich dieses Potential v.a. dann entwickelt, wenn politische und religiöse Motive vermengt werden. Deshalb werde ich in Anlehnung an Hildebrandt (2007) endogene Faktoren und exogene Faktoren getrennt voneinander beleuchten, da Religion häufig von Machteliten instrumentalisiert wird und es erst so zu Gewalttaten zu „heiligen Zwecken“ kommt. Es zeigt sich, dass Religion weniger als Brandstifter, sondern eher als Brandbeschleuniger wirkt. Im vierten Hauptkapitel möchte ich die Rolle der Religion am Beispiel des Kaschmirkonfliktes untersuchen, bei dem sich auch eine konfliktverhärtende Wirkung aufzeigen lässt. Die Arbeit schließt mit einem kurzen Resümee ab.

II Religiöse Politik – Politische Religion?

2.1 Zum Begriff der Religion

Bevor ich dem Konfliktpotential der Religion nachgehe, erscheint es sinnvoll, den Begriff der Religion zunächst zu definieren. Allerdings ist dieses Vorhaben nicht unproblematisch. „Kaum ein Problem ist in den Wissenschaften von der Religion heftiger und zugleich ergebnisloser diskutiert worden als die Frage nach einer adäquaten Definition von Religion“ (Kehrer 1988: 13). Keine antike Kultur besaß ein Wort für „Religion“ als Allgemeinbegriff. Und auch in außereuropäischen Gesellschaften der jüngeren Geschichte wird man dessen nicht fündig[1] (Wunder 2005: 22). Während die Römer mit „religio“ nur die eigene Religion bezeichneten, wurde der Terminus „Religion“ erst im Zeitalter der Aufklärung zu einem Begriff des religiösen Zusammenhanges. Diese Entwicklung ging vor dem Hintergrund der konfessionellen Kriege und der Suche nach einer universellen Religion vonstatten (ebd.). Der Begriff „Religion“ ist also ein Begriff, der der europäischen Kultur entsprang.

Zwei bedeutende Probleme einer Definition von Religion werden von Ulrich Beck genannt: Erstens darf der Begriff der Religion nicht so eng gefasst werden, dass er sich nur auf die großen historisch gewachsenen Religionen bezieht, sondern auch auf die unterschiedlichen neuen „Spiritualitäts- und Religionsbewegungen“ (innerhalb und außerhalb der traditionellen Religionen) abzielt. Und zweitens muss der Differenziertheit der Religionen Rechnung getragen werden. Ähnlichkeiten und Differenzen sollen ins Licht gerückt werden können, wobei Religionen nicht als etwas Statisches betrachtet werden dürfen, da sie sich selbst in unterschiedlichen Zeiträumen verändern (Beck 2008: 69). Dabei wird schnell klar, dass sich die Begrifflichkeit nicht nur auf monotheistische „Weltreligionen“ beschränken kann, sondern sensibel gegenüber Veränderungen und neu entstandenen religiösen Gruppierungen sein muss. Ein Konsens über eine allgemein gültige Definition scheint unauffindbar zu sein; gerade bei den Geltungsansprüchen gibt es klare Differenzen zwischen Sozialwissenschaftlern und Theologen. Während es in der Theologie beim Religionsbegriffe mehr um die Inhalte der Religion geht, richtet sich die Aufmerksamkeit der Soziologen mehr auf die soziale Wirksamkeit (Wunder: 16).

Für die Analyse des Konfliktpotentials der Religion soll es hier nicht um die Erscheinung des objektiven Heiligen gehen, wie es in der Religionsphänomenologie der Fall ist, sondern um die kulturelle Praxisform. Auf dieser Grundlage kann man den Religionsbegriff präziser verfolgen. In der wissenschaftlichen Literatur kommt es zur Unterscheidung zwischen substanzieller und funktionaler Definition der Religion. Funktionale Definitionen werden meist an Emil Durkheim angelehnt, der die Welt in einen profanen und einen heiligen Bereich zweiteilte. Religion benennt dabei ein System von Glaubensvorstellungen, das der normativen Integration von Gesellschaft dient (Münch 2002: 88). Man orientiert sich an Funktionszusammenhängen, wie z.B. der Kontingenzbearbeitung, von Religion (Schäfer 2008: 5). Häufig wird die funktionalistische Sichtweise mit substantiellen Elementen verknüpft, so dass z.B. die Rolle der Religion auch im Behandeln von Problemen und Sinnfragen liegt und die Problemlösung in spezifischer Weise anbietet. Auch Niklas Luhmann vertritt diese Sichtweise indem er das Spezifikum der Problemlösung der Religion in der Nutzung des Codes Immanenz vs. Transzendenz ausmacht (Krause 2005 161). Es lassen sich bei funktionalen Definitionen zwar einzelne Bezüge zur Transzendenz finden, so stehen diese beim substantiellen Begriff weitaus stärker im Mittelpunkt.

[...]


[1] Es sei denn, diese Gesellschaften haben den europäischen Religionsbegriff schon übernommen.

Details

Seiten
37
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640724253
ISBN (Buch)
9783640724468
Dateigröße
731 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158975
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Schlagworte
Konfliktsoziologie Konflikt Religionssoziologie
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Titel: Das Konfliktpotential der Religion